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Geschichte, Kultur

l’ensaignement – Die Grundschule – Teil 4

von Anne Querrien

Übersetzung: Loup

Der Text erschien in der französischen Zeitschrift «recherches», Ausgabe Nr. 23 , Juni 1976, S. 5 – 189.
Ensaignement ist ein Wortspiel aus Enseignement (Unterricht) und Ensaignée (Aderlaß); l’école primaire = Grundschule

Teil 1: https://linkezeitung.de/2019/12/21/lensaignement-die-grundschule-teil-1/
Teil 2: https://linkezeitung.de/2019/12/28/lensaignement-die-grundschule-teil-2/
Teil 3: https://linkezeitung.de/2020/01/12/lensaignement-die-grundschule-teil-3/

Die mutuelle Methode

«Der simultane Unterricht bietet einen ersten und wertvollen Ansatz hin zur Einfachheit. Der Lernstoff wird vom Maître mehreren gleichzeitig vermittelt, und während dies für die einen auf direktem Wege geschieht, sind gleichzeitig andere in der Klasse mit Üben beschäftigt. Zu dem Vorteil des Wetteifers gesellt sich eine glückliche Harmonie, eine Art natürlicher Disziplin, die zu einem organisierten Zusammenhang einer bestimmten Zahl von Individuen führt;

die Nachahmung, jene einzigartige Neigung der menschlichen Natur, trägt auf glückliche Art das ihre bei. Damit dieses System wirklich seinem Ziel gerecht wird, müßten allerdings alle Individuen über die gleichen Kräfte verfügen und zur gegebenen Zeit die gleichen Schritte tun können. Anderenfalls würde der Gelehrigste und Fähigste im Mittelpunkt stehen, und es bliebe dann eine Schlange von Nachzüglern; außerstande zu folgen, würden sie nur so tun, als lernten sie, und würden nur schlecht unterrichtet sein, was vielleicht schlimmer wäre als Unwissenheit.» Wenn in diesem System die Ränge, in die die Kinder eingeordnet sind, vervielfacht werden sollen, sind die Lehrkräfte zu vervielfachen, oder es muß der Maître verurteilt sein, sich mit einem Rang nach dem anderen zu beschäftigen… . [60]

«Der mutuelle Unterricht entspricht von seinem Charakter her in allem dem simultanen Unterricht, doch übertrifft er diesen an Einfachheit und Energie. Er enthebt vor allem der Schwierigkeit der Einstufungsentscheidungen, indem er von der Starrheit der zu allgemeinen und absoluten Klassifikationen frei ist. Er bietet sich für die Gliederung der Schüler in zahlreiche Abteilungen und Unterabteilungen an, und all dies unter nur einem Maître. Die beim simultanen Unterricht unumgänglich vorzunehmenden Einstufungen der Schüler gibt es nicht mehr, so wie es auch die mit der Aufteilung der Schüler in Abteilungen entstehenden gesonderten Klassen nicht mehr gibt. Jeder Schüler ist immer auf dem ihm tatsächlich entsprechenden richtigen Platz; die Schülergruppen folgen einander, sie halten sich eher an den Händen, als daß sie Abstand zueinander hätten. In jeder Klasse oder Unterabteilung ist der Schüler immer dem Grad zugeordnet, dem er sich aktuell gewachsen zeigt; es ist so, daß der einzigartige Vorteil der individuellen Methode nun für eine Schülerzahl von beträchtlicher Größe in vollem Umfang wiederhergestellt wird und erhalten bleibt.

Ein jeder ist so aktiv und aktiver sogar, als wenn er allein wäre. Er korrigiert sich am Beispiel der anderen, er korrigiert seinen Kameraden durch das Beispiel, das er selbst gibt, und ist unablässig von seinem Tun und von dessen Überprüfung in Atem gehalten. Die Haupttriebfeder ist allemal einzigartig, aber anstatt unterschiedlichen Elementen ein uniformes Tätigsein aufzuzwingen, variiert der mutuelle Unterricht seinen Puls und läßt ihn auf so viele unterschiedliche Weisen schlagen, wie es in der Wirklichkeit unterschiedliche Elemente gibt; mithilfe untergeordneter Antriebe umfaßt er bei geringerer Anstrengung einen jedoch weiteren Bereich. Die Antriebskräfte sind die Schüler selbst, sie sind stufenweise auf all die Punkte verteilt, zu denen der Unterricht gelangen muß. Indem sie anleiten, geben sie sich Rechenschaft über das von ihnen Gelernte, das heißt, daß sie tatsächlich das üben, was zur Erlangung von sicherem Wissen erforderlich ist. Einer nach dem anderen geben Zuhörer und Vortragender lediglich das weiter, was sie selbst erhalten haben, und leiten andere lediglich in dem an, das sie selbst mit Erfolg versucht haben. Der schwierigste, empfindlichste und am meisten verkannte Part der Rolle des Lehrers, nämlich die kluge Lenkung des geistigen Vermögens seiner Schüler, ergibt sich in gewisser Weise ganz von selbst mit jenen allezeit geordneten und zügigen Übungen, welche die Aufmerksamkeit der Kinder wachhalten; der Wetteifer untereinander und die zu Nachahmung anregende Sympathie füreinander werden gestärkt durch eine wirklichkeitsentsprechendere Klassifikation, welche die Entwikklungsverläufe besser abbildet und die nächst zu erklimmende Stufe klarer hervortreten läßt. Die Gewöhnung an Ordnung und Disziplin wurzelt fester ein, denn zu dem Vorteil der Bildung von Kadern, die allgemeinen Gesetzen unterworfen sind, gesellt sich der weitere Vorteil, diese Gesetze auszuweiten, die Beweglichkeit zu steigern, sowie jener über allen anderen stehende Vorteil, den Schüler kontinuierlich auf dem ihm tatsächlich zukommenden und von ihm selbst als notwendig und verdient empfundenen Rang zu belassen oder ihn auf einen solchen Rang zu befördern oder auf einen solchen Rang absteigen zu lassen» (im Moniteur vom 13. Januar 1818 erschienener und vom Innenminister gezeichneter Beitrag). [61]

Eine technische Erfindung

«Ein Kirchenmann aus Grenoble vergleicht die mutuelle Methode mit dem in unseren Städten das gewöhnliche Schiff ersetzt haben den Segelschiff» (Bulletin der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, Journal d’éducation, Erziehungsjournal, Band 4, 1817, Seite 22). Einhundert Schulen sind in einem Jahr geschaffen worden und unterrichten 12.000 Schüler, wohingegen es den vom Kaiser im Jahr 1803 wiedereingesetzten Brüder von den christlichen Schulen im Jahr 1816 lediglich gelungen war, 60 Schulen wiederzugründen. Anders als die Methode der Brüder, ist die mutuelle Methode überall und unabhängig von der von einem einzelnen Lehrer maximal zu unterrichtenden Schülerzahl einsetzbar.

