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Geschichte, Kultur

Die Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von Wladimir I. Leninhttps://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0

Dies ist der zweite Teil einer Artikelserie über die Pariser Kommune. 

III. Die Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871. Die Analyse von Marx (Staat und Revolution)

1. Worin bestand der Heroismus des Versuchs der Kommunarden?

Bekanntlich warnte Marx einige Monate vor der Kommune, im Herbst 1870, die Pariser Arbeiter und wies nach, dass der Versuch, die Regierung zu stürzen, eine verzweifelte Torheit wäre. Als aber im März 1871 den Arbeitern der entscheidende Kampf aufgezwungen wurde und sie ihn annahmen, als der Aufstand zur Tatsache wurde, begrüßte Marx mit der größten Begeisterung die proletarische Revolution, trotz der schlimmen Vorzeichen. Marx versteifte sich nicht auf eine pedantische Verurteilung der „unzeitgemäßen“ Bewegung, wie der zu trauriger Berühmtheit gelangte russische Renegat des Marxismus Plechanow, der im November 1905 im Geiste einer Aufmunterung zum Kampfe der Arbeiter und Bauern schrieb und nach dem Dezember 1905 nach liberalem Muster zeterte: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen.“1

Marx begnügte sich jedoch nicht damit, sich an dem Heroismus der, wie er sich ausdrückte, „himmelstürmenden“ Kommunarden zu begeistern. Er erblickte in der revolutionären Massenbewegung, obgleich sie ihr Ziel nicht erreichte, einen historischen Versuch von ungeheurer Tragweite, einen gewissen Schritt der proletarischen Weltrevolution nach vorwärts, einen praktischen Schritt, der wichtiger war als Hunderte von Programmen und Betrachtungen. Diesen Versuch zu analysieren, aus ihm Lehren für die Taktik zu gewinnen, auf Grund dieses Versuchs seine Theorie zu überprüfen – das waren die Aufgaben, die sich Marx stellte.

Die einzige „Korrektur“, die Marx am „Kommunistischen Manifest“ vorzunehmen für notwendig erachtete, machte er auf Grund der revolutionären Erfahrungen der Pariser Kommunarden.

Das letzte von beiden Verfassern unterzeichnete Vorwort zur neuen deutschen Auflage des „Kommunistischen Manifestes“ ist vom 24. Juni 1872 datiert. In diesem Vorwort erklären die Verfasser, Karl Marx und Friedrich Engels, dass das Programm des Kommunistischen Manifestes „heute … stellenweise veraltet“ sei.

Namentlich – fahren sie fort  hat die Kommune den Beweis geliefert, dass ,die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann‘.“

Die in einfache Anführungszeichen gesetzten Worte dieses Zitats haben die Verfasser der Marxschen Schrift „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ entnommen.

Somit maßen Marx und Engels der Haupt- und Grundlehre der Pariser Kommune eine so ungeheure Bedeutung bei, dass sie sie als wesentliche Korrektur dem „Kommunistischen Manifest“ einfügten.

Es ist überaus bezeichnend, dass gerade diese wesentliche Korrektur von den Opportunisten entstellt worden ist und dass ihr eigentlicher Sinn sicherlich neun von zehn, wenn nicht gar neunundneunzig von hundert Lesern des „Kommunistischen Manifestes“ unbekannt ist. Ausführlicher kommen wir auf diese Entstellung weiter unten in dem Kapitel zu sprechen, das sich speziell mit den Entstellungen befasst. Vorläufig mag es genügen, festzustellen, dass die landläufige, vulgäre „Auffassung“ des von uns zitierten berühmten Ausspruchs von Marx darin besteht, dass Marx hier die Idee der allmählichen Entwicklung im Gegensatz zur Eroberung der Macht unterstreiche und dergleichen mehr.

In Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt. Der Marxsche Gedanke besteht darin, dass die Arbeiterklasse „die fertige Staatsmaschinerie“ zerschlagen, zerbrechen muss und sich nicht einfach auf ihre Besitzergreifung zu beschränken hat.

Am 12. April 1871, d. h. gerade während der Kommune, schrieb Marx an Kugelmann:

Wenn Du das letzte Kapitel meines .Achtzehnten Brumaire‘ nachsiehst, wirst Du finden, dass ich als nächsten Versuch der französischen Revolution ausspreche, nicht wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer Hand in die andere zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen“ (von Marx gesperrt), „und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent. Dies ist auch der Versuch unserer heroischen Pariser Parteigenossen.“ (S. 709 der „Neuen Zeit“, Bd. XX, 1, Jahrgang 1901/02.)

Die Briefe von Marx an Kugelmann sind in russischer Sprache in nicht weniger als zwei Ausgaben erschienen, eine davon unter meiner Redaktion und mit einem Vorwort von mir.2

In diesen Worten: „die bürokratisch-militärische Maschinerie … zu zerbrechen“, ist, kurz ausgedrückt, die Hauptlehre des Marxismus über die Aufgaben des Proletariats in der Revolution gegenüber dem Staat enthalten. Und gerade diese Lehre ist nicht nur völlig vergessen, sondern von der herrschenden Kautskyschen „Auslegung“ des Marxismus direkt entstellt worden!

Was den Hinweis von Marx auf den „Achtzehnten Brumaire“ anbelangt, so haben wir die betreffende Stelle weiter oben vollständig zitiert.

Es ist interessant, besonders zwei Stellen aus den angeführten Darlegungen von Marx hervorzuheben. Erstens beschränkt er seine Schlussfolgerung auf den Kontinent. Das war 1871 verständlich, als England noch das Muster eines rein kapitalistischen Landes, aber ohne Militarismus und in hohem Maße ohne Bürokratie war. Marx schloss daher England aus, wo eine Revolution und selbst eine Volksrevolution ohne die vorherige Zerstörung der „fertigen Staatsmaschinerie“ damals möglich schien und war.

Jetzt, im Jahre 1917, im Zeitalter des ersten großen imperialistischen Krieges, fällt diese Einschränkung von Marx fort, und England wie Amerika, die größten und letzten Vertreter angelsächsischer „Freiheit“ in der Welt, nämlich im Sinne des Nichtvorhandenseins von Militarismus und Bürokratismus, sind vollständig in den allgemeinen europäischen schmutzigen, blutigen Sumpf der bürokratisch-militärischen Institutionen hinab geglitten, die sich alles unterordnen, alles erdrücken. Jetzt bildet auch für England und Amerika die Zerbrechung, die Zerstörung der „fertigen Staatsmaschinerie“ (die dort in den Jahren 1914-1917 die europäische, dem Imperialismus gemeinsame Vollkommenheit erreicht hat) die „Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution“.

