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Ausland, Naher Osten

Afghanistan – Das „Große Spiel“ geht weiter

von Jürgen Heiducoff – Afghanistanveteran der Bundeswehr

Die Geschichte Afghanistans ist eine Geschichte der „Great Games“ und der „Big Deals“.

Spielball waren immer die Menschen, die dort in den Tälern des Hindukusch und in den Ebenen und Schluchten Paschtunistans siedelten. Ein paradiesisch schönes Land, das auch vom Tourismus reich werden könnte. Aber das ist es nicht was die Eroberer suchen. Es geht um die strategische Lage zwischen den eurasischen Weiten und Ostasien sowie dem indischen Subkontinent. Es geht darum, den Fuß in der Tür zum asiatisch-pazifischen Raum zu haben. Und es geht um den Zugriff zu den Reichtümern unter der Erde.

Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl in den USA will Trump den Eindruck erwecken, er löse eines seiner Wahlversprechen ein: den Krieg am Hindukusch zu beenden.

Deshalb die Eile, einen Deal mit den Taliban zum Abschluss zu bringen.

Die Vereinbarungen von Doha zwischen den USA und den Taliban vom 29.02.2020 könnten die Potenz haben, ein neues Kapitel in der Geschichte dieses geplagten Landes am Hindukusch aufzuschlagen. So zumindest erwarten es die meisten Menschen – ausgenommen die, die an diesem Krieg Profit oder politische Privilegien verdienen. Und die, vor allem in den USA sind sehr einflussreich. Kenner der Zusammenhänge und Hintergründe der aktuellen Politik glauben nicht an die Umsetzung der Vereinbarungen.

Wie schon andere Deals des Präsidenten der USA lehren, heißt es abzuwarten. Die Vereinbarungen enthalten auch diesmal wieder viele Fallstricke für die Gegenseite. Und die sind wohl wissend speziell installiert worden, um reale Fortschritte zu verhindern.

Es vergingen gerade Mal fünf Tage seit Unterzeichnung des Abkommens als die US Kampfjets laut DPA vom 04.03.2020 den ersten Luftangriff gegen Talibankämpfer geflogen sind. Ein Sprecher der US – Streitkräfte, Sonny Leggett, twitterte, dass der Angriff sich gegen Taliban gerichtet habe, die im Bezirk Nahr-e Saradsch in der südafghanischen Provinz Helmand einen afghanischen Militärposten angegriffen hatten. Es sei eine defensive Maßnahme gewesen, um den Angriff zu beenden.

Wenn Trump erst einmal das Ziel erreicht hat, wieder zum Präsidenten gewählt zu werden, dann verliert diese auf lange Perioden angelegte Vereinbarung ohnehin ihre Bedeutung.

Die Resonanz in den Medien ist schnell wieder abgeflaut.

Immerhin wurde durch einige Pressestimmen in Deutschland anerkannt, dass der Krieg in Afghanistan falsch gewesen sei 1). Welch eine überraschende Feststellung. Dies haben Beobachter in und außerhalb der Kriegsschauplatzes seit Jahren gesagt. Ihre Begründungen und Empfehlungen sind durch die Bundesregierung permanent ignoriert, sie selbst sind oft verhöhnt worden. Immer schön blind den Interessen Washingtons folgen – das war die Devise und das ist sie auch jetzt nach der spontanen Wendung im Vorfeld des Wahlkampfes in den USA. Bei der Bundesregierung ist keine Spur von einer eigenen, den Interessen des deutschen Volkes dienenden Politik und Strategie zu finden. Es mussten immer wieder Erfolgsmeldungen vom Hindukusch her. Wer die Lage in Afghanistan entsprechend des Wunschdenkens der Berliner Politik geschönt dargestellt hat, ist gefördert, wer die reale Lage geschildert hat, ist bestraft worden. Rehabilitation ist da nicht zu erwarten. Ebenso wenig können Opfer und Kosten infolge politischer Fehlentscheidungen rückgängig gemacht werden.