Die Ordnungsregeln der Brüder verlangen von diesen, eine Schule immer zu zweit bzw. zu dritt zu betreiben, was den Unterhalt ihrer kleinen Gemeinschaft zu teuer für die Budgets ländlicher Gemeinden sein läßt. Zudem ist die Höchstzahl der Schüler, die ein Bruder unterrichten kann, begrenzt.

«Vermöge jener mutuellen Methode liest ein zu einer Klasse von etwa einhundert Schülern gehörendes Kind nicht nur so viel, als wenn es vom Maître allein unterichtet würde, sondern es buchstabiert auch sechzig oder neunzig Wörter zu je vier Silben in weniger als zwei Stunden,» während bei der individuellen Methode 19 von 20 Schülern und bei der Methode der Brüder 60 von 75 Schülern die ganze Zeit über untätig sind. Wobei weiterhin zu sehen ist, daß die mutuelle Methode und die der Brüder die große Neuerung teilen, die Kinder während der Zeit, in der sie nicht lesen, zum Schreiben zu verpflichten. (Vorstehende Zahlenangaben aus der Erarbeitung von Lancaster, die im Jahr 1815 von einem der Gründer der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, vom Duc de la Rochefoucault Liancourt, ins Französische übersetzt worden ist.)

Die mutuelle Methode erscheint ihren Verfechtern als die pädagogische Methode des industriellen Zeitalters schlechthin: «Die in den kleinen Gruppen sich zeigende Regsamkeit und das Summen dieser vielen leisen Stimmchen ähnelt sehr dem Lärm der Maschinen in den Baumwollspinnereien. Die Einrichtung ist tatsächlich eine Art von Mechanik für die intellektuellen Fähigkeiten und beschleunigt alle Operationen gleichermaßen» (Journal der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, Band 1, 1816, Seite 13).

Es ist dieser mechanische Charakter, der unterdessen von den Gegnern der Methode kritisch nach vorn gestellt wird: Es sollen auf den Menschen nicht die für die Materie reservierten Verwertungsprozeduren angewandt werden. Im Keim erstickt und unverzüglich gestoppt werden soll das, was sich mit dem Beispiel eines Vergleichs der Schule mit einer Baumwollspinnerei sehr klar ankündigt — Bestrebungen, von denen man nicht weiß, wo sie noch hinführen könnten. [62] Tatsächlich weiß man dies unterschwellig sehr genau. Die mutuelle Schule wird die Wiege der ersten Generation revolutionärer Arbeiter werden. «Unter den Führern der Ersten Internationale finden sich sehr viele ehemalige Schüler der mutuellen Schule. Ich frage mich bisweilen, ob es nicht die von sehr vielen Schülern meiner Generation aus jener Schule mitgenommene Gewohnheit des Unterrichtgebens war, die diejenigen Arbeiter geprägt hat, die in Vereinen und öffentlichen Versammlungen zum Sturz des Kaiserreichs beigetragen haben» (aus den dem Lucien Descaves erzählten Erinnerungen des Philémon, Veteran der Pariser Kommune, zitiert aus: Georges Duveau, Les Instituteurs, Die Lehrer, erschienen in der Reihe collection Le temps qui court des Verlags Seuil) – Proudhon war in der mutuellen Schule gewesen. Sehr viele Anarchisten der fédération jurassienne ebenso.

Ein Massenunterricht

Die mutuelle Schule bahnte den Weg hin zu einem wirklichen Massenunterricht, und obwohl die Schulbücher von der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts bereitgestellt wurden und deren Inhalt aus Gründen der Kontrolle der großen Masse höchst sorgsam beschränkt worden waren, tat dies dem unter den Kindern ausgelösten Désir-Mechanismus keinerlei Abbruch: Das im mutuellen Unterricht Erlernte war nicht in den Mauern der Schule zu halten. Obschon das Lesen und Schreiben anhand von religiösen und moralischen Texten erlernt wurde, war die disziplinierende Wirkung der Ideologie allenfalls nebensächlich; die Ideologie erschien im Vergleich mit dem eigentlichen, dem körperlichen Wirkmechanismus des kollektiven Sichbewegens befremdlich und wie angestückelt.

Im mutuellen Unterricht lernten die Kinder in achtzehn Monaten, wozu sie in der Schule der Brüder vier bis fünf Jahre benötigten, da die Brüder den «Erwerb schulischer Kenntnisse» im Lesen, Schreiben und Rechnen mit einem ganzen Arsenal moralisierender Mittel umgaben und ihr Hauptanliegen der Religionsunterricht war.

Indem er die Kinder unter- und miteinander verband, erzeugte der mutuelle Unterricht das Phänomen eines Désirs im Kollektiv, einer Art von großem Strom, der seine Richtung ganz und gar von dem Désir zu lernen erhielt. Eine der Grundideen der mutuellen Schule war es tatsächlich, «die Kinder zu Sendboten der Moral und der Wahrheit zu machen,» wohingegen diese Rolle zuvor allein den Alten oblegen hatte. Das war ein wirklicher Bruch mit dem Rhythmus der gesellschaftlichen Entwicklung, das Angebot für einen Neustart. «Die Kinder sollen die Fortsetzung ihrer Eltern sein, nicht deren monotone und sterile Wiederholung» [63] (Journal de la Société pour l’Amélioration de l’Instruction élémentaire, Journal der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, Band 1, 1816).

