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Ausstellungen, Kultur

Picasso: „Ich habe nicht den Krieg gemalt“ – Ästhetik des Widerstands?

von Dietmar Spengler

Mit „Guernica“ fängt alles an. Es war auch dieses Bild, das zum Mythos des Malers beigetragen hat und den Grundton zahlloser Picasso-Romane und Biographien vorgibt. Interpretiert wird das für der Pariser Weltausstellung (1937) gefertigte Wandbild traditionell als Antwort auf die Bombardierung der baskischen Stadt durch Stukas der Legion Condor während des spanischen Bürgerkriegs. Picassos Freunde Paul Éluard und Christian Zervos münzten, so eine aktuelle Studie (J.M. Merz 2017) diesen Titel auf das Bild, als es bereits fertiggestellt war, um es politisch „links“ zu vereinnahmen (vgl. Perlentaucher 16.05.20). Picasso, der damit die Bürgerkriegs-Greul anprangern wollte, sicher auch die Massaker der Franco-Faschisten im Auge hatte, war es recht (als Auftraggeber des Werks fungierte die Republik!). Dieses überzeitlich aktuelle Schlüsselwerk mit seinen ausgeprägten mythologischen und pathetischen Figuren, mit seinen anthropomorphen Deformierungen und Verstümmelungen lieferte dem Maler das Instrumentarium für die nachfolgenden Werke.

Die Bilderfolge im Düsseldorfer K20 beginnt mit einem Paukenschlag. Die drei abgezogene Schafschädel in blutig rot und dunkelbraun, am 10. Juli 1939 im Pariser Atelier von Pablo Picassos gemalt, also einige Wochen vor dem Einmarsch der Hitlertruppen in Frankreich, werden als „Ausdruck einer Kriegsahnung“ (FAZ) interpretiert. Die Wucht mit der die zähnebleckenden Schädel aus dem Madrider „Reina Sofia“ den Betrachter attackieren, verstört. Ein Aufmacher zum Weggucken! Daran ändert auch die kubistische Anmutung nichts. In der Düsseldorfer Ausstellung über Picassos Werk zwischen 1939 und 1945 ist auch der blutrote Schafsschädel, den Picasso drei Monate danach malte, ausgestellt. Seit der Wiedereröffnung (5. Mai), sind diese und noch weitere gruselige Varianten von Schädeltrophäen dort ‚anzuschaue(r)n‘. In den Kriegsjahren scheinen Schädel, ob vom Menschen oder Tier, ein Lieblingssujet des spanischen Künstlers gewesen zu sein. Eindrücklich mahnt das nachtschwarze „Stillleben mit Stierschädel“ aus dem Düsseldorfer Bestand und ein bronzener „Totenschädel“ von 1943 an die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Selbst der Lauchstengeln mit Krug ist mit einem Schädelfragment dekoriert (1945). Spätestens seit „Guernica“ sind Picassos Werke voller mythologisch verrätselter Zitate, verstörender Szenik und kafkaesker Elemente.

Die Ausstellung versucht, Picassos künstlerischen Weg unter dem Einfluss des Krieges nachzuzeichnen. Gezeigt werden ca. 70 Gemälde, Skizzen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen im grauen Ambiente; beschwören die düsteren Jahre im besetzten Paris. Die ausgestellten Exponate stammen unter anderem aus den Sammlungen des Musée de Grenoble und dem Musée national Picasso in Paris. Insgesamt entstehen zwischen 1937 und 1945 rund 2200 Gemälde, dazu Zeichnungen und Plastiken.

In diesen Jahren malt Picasso, wie in früheren Zeiten, Menschen, Akte, Porträts, vor allem Frauen, seine damalige Geliebte Dora Maar. Die „Frau im Lehnstuhl“ (1941) wird neben zwei weiteren Frauenporträts im Katalog als „hieratische Gestalt der Kriegszeit“ gedeutet. Und der zähnefletschende Kopf „Frau in Grau und Weiß“ als „Essenz der Todesahnung“ aufgefasst. Am kubistischen „Großer liegender Akt“ (1942) kann allenfalls die dunkle Palette mit jener Zeit in Verbindung gebracht werden. Das neben „Guernica“ signifikanteste Anti-Kriegs-Werk Picassos „Das Leichenhaus“ (1944-46) aus der Sammlung des Museum of Modern Art, New York, mit seinen sterbenden Menschen-Knäuel, ist leider nur in einer Dokumentarkopie zu sehen. Widerstand und Protest sucht man mit wenigen Ausnahmen in Picassos ‚Kriegswerk‘ vergebens.