Zweitens verdient besondere Beachtung die außerordentlich tiefe Bemerkung von Marx, dass die Zerstörung der bürokratisch-militärischen Staatsmaschinerie „die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution“ bilde. Dieser Begriff der „Volks“-Revolution erscheint seltsam im Munde eines Marx, und die russischen Plechanowisten und Menschewisten, diese Nachfolger Struves, die als Marxisten gelten möchten, könnten am Ende diesen Ausdruck von Marx als „falschen Zungenschlag“ hinstellen. Sie haben aus dem Marxismus ein so armselig-liberales Zerrbild gemacht, dass für sie außer der Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer Revolution nichts anderes existiert, und selbst diese Gegenüberstellung wird von ihnen unglaublich starr aufgefasst.

Nimmt man beispielsweise die Revolutionen des 20. Jahrhunderts, so wird man natürlich auch die portugiesische und die türkische Revolution als bürgerliche anerkennen müssen. Aber weder die eine noch die andere war eine „Volks“-Revolution, denn die Volksmasse, die ungeheure Mehrheit des Volkes, ist weder in der einen noch in der anderen Revolution irgendwie merklich aktiv, selbständig, mit eigenen wirtschaftlichen und politischen Forderungen hervorgetreten. Dagegen war die russische bürgerliche Revolution von 1905 bis 1907, obgleich ihr so „glänzende“ Erfolge versagt blieben, wie sie zeitweilig der portugiesischen und türkischen Revolution beschieden waren, zweifellos eine „wirkliche Volksrevolution“, denn die Masse des Volkes, die Mehrheit, die geknechteten und ausgebeuteten untersten Gesellschaftsschichten erhoben sich selbständig, drückten dem ganzen Verlauf der Revolution das Gepräge ihrer Forderungen auf, ihrer Versuche, auf eigene Art eine neue Gesellschaft an Stelle der zu zerstörenden alten aufzubauen.

Im Europa vom Jahre 1871 bildete auf dem Kontinent das Proletariat in keinem Lande die Mehrheit des Volkes. Eine „Volks“-Revolution, die tatsächlich die Mehrheit des Volkes in die Bewegung hineinreißt, konnte nur dann eine solche sein, wenn sie Proletariat und Bauernschaft umfasste. Diese beiden Klassen bildeten eben damals das „Volk“. Beide Klassen haben das gemein, dass die „bürokratisch-militärische Staatsmaschinerie“ sie knechtet, bedrückt, ausbeutet. Diese Maschinerie zu zerschlagen, sie zu zerbrechen – darin besteht das wirkliche Interesse des „Volkes“, seiner Mehrheit, der Arbeiter und der Mehrzahl der Bauern, das ist die „Vorbedingung“ für ein freies Bündnis der ärmsten Bauern mit den Proletariern, da ohne ein solches Bündnis die Demokratie nicht von Dauer und eine sozialistische Umgestaltung unmöglich ist.

Zu einem solchen Bündnis bahnte sich bekanntlich auch die Pariser Kommune den Weg, erreichte aber infolge einer Reihe von inneren und äußeren Gründen ihr Ziel nicht.

Folglich hat Marx, als er von einer „wirklichen Volksrevolution“ sprach, ohne die Eigentümlichkeiten des Kleinbürgertums im geringsten zu vergessen (er sprach viel und oft von ihnen), das tatsächliche Kräfteverhältnis der Klassen in den meisten kontinentalen Staaten Europas im Jahre 1871 ganz genau berücksichtigt. Anderseits aber konstatierte er, dass die „Zerschlagung“ der Staatsmaschinerie im Interesse sowohl der Arbeiter wie der Bauern notwendig ist, sie einigt, sie vor die gemeinsame Aufgabe stellt, den „Parasiten“ zu beseitigen und ihn durch etwas Neues zu ersetzen.

Und zwar wodurch?

2. Wodurch soll die zerschlagene Staatsmaschinerie ersetzt werden?

Auf diese Frage gab Marx 1847 im „Kommunistischen Manifest“ noch eine völlig abstrakte Antwort, richtiger: eine Antwort, die die Aufgaben, aber nicht die Methoden zu ihrer Lösung zeigte. Sie zu ersetzen durch die „Organisation des Proletariats als herrschende Klasse“, durch die „Erkämpfung der Demokratie“ – das war die Antwort des „Kommunistischen Manifestes“.

Ohne sich auf Utopien einzulassen, erwartete Marx von der Erfahrung der Massenbewegung eine Antwort auf die Frage, welche konkreten Formen diese Organisation des Proletariats als herrschende Klasse annehmen wird, in welcher Weise diese Organisation sich mit der möglichst vollständigen und folgerichtigen „Erkämpfung der Demokratie“ wird verbinden lassen.

Die Erfahrungen der Kommune, so gering sie auch waren, unterzieht Marx in seinem „Bürgerkrieg in Frankreich“ der genauesten Analyse. Wir führen hier die wichtigsten Stellen aus dieser Schrift an:

Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die aus dem Mittelalter stammende

zentralisierte Staatsmacht, mit ihren allgegenwärtigen Organen – stehende Armee, Polizei, Bürokratie, Geistlichkeit, Richterstand“.

Mit der Entwicklung des Klassengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit

erhielt die Staatsmacht mehr und mehr den Charakter einer öffentlichen Gewalt zur Unterdrückung der Arbeiterklasse, einer Maschine der Klassenherrschaft. Nach jeder Revolution, die einen Fortschritt des Klassenkampfes bezeichnet, tritt der rein unterdrückende Charakter der Staatsmacht offener und offener hervor.“

Die Staatsmacht wird nach der Revolution von 1848 bis 1849 „das nationale Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit“. Das zweite Kaisertum festigt dieses.