«Den Schülern des mutuellen Unterrichts gelingt es nur unter Mühen, den Klassenraum wieder zu verlassen. Unterricht ist für sie ein Vergnügen, ein Spiel, das alle Triebkräfte ihres Wesens in Atem hält. Sie bewegen sich alle zusammen und im selben Augenblick; sie sind eine Masse, in der die Regungen einzelner die allgemeine Regsamkeit überhaupt nicht stören und vielmehr die erfindungsreichen Antriebe darstellen, mittels derer jene Masse sich in gleichförmige und unermüdliche Tätigkeit versetzt» (Eugène Goblet, cours complet d’enseignement mutuel, Vollkurs mutueller Unterricht, zitiert nach: M. Fosseux, Les Ecoles de charité à Paris sous l’Ancien Régime et dans la première partie du XIXe siècle, Die Wohltätigkeitsschulen in Paris unter dem Ancien régime und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Paris 1912).

«Die Schüler machen sehr fühlbare Fortschritte und tun dies um so schneller, als diese Art Unterricht sich konstant als Entspannung und in Form von verschiedenerlei Übungen darstellt, welche die Kinder amüsieren und währenddessen unterrichten» (Bericht des Präfekten des Department Eure, 1819).

Die mutuelle Schule bleibt dennoch ein Instrument der Unterwerfung; ihre Verfechter, Industrielle und Beamte, suchen in ihr nicht mehr, als schneller und kostengünstiger zu den gleichen Ergebnissen wie in den Schulen der Brüder und vormals in den Schulen der Wohltätigkeit zu kommen: die Massen in Arbeit bringen, Unterwerfung unter die Chefs, Disziplinierung unter den Vorzeichen von Zwangsarbeit. Kurz gesagt, waren es die Brüder, welche die Zielsetzungen von Schule festgelegt haben; Variationen sind nur bezüglich der Mittel zur Erreichung dieser Zielsetzungen zulässig, und so werden die Potentiale der mutuellen Schule von ihren Verfechtern absichtlich ignoriert. Sobald sich ihnen diese Potentiale enthüllt haben werden, werden sie die ersten sein, welche die Methode der Brüder überall und mittels Zwang wiedereinführen werden, denn allein die Methode der Brüder kann den Zielsetzungen von Schule entsprechen: Schweigen, Arbeit, Disziplin und Wettbewerb.

«Dank ihrer wegweisenden Methode führen die mutuell unterrichtenden Schulen letztlich zu den gleichen Ergebnissen wie die Schulen der Brüder, wenn auch unendlich viel schneller und sparsamer; von Gewicht ist hier die Unterwerfung der Kinder unter Regeln und gesamtheitliches Bewegen, was aus einer Vielheit ein einziges Individuum macht, das ein und demselben Willen gehorcht. Als gelöst zu betrachten ist mithin das Problem, Aktivität und Aufmerksamkeit zu verbinden; ersteres ist der Jugend ein natürliches Bedürfnis, zweiteres ist beim Lernen verlangt. Eine auf ein Höchstmaß gesteigerte dauernde Aufmerksamkeit wird durch die Anforderung aufrechterhalten, daß ein jeder Schüler jede Minute den Anordnungen… nachkommen können muß. Mithilfe dieses Systems findet sich ein jeder der Schüler ebenso unterworfen wie die Masse, der er angehört, die individuelle und allgemeine Unterwerfung gewinnen den Charakter der Disziplin, und es wird selbst dem am meisten zu Nachlässigkeit und Faulheit neigenden Schüler körperlich unmöglich, sich dem Lernen und Gehorchen auch nur für eine einzige Minute zu entziehen» [64] (Rede des Präfekten der Stadt Mans anläßlich der Eröffnung der mutuellen Schule im Januar 1818; zitiert nach: A. Rendu, Essai sur l’instruction publique et particulièrement sur l’instruction primaire, Aufsatz über den öffentlichen Unterricht und insbesondere über den Grundschulunterricht).

Gehorchen und befehlen: eine Kollektivdisziplin

Erkennbar bringen die Förderer der mutuellen Methode bei jeder Gelegenheit in Erinnerung, daß diese Methode keine Mühe hat, den Gehorsam gegenüber einem Chef, einem Vater, einer Obrigkeit oder einem Richter zu lehren, und daß sie zur gewohnheitsmäßigen Unterwerfung unter das heilsame Joch des Gesetzes führt (siehe: Bulletin de la Société pour l’Amélioration de l’Instruction élémentaire, Bulletin der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, Band 8, 1819). Doch ist die in der mutuellen Schule hergestellte Disziplin von völlig anderer Art als in den Schulen der Brüder und erstreckt sich auf alle Belange des um das Ziel des Lernens herum organisierten kleinen Trupps. Die mutuelle Methode führt zu Unterwerfung unter die Kollektivordnung, unter das Gesetz, nicht unter die persönliche Autorität des Maître und eines hinter diesem stehenden Gottes.

Lancaster, Erfinder der mutuellen Methode, befindet sich übrigens noch im Zwiespalt betreffs der Kraft der internen Lerndisziplin und der externen Zwangsmittel bzw. der körperlichen Züchtigungen; in seiner Schule gibt es einen an der Decke aufgehängten Korb, in den der Delinquent gesteckt wird, sowie ein kollektives Joch, unter das die Delinquenten hindurch müssen. Doch faktisch sind dies Korrekturbestrafungen. Der vom Maître einem Kind zur Strafe um den Kopf gelegte Holzrahmen zwingt zum Geradehalten des Kopfes, da er nur bei Drehen des Kopfes schmerzt; hinzu die moralischen Bestrafungen, bei denen der Delinquent dem kollektiven Spott ausgesetzt wird: Eselshaube auf dem Kopf und ein Schild auf dem Rücken, auf welches der Verstoß geschrieben ist, den die anderen Schüler bis zum Verdruß johlend rufen. Das Schild wird übrigens von einem Mitschüler angebracht, vom sogenannten Strafenmonitor.

Der Maître stützt seine Autorität auf das Funktionieren der Gruppe und die Natur der Institution, anstatt sie, wie in den traditionellen Schulen, von seiner Person ausgehen zu lassen.

