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Ausstellungen, Kultur

Hype-hype-hype! Peter Lindberghs Erzählungen

von Dietmar Spengler

Linda Evangelista, Kate Moss, Eva Herzigova, Naomi Campell, Cindy Crawford, Tatjana Patiz, Claudia Schiffer und wie sie alle heißen, die Evastöchter mit den Barbie-Gesichtern sind die Lieblinge des Herzbuben unter den Fotografen. Der Womanizer (to womanize = hinter den Frauen her sein), der es versteht die Schönen des Erdkreises vor seine Linse zu locken, ihm wird post mortem der Lorbeer des Künstlers verliehen, ein veritables Epitaph errichtet.

Mit der Ausstellung „Peter Lindbergh: Untold Stories“, setzt der Kunstpalast Düsseldorf seine Popularitäts-Kampagne zur Entmusealisierung fort. Es werden ca. 140 Fotografien aus den 80er Jahren bis in die Gegenwart gezeigt. Eine „Best of-Show“. „So etwas wie ein Vermächtnis“, sei die Schau, verlautet der Direktor Felix Krämer. Ein letzter Wille, ein Nachlass, oder was? Es sei ein Kampf um Leben und Tod gewesen, referiert der Redner. Lindbergh hatte an seiner von ihm selbst konzipierten Werkschau bis unmittelbar vor seinem plötzlichen Ableben gearbeitet. Die Stadt der Reichen ist die erste Station ihrer Reise durch Deutschland und Italien (Hamburg, Darmstadt, Neapel…).

Einige Worte dazu: In Düsseldorf stehen die Verehrer der Beautys Schlange. Die Ikonen der Charis präsentiert der Daddy der Supermodels im Großformat. Wer ist die Schönste im ganzen Land? Den Apfel des Peter-Paris bekam unsere junge Claudia Schiffer, die den Reigen der berühmten Mädchen eröffnet hat, fotografiert 1997 in Santa Monica. Selbstverständlich darf in der Präsentation der Akt nicht fehlen, für den Karen Elson sich auszog. Mit Fotos vom Hinterhof der Universal Studios in Hollywood, dem New Yorker Großstadttrubel und den Straßenlampen in der Ödnis Nevadas kokettiert der Fotograf mit den amerikanischen und französischen Fotopionieren; auch mit seinen in jüngerer Zeit versuchten Charakterstudien hat er gegen Irving Penn und Philippe Halsman keine Chance. Als Vorlage mit modischem Einschlag hat auch Kollege Newton gedient. Mit Sozialreportage oder Krisendokumentation hatte Lindbergh nichts am Hut. Der zaghafte Versuch, etwas Realität ins Bild zu bringen, gerät zur Farce. Locations in Stadtzentren, Industrieanlagen, Häfen und Hinterhöfen machen noch lange keinen Realismus. Drei maskulin maskierte Hübschen in der alten Turbinenhalle von Rheinhausen verstellen allenfalls den Ernst Dorothea Langes bzw. Walker Evans. Die vier Frauen am überladenen Tisch, mit Händen tafelnd, trinkend, rauchend, poveres Milieu suggerierend, entlarven sich als schöngesichtige Models in fremdelnder Umgebung. Lindbergh beherrscht die Technik, fotogene Menschen schlecht aussehen zu lassen, aus dem FF. Im Übrigen bleiben schöne Frauen mit Sommersprossen, Unebenheiten und Fältchen auch in Schwarz-Weiß schön.

Lindberghs Oeuvre wird im Dreierpack vorgeführt. Am Anfang wie am Ende erschlagen einen die megagroßen Wallpaper-Fotocollagen. In den folgenden Räumlichkeiten werden in chronologischer Folge Fotografien paarweise oder in Gruppen präsentiert. Portraits, Landschaften, Straßen – Momentaufnahmen oder filmreif in Szene gesetzt, fast nur in Schwarz-Weiß. Die meisten Fotos sind Auftragsarbeiten renommierter Zeitschriften, andere während der Shootings entstanden oder auch im privaten Umfeld, alles akribisch inszeniert. Im Finale wird‘s dann doch noch ernst: In dem 30-Minuten-Video „Testament“ sieht man den in Florida wegen Mordes zum Tode verurteilten Elmer Carroll ins Gesicht, porennah. Ein Hammer! Farbfotografien dokumentieren messerscharf mit elementarer Wucht das ‚Warum‘, fast autobiographisch. Ein Quentchen der „Art von Verantwortung“, die Lindbergh auch dem Modefotografen zuspricht.