Die plötzlichen Einsichten in der Beurteilung der Lage und die neue Bewertung des längsten Krieges in der Geschichte der USA kommen mindestens 15 Jahre zu spät. Spätestens mit der Erweiterung des Krieges der NATO auf das gesamte Territorium Afghanistans war die Aussichtslosigkeit dieses Abenteuers offenkundig. Und es war klar, dass dieser Krieg durch keine der Seiten gewonnen werden kann. Doch arrogant und stur setzten die Politiker der NATO Staaten ihre Strategie der Unterwürfigkeit unter den Willen der US Administration durch.

Hilferufe von Insidern wurden ignoriert oder in den Müll entsorgt.

So blieb zunächst auch mein „Brandbrief aus Kabul“ mit einer scharfen Kritik an der westlichen Kriegführung, den ich als Militärpolitischer Berater des deutschen Botschafters in Afghanistan auf offiziellem Kanal an den damaligen Bundesaußenminister Steinmeier sandte, unbeantwortet. Erst der Hinweis der Medien ausgelöst durch eine ARD-Monitorsendung am 31. Mai 2007 führte zur Reaktion der zuständigen Behörden 2). Zunächst erklärte der Botschafter das Vertrauen zu mir verloren zu haben. Infolge des spontanen und unbegründeten Vertrauensverlustes wurde mir eine nicht erforderliche, aber kostenintensive Dienstreise von Kabul nach Berlin und zurück angeordnet. Dort zogen die Beamten des Auswärtigen Amtes ihr Programm durch und legten mir meine Ablösung vom Dienstposten nahe. Begründung: der Botschafter hat sein Vertrauen mir gegenüber verloren. Die Vertretung durch einen unabhängigen Anwalt half nichts. Mit keiner Silbe wurde auf meinen Brandbrief hingewiesen. Doch der bürokratische Apparat der Ämter arbeitete langsam. Ich kehrte zurück nach Kabul, kam meinen dienstlichen Verpflichtungen ein weiteres Jahr nach. Im Unterschied zum Botschafter gewann ich das Vertrauen der Kolleginnen und Kollegen der Botschaft, die mich in den Personalrat wählten. Erst nach fast einem Jahr wurde mit einem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichtes meine Ablösung vom Dienstposten verfügt.

Die Gewaltenvermittlung von der Exekutive (Auswärtiges Amt und Bundesministerium der Verteidigung) und zur Judikative (Bundesverwaltungsgericht) funktionierte hervorragend.

Es blieb allerdings nicht nur bei Kritik. Es gab auch konstruktive Vorschläge.

Im Juni 2009 veröffentlichte ich den Artikel  „Volksaufstand und Versöhnung in Afghanistan – ein langer Prozess“3)

1)  Malte Lehming „Der Krieg in Afghanistan war falsch“ Tagessiegel 29.02.2020

2)   https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Heiducoff

3)  https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/volksaufstand-und-versoehnung-in-afghanistan-ein

Jürgen Heiducoff, Militärpolitischer Berater der Bundesregierung in Kabul, zuvor Leiter Aufklärung und Sicherheit der „Kabul Multinational Brigade“ der ISAF, schrieb bereits 2007 einen Brandbrief“ an die Bundesregierung:

Es gibt keine Entschuldigung für das durch unsere westlichen Militärs erzeugte Leid unter den unbeteiligten und unschuldigen Menschen. (…) Ich gerate zunehmend in Widerspruch zu dem, wie die eigenen westlichen Truppen in Afghanistan agieren. (…) Es ist unerträglich, dass unsere Koalitionstruppen und ISAF inzwischen bewusst Teile der Zivilbevölkerung und damit erhoffte Keime der Zivilgesellschaft bekämpfen. (…) Westliche Jagdbomber und Kampf-hubschrauber verbreiten Angst und Schrecken unter den Menschen. Dies müssen die Paschtunen als Terror empfinden. Wir sind dabei, durch diese unverhältnismäßige militärische Gewalt das Vertrauen der Afghanen zu verlieren. (…)“.