Der gerade Gegensatz des Kaisertums war die Kommune.“ „Die Kommune war die bestimmte Form“ „einer Republik, die nicht nur die monarchische Form der Klassenherrschaft beseitigen sollte, sondern die Klassenherrschaft selbst … „

Worin bestand nun diese „bestimmte“ Form der proletarischen, sozialistischen Republik? Wie war der Staat beschaffen, dessen Gestaltung sie in Angriff nahm?

„ … Das erste Dekret der Kommune war daher die Unterdrückung des stehenden Heeres und seine Ersetzung durch das bewaffnete Volk … „

Diese Forderung steht heute in den Programmen aller Parteien, die sozialistisch heißen wollen. Aber den Wert ihrer Programme erkennt man am besten aus dem Verhalten unserer Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die gerade nach der Revolution vom 27. Februar auf die Verwirklichung dieser Forderung in der Tat verzichtet haben!

„ … Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand selbstredend aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der Arbeiterklasse … „

Die Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung, wurde sofort aller ihrer politischen Eigenschaften entkleidet und in das verantwortliche und jederzeit absetzbare Werkzeug der Kommune verwandelt. Ebenso die Beamten aller anderen Verwaltungszweige. Von den Mitgliedern der Kommune an abwärts, musste der öffentliche Dienst für Arbeiterlohn besorgt werden. Die erworbenen Anrechte und die Repräsentationsgelder der hohen Staatswürdenträger verschwanden mit diesen Würdenträgern selbst … Das stehende Heer und die Polizei, die Werkzeuge der materiellen Macht der alten Regierung, einmal beseitigt, ging die Kommune sofort darauf aus, das geistliche Unterdrückungswerkzeug, die Pfaffenmacht, zu brechen … Die richterlichen Beamten verloren jene scheinbare Unabhängigkeit … sie sollten fernerhin gewählt, verantwortlich und absetzbar sein.“

Die zerschlagene Staatsmaschinerie wurde also von der Kommune scheinbar „nur“ durch eine vollständige Demokratie ersetzt:

Beseitigung des stehenden Heeres, vollkommene Wählbarkeit und Absetzbarkeit aller Amtspersonen. In Wirklichkeit jedoch bedeutet dieses „nur“ die gigantische Ersetzung der einen Institutionen durch Institutionen von prinzipiell anderer Art. Hier ist gerade einer der Fälle vom „Umschlagen der Quantität in Qualität“ wahrzunehmen: die mit solcher denkbar größten Vollständigkeit und Folgerichtigkeit durchgeführte Demokratie verwandelt sich aus der bürgerlichen Demokratie in die proletarische, aus dem Staat (= einer besonderen Gewalt zur Unterdrückung einer bestimmten Klasse) in etwas, was schon kein eigentlicher Staat mehr ist.

Es ist immer noch notwendig, die Bourgeoisie und ihren Widerstand zu unterdrücken. Für die Kommune war das ganz besonders notwendig, und einer der Gründe ihrer Niederlage ist, dass sie dies nicht entschlossen genug getan hat. Aber das unterdrückende Organ ist hier bereits die Mehrheit und nicht, wie dies bisher immer, ob unter der Sklaverei, der Leibeigenschaft oder der Lohnsklaverei, der Fall war, die Minderheit der Bevölkerung. Wenn aber die Mehrheit des Volkes selbst ihre eigenen Bedrücker unterdrückt, so ist eine besondere Repressionsgewalt schon nicht mehr nötig. In diesem Sinne beginnt der Staat abzusterben. An Stelle besonderer Institutionen einer bevorzugten Minderheit (privilegiertes Beamtentum, Kommandostab des stehenden Heeres) kann das die Mehrheit selbst unmittelbar besorgen, und je größeren Anteil das gesamte Volk an der Ausübung der Funktionen der Staatsmacht hat, um so weniger benötigt es die Macht.

Besonders bemerkenswert ist in dieser Beziehung die von Marx hervorgehobene Maßnahme der Kommune: die Beseitigung der Repräsentationsgelder jeder Art, aller finanziellen Privilegien der Beamten, die Reduzierung des Gehalts aller Staatsfunktionäre auf das Niveau des Arbeiterlohnes. Hier gerade kommt am klarsten der Umschwung zum Ausdruck – von der bürgerlichen Demokratie zur proletarischen, von der Demokratie der unterdrückenden zur Demokratie der unterdrückten Klassen, vom Staat als „besonderer Repressionsgewalt“ für die Unterdrückung einer bestimmten Klasse zur Niederhaltung der Unterdrücker durch die allgemeine Gewalt der Mehrheit des Volkes, der Arbeiter und Bauern. Und gerade in diesem besonders anschaulichen – was den Staat betrifft, wohl wichtigsten – Punkt hat man die Marxschen Lehren vollkommen vergessen! In den populären Kommentaren, deren Zahl Legion ist, wird hierüber nicht gesprochen. Es ist „üblich“, darüber zu schweigen, als handelte es sich um eine überlebte „Naivität“, ungefähr so, wie die Christen, nachdem das Christentum zur Staatsreligion erhoben worden war, die „Naivität“ des Urchristentums mit seinem demokratisch-revolutionären Geiste „vergaßen“.

Die Herabsetzung der Gehälter der höheren Staatsbeamten erscheint „einfach“ als Forderung eines naiven, primitiven Demokratismus. Einer der „Begründer“ des neuesten Opportunismus, der frühere Sozialdemokrat Ed. Bernstein, hat mehr als einmal die trivialen bürgerlichen Spötteleien über den „primitiven“ Demokratismus nachgeplappert.3 Wie alle Opportunisten, und auch die jetzigen Kautskyaner, hat er absolut nicht begriffen, dass erstens der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne eine gewisse „Rückkehr“ zu „primitivem“ Demokratismus unmöglich ist (wie soll denn sonst der Übergang zur Ausübung der staatlichen Funktionen durch die Mehrheit der Bevölkerung, ja durch die ganze Bevölkerung ohne Ausnahme erfolgen?), und zweitens, dass „primitiver Demokratismus“ auf der Basis des Kapitalismus und der kapitalistischen Kultur nicht das gleiche ist wie der primitive Demokratismus der Urzeit oder der vorkapitalistischen Zeit. Die kapitalistische Kultur hat Großbetriebe, Fabriken, Eisenbahnen, Post, Fernsprecher usw. geschaffen, und auf dieser Basis ist die Mehrzahl der Funktionen der alten „Staatsmacht“ so vereinfacht worden und kann auf so einfache Operationen, wie Registrierung, Buchung, Kontrolle, zurückgeführt werden, dass diese Funktionen alle Leute, die des Lesens und Schreibens kundig sind, auszuüben imstande sein werden, so dass man sie für gewöhnlichen „Arbeiterlohn“ wird leisten, ihnen den Nimbus von etwas Privilegiertem, von etwas „Vorgesetztem“, wird nehmen können (und müssen).

