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Ausland, Naher Osten

Risse im Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und den USA

von Thomas Röper – https://www.anti-spiegel.ru

Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass es im Verhältnis zwischen den USA und Saudi-Arabien tiefe Risse gibt. Allerdings muss man sehr genau lesen, um diese zu erkennen.

In diesen Tagen hat die Opec-Plus weitere Reduzierungen der Ölförderung beschlossen. Die kurzen Artikel zu dem Thema sind im medialen Lärm um Corona und die Unruhen in den USA fast untergegangen. Und wenn man die Berichte der Medien liest, waren sie auch nicht allzu spannend: Wegen des Rückgangs der Nachfrage nach Öl infolge der Corona-Krise und der weltweit vollen Öllager wollen die erdölfördernden Länder die Förderung weiterhin niedrig halten, um den Ölpreis zu stabilisieren.

So weit so richtig und so weit so unspektakulär.

Interessant wird es, wenn man die Nebensätze liest. Im Spiegel konnte man im letzten Absatz eines Artikels zu dem Thema zum Beispiel folgendes lesen:

„Marktbeobachter hatten eine Einigung der Opec erwartet. Allerdings will das Kartell die Preise auch nicht zu sehr hochtreiben. Das könnte die US-Konkurrenz wieder stärker ins Spiel bringen, die bei Preisen jenseits der 40 Dollar für ein Barrel wieder kostendeckend produzieren könnte.“

Der Ölpreiskrieg

Was der Spiegel hier nebenbei im letzten Satz meldet, ist fast eine Sensation.

Erinnern Sie sich? Noch vor kurzem war in den Medien von einem „Ölpreiskrieg“ zwischen Russland und Saudi-Arabien die Rede. Ich habe schon Anfang April die These aufgestellt, dass es kein Ölpreis-Krieg zwischen Russland und Saudi-Arabien war, sondern ein Ölpreis-Krieg der Saudis (und Russen?) gegen die USA. Ich will hier nicht alles wiederholen, meine Argumentation finden Sie hier.

Es war Saudi-Arabien, dass Anfang März den Einbruch der Ölpreise ausgelöst hat. Dabei hat Saudi-Arabien bei dem Ölpreiskrieg am meisten zu verlieren und trägt das größte Risiko. Der Grund ist einfach: Russland kalkuliert seinen Staatshaushalt mit einem durchschnittlichen Ölpreis von etwas über 40 Dollar. Russland freut sich zwar nicht über Preise von unter 40 Dollar, aber solange der Preis im Jahresdurchschnitt über 40 Dollar liegt, ist die Welt für Russland weitgehend in Ordnung.

Die USA sind der größte Erdölproduzent der Welt geworden, was ihnen nur deshalb gelungen ist, weil sie im großen Stil auf das teure und umweltschädliche Fracking setzen. Die US-Ölindustrie braucht einen Ölpreis von über 50 Dollar, sonst macht sie Verluste.

Die Saudis kalkulieren ihren Staatshaushalt hingegen mit einem Preis von über 80 Dollar und in den letzten Monaten konnte man sehen, dass Saudi-Arabien wegen der niedrigen Ölpreise massive finanzielle Probleme bekommen hat und im großen Stil seine Reserven einsetzen muss, um seine laufenden Kosten zu decken.

Wie man sieht, hat Saudi-Arabien also die größten Probleme mit den niedrigen Preisen. Trotzdem können wir im Spiegel lesen, dass die Opec-Plus (in der Saudi-Arabien großes Gewicht hat) die Preise nicht über 40 Dollar steigen lassen will, um zu verhindern, dass die US-Ölindustrie kostendeckend fördern kann.

Der Ölpreis-Krieg scheint also keineswegs vorbei zu sein, er ist nur aus den Schlagzeilen verschwunden.

Die wahrscheinliche Erklärung für das riskante Spiel der Saudis ist, dass es um den Kampf um Marktanteile und letztlich auch um Macht geht. Die US-Ölindustrie ist hoch verschuldet und die Fracking-Ölquellen versiegen recht schnell, weshalb ständig für viel Geld neue Quellen erschlossen werden müssen. Wenn eine hochverschuldete Industrie nicht kostendeckend arbeitet, ist eine Pleitewelle zu erwarten. Oder die Konkurrenz kauft sie vorher auf. Und das scheint die Hoffnung der Saudis zu sein.

Als der Ölpreis hoch war, haben die US-Firmen ihre Marktanteile auf Kosten der Opec-Länder und vor allem auf Kosten von Saudi-Arabien erhöht. Saudi-Arabien ist vom US-Markt praktisch verdrängt worden und die Saudis scheinen die Hoffnung zu haben, diesen Markt zurückerobern zu können. Und wenn die USA ihr Öl wieder bei den Saudis kaufen müssen, bedeutet das automatisch einen Machtzuwachs der Saudis in den USA.

Das könnte man noch als normale Vorgänge zwischen wirtschaftlichen Konkurrenten abtun und nicht von einem Riss im Verhältnis zwischen den USA und Saudi-Arabien sprechen. Aber es gibt noch weitere Hinweise.

