//
du liest...
Gesundheit, Inland

Corona-Pandemie: Bundesregierung war gewarnt und tat nichts

von Gustav Kemper – https://www.wsws.org

Fehlende Ärzte, fehlendes Pflegepersonal, unzureichende Bettenzahl auf Intensivstationen, fehlende Schutzmasken, Schutzbrillen, Schutzkleidung und Beatmungsgeräte – die Situation in vielen Krankenhäusern und Arztpraxen ist den Herausforderungen einer wirksamen Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht gewachsen.

Die Bundesregierung war gewarnt – und tat nichts. Bereits im Jahr 2012 hatte eine Studie eindringlich darauf hingewiesen, dass die notwendige medizinische Versorgung der Bevölkerung im Falle einer Virus-Pandemie „die vorhandenen Kapazitäten um ein Vielfaches übersteigt“. Die Studie war unter Federführung des Robert Koch-Instituts erstellt und von der Bundesregierung selbst im Rahmen der „Berichterstattung zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ an den Bundestag übermittelt worden.

Die Studie entwirft in Anlehnung an die Erfahrungen während der SARS-Epidemie im Jahre 2003 nach wissenschaftlichen Standards ein Szenario „Modi-SARS“. Der Verlauf der SARS-Epidemie wies frappierende Ähnlichkeit mit der Entwicklung der derzeitigen Covid-19-Pandemie auf.

In der Studie wird der Verlauf der Pandemie über einen Zeitraum von etwa drei Jahren geschätzt, bevor ein Impfstoff verfügbar ist. In dieser Zeit entwickeln sich in Wellenform drei Höhepunkte der Infektion: „Über den Zeitraum der ersten Welle (Tag 1 bis 411) erkranken insgesamt 29 Millionen, im Verlauf der zweiten Welle (Tag 412 bis 692) insgesamt 23 Millionen und während der dritten Welle (Tag 693 bis 1052) insgesamt 26 Millionen Menschen in Deutschland.“

Im gesamten Zeitraum von drei Jahren sei mit insgesamt 7,5 Millionen Toten zu rechnen, die als direkte Folge der Infektion sterben. Zusätzlich erhöhe sich auch die allgemeine Sterblichkeit, da die Kranken „aufgrund der Überlastung des medizinischen und des Pflegebereiches keine adäquate medizinische Versorgung bzw. Pflege mehr erhalten können“.

Diese Überlastung des Gesundheitssystems erfordere Entscheidungen, wer noch in eine Klinik aufgenommen und dort behandelt werden könne und bei wem dies nicht mehr möglich sei. „Als Konsequenz werden viele der Personen, die nicht behandelt werden können, versterben“, heißt es in der Studie weiter.

Die Auswirkungen auf die Menschen und die Wirtschaft sowie politische und psychologische Effekte werden von den Wissenschaftlern in der höchsten Schadensausmaß-Klasse ‚E‘ eingestuft.

Von den 29 Millionen der ersten Ausbreitungswelle würden zwar viele Personen auch wieder genesen, doch „zum Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle nach ca. 300 Tagen sind ca. 6 Millionen Menschen in Deutschland an Modi-SARS erkrankt“, stellt die Studie fest. Das Gesundheitssystem sei vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden könnten. „Die medizinische Versorgung bricht bundesweit zusammen“, heißt es in der Risikoanalyse. Auch die Beisetzung der Verstorbenen stelle eine große Herausforderung dar.

Des Weiteren weist die Studie auf schwere Konsequenzen bei der Versorgung von älteren Menschen hin, die in Quarantäne zu Hause isoliert sind und von Pflegekräften versorgt werden müssen; außerdem auf erhebliche Probleme bei der Entsorgung von Müll, Probleme des Warenangebots im Groß- und Einzelhandel, Zusammenbruch des Lieferservices der Apotheken und viele weitere Krisensituationen.

Die Umsetzung der wissenschaftlichen Risikoanalyse in praktische Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise obliegt der Bundesregierung, die die Risikobewertung vornimmt. „Im Unterschied zur fachlichen Risikoanalyse ist die Risikobewertung ein politischer Prozess, in den auch gesellschaftliche Werte und die jeweilige Risikoakzeptanz einfließen“, heißt es in der Präambel des Dokuments.

Der mangelhafte Zustand der Krankenhäuser und Arztpraxen offenbart, welche gesellschaftlichen Werte für die Bundesregierung an erster Stelle stehen und welche Risiken sie zu akzeptieren bereit ist. Die Bemerkung von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern über ein „hervorragendes Gesundheitssystem“ verfüge, bedeutet höchstens, dass andere Länder in noch schlechterem Zustand sind.