«Das gesamte Ordnungssystem hängt an der Leichtigkeit, mit der die Autorität eines Monitors von einem Schüler zum anderen delegiert und transferiert werden kann.» Die Autorität läuft durch den gesamten Klassenverband; alle sind mit ihr ausgestattet und alle üben sie aus, bestes Mittel zur Unterwerfung der Rebellen — «die Schüler, die einen lebendigen Geist und aktiven Charakter haben, verstoßen gewöhnlich am häufigsten gegen die rechte Ordnung und sind am schwierigsten zur Raison zu bringen; sie zu Monitoren zu machen, ist das beste Mittel, sie zu korrigieren». [65] «Je weniger der Maître sich bei seinen Schülern zu Wort meldet, um so besser wird ihm gehorcht. Der Maître muß sich aufs Organisieren, Überwachen und Inspizieren beschränken. Es ist das System, das sich Gehorsam verschafft, und nicht der Maître. Befehl ist Befehl, und auch in Abwesenheit des Maître gehorchen die Schüler, weil sie dem System gehorchen.» (Auszüge aus der Lancaster-Übersetzung des Duc de la Rochefoucault-Liancourt, 1815)

Doch was der Mangel dieses Systems ist, eines Systems zwar der Ordnung, aber eben auch der kollektiven Disziplin und delegierten Autorität, spricht das Journal d’éducation, Erziehungsjournal, der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts selbst aus, auch wenn sie dies nur indirekt im Rahmen ihrer Polemik gegen die Anhänger der Brüder tut: «In dieser Einrichtung bildet sich eine vollkommene Hierarchie aus… . Es gibt hier fest eingerichtete Gesetze und eine Verkettung der Gewalten, die so bewunderungswürdig ist, daß man sie nur in einer aufs beste organisierten Gesellschaft erwarten würde,» und das Wesentliche ist «jener Unterschied, daß einer, der in dem einen Moment befiehlt, im nächsten schon gehorcht» (Journal d’éducation, Erziehungsjournal, Band 2, 1816, S. 113)

Lediglich eine Momentaufnahme der Institution würde sie hierarchisch aussehen lassen können. Die Hierarchie ändert sich mit dem Unterrichtsstoff und der Tageszeit. Wenn die Verfechter der mutuellen Schule beschwörend ein ums andere Mal wiederholen «Jedes Ding an seinen Platz, und ein Platz für jedes Ding» und wenn sie fordern, diesen Satz in jedem Unterrichtsraum an der Wand über dem Büro des Maître auszuhängen, dann tun sie dies, weil sie unklar spüren, daß «die strenge und in diesen Einrichtungen als Gesetz waltende Ordnung» lediglich eine von höchst provisorischer Art ist.

Was nun die Dinge an ihrem Platz betrifft, so sind die Tische, Bänke, Lesekreise, die an den Wänden hängenden Lesetafeln und die fest auf den Tischen montierten Schiefertafeln zu nennen; die tatsächlichen Plätze der Schüler aber wechseln beständig, wohingegen in den Schulen der Brüder der Schüler für jeweils immer sechs Monate im Raum fixiert ist, und dies über vier oder fünf Jahre hinweg.

Die im mutuellen Unterricht gegebene Ordnung ist abstrakt und lediglich im schulischen Mobiliar gegenständlich; sie macht aus allen Schülern Gleiche und gesteht einem einzelnen Autorität als Monitor nur provisorisch, für die Dauer einer Übung und nur so lange zu, wie der kollektive Konsens diese Autorität trägt. Eine Art innerer Widerspruch nagt an der mutuellen Methode; im Gegensatz zu dem, was das Journal d’éducation feststellt, ist der Gehorsam der Kinder gegenüber ihren aus dem eigenen Dunstkreis zum Chef erhobenen kleinen Kameraden nicht etwa passiv, sondern von dem Willen getrieben, deren Platz einzunehmen.

Die mutuelle Schule ist tatsächlich eine «Lehre des Befehlens durch Gehorchen». [66] «Als Mittel moralischer Disziplinierung hat die mutuelle Methode in England all ihren Wert bewahrt. Wie der Senior in den Sekundarschulen, repräsentiert in den Grundschulen der Monitor – wenn auch zweifellos mit gewissen Einschränkungen – die Gerichtsbarkeit von Gleichen über Gleichen, die Autorität eines durch gemeinsame Übereinkunft akzeptierten Gesetzes, und es sind die Übungen, denen der vereinbarungsgemäße Chef vorsteht, insgesamt nichts anderes als eine Lehre des Befehlens durch Gehorchen» (E. {sic!} Rendu, De l’instruction primaire à Londres dans ces rapports avec l’Etat social, Vom Grundschulunterricht in London und dessen Beziehungen zum gesellschaftlichen Staat).

Der Weg zur Entschärfung der Institution ist klar, nämlich den Monitor auf Dauer zu ernennen und mithin den Typus des guten Schülers zu erschaffen, oder desjenigen Schülers, der den anderen vom Alter her voraus ist und der seinen kleinen Kameraden beim Lernen hilft. Die gemischte Methode, welche die mutuelle Methode im Rahmen der Methode der Brüder rückvereinnahmt, wird diese Praktik insbesondere zu Ehren bringen: Bevor die Monitore ihre Klasse betreten, besuchen sie einen eigens für sie eingerichteten Sonderkurs. Die abstrakte Maschine des mutuellen Unterrichts ist zerbrochen; der Strom der Schüler, der sich zuvor entsprechend der Zahl der Lernfächer geteilt hatte, wird nun von Altersklassen zerschnitten und von Unterchefs geleitet – die so erzeugte Hierarchie ist starr.

Anfänglich stützt jene Hierarchie sich auf Alter und Verdienst, auf «wirkliche Größen in der Welt der Autorität» (Journal d’éducation, Erziehungsjournal, Band 1), bald schon aber sucht sie ihre Stütze einzig noch im Alter; indem sie so zu einer biologischen Hierarchie wird, muß sie sich nicht mehr auf kollektive Vereinbarung berufen und wird deshalb weniger angreifbar. Nach und nach werden die Altersunterschiede der Kinder einer Klasse deutlich geringer, und Verdientheit wird als Kriterium für die Ernennung zum Monitor schließlich ganz abgeschafft. Bei der gemischten Methode werden die Klassenältesten Monitore. Es rührt sich nichts mehr in der Schlacht um das Wissen, sie wird faktisch nicht mehr geschlagen.