Viele der ausgestellten Genre-Bilder, Interieurs und Stillleben lassen sich nur schwer von den Vor- und Nachkriegssujets abgrenzen, entbehren eindeutiger ikonografischer Merkmale. Die skurrilen Gemälde „Junge mit Languste“ (1941) und „Kind mit Tauben“ (1943) etwa oder das Stillleben „Krug, Kerze und Kasserolle“ (1945). Wen wundert es, wenn der Künstler freimütig bekennt, dass er den Krieg nicht gemalt habe. Dass er Kriegsgegner war hat die Pariser Ausstellung „Picasso et la Guerre“ im Pariser Musée de l’Armée (2019) überzeugend demonstriert. Schließlich stammt auch die „Friedenstaube“ (1949) der französischen Kommunistische Partei von ihm. Schon 1937 rechnet er mit dem Caudillo ab. Die 18 Grafiktafeln „Sueño y mentira de Franco“ (Traum und Lüge Francos) karikieren das Putsch-Generälchen mit Schwert und Standarte auf seinen geschundenen Reittieren: Pferd, Riesenphallus, Schwein und endlich von einem Stier aufgeschlitzt.

Während Freunde und Bekannte Picassos Hals über Kopf vor den Nazis fliehen, sein Galerist Daniel-Henry Kahnweiler verlässt schon 1940 Paris, dessen Kollegen/Innen Pierre Loeb und Berthe Weill werden die Picasso-Bilder abgepresst, beharrt der Andalusier auf Bleiberecht: „Es wäre eine Niederlage für mich gewesen, die Stadt zu verlassen und diese wollte er sich nicht eingestehen“, zitiert die Kuratorin den Maler. Und die Nazis, die zwar Ausstellungen seiner Werke verboten, für die er aber Devisenbringer war, rühren ihn nicht an!

Picassos Stellung zu den Besatzern ist ungeklärt. Sein Haus und Atelier stehen unter dem Schutz der Franco-Botschaft. Auch der deutsche ‚Staatskünstler‘ Arnold Brecker hält die Hand über ihn. Seine Bilder hat er in der Banque nationale pour le commerce et l’industrie (BNCI) deponiert. Vom Hauptmann und Briefzensor Ernst Jünger lässt er sich bewundern, (Deutschlandfunk) Offiziere und Soldaten der Wehrmacht besuchen ihn im Atelier, bekommen als „Souvenir“ eine „Guernica“-Reproduktion. Damit soll er „so etwas wie einen passiven Widerstand geleistet“ (S. Gaensheimer) haben. Der Résistance hat er sich nicht angeschlossen. Das immer wieder kolportierte Testimonium des Widerständigen „Guernica habt ihr gemacht“ dürfte der Image-Pflege des Salon-Kommunisten (seit Oktober 1944 Mitglied der PCF) geschuldet gewesen sein.

Mit dem Ende der Besatzung endet auch die Ausstellung. Picasso arriviert zum „Symbol der Befreiung“. Ein Schwarz-Weiß-Foto des berühmten Kriegsfotografen Robert Capa (September 1944) zeigt amerikanische Soldaten, die das Pariser Atelier des Künstlers besuchen und die Variationen des Stilllebens mit Krug, Glas bestaunen.

Ein lohnender Ausstellungsbesuch, nicht nur für Picasso-Fans. Der gründlich bearbeitete und reich bebilderte Katalog, ist tragbar, gut lesbar und trotz schwerer Thematik unterhaltsam in dunklen Zeiten.

Pablo Picasso. Kriegsjahre 1939 bis 1945. K20, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. 15.2.-14.6. Katalog 39 Euro.

 

 

 

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