Zur Ausstellungseröffnung im Februar waren 800 Gäste geladen. Lindbergh wurde als ernstzunehmender Künstler präsentiert, damit kein Zweifel an der Zweckentfremdung des Museums aufkommt. Viel Prominenz aus Wirtschaft und Mode war gekommen. Wim Wenders durfte nicht fehlen. Lemonpie hat das Event kulinarisch begleitet. Felix Krämer erging sich mit „häm“ und „ähm“ in der Eröffnungsansprache über seine Erfahrungen mit Fotografie am heimischen Küchentisch; „da war Peter Lindbergh auch immer da“ so der Redner. Eine Petitesse am Rande: Den Ausstellungstitel teilt sich Lindbergh mit zweifelhaften Gestalten. Tippt man in Erwartung kritischer Reaktion „Kritik an „Untold Stories“ ins Google-Suchfeld, dann kommt nicht etwa Lindberghs Damen-Show, sondern Anthony Wong, Oberfiesling des asiatischen Kinos oder ein Textaventure mit Horror-Mystery Abenteuer für Hardcore Fans von Retro-Spielen ins Blickfeld des Kritikers.

Der Hype um Peter Brodbeck alias Peter Lindbergh nervt. Google zählt über 11 Millionen Einträge unter diesem Namen. ZEIT, FAZ, SZ, WA, RP, Spiegel, Focus, FR, TAZ, Junge Welt, ergehen sich in Jubelarien, sogar linksorientierte Blätter geben ihm die Ehre. Und die Audio- und TV-Medien-Kamarilla überschlägt sich mit Kotaus vor dem „größten Modefotografen seiner Zeit“. Mit „Deutschland, deine Künstler – Peter Lindbergh“ setzt die Deutsche Welle Extra-Marken. Der ‚Stern‘ möchte „weinen vor der Schönheit“, die er in die Welt gesetzt hat und ‚RTL‘ trauert zum Tod des Bildermachers: „Die Welt hat heute eine Legende verloren“. Zuletzt Starparade vor St. Sulpice: ‚Campell im schwarzen Mantelcape, am Boden zerstört, mit Bodyguards Modellegende Kate Moss im kleinen Schwarzen mit Chanel-Täschchen, um dem Model-Vater adieu zu sagen, Ex-First-Lady Carla Bruni Sarkozy steht sichtlich unter Trauer, Salma Hayek und ihr Ehemann, 26 Milliarden Euro schwer. Alle sind sie gekommen zum letzten Cut-walk in der Stadt der Liebe‘, so der RTL-Berichterstatter. Der arme Mann, hat sowas nicht verdient!

Seit knapp zwei Jahrzehnten hyped dieser Name durch die Kulturarena. Große Museen schlagen sich um die Shows in Schwarz-Weiß. Das Londoner Victoria & Albert Museum, das Metropolitan Museum of Art, das Moskauer Puschkin-Museum zelebrierten seine Heroinen. 2017 gingen seine Bilder auf Welttour. ‚And the Show must go on‘! Dafür sorgt auch das Lindberghsche Mysterium. Im Bildband von Taschen nähert sich der Fotograf tastend seinem Tun, das ihm selbst „in Teilen ein Geheimnis“ geblieben sei, heißt es dort. Der Mann weiß Bescheid, wie man seine Schäfchen ins Trockene bringt, hat seine Lektion gelernt! Dann rollt der Rubel und die schöne Linda freut sich: „Für weniger als zehntausend Dollar am Tag stehen wir gar nicht erst auf“. Das war noch in den 90er Jahren!

Unter dem Label „innere Schönheit“ verkaufte Peter seine Stars. Porsche und Pirelli dürfen sich damit schmücken. Neben den Supermodels auch Film- und Musikgrößen, wie die Deneuve und die Moreau, die Rampling und die Blanchett, auch mal ein Maskulinum dazwischen, Jagger und Malkovich. Selbst den Hochadel hat er angemacht. Herzogin Meghan zusammen mit dem Meister, „inniglich“. Mit der Klimaaktivistin Thunberg und der Premierministerin Ardern vom fünften Kontinent, gar mit der Transsexuellen Laverne Cox, gerät er dann doch ins Abseits. Was er hier an Falten und Fältchen auf die Platte bannte, nannte er „innere Schönheit“.

Wie simmelierte schon Wilhelm Busch: „Wer wird vor allem hochgeschätzt? / Der Farbenkünstler! Und mit Grund! / Er macht uns diese Welt so bunt.“ Peter Lindbergh jedenfalls hat nur in Schwarz und Weiß gepinselt.

 

 

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