Das militärische Modell

Die noch ganz frische kollektive Erfahrung in den Revolutionsarmeen ist Bezugspunkt für die mutuelle Schule, die übrigens während der sogenannten «Hundert Tage»{ } eingeführt wird; mit der mutuellen Schule will Napoleon die Kinder von klein auf an zu guten Soldaten machen.
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{ } kurzzeitige Rückkehr Napoleons aus dem Exil an die Macht

Es ist auffällig, daß die von kollektivistischem Geist getragenen pädagogischen Innovationen meistens in turbulente Zeiten fallen und praktisch alle mit der Militarisierung oder zumindest Militantisierung der Kinder einhergehen: [67] Makarenko in der UdSSR, das derzeitige China, Déligny im besetzten Frankreich wie dann auch nach der Befreiung.

Wie ihre Begründerin selbst beschwor, dient die mutuelle Methode der Einführung militärischer Disziplin und Pünktlichkeit in der Schule. «Was es in der militärischen Disziplin an Nützlichem und Gutem gibt, wie Ordnung, Gleichförmigkeit und Gewissenhaftigkeit, sind hier die Grundfundamente» (Journal d’éducation, Erziehungsjournal, Band 1, 1816). «Hauptsächlich gesehen werden muß die Fruchtbarkeit jener Arbeitsfeinteilung sowie jene abgestufte Unterordnung der einzelnen untereinander… . Auf solche Weise läßt man die große Vielzahl sich bewegen, auf solche Weise lenkt ein einzelner Mann eine große Armee und macht, daß alle mit Präzision für das gemeinsame Ziel handeln» (Rapport sur l’instruction primaire et spécialement sur l’école établie au collège de Lisieux, rue Saint Jean de Beauvais (première école mutuelle de France) par l’abbé Fraissinous, F. Cuvier et G. Cuvier, le 7 novembre 1815,

Bericht über den Grundschulunterricht und insbesondere über die beim Kolleg von Lisieux, rue Saint Jean de Beauvais (erste mutuelle Schule in Frankreich), bestehende Schule, von Abt Fraissinous, F. Cuvier und G. Cuvier, den 7. November 1815).

Es ist übrigens die Armee, die unverzüglich beginnt, allgemein mutuell zu unterrichten. Ein Rundschreiben des Kriegsministers vom Oktober 1818 gibt Befehl, daß von jeder militärischen Abteilung und von allen Wachregimentern ein Offizier und Unteroffizier abzuordnen sei, um an einem Normalkurs in mutuellem Unterricht teilzunehmen und sich zu befähigen, anschließend einen mutuellen Kurs in ihrem Regiment anzubieten.

Das Vorbild der mutuellen Schule ist die Armee im Gefecht, in Aktion. Die Kasernenschule der Brüder aber ist der Grabenkrieg, ist Ruhighalten der Soldaten wie in Friedenszeiten.

Die Resultate jener militärischen Vorbereitungsschule sind im Augenblick der Einberufung hoch geschätzt. Vom Jahr 1828 an wird vom Musterungsausschuß systematisch geprüft, ob die Einberufenen alphabetisiert sind. Im Jahr 1828 können in den nordöstlichen französischen Departments 66 Prozent der Einberufenen lesen und schreiben und in Südwestfrankreich nur 33 Prozent, im landesweiten Durchschnitt sind es 43 Prozent. Dieser Durchschnittswert ist im Jahr 1852 auf 62 Prozent gestiegen, während sich das regionale Ungleichgewicht allerdings noch verschärft hat.

«Der Grundschulunterricht ist im Interesse der ins Zivilleben zurückkehrenden Unteroffiziere und Soldaten zu betrachten… . Der Geist von Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit und Ordnung ist dem vormaligen Soldaten Gewohnheit geworden… . Er weiß einem Vorgesetzten Respekt entgegenzubringen und sich Respekt zu verschaffen, wenn er selbst Vorgesetzter wird» (Discours sur les progrès accomplis dans l’instruction élémentaire de la France, prononcé à la Sorbonne le 27 juillet 1856 par M. Le baron Charles Dupin, Rede über die im Grundschulunterricht Frankreichs erzielten Fortschritte, gehalten an der Sorbonne am 27. Juli 1856 von Herrn Baron Charles Dupin). [68]

Von der Kasernenschule zur Schule der Arbeit

Krieg ist nicht der gesellschaftliche Normalzustand. Es werden der mutuellen Schule ihre militärischen Abläufe vorgehalten, oder kurz gesagt, daß es in ihr überhaupt Abläufe gibt. Die Totenstarre der Schule der Brüder zieht nach und nach in die Werkstätten ein, und es hat diese Werkstattdisziplin der Bezugspunkt für die Schule in Friedenszeiten zu sein. Die Schule hat die Kinder nicht in Bewegung zu versetzen, nicht einmal in Richtung auf das Wissen. Die Beunruhigung über die möglichen Wirkungen der mutuellen Schule greift um sich. Dies auch unter ihren Förderern, die zunächst lediglich warnen: «Wir kommen zum Ende dieses ersten Teils und rufen dem Maître in Erinnerung, einer Schule für Kinder vorzustehen, von denen die meisten zu mühereichen einfachen Tätigkeiten und Berufen bestimmt sind. Er darf sich daher nicht mit dem Unterrichten des Lesens, Schreibens und Rechnens begnügen; vielmehr hat er die Kinder in auch den kleinsten Dingen an Gewissenhaftigkeit zu gewöhnen und sie häufig an das große Prinzip zu erinnern, das da lautet: Was immer ihr auch tut, macht es gut» (Journal d’éducation, Erziehungsjournal, Band 2, 1816). Die Beunruhigung ist allzu groß; der Maître soll seine Schweigsamkeit aufgeben und moralische Ermahnungen zu Gehör bringen.