Die völlige Wählbarkeit und Absetzbarkeit aller beamteten Personen ohne Ausnahme zu jeder beliebigen Zeit, die Reduzierung ihrer Gehälter auf den gewöhnlichen „Arbeiterlohn“, diese einfachen und „selbstverständlichen“ demokratischen Maßnahmen verbinden durchaus die Interessen der Arbeiterschaft mit denen der Mehrheit der Bauern und dienen gleichzeitig als Brücke, die vom Kapitalismus zum Sozialismus führt. Diese Maßnahmen betreffen den staatlichen, rein politischen Umbau der Gesellschaft, ihren eigentlichen Sinn und ihre Bedeutung erhalten sie aber selbstverständlich erst im Zusammenhang mit der in Verwirklichung oder Vorbereitung begriffenen „Expropriation der Expropriateure“, d. h. mit dem Übergang des kapitalistischen Privateigentums an den Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum.

Die Kommune“ – schrieb Marx – „machte das Stichwort aller Bourgeois-Revolutionen – wohlfeile Regierung – zur Wahrheit, indem sie die beiden größten Ausgabequellen, die Armee und das Beamtentum, aufhob.“

Aus der Bauernschaft wie aus den anderen Schichten des Kleinbürgertums gelangt nur eine geringfügige Minderheit „nach oben“, „bringt es zu etwas“ im bürgerlichen Sinne, d. h. wird entweder zu wohlhabenden Menschen, zu Bourgeois, oder zu wohlbestallten, privilegierten Beamten. Die überwältigende Mehrheit der Bauern wird in jedem kapitalistischen Lande, in dem es überhaupt Bauern gibt (was in der Mehrzahl der kapitalistischen Länder der Fall ist), von der Regierung unterdrückt, sehnt deren Sturz, sehnt eine „wohlfeile“ Regierung herbei. Verwirklichen kann das nur das Proletariat, und indem es das verwirklicht, macht es zugleich einen Schritt zur sozialistischen Umgestaltung des Staates.

3. Aufhebung des Parlamentarismus

Die Kommune“ – schrieb Marx – „sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit …

Statt einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll, sollte das allgemeine Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volke dienen, wie das individuelle Stimmrecht jedem anderen Arbeitgeber dazu dient, Arbeiter, Aufseher und Buchhalter in seinem Geschäft auszusuchen.“

Diese bemerkenswerte Kritik des Parlamentarismus aus dem Jahre 1871 gehört jetzt auch, infolge des herrschenden Sozialchauvinismus und Opportunismus, zu den „vergessenen Worten“ des Marxismus. Die Minister und Berufsparlamentarier, die Verräter am Proletariat und „Geschäfts“-Sozialisten unserer Tage überließen die Kritik des Parlamentarismus vollständig den Anarchisten und verschrien aus diesem erstaunlich klugen Grunde jede Kritik des Parlamentarismus als „Anarchismus“!! Es ist durchaus nicht verwunderlich, dass das Proletariat der „vorgeschrittenen“ parlamentarischen Länder beim Anblick solcher „Sozialisten“, wie die Scheidemann, David, Legien, Sembat, Renaudel, Henderson, Vandervelde, Stauning, Branting, Bissolati und Co., aus Ekel seine Sympathien immer öfter dem Anarchosyndikalismus zuwandte, trotzdem dieser der leibliche Bruder des Opportunismus ist.

Doch für Marx war die revolutionäre Dialektik nie jenes leere Modewörtchen, jene Kinderklappe4, zu der sie Plechanow, Kautsky usw. gemacht haben. Marx verstand es, dem Anarchismus schonungslos zu Leibe zu gehen, weil dieser es nicht vermochte, sogar den „Stall“ des bürgerlichen Parlamentarismus auszunutzen, besonders wenn offensichtlich keine revolutionäre Situation vorhanden ist; gleichzeitig verstand er es aber auch, eine wahrhaft revolutionär-proletarische Kritik des Parlamentarismus zu liefern.

Einmal in mehreren Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll – das ist das wirkliche Wesen des bürgerlichen Parlamentarismus, nicht nur in den parlamentarisch-konstitutionellen Monarchien, sondern auch in den allerdemokratischsten Republiken.

Stellt man aber die Frage des Staates, betrachtet man den Parlamentarismus, als eine der Institutionen des Staates, vom Standpunkt der Aufgaben des Proletariats auf diesem Gebiet – wo gibt es da einen Ausweg aus dem Parlamentarismus? Wie soll man ohne ihn auskommen?

Immer wieder muss man sagen: die auf dem Studium der Kommune begründeten Marxschen Lehren sind so gründlich vergessen worden, dass dem modernen „Sozialdemokraten“ (lies: dem modernen Verräter des Sozialismus) eine andere Kritik des Parlamentarismus als eine anarchistische oder reaktionäre einfach unverständlich erscheint.

Der Ausweg aus dem Parlamentarismus liegt natürlich nicht in der Aufhebung der Vertretungskörperschaften und der Wählbarkeit, sondern in der Umwandlung der Vertretungskörperschaften aus Schwatzbuden in „arbeitende“ Körperschaften. „Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit.“

Nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft“ – das ist ein Schuss, der die modernen Parlamentarier und die parlamentarischen „Schoßhündchen“ der Sozialdemokratie mitten ins Herz trifft! Man sehe sich irgendein parlamentarisch regiertes Land, von Amerika bis zur Schweiz, von Frankreich bis England, Norwegen usw. an: die eigentliche „Staats“-Arbeit wird hinter den Kulissen von den Departements, Kanzleien, Stäben verrichtet. In den Parlamenten wird nur geschwatzt, und zwar mit dem besonderen Zweck, das „gemeine Volk“ zu betölpeln. Das ist so sehr wahr, dass selbst in der russischen bürgerlich-demokratischen Republik sich sofort, noch ehe sie Zeit fand, ein richtiges Parlament zu schaffen, alle diese Sünden des Parlamentarismus geltend machten. Solche Helden des modrigen Spießbürgertums, wie die Skobelew und Zeretelli, Tschernow und Awksentjew, haben es zuwege gebracht, selbst die Räte nach dem Vorbild des schäbigsten bürgerlichen Parlamentarismus zu versauen und sie in bloße Schwatzbuden zu verwandeln. In den Räten führen die Herren „sozialistischen“ Minister die vertrauensseligen Bäuerlein durch Phrasen und Resolutionen hinters Licht. In der Regierung wird ein ewiger Tanz aufgeführt, einerseits, um der Reihe nach möglichst viele Sozialrevolutionäre und Menschewiki „an die Krippe“ gutbezahlter und ehrenvoller Posten zu setzen, und anderseits, um die Aufmerksamkeit des Volkes zu beschäftigen. In den Kanzleien, den Stäben wird inzwischen „staatliche“ Arbeit „geleistet“!

Djelo Naroda“, das Organ der regierenden Partei der „Sozialrevolutionäre“, gestand kürzlich in einem redaktionellen Leitartikel – mit der unnachahmlichen Offenherzigkeit von Leuten aus der „guten Gesellschaft“, in der sich „alle“ mit politischer Prostitution befassen –, dass selbst in den (mit Verlaub zu sagen) von „Sozialisten“ geleiteten Ministerien, selbst in diesen der gesamte Beamtenapparat im Wesentlichen der alte bleibt, in alter Weise funktioniert und die revolutionäre Initiative ganz „frei“ sabotiert!5 Und selbst wenn dieses Geständnis nicht vorläge, ist denn die tatsächliche Geschichte der Beteiligung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki an der Regierung nicht Beweis genug? Bezeichnend ist nur, dass die mit den Kadetten in Ministergemeinschaft befindlichen Tschernow, Russanow, Sensinow und sonstigen Redakteure des „Djelo Naroda“ jede Scham verloren haben und sich, als handelte es sich um eine Bagatelle, nicht scheuen, öffentlich zu erzählen, ohne schamrot zu werden, dass „bei ihnen“ in den Ministerien alles beim Alten ist!! Die revolutionär-demokratische Phrase zur Betörung der einfältigen Bauern und die bürokratisch-kanzleimäßige Verschleppung aller Angelegenheiten zur „Zufriedenstellung“ der Kapitalisten – da habt ihr das Wesen der „ehrlichen“ Koalition.

Den korrupten und verfaulten Parlamentarismus der bürgerlichen Gesellschaft ersetzt die Kommune durch Körperschaften, in denen die Freiheit des Urteils und der Beratung nicht zum Betrug ausartet, denn die Parlamentarier müssen selbst arbeiten, selbst ihre Gesetze ausführen, selbst kontrollieren, was bei der Durchführung herauskommt, selbst unmittelbar vor ihren Wählern die Verantwortung tragen. Die Vertretungskörperschaften bleiben, aber der Parlamentarismus als besonderes System, als Trennung von gesetzgebender und vollziehender Tätigkeit, als Vorzugsstellung für Abgeordnete, besteht hier nicht. Ohne Vertretungskörperschaften können wir uns eine Demokratie nicht vorstellen, auch die proletarische Demokratie nicht, ohne Parlamentarismus können und müssen wir sie uns vorstellen, soll die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft für uns nicht eine hohle Redensart sein, soll das Bestreben zum Sturz der Herrschaft der Bourgeoisie aufrichtig und ernst gemeint und nicht eine „Wahl“-Phrase sein, um Arbeiterstimmen zu fangen, wie es bei den Menschewiki und Sozialrevolutionären, den Scheidemann und Legien, den Sembat und Vandervelde der Fall ist.

Es ist äußerst lehrreich, dass Marx, wo er auf die Funktionen jener Beamtenschaft zu sprechen kommt, die auch die Kommune und die proletarische Demokratie braucht, zum Vergleich die Angestellten eines „jeden anderen Arbeitgebers“ heranzieht, d. h. eines gewöhnlichen kapitalistischen Unternehmens mit „Arbeitern, Aufsehern und Buchhaltern“.

Bei Marx findet man auch nicht die Spur von Utopismus in dem Sinne, dass er die „neue“ Gesellschaft erfindet, sie sich zusammenphantasiert Nein, er studiert die Geburt der neuen Gesellschaft aus der alten wie einen naturgeschichtlichen Prozess, studiert die Übergangsformen von der zweiten zur ersten. Er hält sich an die tatsächliche Erfahrung der proletarischen Massenbewegung und ist bemüht, aus ihr praktische Lehren zu ziehen. Er „lernt“ von der Kommune, wie alle großen revolutionären Denker sich nicht scheuten, aus den Erfahrungen der großen Bewegungen der unterdrückten Klassen zu lernen, ohne ihnen jemals pedantische „Morallehren“ zu erteilen (in der Art Plechanows: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen“ oder Zeretellis: „Eine Klasse muss sich selbst beschränken“).

Von einer plötzlichen, restlosen Beseitigung des Beamtentums an allen Orten kann keine Rede sein. Das ist eine Utopie. Aber den alten Beamtenapparat sofort zerschlagen und sofort mit dem Bau eines neuen beginnen, der allmählich jegliches Beamtentum überflüssig macht und aufhebt – das ist keine Utopie, das ist die Erfahrung der Kommune, das ist die unmittelbare Aufgabe des revolutionären Proletariats.

Der Kapitalismus vereinfacht die Funktionen der „Staats“-Verwaltung, er gestattet, das „Kommandieren“ zu beseitigen und das Ganze auf die Organisation der Proletarier (als herrschende Klasse) zu reduzieren, die im Namen der gesamten Gesellschaft „Arbeiter, Aufseher und Buchhalter“ einstellt.

Wir sind keine Utopisten. Wir „träumen“ nicht davon, wie man plötzlich ohne jede Verwaltung, ohne jede Unterordnung auskommen könnte. Diese auf einem Verkennen der Aufgaben der Diktatur des Proletariats beruhenden anarchistischen Träume sind dem Marxismus wesensfremd und dienen in Wirklichkeit nur einer Hinausschiebung der sozialistischen Revolution auf eine Zeit, wo die Menschen anders geworden sein werden. Nein, wir wollen die sozialistische Revolution mit den Menschen durchführen, wie sie jetzt sind, den Menschen, die ohne Unterordnung, ohne Kontrolle, ohne „Aufseher und Buchhalter“ nicht auskommen werden.

Aber unterzuordnen hat man sich der bewaffneten Avantgarde aller Ausgebeuteten und Werktätigen – dem Proletariat. Das spezifische „Kommandieren“ der Staatsbeamten kann und muss man beginnen, sofort, von heute auf morgen, zu ersetzen durch die einfachen Funktionen von „Aufsehern und Buchhaltern“, Funktionen, denen bei dem heutigen Entwicklungsniveau die Städter durchaus gewachsen sind und die sie durchaus für einen „Arbeiterlohn“ auszuüben vermögen.

Organisieren wir, Arbeiter, selbst die Großindustrie, gestützt auf die eigene Arbeitserfahrung, indem wir von dem ausgehen, was der Kapitalismus bereits geschaffen hat, indem wir eine strenge, eiserne Disziplin schaffen, die von der Staatsgewalt der bewaffneten Arbeiter aufrechterhalten wird; machen wir die Staatsbeamten zu einfachen Vollstreckern unserer Aufträge, zu verantwortlichen, absetzbaren, bescheiden bezahlten „Aufsehern und Buchhaltern“ (natürlich mitsamt den Technikern jeder Art, jeden Ranges und Grades) – das ist unsere proletarische Aufgabe, damit kann und muss man bei der Durchführung der proletarischen Revolution beginnen. Ein solcher Anfang auf der Basis der Großindustrie führt von selbst zum allmählichen „Absterben“ jedweden Beamtentums, zur allmählichen Schaffung einer Ordnung ohne Gänsefüßchen, die mit Lohnsklaverei nichts zu tun hat – einer Ordnung, bei der die sich immer mehr vereinfachenden Funktionen der Aufsicht und Abrechnung abwechselnd von allen ausgeübt, später zur Gewohnheit werden und schließlich als Sonderfunktionen einer besonderen Schicht von Menschen in Fortfall kommen.

Ein geistreicher deutscher Sozialdemokrat bezeichnete in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Post als Muster einer sozialistischen Wirtschaft. Das ist durchaus richtig. Die Post ist gegenwärtig eine nach dem Typus eines Staats kapitalistischen Monopols organisierte Wirtschaft. Der Imperialismus verwandelt nach und nach alle Trusts in Organisationen dieses Typus. Über den „einfachen“ Werktätigen, die hungern und mit Arbeit überhäuft sind, steht hier die gleiche bürgerliche Bürokratie. Der Mechanismus der gesellschaftlichen Wirtschaftsführung ist hier jedoch bereits fertig vorhanden. Stürzt man die Kapitalisten, schlägt man mit der eisernen Faust der bewaffneten Arbeiter den Widerstand dieser Ausbeuter nieder, zerbricht man die bürokratische Maschinerie des modernen Staates – so hat man einen von dem „Parasiten“ befreiten Mechanismus von hoher technischer Vollkommenheit vor sich, den die vereinigten Arbeiter sehr wohl selbst in Gang bringen können, indem sie Techniker, Aufseher, Buchhalter anstellen und sie alle, wie überhaupt alle „Staats“-Beamten, für Arbeiterlohn ihre Tätigkeit ausüben lassen. Das ist die konkrete, praktische, sofort ausführbare Aufgabe gegenüber den Trusts, die die arbeitende Bevölkerung von der Ausbeutung befreit und die Erfahrungen verwertet, die die Kommune bei ihren praktischen Versuchen (insbesondere auf dem Gebiet des Staatsaufbaues) bereits gemacht hat.

Unser nächstes Ziel ist, die ganze Volkswirtschaft nach dem Vorbilde der Post zu organisieren, und zwar so, dass die unter der Kontrolle und Leitung des organisierten Proletariats stehenden Techniker, Aufseher, Buchhalter sowie alle beamteten Personen ein den „Arbeiterlohn“ nicht übersteigendes Gehalt beziehen. Das ist der Staat, das ist die wirtschaftliche Grundlage des Staates, wie wir sie brauchen. Das wird die Aufhebung des Parlamentarismus und die Beibehaltung der Vertretungskörperschaften uns geben, das wird die arbeitenden Klassen von der Prostituierung dieser Institutionen durch die Bourgeoisie befreien.

4. Organisierung der Einheit der Nation

In einer kurzen Skizze der nationalen Organisation, die die Kommune nicht die Zeit hatte, weiter auszuarbeiten, heißt es ausdrücklich, dass die Kommune die politische Form selbst des kleinsten Dorfes sein … sollte.“

Die Kommunen sollten auch Abgeordnete zur „Nationalversammlung“ in Paris schicken.

„ … Die wenigen, aber wichtigen Funktionen, welche dann noch für eine Zentralregierung übrig blieben, sollten nicht, wie dies absichtlich gefälscht worden, abgeschafft, sondern an kommunale, d. h. streng verantwortliche Beamte übertragen werden. Die Einheit der Nation sollte nicht gebrochen, sondern im Gegenteil organisiert werden durch die Kommunalverfassung; sie sollte eine Wirklichkeit werden durch die Vernichtung jener Staatsmacht, welche sich für die Verkörperung dieser Einheit ausgab, aber unabhängig und überlegen sein wollte gegenüber der Nation, an deren Körper sie doch nur ein Schmarotzerauswuchs war. Während es galt, die bloß unterdrückenden Organe der alten Regierungsmacht abzuschneiden, sollten ihre berechtigten Funktionen einer Gewalt, die über der Gesellschaft zu stehen beanspruchte, entrissen und den verantwortlichen Dienern der Gesellschaft zurückgegeben werden … „

Wie sehr die Opportunisten der modernen Sozialdemokratie diese Ausführungen von Marx nicht verstanden haben – vielleicht richtiger: nicht verstehen wollten – beweist das herostratisch berühmte Buch des Renegaten Bernstein: „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie.“ Gerade mit Bezug auf die zitierten Worte von Marx schrieb Bernstein, dass darin ein Programm entwickelt sei,

das seinem politischen Gehalt nach in allen wesentlichen Zügen die größte Ähnlichkeit aufweist mit dem Föderalismus – Proudhons … Bei allen sonstigen Verschiedenheiten zwischen Marx und dem ,Kleinbürger‘ Proudhon (Bernstein setzt das Wort Kleinbürger in Gänsefüßchen, die nach seiner Meinung ironisch sein sollen) ist in diesen Punkten der Gedankengang bei ihnen so nahe verwandt, wie nur möglich.“