Daran ist die Bundesregierung nicht unschuldig. Wie das Fernsehmagazin Monitor am Donnerstag berichtete, haben die Bundesagentur für Arbeit und die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GiZ) mit dem Projekt „Triple Win“ systematisch Fachkräfte aus anderen Ländern abgeworben, vor allem aus Bosnien-Herzegowina, Serbien und den Philippinen.

Die GiZ preist „Triple Win“ als gewinnbringendes Projekt für alle Beteiligten an. Die Arbeitsmärkte der Herkunftsländer würden entlastest, da dort viele Fachkräfte arbeitslos seien, die Geldsendungen von Migranten zurück in die Herkunftsländer würden dort „entwicklungspolitische Impulse“ anstoßen und der Fachkräftemangel in Deutschland werde behoben.

Monitor weist durch Interviews mit Fachkräften in den Balkanländern nach, dass nur der letzte Punkt, der Gewinn an Fachkräften für deutsche Krankenhäuser, der Wahrheit entspricht. Die Tausenden von philippinischen Krankenschwestern, die im Mittleren Osten und weltweit in Krankenhäusern arbeiten und mit ihrem niedrigen Lohn die Familien zu Hause vor dem Elend zu retten suchen, zeigen, um welche „entwicklungspolitischen Impulse“ es sich handelt.

Die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern im Falle einer Katastrophe wird durch das Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz (ZSKG) von 1997, mit Änderung vom April 2009, geregelt. Dort heißt es im Paragraph 18, dass der Bund dem Bundestag in Kooperation mit den Ländern eine jährliche Risikoanalyse vorlegt, die Ländern beim Schutz Kritischer Infrastrukturen unterstützt, und Standards und Rahmenkonzepte entwickelt, die „den Ländern zugleich als Empfehlungen für ihre Aufgaben im Bereich des Katastrophenschutzes dienen“. [Hervorhebung des Autors]

Die Verantwortung für die Durchführung von notwendigen Maßnahmen wird, wie Monitor nachweist, vom Bund auf die Länderregierungen geschoben und von diesen wiederum an die Arztpraxen und Krankenhäuser weitergegeben, wobei die letzteren Instruktionen und Maßnahmen von der Bundesregierung erwarten. So kommt es, dass sich keiner für angemessene Maßnahmen verantwortlich fühlt. Die Regie der Gesundheitseinrichtungen wird den Profitgesichtspunkten der privaten Betreiber überlassen. Die „Berichterstattung zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ verschwand schon bald nach Veröffentlichung in den Schubladen, wie der Tagesspiegel berichtet.

Die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, wies auf t-online auf die Kapazitätsgrenzen der 380 bundesweiten Gesundheitsämter hin. Heute gebe es 2500 Ärzte in den Gesundheitsämtern, 30 Prozent weniger als vor 15 Jahren. Die Ämter stießen beim Aufkommen höherer Patientenzahlen an Kapazitätsgrenzen.

Bernd Mühlbauer, Professor für Gesundheitsökonomie an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, warnte im Tagesschau-Interview: „Schon jetzt fehlen uns 17.000 Pflegekräfte allein in der stationären Krankenhausversorgung.“ Er ergänzte: „Aktuell haben sich die Preise für Atemschutzmasken bereits versechsfacht“, und wies nach, wie sich Zweige der Privatwirtschaft in der Krise noch auf Kosten der Patienten bereichern.

https://www.wsws.org/de/articles/2020/03/14/risi-m14.html

Diskussionen

7 Gedanken zu “Corona-Pandemie: Bundesregierung war gewarnt und tat nichts

  1. Stell dir vor, du seiest Bundeskanzler. Was würdest du lieber sagen?

    Entweder du sagst: „Infolge der beständigen technologischen Höherentwicklung ist eine Krise bei den Unternehmensgewinnen eingetreten, was zu einem chronischen Investitionsnotstand geführt hat. Mit dem wirtschaftlichen Wachstum ist nun auch die von Gewinnerzielung getriebene Produktionsweise des Kapitals zum Stillstand gekommen. Die Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen ist von heute an allein noch bei Ausrufung des allesumfassenden Notstands zu gewährleisten. Die Bürgerrechte sind aufgehoben. Bitte bewahren sie Ruhe und befolgen Sie die Anordnungen der Behörden und der Polizei.“

    Oder du sagst ganz einfach das, was Frau Merkel gerade erzählt, also Corona usw.