Handbücher, Ratgeber, Journale und Fragebögen der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts rieseln unablässig auf die Lehrkräfte herab; dies zielt von Anfang an auf die Begrenzung der pädagogischen Ambitionen, der zulässige Unterrichtsstoff wird genau festgelegt und es wird der unter der Julimonarchie schließlich eingeführten Inspektion der Weg bereitet. Mit der Vereinheitlichung der Lesebücher und Schriftmodelle wird auf Kontrolle gesetzt.

Nicht ist eine Armee kollektiv in Marsch zu setzen und zum Wissen oder zum Sieg zu führen; was stattdessen Führung benötigt, sind die Stätten zur Produktion gelehriger Arbeiter. Durchweg betonen die in Frankreich für den mutuellen Unterricht verfaßten Handbücher die den Kindern aufzuerlegenden Bewegungsabläufe – deren Ordentlichkeit, Gleichförmigkeit, Disziplin – und unterscheiden sich diesbezüglich vom Originaltext {Lancasters}, der auf die kollektive und institutionelle Natur der eingesetzten Autorität, auf deren fortgesetzte Delegation von Schüler zu Schüler wie auch auf die kollektive Natur der Disziplin verweist.

Die Brüder haben die Schule des arbeitenden Untertanen in Dienst gestellt, eine Schule, in der Autorität nicht umläuft und ständig der gleichen Person zugeeignet ist, welche bestimmt, an wen sie ihre Autorität delegiert. Nicht ist den Kindern das Befehlen durch Gehorchen beizubringen, wie es in den revolutionären Armeen war, wo die in der Schlacht dezimierten vordersten Linien einschließlich der ausgefallenen Führungskräfte pausenlos wiederaufgefüllt werden mußten. [69]

Vielmehr sind «die Kinder in die Lage zu versetzen, eines Tages vor der Geißel des Elends sicher zu sein, indem ihnen die Liebe zur Arbeit sowie der Geist der Ordnung, Sparsamkeit und Vorausschau eingepflanzt wird» (1823, circulaire royale pour recommander les frères pour la direction des écoles de charité, Königliches Rundschreiben, mit dem die Brüder zur Leitung der Wohltätigkeitsschulen zurückbeordert werden).

Eine Art bleiernen Überwurfs umfängt die Schule, eine allgemeine Starre. Die Zusammenführung der Kinder im Kollektiv stößt auf keinerlei Interesse mehr, stattdessen soll ein jeder den für Körper und Geist vorgegebenen Normen des grundschulisch zertifizierten guten Arbeiters angepaßt werden, und es sollen für einen jeden die Ergebnisse bezüglich der diesbezüglichen Konformität gemessen werden. Jedes Kind durchläuft die Schulemaschine als Einzelwesen; sollten sich währenddessen Kollektivphänomene ergeben haben, firmieren diese als Täuschung, Lärm und Geschrei, Außergesetzlichkeit. Der freie oder gezwungene Arbeiter trägt Scheuklappen, hält seine Augen immerzu fest auf seinen Herrn und Meister gerichtet und würdigt die Kameraden neben sich keines Blickes. Schule wird die Maschine zum Austreiben des Désirs zu lernen. Eine der wirklich fundamentalen Charakteristiken des Lernens ist Umkehrbarkeit: in kollektiver Tätigkeit jemanden etwas lehren und von jemandem etwas lernen. Ein Kollektiv, das sich Ketten, Fesseln und Joche der Individualität auferlegt, lernt nicht. [70=Leerseite; 71]

Weswegen haben die Brüder gewonnen?

Eine erste Antwort findet sich bereits in dem Porträt einer Klassenschule, welche die Kinder im Kollektiv zusammenführt, um sie das Lesen, Schreiben und Rechnen als etwas erobern zu lassen, das zum Repertoire der durch körperliche Gewöhnung erworbenen Fähigkeiten des guten händischen Arbeiters zu gehören hat. Ein Echo dieser Antwort findet sich in der Arbeit einer anderen Gruppe des CERFI zum Thema der crèche, der Kinderkrippe. Die Kinderkrippen sind zeitgleich mit den mutuellen Schulen aufgekommen und hatten weitgehend die selben Initiatoren. Wie die mutuelle Schule, wurden auch die Krippen abgewürgt, allerdings nicht so restlos erfolgreich; im Jahr 1975 gab es lediglich noch 32.000 Krippenplätze. Dem Ausbau der Krippe – Ort des Kollektivkorps der Kinder – ist der Ausbau der école maternelle bzw. der Vorschule – Ort der Lehrerin-Kind-Beziehung – vorgezogen worden (siehe: Garde d’enfants et famille conjugale, Kinderverwahrung und eheliche Familie, CERFI, 1975).

Zuträgliches und Unzuträgliches der Methode der Brüder

Als die Brüder am Ende der Julimonarchie ihren Sieg feiern, sind die Charakteristiken der mutuellen und der simultanen Methode weitgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit und, schlimmer, auch aus dem der Lehrkräfte verschwunden. Davon zeugt Louis-Arsène Meunier, treibende Kraft von L’écho des instituteurs, Das Echo des Lehrers, einem der ersten engagierten und von Januar 1845 bis Juni 1850 erschienenen Journale der Lehrerschaft. «Diese allgemeine Arbeitsweise, die das eine Mal mutuell und das andere Mal simultan genannt wird…» (S. 42 von Lutte du principe clérical et du principe laïc, Kampf zwischen dem klerikalen und dem laizistischen Prinzip, im Jahre 1861 in Paris erschienene Wiederauflage seiner Beiträge)

Die Rückvereinnahmung oder, richtiger gesagt, die Zerschlagung der Innovation ist so vollständig gelungen, daß nicht die mutuelle und die simultane Methode als solche, sondern nur noch die laizistische und die kongreganistische Referenzideologie der Lehrkräfte als unvereinbar begriffen werden. [72] Es kündigt sich die Schlacht für die laizistische Schule an, für eine Schule, deren pädagogische Form allerdings von den Brüdern herkommt.