Quelle: Zeidler, Markus/Restle, Georg: „Brandbrief aus Kabul – Schwere Vorwürfe gegen westliche Militärs in Afghanistan“, Monitor vom 31. Mai 2007, www.wdr.de/tv/monitor/presse_070531.phtml

 

 

 

 

Diskussionen

3 Gedanken zu “Afghanistan – Das „Große Spiel“ geht weiter

  1. die anspielung auf das „Great Game“ , grosse spiel , des 19.JH , das jahrzehntelange Gerangel zwischen Zaren-Imperium +englischen Empire ist hier falsch..– da ja nur die Angelsachsen millitärisch allein dort sind, die Russen +chinesen nicht +bisher auch kein intresse dran zeigen

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    Verfasst von tom | 10. März 2020, 5:55
    • @tom — Jenes „Great Game“ wurde mit der zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Halford Mackinder formulierten Heartland-Theorie als imperiale Konkurrenz von GB insbesondere gegen ein Deutschland aufgefaßt, daß sich mit dem rohstoffreichen eurasischen Kontinent und demnach mit Rußland verbünden könnte. Der bereits mit dem 1. Weltkrieg begonnene Aufstieg der USA zum Welthegemon war nach dem 2. Weltkrieg abgeschlossen. Nun war es eine sogenannt anglo-amerikanische „supranationale Finanzoligarchie“ (siehe Lenin), welche ein mögliches deutsch-russisches Bündnis als existentielle Bedrohung seiner globalen Hegemonie aufzufassen hatte.

      In solchen Betrachtungsweisen liegt allerdings eine Tücke, sie verführen zur Romantisierung von Nationen. So auch gehen populäre Bezeichnungen wie „anglo-amerikanisch“ eigentlich fehl. Das Kapital kennt weder Vaterländer, noch Nationen, noch irgendetwas anderes, das sich nach Gut oder Böse sortieren ließe. Würden heute Rußland und Deutschland die Welthegemonie innehaben, würden die weltweiten Kriege und Konfliktherde exakt die selben sein wie unter anglo-amerikanischer Hegemonie!!! Denn die Strategie einer global dominierenden „deutsch-russischen“ supranationalen Finanzoligarchie würde ebenfalls auf Errichtung einer Neuen Weltordnung zielen MÜSSEN. Unter der Herrschaft des Kapitals regieren nicht Nationen, Regierungen und Menschen, sondern die aus den Bewegungsgesetzen des Kapitals unhintergehbar aufwachsen müssenden strategischen Handlungsanweisungen — und die sind immer die exakt selben: SCHWÄCHUNG all jener, die stark werden könnten! Anstatt einer NATO gäbe es dann eben eine EATO, eine European-Asian Treaty Organisation, die überall dort anzutreffen wäre, wo jetzt die USA und die NATO stehen. Romantische Empfindungen haben ihr Recht nur dort, wo das weltweite Proletariat antritt, das weltweite Kapital zu entmachten. Allein das wird Frieden, Freiheit und ein würdevolles Leben für alle Menschen bringen.

      Das Kapital hat fertig, wir Menschen nicht!

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      Verfasst von NO_NWO | 10. März 2020, 14:31
  2. Solange die menschenverachtenden Logiken, Maximen und Weltanschauungen des Kapitals das Denken, Fühlen und Wollen der Menschen bestimmen, wird alles Recht bei der überlegenen Gewalt des brachial Stärkeren beginnen und enden — Thukydides: „Tue der Starke, was er könne.“

    Jürgen Heidukoff vollbringt, was das Motto des pflichtvergessenen Nachrichtenmagazins Der Spiegel fordert: SAGEN, WAS IST. Herr Heidukoff und seine Unterstützer halten unser aller ewige Fahne hoch, die der Menschheit. Ihnen einen donnernden Ehrensalut!

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    Verfasst von NO_NWO | 6. März 2020, 14:01

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