    Liken

    Verfasst von NO_NWO | 16. März 2020, 9:07
  2. 2012 war das Merkel Regime intensiv mit dem Krieg gegen Syrien beschäftigt. Was ich schon des Öfteren schrieb, wird leider auf krasse Weise bestätigt:

    „Als Deutscher sehnt man sich nach einer Regierung, die Deutsche Interessen vertritt. Oder wenigstens Chinesische.“

    China hat vorbildlich auf die neue Seuche reagiert und wäre das Deutsche Seuchenmanagement unter Chinesischer Regie, hätte China schon aus eigenem Interesse ein ähnlich gutes Management auch in Deutschland umgesetzt. Damit wären wir wesentlich besser gefahren, als mit dem aktuellen Rumgemurxe. Dem Merkel Regime sind die Interessen der Deutschen scheißegal und man hat sich daran gewöhnt, daß man, mit entsprechender Medienmacht, damit durchkommt.

    Liken

    Verfasst von zivilistin | 15. März 2020, 19:06
  3. Die Fachkräfte. Meine Tante ist gestorben. An multiresistenten Keimen aus Deutschen Krankenhäusern. Das stand so natürlich nicht im Totenschein, die Nachrichtenlage war damals eine andere. Das evangelische Krankenhaus, direkt vor ihrem Wohnzimmer, hat pleite gemacht, zuletzt wurde noch mal investiert, die alten, noch hervorragenden Betten wurden nach Buganda (in Uganda) gespendet. Ein Internist (mikroinvasiv), den man aus Altersgründen im katholischen nicht mehr haben wollte, war dann glücklich die letzten Jahre seiner Berufstätigkeit jeden Tag 70 km pendeln zu dürfen zu einer Privatklinik. Er meinte, das sei so: noch eine letzte große Investition und dann die Pleite. die Behandlungsräume des Evangelischen wurden dann privat vermietet und als ich eine junge Muslima und einen Gynäkologen (er mit dicksten BMW), für den ich vor Jahrzehnten mal gebaut habe, das Haus betreten sah, meinte ich im Jux: da werden jetzt Jungfernhäutchen zusammengeflickt. News before news, das erwies sich dann als richtig.

    Im Katholischen wurde meine Tante nach Selbsteinlieferung per Krankenwagen, ohne Brille, sehr gut behandelt. Obwohl ihre Daten bekannt (Chefarztbehandlung NICHT versichert) waren, hatte man ihr eine Chefarztbehandlung verkauft. Unterschrift ist Unterschrift, laut Rechtsgutachten. Das war ihr vorletzter Besuch. Beim letzten wurde sie, ohne Chefarztbehandlung, sehr schlecht behandelt und verstarb. Ihre persönlich Habe verschwand zum Teil.

    Später traf ich auf der Station zwei Krankenschwestern an, Inderin die eine, Portugiesin die andere. Immerhin konnte ich sie mit folgendem Detail vertraut machen: Die Inder sind ja bekanntlich stolz, ihr Britisches Erbe zu überwinden und nennen Bombay jetzt also Mumbay. Bom Bay ist aber nicht Britisch, sondern Portugiesisch, die Portugisin wußte das natürlich, aber nicht die Inderin !

    Liken

    Verfasst von zivilistin | 15. März 2020, 18:55
  4. der massive sozialabbau seit der wende/wegfall der alternative DDR vollzieht sich in allen bereichen selbst die privelegierten ärzte überlässt man dem schicksal/ungeschützte exposition zu tödlichen viren/bakterien–das pervertierte system stresst alles und jeden und führt so zum sozialverträglichen frühableben in allen sozialen schichten=kapitalismus

    Liken

    Verfasst von cource | 14. März 2020, 13:45

Trackbacks/Pingbacks

  1. Pingback: Covid-19 y la libertad en España. Un ensayo. | Ideas for a greener environment, a fairer society and a future driven by sustainability - 15. April 2020

  2. Pingback: Corona-Pandemie: Bundesregierung war gewarnt und tat nichts — Linke Zeitung – uwerolandgross - 14. März 2020

  3. Pingback: Immer wieder mit gesammelten Beiträgen umfangreich erhellend, daher meine Empfehlung: Blauer Bote: Corona-Update – Panik in Europa – Rückläufige Zahlen in China | Menschheit gegen Krieg - 14. März 2020

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Archiv

%d Bloggern gefällt das: