ie Proteste die sich praktisch überall im Westen gegen Rassismus in den Vereinigten Staaten abspielen, verschleiern die Entwicklung des dortigen Konflikts. Dieser hat sich von der Infragestellung der Überreste der schwarzen Sklaverei zu einem völlig anderen Konflikt entwickelt, der die Unversehrtheit des Landes in Frage stellen könnte.

Letzte Woche habe ich daran erinnert, dass sich die Vereinigten Staaten nach dem Zerfall der Sowjetunion, auf die ihre Politik fokussiert war, hätten auflösen müssen. Doch George W. Bushs imperialistisches Projekt (der „Endlose Krieg“) trug dazu bei, das Land nach den Anschlägen des 11. September 2001 wiederzubeleben. Ich wies auch darauf hin, dass sich die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten sehr verändert hat, um sich gemäß kultureller Affinitäten neu zu gruppieren [1]. Interrassische Ehen wurden immer seltener. Ich kam zu dem Schluss, dass die Integrität des Landes bedroht wäre, wenn andere Minderheiten als die Schwarzen an den Protesten teilnähmen [2].

Genau das erleben wir heute. Der Konflikt stellt Schwarze und Weiße nicht mehr einander gegenüber, da die Weißen in manchen antirassistischen Demonstrationen die Mehrheit geworden sind, die Lateinamerikaner und Asiaten sich den Demonstrationszügen angeschlossen haben und die Demokratische Partei jetzt daran beteiligt ist.

Seit Bill Clintons Amtszeit hat sich die Demokratische Partei mit dem Prozess der Finanzglobalisierung identifiziert; eine Stellung, die die Republikanische Partei zögerlich unterstützte, ohne sich ihr jemals vollständig anzuschließen. Donald Trump stellt einen dritten Weg vor: den des „amerikanischen Traums“, also des Unternehmertums, das gegen das Finanzwesen ist. Er wurde gewählt, als er America First! erklärte, was sich nicht, wie behauptet, auf die pro-nazistische Isolationsbewegung der 1930er Jahre bezog, sondern auf die Verlagerung von Arbeitsplätzen, wie man es später feststellen sollte. Er wurde sicherlich von der Republikanischen Partei unterstützt, bleibt aber ein „Jacksonianer“ und überhaupt nicht ein „Konservativer“.

Wie der Historiker Kevin Phillips, Wahlberater von Richard Nixon, zeigte, hat die angelsächsische Kultur zu drei aufeinanderfolgenden Bürgerkriegen geführt. [3] :
- dem ersten englischen Bürgerkrieg, bekannt als die „Große Rebellion“ (von Lord Cromwell gegen Charles I. 1642-1651);
- dem Zweiten Englischen Bürgerkrieg oder „Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten“ (1775-1783);
- und zu dem dritten angelsächsischen Bürgerkrieg oder „Sezessionskrieg“ in den Vereinigten Staaten (1861-1865).

Was wir heute erleben, könnte zum vierten führen. Das scheint der ehemalige Verteidigungsminister Jim Mattis zu denken, der gerade in The Atlantic erklärte, dass er sich über Präsident Trumps spaltende und nicht vereinigende Politik Sorgen macht.

Lassen Sie uns auf die Geschichte der Vereinigten Staaten zurückkommen, um die Lager in der Gegenwart zu verorten. Der populistische Präsident Andrew Jackson (1829-1837) legte sein Veto gegen die von Alexander Hamilton geschaffene Federal Bank (Fed) ein, einem der Väter der Verfassung, der für den Föderalismus war, weil er ein absoluter Gegner der Demokratie war. Genau wie Jacksons Schüler, Donald Trump, heute gegen die Fed ist.

Zwanzig Jahre nach Jackson kam der „Sezessionskrieg“, auf den sich die heutigen Demonstranten alle beziehen. Ihnen zufolge trat ein sklavenbesitzender Süden gegen einen humanistischen Norden an. Die Bewegung, die mit einem rassistischen Ereignis begann (die Lynchjustiz des schwarzen George Flyod durch einen weißen Minneapolis-Polizisten) setzt sich heute mit der Zerstörung von Statuen von südlichen Generälen, einschließlich Robert Lee, fort. Solche Aktionen hatten bereits 2017 stattgefunden [4], aber dieses Mal wachsen sie an und Gouverneure der Demokratischen Partei nehmen daran teil.