Natürlich, fährt Bernstein fort, wächst die Bedeutung der Munizipalitäten, doch meint er:

Ob freilich eine solche Auflösung der modernen Staatswesen und die völlige Umwandlung ihrer Organisation, wie Marx und Proudhon sie schildern (die Bildung der Nationalversammlung aus Delegierten der Provinz bzw. der Bezirksversammlungen, die ihrerseits aus Delegierten der Kommunen zusammenzusetzen wären), das erste Werk der Demokratie zu sein hätte, so dass also die bisherige Form der Nationalvertretungen wegfiele, erscheint mir zweifelhaft.“ (Bernstein: „Voraussetzungen des Sozialismus“, S. 134 u. 136, Ausgabe von 1899.)

Das ist geradezu ungeheuerlich: Marx‘ Ansichten über die „Vernichtung der Staatsmacht, des Schmarotzerauswuchses“ mit dem Föderalismus Proudhons in einen Topf zu werfen! Es ist jedoch kein Zufall, denn dem Opportunisten kommt es gar nicht in den Sinn, dass Marx hier gar nicht vom Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus spricht, sondern von der Zerschlagung der alten, bürgerlichen, in allen bürgerlichen Ländern bestehenden Staatsmaschinerie.

Dem Opportunisten kommt nur das in den Sinn, was er um sich her sieht, unter dem kleinbürgerlichen Spießertum und der „reformistischen“ Stagnation, nämlich nur die „Munizipalitäten“! Der Opportunist hat verlernt, an die Revolution des Proletariats auch nur zu denken.

Das ist zum Lachen. Bemerkenswert ist aber, dass über diesen Punkt mit Bernstein nicht gestritten wurde. Viele haben Bernstein widerlegt, in der russischen Literatur insbesondere PlechanowKautsky in der europäischen, aber der eine wie der andere hat über diese Entstellung von Marx durch Bernstein nicht gesprochen.

Der Opportunist hat so sehr verlernt, revolutionär zu denken und über die Revolution nachzudenken, dass er Marx des „Föderalismus“ bezichtigt und ihn mit dem Begründer des Anarchismus Proudhon in einen Topf wirft. Und jene, die orthodoxe Marxisten sein wollen, die die Lehre des revolutionären Marxismus verteidigen wollen, Kautsky und Plechanow, schweigen dazu! Hier liegt eine der Wurzeln jener äußersten Verflachung der Ansichten über den Unterschied zwischen Marxismus und Anarchismus, die den Kautskyanern wie den Opportunisten in gleichem Maße eigen ist, und auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

In den angeführten Darlegungen von Marx über die Erfahrungen der Kommune findet sich auch nicht eine Spur von Föderalismus. Marx stimmt mit Proudhon gerade in einem Punkt überein, den der Opportunist Bernstein gar nicht bemerkt. Marx geht mit Proudhon gerade da auseinander, wo Bernstein eine Ähnlichkeit sieht.

Marx stimmt mit Proudhon darin überein, dass sie beide für das „Zerschlagen“ der modernen Staatsmaschine sind. Diese Übereinstimmung des Marxismus mit dem Anarchismus (mit Proudhon wie mit Bakunin) wollen weder die Opportunisten noch die Kautskyaner sehen, denn sie sind in diesem Punkte vom Marxismus abgerückt.

Marx geht mit Proudhon sowohl wie mit Bakunin gerade in der Frage des Föderalismus auseinander (von der Diktatur des Proletariats schon gar nicht zu reden). Aus den kleinbürgerlichen Anschauungen des Anarchismus ergibt sich prinzipiell der Föderalismus. Marx ist Zentralist. Und in seinen hier zitierten Darlegungen ist keinerlei Abweichung vom Zentralismus vorhanden. Nur Leute, die des kleinbürgerlichen „Aberglaubens“ an den Staat voll sind, können die Vernichtung der bürgerlichen Staatsmaschinerie für eine Vernichtung des Zentralismus halten!

Nun, und wenn das Proletariat und die arme Bauernschaft die Staatsgewalt in ihre Hände nehmen, sich völlig frei in Kommunen organisieren und die Tätigkeit dieser Kommunen zu gemeinsamen Schlägen gegen das Kapital, zur Bezwingung des Widerstandes der Kapitalisten, zur Übertragung des Privateigentums an den Eisenbahnen, Fabriken, Grund und Boden usw. auf die gesamte Nation, die gesamte Gesellschaft vereinigen werden, wird das etwa kein Zentralismus sein? Wird das nicht der konsequenteste demokratische Zentralismus sein? Und dazu noch ein proletarischer Zentralismus?

Bernstein kann es einfach nicht fassen, dass ein freiwilliger Zentralismus, eine freiwillige Vereinigung der Kommunen zur Nation, eine freiwillige Verschmelzung der proletarischen Kommunen im Prozess der Zerstörung der bürgerlichen Herrschaft und der bürgerlichen Staatsmaschine möglich ist. Der Zentralismus erscheint Bernstein, wie jedem Philister, als etwas, das nur von oben, nur von Beamten und Militärs aufgezwungen und aufrechterhalten werden kann.

Als hätte Marx die Möglichkeit einer Entstellung seiner Ansichten vorausgesehen, hebt er ausdrücklich hervor, dass die gegen die Kommune erhobene Anschuldigung, sie habe die Einheit der Nation vernichten, die Zentralregierung abschaffen wollen, eine bewusste Fälschung ist. Marx gebraucht absichtlich den Ausdruck „die Einheit der Nation organisieren“, um den zielbewussten demokratischen, proletarischen Zentralismus dem bürgerlichen, militärischen, bürokratischen gegenüberzustellen.

Aber … schlimmer als ein Tauber ist jener, der nicht hören will. Und die Opportunisten der heutigen Sozialdemokratie wollen eben von einer Vernichtung der Staatsmacht, von einer Beseitigung des Schmarotzers nichts hören.

5. Vernichtung des Schmarotzers Staat

Wir haben bereits die entsprechenden Stellen aus Marx angeführt und müssen sie ergänzen.