Im übrigen erwecken die Beiträge von Louis-Arsène Meunier den Eindruck, als würden sich die rückwärtsgewandten Charakteristiken jener pädagogischen Form im Laufe des sich unter den beiden Monarchien abspielenden Kampfes um die Frage, welche der beiden Methoden siegen sollte, sogar noch verstärken.

Für die laizistische, demokratische und auf französische Art sozialistische Lehrkraft, die sich unter Einsatz ihres Lebens in die revolutionäre Schlacht von 1848 wirft, stehen die Brüder für Routine, Schweigen, Unbeweglichkeit, vor der Brust verschränkte Arme und den offenkundigen unguten Willen, die Kinder nicht nur in Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten, wozu sie gemäß ihrer Statuten streng verpflichtet sind, sondern sie auch etwas anderes zu lehren. Als im Jahr 1843 das Zentralkomitee für öffentlichen Unterricht die Fächer Grammatik, Geschichte, Geographie und Strichzeichnen hinzufügt, weigern sich die Brüder entschlossen, diese neuen Gegenstände zu unterrichten; abgesehen vom Strichzeichnen werden sie wohl nur eingeführt, um den Religionsunterricht ersetzen und dessen Rolle der Massendisziplinierung übernehmen zu können. Um da, wo bei Beschränkung auf Lesen, Schreiben und Rechnen 18 Unterrichtsmonate ausreichen, einen auf vier Jahre angelegten Lehrplan aufzustellen, müssen mehr Unterrichtsgegenstände herbeigeschafft werden; den Kindern einen Sinn für Geographie und Geschichte und mithin für den Nationalstaat mitzugeben, ist nicht ohne Nutzen und ihrem Durchstreifen von Zufallslektüren in den Almanachen jedenfalls vorzuziehen. Wie das Beispiel von Pierre Rivière vor nicht langem erst zur Genüge bewiesen hatte. Doch so weit reichen die Betrachtungen von Louis-Arsène Meunier nicht; er begnügt sich mit den einer Lehrkraft eigentlich obliegenden und ihm keinerlei Probleme bereitenden zwei Missionsaufgaben: Unterwerfung der Kinder unter den Staat und Einpflanzen der Arbeitsmoral.

Wie alle guten Lehrer, die ihre Arbeit gut tun wollen, wünschte auch Louis-Arsène Meunier nicht mehr, als eine effektive Lehrkraft zu sein, und dies wünschte er selbstverständlich auch für alle anderen Lehrer, die ihren Unterricht so weit als möglich am Gesetz orientieren sollten. Und nur in dem Maß, in dem die Brüder von diesem Gesetz abweichen, entnerven sie ihn; sie entnerven ihn als schlechte Lehrkräfte, die ihre Missionsaufgabe nicht richtig erfüllen, nämlich einem jeden das Désir nach Vervollkommnung mitzugeben. Die von Louis-Arsène Meunier gegebene  Analyse des Lehrbetriebs der Brüder unterscheidet sich kaum von der Analyse, die jeder gute wie auch jeder erfolgreich mit dem gesellschaftlichen Rand arbeitende Lehrer bezüglich des Unterrichts seiner Kollegen bzw. bezüglich des konventionellen Lehrbetriebs anstellt.

«Die Brüder wollen partout für sich in Anspruch nehmen, es besser als die laizistischen Lehrkräfte zu verstehen, die Kinder zu disziplinieren und bravzumachen. [73] Die Schüler der christlichen Schulen werden in der Tat eine wohl wache und robuste Seele haben müssen, um nicht von den dort sehr energischen Disziplinierungsmitteln überwältigt und eingeschläfert zu werden» (S. 21). Meunier zufolge besteht der Unterricht der Brüder aus stumpfsinnigem Abschreibenlassen, Wiederholen und Auswendiglernen. Nach Ablauf von sechs Jahren könnten die Kinder kaum lesen und schreiben. Die verwendeten Kalligraphien dienten lediglich der Disziplinierung und seien für das Erlernen des flüssigen Schreibens unbrauchbar; es werde mit aufgesetzter und nicht mit fliegender Hand geschrieben.

Die Brüder machen jegliches Wissen, das sie vermitteln, zu etwas restlos Sterilem, indem sie alles in Disziplinierungsinstrumente verwandeln. Das Désir der Kinder zu lernen, wird in Disziplinierung umgelenkt. «Nicht nur führt der kongregationistische Unterricht zu keinen Ergebnissen, sondern er setzt auch außerstande, jemals irgendetwas lernen zu können» (S. 35). «Alles, was man ihm (dem ehemaligen Schüler der Brüder) beibringen kann, ist die mechanische Seite seiner Tätigkeit. Er wird immer ein unvollkommener und unvollständiger Arbeiter bleiben, ganz und gar unfähig, seine Arbeit selbständig auszuführen oder gar andere in ihrer Arbeit anzuleiten. Er ist verurteilt, sein Leben lang ein einfacher, wenig nachgefragter und schlecht bezahlter Geselle zu sein» (S. 43).

Hier wird die Blässe der Analyse von Louis-Arsène Meunier sichtbar, der sich in den Mauern der Schule einschließt, wie die heutigen Frauen dies in den Mauern ihres Geschlechts tun. Falls es Ziel der Grundschule sein sollte, alle zu befähigen, die anderen in ihrer Arbeit anzuleiten, wer sollten diese anderen dann sein? Immigrantische Arbeiter und Analphabeten, die aus Ländern kommen, in denen die Grundschule, Gott-sei-Dank!, noch nicht Pflicht ist? Oder gründet der Triumph der Brüder nicht gerade in einer in den Fabriken und Büros bestehenden Arbeitsorganisation, die präzise nach unvollkommenen und unvollständigen Arbeitskräften verlangt, nach Arbeitern, die unfähig sind, ihre Tätigkeiten selbständig auszuführen oder die der anderen sogar anzuleiten? Woher kommt es, daß der Arbeiter, dessen Bild den innovatorischen Lehrkräften oder auch den Vertretern der Arbeiterbewegung vorschwebt und an den die letztere sich wenden, ein vorkapitalistischer Handwerker oder jemand ist, welcher der sehr kleinen Minderheit der qualifizierten Arbeiter angehört.