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Der demokratische Gouverneur von Virginia, Ralph Northam, kündigte auf Bitten weißer Demonstranten die Entfernung einer berühmten Statue von General Lee an. Es geht nicht mehr darum, Rassismus zu bekämpfen, sondern die Symbole der Einheit des Landes zu zerstören.

Dieses Narrativ entspricht jedoch überhaupt nicht der Realität: Zu Beginn des Sezessionskrieges besaßen beide Lager Sklaven, und am Ende waren beide Seiten gegen die Sklaverei. Das Ende der Sklaverei verdankte nichts den Abolitionisten und war für beiden Seiten vollkommen von der Notwendigkeit bestimmt, neue Soldaten anzuwerben.

Der Sezessionskrieg stellte einen landwirtschaftlichen, katholischen und wohlhabenden Süden einem industriellen, protestantischen Norden gegenüber, der danach strebte reich zu werden. Er kristallisierte sich heraus in Bezug auf die Frage der Zollrechte, die nach Meinung der Südländer durch die Bundesländer festgelegt werden sollten, die aber nach Ansicht der Nordländer zwischen den Bundesländern abgeschafft und von der Bundesregierung bestimmt werden sollten.

Daher greifen die derzeitigen Demonstranten durch die Zerstörung der Symbole der Südstaaten nicht die Reste der Sklaverei an, sondern prangern die Vorstellung der Südstaaten von der Union an. Es ist besonders unfair, General Lee anzugreifen, der dem Sezessionskrieg ein Ende setzte, indem er sich weigerte, ihn durch einen Guerillakrieg von den Bergen aus weiter zu führen und die nationale Einheit vorzog. Auf jeden Fall ebnen diese Degradierungen tatsächlich den Weg in einen vierten angelsächsischen Bürgerkrieg.

Heute entsprechen die Begriffe von Süd und Nord nicht mehr den geographischen Realitäten: Es wäre eher Dallas gegen New York und Los Angeles.

Es ist nicht möglich, die Aspekte der Geschichte eines Landes, die man für gut angesehen hat, auszusuchen und jene zu zerstören, die man für schlecht hält, ohne alles in Frage zu stellen, was man auf diesem Ganzen aufgebaut hat.

Unter Bezugnahme auf Richard Nixons Wahlslogan von1968, „Recht und Ordnung“ (Law and Order), versucht Präsident Donald Trump nicht rassistischen Hass zu predigen, wie viele Kommentatoren es behaupten, sondern kehrt zu den Gedanken des Autors dieses Slogans, Kevin Philipps (oben zitiert) zurück. Er will immer Andrew Jacksons Ideen gegen das Finanzwesen triumphieren lassen, indem er sich auf die Kultur des Südens stützt und nicht den Zerfall seines Landes fördert.

Präsident Donald Trump befindet sich in der Situation, die Michail Gorbatschow Ende der 1980er Jahre erlebte: Die Wirtschaft seines Landes – nicht das Finanzwesen – ist seit Jahrzehnten stark rückläufig, aber seine Mitbürger weigern sich, die Konsequenzen anzuerkennen [5]. Die Vereinigten Staaten können nur überleben, wenn sie sich neue Ziele setzen. Aber eine solche Änderung ist in Rezessionszeiten besonders schwierig.

Paradoxerweise klammert sich Donald Trump an den „amerikanischen Traum“ (d.h. die Möglichkeit, reich zu werden), obwohl die US-amerikanische Gesellschaft blockiert ist, die Mittelschichten im Verschwinden begriffen sind und neue Einwanderer keine Europäer mehr sind. Nur seine Gegner (Fed, Wall Street und Silicon Valley) schlagen im selben Moment ein neues Modell vor, allerdings auf Kosten der Massen.

Das Problem der UdSSR war ein anderes, aber die Situation war die gleiche. Gorbatschow scheiterte und die Union wurde aufgelöst. Es wäre überraschend, wenn der nächste US-Präsident, wer er auch immer sein wird, dabei Erfolg hätte.

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

[1American Nations. A history of the 11 rival regional cultures of North America, Colin Woodard, Viking (2011).

[2] „USA: Rassenunruhen und die separatistische Versuchung“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 8. Juni 2020.

[3The Cousins’ Wars, Kevin Philipps, Basic Books, 1999.

[4] „Was die US-Wahlen über den inneren Konflikt sagen“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Korrekturlesen : Werner Leuthäusser, Voltaire Netzwerk, 13. November 2018.

[5] „Trump, der US-amerikanische Gorbatschow“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Korrekturlesen : Werner Leuthäusser, Voltaire Netzwerk, 30. Januar 2018.