Es ist das gewöhnliche Schicksal neuer geschichtlicher Schöpfungen, für das Seitenstück älterer und selbst verlebter Formen des gesellschaftlichen Lebens versehen zu werden, denen sie einigermaßen ähnlich sehen. So ist diese neue Kommune, die die moderne Staatsmacht bricht, angesehen worden für eine Wiederbelebung der mittelalterlichen Kommunen … einen Bund kleiner Staaten, wie Montesquieu und die Girondins ihn träumten … für eine übertriebene Form des alten Kampfes gegen Überzentralisation …

Die Kommunalverfassung würde im Gegenteil dem gesellschaftlichen Körper alle die Kräfte zurückgegeben haben, die bisher der Schmarotzerauswuchs ,Staat‘, der von der Gesellschaft sich nährt und ihre freie Bewegung hemmt, aufgezehrt hat. Durch diese Tat allein würde sie die Wiedergeburt Frankreichs in Gang gesetzt haben …

In Wirklichkeit aber hätte die Kommunalverfassung die ländlichen Produzenten unter die geistige Führung der Bezirkshauptstädte gebracht und ihnen dort, in den städtischen Arbeitern, die natürlichen Vertreter ihrer Interessen gesichert. Das bloße Bestehen der Kommune führte, als etwas Selbstverständliches, die lokale Selbstregierung mit sich, aber nun nicht mehr als Gegengewicht gegen die, jetzt überflüssig gemachte, Staatsmacht … „

Vernichtung der Staatsmacht“, die ein „Schmarotzerauswuchs“ ist, dessen „Abschneidung“, „Zerstörung“, „die jetzt überflüssig gemachte Staatsmacht“ – das sind die Ausdrücke in denen Marx vom Staate sprach, als er die Erfahrungen der Kommune bewertete und analysierte.

Dies alles ist nahezu vor einem halben Jahrhundert geschrieben worden, und heute muss man gewissermaßen Ausgrabungen machen, um den unverfälschten Marxismus dem Bewusstsein der breiten Massen nahezubringen. Die Schlussfolgerungen aus den Beobachtungen der letzten von Marx erlebten großen Revolution hatte man gerade in dem Augenblick vergessen, als die Zeit der nächsten großen Revolution des Proletariats gekommen war.

Die Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag, und die Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt fanden, beweisen, dass sie eine durch und durch ausdehnungsfähige politische Form war, während alle früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend gewesen waren. Ihr wahres Geheimnis war dies: sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.

Ohne diese letzte Bedingung war die Kommunalverfassung eine Unmöglichkeit und eine Täuschung.“

Die Utopisten befassten sich mit der „Entdeckung“ politischer Formen, unter denen die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft vor sich gehen sollte. Die Anarchisten wollten überhaupt von der Frage nach den politischen Formen nichts wissen. Die Opportunisten der heutigen Sozialdemokratie nahmen die bürgerlichen politischen Formen des parlamentarischen, demokratischen Staates als die Grenze, die nicht überschritten werden kann, sie konnten sich nicht genug tun in der Anbetung dieses „Vorbilds“ und erklärten jeden Versuch, diese Form zu zerbrechen, für Anarchismus.

Marx hat aus der ganzen Geschichte des Sozialismus und des politischen Kampfes gefolgert, dass der Staat wird verschwinden müssen, dass die Übergangsformen dieses Verschwindens (der Übergang vom Staat zum Nichtstaat) das „als herrschende Klasse organisierte Proletariat“ sein wird. Marx unternahm es aber nicht, die politischen Formen dieser Zukunft zu entdecken. Er beschränkte sich auf eine genaue Beobachtung und Analyse der Geschichte Frankreichs und auf die Schlussfolgerung, die sich aus dem Jahre 1851 ergab: die Sache läuft auf eine Zerstörung der bürgerlichen Staatsmaschinerie hinaus.

Und als die revolutionäre Massenbewegung des Proletariats sich entlud, begann Marx trotz des Misserfolges dieser Bewegung, trotz ihrer kurzen Dauer und augenfälligen Schwäche, zu studieren, welche Formen sie entdeckt hat.

Die Kommune ist die von der proletarischen Revolution „endlich entdeckte“ Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen kann.

Die Kommune ist der erste Versuch der proletarischen Revolution, die bürgerliche Staatsmaschine zu zerschlagen, ist die „endlich entdeckte“ politische Form, durch die man das Zerschlagene ersetzen kann und muss.

Wir werden in der weiteren Darstellung sehen, dass die russischen Revolutionen von 1905 und 1917 unter anderen Umständen, in einer anderen Situation, das Werk der Kommune fortsetzen und die geniale historische Analyse von Marx bestätigen.

1 „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen“ – Worte Plechanows über den bewaffneten Aufstand im Dezember 1905 im „Dnjewnik Sozialdemokrata“, Nr. 4, Dezember 1905.

2 Die Briefe von Marx an Kugelmann sind zum ersten Mal in deutscher Sprache in der „Neuen Zeit“, XX. Jahrgang, Bd. I und II, 1901/02, erschienen. Lenin meint folgende russische Ausgaben der Briefe: 1. K. Marx „Briefe an L. Kugelmann“ mit einem Vorwort der Redaktion der „Neuen Zeit“. Aus dem Deutschen übersetzt von M. Iljina unter der Redaktion und mit einem Vorwort von N. Lenin, Petersburg 1907; 2. „Briefe von Karl Marx an das Mitglied der Internationale Kugelmann“ mit einem Vorwort von Kautsky. „Bibliothek des wissenschaftlichen Sozialismus“, 1907.

3 Lenin meint das Buch von Eduard Bernstein „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“, das in deutscher Sprache zum ersten Mal im Jahre 1899 in Stuttgart erschienen ist.

4In den Werken, Band 25, Berlin 1961, S. 435 steht „Kinderklapper“

5 Lenin meint den Leitartikel „Die Erneuerung der Ämter und die Demokratie“ im Organ der Sozialrevolutionäre, „Djelo Naroda“, Nr. 113 vom 29. Juli (11. August) 1917.

https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/lenin-1917/wladimir-i-lenin-staat-und-revolution/iii-die-erfahrungen-der-pariser-kommune-von-1871-die-analyse-von-marx

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