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Energie, Wirtschaft

Hintergrundanalyse: Was es mit dem negativen Ölpreis auf sich hat

von Thomas Röper – https://www.anti-spiegel.ru

Am Montag machte erstmals in der Gesichte ein negativer Ölpreis Schlagzeilen. Um die Meldung zu verstehen, muss man sich mit den verschiedenen Ölsorten auskennen, denn es war nur eine Ölsorte im negativen Bereich, die anderen lagen weiterhin im Plus bei über 20 Dollar pro Barrel.

Die Schlagzeilen am Montag waren kurios. Es wurde ein Ölpreis von Minus 40 Dollar gemeldet, wer also am Montagabend Öl abnahm, der bekam dafür 40 Dollar pro Fass oben drauf, anstatt für das Öl zu bezahlen. Ganz so war es aber dann doch nicht, denn es betraf nur eine Ölsorte und das Theater dauerte nur einige Stunden. Dafür gibt es Gründe.

Die Zockerei mit Futures

Der Hauptgrund sind die Futures. Ölhändler kaufen Öl im Voraus, diese Verträge werden „Future“ genannt. Man sichert sich eine bestimmte Menge Öl zu einem bestimmten Datum zu einem bestimmten Preis. Sollte zu dem vereinbarten Zeitpunkt der tatsächliche Ölpreis vom im Future vereinbarten Ölpreis abweichen, dann steigt oder sinkt der Wert des Future.

Die Futures sind ein Instrument an den Finanzmärkten. Nur 7 Prozent der Futures werden von „echten“ Ölhändlern gehandelt, der Rest ist Teil des weltweiten Kasinos an den Börsen. Dabei wird Öl gehandelt, dass es nur auf dem Papier gibt und das auch niemand kaufen will. Es geht nur „Zockerei“. Der negative Ölpreis hat also wenig mit dem zu tun, was tatsächlich auf dem Ölmarkt vor sich geht.

Durch die Coronakrise sind auf den Ölmärkten Nachfrage und Preis eingebrochen und das schlug voll auf die Futures durch, was zu dieser Extremsituation geführt hat. Es wurde zwar nur Öl auf dem Papier gehandelt, das es gar nicht gibt und das auch niemand jemals kaufen wollte, aber es ging trotzdem um echtes Geld, das Leute für die Futures am Ende ihrer Laufzeit bezahlen oder bekommen müssen.

Die Mai-Futures wurden heute fällig, wer also vor Monaten oder Jahren einen solchen Future gekauft hat, müsste heute Öl zum vereinbarten Preis abliefern.

Beispiel: Wenn der Future von einem Preis von 60 Dollar ausgegangen ist, der Preis heute aber nur 20 Dollar beträgt, dann ist der Wert des Future bei minus 40. Da die meisten Futures mit Öl handeln, dass es gar nicht gibt, geht es nur ums Geld. Wer einen solchen Future gekauft hat, macht nun großen Verluste. Und diesen Wert – minus 40 Dollar – hatten die Mai-Futures gestern Abend und heute werden sie fällig. Damit ist die Turbulenz heute auch schon wieder weitgehend vorbei, der Effekt der Zocker an den Finanzmärkten ist buchstäblich „über Nacht“ verpufft. Bis zum nächsten Mal jedenfalls.

Die im Mai fälligen Futures, also die fällig werden Liefervereinbarungen, waren von einem wesentlich höheren Preis ausgegangen, als wir ihn nun haben. Die Lager sind voll und niemand braucht derzeit Öl (so merkwürdig es klingt). Dadurch konnte ein negativer Ölpreis entstehen. Aber die Futures für die Folgemonate „sehen noch gut aus“, die Händler an den Märkten gehen also davon aus, dass es nicht viel schlimmer wird.

Aber der negative Ölpreis betraf nur eine Ölsorte, die Sorte WTI. Um das zu verstehen, müssen wir uns die verschiedenen Ölsorten anschauen und auch, wo sie gehandelt werden. WTI ist US-Öl, der Effekt war also mehr oder weniger auf die USA beschränkt und hat den Rest der Welt kaum betroffen (auch wenn nervöse Märkte überall natürlich reagiert haben).

„Den Ölpreis“, von dem wir immer hören, gibt es gar nicht.

Es gibt verschiedene Ölsorten, die unterschiedliche Qualitäten haben und auch zu unterschiedlichen Endprodukten verarbeitet werden und die daher auch unterschiedliche Preise haben. Es gibt aber einen Richtwert, und das ist die Ölsorte Brent, von der wir beim Ölpreis immer hören.

Brent dient als Maßstab für rund zwei Drittel des internationalen Erdölhandels. Die Ölpreise orientieren sich am Börsenkurs von Brent, werden aber je nach Sorte korrigiert, beispielsweise um Qualitätsunterschiede und Transportkosten. Meist gibt es Abschläge, denn das in vier britischen und norwegischen Feldern in der Nordsee geförderte Brent gilt als besonders hochwertig.

Die Preise für andere Ölsorten sind also meist niedriger, als der „offizielle Ölpreis“, der für Brent berechnet wird.

Die von dem negativen Preis betroffene Sorte WTI (West Texas Intermediate) spielt im physischen Handel eine eher untergeordnete Rolle, weil nur geringe Mengen davon gefördert werden. Wegen seiner Qualität hatte es aber jahrzehntelang eine nahezu unangefochtene Stellung als weltweiter Maßstab. Heute wird das texanische Öl fast ausschließlich in den USA gehandelt, es hat auf den Weltmarkt also eigentlich nur einen psychologischen Einfluss, vom Rest des Ölmarkts hat es sich weitgehend entkoppelt.

Daher waren die Schlagzeilen am Montag zwar sensationell, aber die Auswirkungen auf die weltweiten Ölpreise waren begrenzt, sie waren eher psychologischer Natur. Die Finanzmärkte neigen dazu, auch ohne echte Gründe nervös auf extreme Ausschläge zu reagieren, auch wenn sie keinen wirklichen Effekt haben.

Für uns in Europa ist eine andere Ölsorte wichtig, von der man jedoch nur selten in den deutschen Medien etwas liest: Die russische Sorte Urals. Mit seinem weitverzweigten Pipelinessytem beliefert Russland hauptsächlich Westeuropa, mit neuen Pipelines aber seit kurzem auch China. Schon technisch sind die Russen gezwungen, Ölsorten unterschiedlicher Qualität zu mischen. Der Grund ist, dass in Russland viele verschiedene Sorten gefördert werden, die dann in einer Pipeline auf dem Weg zum Kunden vermischt werden. Ansonsten müsste Russland für jede Sorte eine eigene Pipelines bauen, nur um am Ende trotzdem den Durchschnittspreis aller seiner Ölsorten zu erzielen. Daher ist Urals nicht so hochwertig, wie Brent oder WTI und auch billiger, als der in den deutschen Medien gemeldete Ölpreis.

Auch das von der OPEC geförderte Öl wird – ähnlich wie Urals – nach einem Durchschnittspreis gehandelt. Zwar werden die Ölsorten nicht physisch vermischt, aber da jedes Land eigene Ölsorten hat, hat die OPEC ihr Öl im „OPEC-Korb“ zusammengefasst. Dabei handelt es sich um den täglich ermittelten Durchschnittspreis von zwölf Ölsorten, eine für jeden Mitgliedstaat OPEC. Die Qualität schwankt stark zwischen eher schweren Ölen aus Ecuador oder schwefelhaltigen, wie Kuwait und sehr leichten wie Saharan Blend aus Algerien. Auch nigerianische Ölsorten erzielen sehr hohe Preise. Weil die OPEC für den Großteil der weltweiten Ölexporte steht, hat der Korbpreis die größte „echte“ Relevanz der täglich verfügbaren Preise. Aber trotzdem hören wir in den Börsennachrichten nur den Preis von Brent, das Wort „OPEC-Korb“ habe ich dabei in Deutschland noch nie gehört.

Ein Beispiel dafür, wie sich die Ölmärkte weltweit unterscheiden ist die Ölsorte Tapis Blend aus Malasyia, ebenfalls ein sehr hochwertiges Rohöl. Aber es wird hauptsächlich in Asien gehandelt, spielt also in Europa keine Rolle. Und so gibt es viele verschiedene Ölsorten mit unterschiedlichen Qualitäten und auch unterschiedlichen Märkten, auf denen sie eine Rolle spielen.

Am Montag gab es mehr Rauch als Feuer

Was wir am Montag erlebt haben, war eine im Grunde auf die USA begrenzte Geschichte, denn den US-Fracking-Firmen steht das Wasser finanziell bis zum Hals und die Lager in den USA sind fast voll. Niemand braucht dort derzeit Öl, aber man kann eine Ölquelle nicht einfach abschalten, das ist ein langer, teurer und aufwändiger Prozess und auch die spätere Wiederaufnahme der Förderung aus einer einmal verschlossenen Quelle ist kompliziert. Daher akzeptieren Ölproduzenten auch mal den Verkauf mit Verlust, die Alternative „Abschaltung“ wäre noch teurer.

In den USA versucht man zu reagieren. Trump denkt laut über einen Importstopp von Öl aus Saudi-Arabien nach, das die USA traditionell beliefert. Da die USA inzwischen der größte Ölproduzent der Welt sind, ist der Marktanteil der Saudis dort stark zurückgegangen. Mit einem Importstopp könnten die USA den Zeitpunkt, an dem die Lagerkapazitäten erschöpft sind, ein wenig hinauszögern und so ihren eigenen Produzenten ein wenig Zeit verschaffen. Außerdem will die US-Regierung Öl für die strategische Ölreserven kaufen, um den Markt innerhalb der USA zu entlasten.

Die kürzlich vereinbarte weltweite Reduzierung der Ölförderung wird erst ab 1. Mai wirksam. Man wird sehen, ob sie ausreicht, um die Ölmärkte zu stabilisieren. Optimismus wird jedoch nicht verbreitet, denn der Bedarf ist weltweit um 30 Millionen Barrel täglich eingebrochen, es wurde aber nur eine Reduzierung der Ölförderung um 10 Millionen Barrel ab 1. Mai beschlossen.

Schon heute gibt es Öltanker, die nirgends ihre Ladung löschen können und auf dem Meer im Kreis fahren, weil die Öl-Lager voll sind. Es bleibt also interessant auf den Ölmärkten, sowohl dem „echten“ Ölmarkt, als auch auf dem virtuellen Ölmarkt der Finanzzocker.

Noch eine kleine Anekdote zum Schluss: In Russland dürfen nur noch Mitarbeiter zur Arbeit, die in Branchen arbeiten, die auf einer Liste der Regierung als unverzichtbar für die Versorgung eingestuft wurden. Es gehen Gerüchte um, dass auch Brauereien wegen der Coronakrise schließen müssen und es demnächst vielleicht kein Bier mehr zu kaufen gibt. In sozialen Netzwerken in Russland geistert daher seit Montag folgender Witz herum: „Öl ist nicht mehr das Schwarze Gold, jetzt ist es Schwarzbier“

Hintergrundanalyse: Was es mit dem negativen Ölpreis auf sich hat

Diskussionen

3 Gedanken zu “Hintergrundanalyse: Was es mit dem negativen Ölpreis auf sich hat

  1. Pervertiertes System–wer jetzt noch dieses System unterstützt hat keine Kinder und wartet nur auf den Weltuntergang

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    Verfasst von Cource | 22. April 2020, 20:16
  2. 3-10 Jahre Mega-Deflation +depression kommen,..wie 1929
    das ist erst der bescheidene Anfang, die andren rohstotffe werden auch noch in den keller rauschen

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    Verfasst von tom | 22. April 2020, 14:19

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  1. Pingback: linkezeitung.de Hintergrundanalyse: Was es mit dem negativen Ölpreis auf sich hat – Zukunftsgestaltung auf Basis interdispiplinärer Informations- & Deutungssvielfalt - 22. April 2020

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