9/11

RT-Deutsch hat im Mai berichtet, dass das FBI bei der Freigabe von Dokumenten „irrtümlich vergessen“ hat, einen Namen zu schwärzen. In den USA läuft ein erbitterter Streit um 28 Seiten des Untersuchungsberichtes zu 9/11, die immer noch geheim sind. Aus dem Gesamtzusammenhang kann man erkennen, dass es auf diesen 28 Seiten um Verbindungen Saudi-Arabiens zu den Attentätern von 9/11 gehen muss. Das haben auch US-Abgeordnete bestätigt.

Nun wurde „irrtümlich“ der Name eines saudischen Diplomaten bekannt, der mit 9/11 in Verbindung steht und an der saudischen Botschaft in Washington gearbeitet hat.

Ob das Zufall ist? Oder ob es eher eine Art Warnung an die Saudis gewesen ist, es nicht zu übertreiben mit den anti-amerikanischen Maßnahmen?

Drohnenmord in Bagdad

Erinnern Sie sich noch an den Drohnenangriff der USA zum Jahreswechsel in Bagdad? Die USA haben dabei den iranischen General Soleimani ermordet und es wäre fast zu einem neuen Krieg am Golf gekommen.

Der iranische General war in diplomatischer Mission unterwegs. Es ging um Kontakte zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, die bekanntlich Erzfeinde sind. Anscheinend auf Betreiben Putins, der gute Beziehungen zu beiden Ländern hat, ist es zu einem geheimen Austausch zwischen den Erzfeinden gekommen und Soleimani hatte eine iranische Antwort auf einen Brief aus Saudi-Arabien dabei, der über Bagdad an die Saudis gehen sollte

Putins Ziel ist es, am Golf stabile Verhältnisse herzustellen, dazu muss der Streit zwischen Saudi-Arabien und dem Iran beigelegt werden. Die USA wollen das Gegenteil, denn nur solange der Golf ein Pulverfass ist, haben sie einen Vorwand für ihre Truppenpräsenz. Wenn dort plötzlich alle in Frieden leben, würden die Araber schnell den Abzug der „Ungläubigen“ aus dem heiligen Land fordern, deren Anwesenheit ihnen ja nur damit begründet wird, die USA würden die Saudis vor Feinden beschützen. Aber wenn es keine Feinde mehr gäbe…?

Die USA würden also ihre Macht im arabischen Raum verlieren, daher haben sie die Gespräche zwischen Saudi-Arabien und dem Iran mit dem Drohnenmord gestört. Ich habe all das mit allen Quellen hier im Detail aufgezeigt.

Man kann davon ausgehen, dass eine so offensichtliche Sabotage von Geheimgesprächen in Saudi-Arabien keine Begeisterung ausgelöst haben dürfte.

Ich könnte noch weitere Beispiele anführen, die die Entfremdung zwischen den Saudis und den USA belegen, zum Beispiel die (wenn auch nicht umgesetzten) Sanktionsdrohungen der USA gegen Saudi-Arabien wegen des Mordes an Khashoggi.

Es lohnt sich in jedem Fall, Meldungen über das Verhältnis zwischen den USA und Saudi-Arabien aufmerksam zu verfolgen, denn auch wenn sie auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, können sie sich doch als Puzzleteile entpuppen, die ein wenig Licht in das tatsächliche Verhältnis zwischen den USA und den Saudis bringen.

Risse im Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und den USA

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Risse im Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und den USA

  1. Das ist alles schön und richtig, aber es gibt dabei noch einen interessanten Punkt: den Petrodollar. Bekanntlich hat die USA (genauer gesagt Präsident Nixon) 1971 die Goldbindung und damit letztlich auch das Bretton-Woods-System gestoppt. Das war dann quasi der Startschuss für den Petrodollar, der seitdem dafür sorgen sollte, dass dass der Dollar und seine Stabilität an den Rohstoff Erdöl statt an den Rohstoff Gold gebunden ist. Das funktioniert nur, wenn der Erdölhandel weitgehend per Dollar erfolgt. Garant dafür war immer Saudi-Arabien mit seiner engen (angeblich auch vertraglichen) Bindung an die USA. Und natürlich das US-Militär, das diverse Kriege gegen Petrodollar-Verweigerer wie Hussein/Irak und Gaddafi/Libyen führte. Die immensen Ausgaben des Pentagons sind nur durch die Petrodollar-Stabilisierung möglich und die Fortsetzung des Petrodollar-Systems kann nur durch das US-Militär erzwungen werden. So war es zumindest bisher.

    Offenbar hat Trump aber wenig Interesse an (oder wenig Verständnis für) das Petrodollar-System. Das zeigte sich ja bereits an den Auswirkungen seiner Wirtschaftskriege, die einen beträchtlichen Teil des globalen Ölhandels (allen voran den zwischen Russland und China) aus dem Dollar hinaus drängte. Das ist einerseits eine gute Nachricht (weil die Gefahr von Öl-Kriegen damit geringer wird), birgt aber andererseits die Gefahr eines Zusammenbruchs des Dollars, denn ein handfestes Zerwürfnis zwischen den USA und den Saudis könnte das Kartenhaus des Petrodollars zum Einsturz bringen. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, aber das hätte natürlich enorme weltweite Auswirkungen. Wenn die Schockwellen dann auch noch mit denen der Coronakrise zusammen träfen…

    Liken

    Verfasst von Fx | 10. Juni 2020, 14:50

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