Louis-Arsène Meunier führt drei Gründe für den Erfolg der Brüder an: Die strenge Disziplin in ihren Klassen gefällt der öffentlichen Meinung. «Es wird die dort herrschende perfekte Ordnung und Stille geliebt: Was für brave Kinder und was für eine gut geführte Schule!». Als zweites genannt sind die den Brüdern zukommenden wohltätigen Zuwendungen, dank derer der Schulbesuch wie auch die Lernmaterialien kostenfrei sind; kostenfreier Unterricht wird erst zu Beginn der Dritten Republik allgemein eingeführt, Louis-Arsène Meunier aber schreibt gegen Ende der Julimonarchie, als ausschließlich Kinder, deren Eltern Hilfeleistungen erhalten, die kommunale Schule kostenfrei besuchen dürfen. Als drittes genannt ist die Protektion, die den Brüdern vom Klerus und von der Regierung, von den zwei einzigen konstitutionellen Gewalten des Königreichs, zuteil wird. [74]

Doch sieht er ganz einfach nicht, wie sehr der Unterricht der Brüder, die von ihnen auferlegte Disziplin und die Disziplin der Werkstätten einander gleichen. Eben genau diese Gleichheit herstellen wollte die Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, die glaubte, dies mit der mutuellen Methode erreicht zu haben, nur um schließlich die Methode der Brüder als die richtige erkennen zu müssen. In Werkstatt und Schule muß alles unternommen werden, um in der Masse der Arbeiter Phänomene kollektiven Désirs zu verhindern, die Aufgaben müssen so weit als möglich vereinzelt, die Verhaltensweisen so weit als möglich uniformisiert, die Gruppen segmentiert werden; die Kooperation ist zu zerschlagen, keine Gespräche dürfen aufkommen und die Kommunikation ist hierarchisch zu kontrollieren. Vermag die Schule, sich den Regeln antikollektiver Arbeitsorganisation zu entziehen, ohne einen Grundsatzstreit gegen diese Regeln zu führen?

Unaufhörlich führen Neuerer unter den Lehrkräften verdeckt gehaltene Angriffe auf diese Regeln, niemals aber stellen sie den Rechtfertigungszauber der schulischen Mission direkt in Frage und bleiben so selbst in diesem Zauber gefangen — haben wir nicht das Wissen unter das Volk zu bringen!? Und immerzu wundern sie sich über das Wenige an Macht und Geld, das ihnen für ihr hehres Tun zukommt. Bereits Louis-Arsène Meunier legt dar, daß das Gesetz Guizot aus dem Jahr 1833, mit dem jede Gemeinde zur Eröffnung einer Schule verpflichtet wird, den Grundschulunterricht in die Abhängigkeit aller auf lokaler Ebene verfaßten Gewalten bringt und die Maschine so von vornherein zu völliger Trägheit verdammt. Sich selbst erklärt er das mit der Annahme, die aus der Julimonarchie neu hervorgegangenen Machthaber würden nicht gewußt haben, ob sie sich auf lokaler Ebene auf den Klerus verlassen könnten, da dieser hinter der Vorgängerregierung gestanden habe. Falls der Klerus sich verweigert hätte, hätte an die mit dem Gesetz Guizot in Stellung gebrachten staatsbeamteten Lehrkräfte der Ruf ergehen können, zum lokalen Räderwerk der Staatsmacht zu werden. Doch als deutlich geworden sei, daß der Klerus seiner Gewohnheit folgen und sich an die bestehenden Machtverhältnisse anlehnen würde, sei er seiner hohen moralischen Autorität wegen oben gehalten worden und die Lehrkräfte hätten sich daraufhin ins Abseits gestellt gesehen.

Worum geht es dem Lehrer? Um die moralische Oberautorität sowie um Teilhabe an der regierenden Macht im Lande. Doch das ökonomische Funktionsmodell, das er mit seinem unbegrenzten pädagogischen Désir befördert, macht ihn gefährlich — man würde Risiko laufen, keine Arbeiter mehr zu finden. Der gute Lehrer ist immer einer der ersten, der zum Opfer der Unterdrückung von Massenbewegungen wird. Das helle Auflodern der Macht der sozialistischen und republikanischen Lehrkräfte zu Beginn der Zweiten Republik unter dem Minister Hyppolyte Carnot ist von nur kurzer Dauer. Der Grundschulunterricht wird im Jahr 1850 unter die direkte Aufsicht der Präfekten gestellt, die das Recht haben, falschem Gedankengut anhängende Lehrer abzuberufen; dieses Recht bleibt ihnen bis zum Jahr 1945, von dem ab die Aufsicht unmittelbar durch den Berufsstand ausgeübt wird. [75]

Zuträgliches und Unzuträgliches der mutuellen Methode

Die Parteigänger der mutuellen Methode, ihre Förderer, haben der auch als simultan bezeichneten Methode der Brüder niemals Kritiken von der Art beigebracht, wie es die sozialistischen und republikanischen Lehrkräfte und die Arbeiterbewegung getan haben.

Im Gegenteil hatten sie als fortschrittsorientierte Industrielle sowie als hohe Beamte lediglich eine schnellere Disziplinierung der breiten Masse angestrebt. Für sie stand die mutuelle Methode nicht wirklich im Gegensatz zur traditionellen Methode, der individuellen.

Auf letztere beziehen sie alle ihre Berechnungen: Die jährlichen Kosten für die Erziehung eines Kindes betragen bei unserer Methode vier Franc, bei der traditionellen Methode 18 bis 30 Franc, so ist es im ersten Band des Journal d’éducation, im Erziehungsjournal der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts zu lesen.

Die mutuelle Methode ist vor allem eine Zeit und Geld sparende Methode, um dem Soldaten, Arbeiter und Staatsbürger das Minimum an notwendigem Wissen aufzupfropfen. Jenes Wissen wird von den treibenden Kräften der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts als eine Art von Impfstoff gegen die ansteckende Krankheit namens Unwissenheit zusammengestellt; der Impfstoff wie der Unterricht werden im übrigen von den selben Leuten propagiert

Die Zeitschrift jener Gesellschaft ist mit Berechnungen gespickt, die die mutuelle Methode als einziges Mittel zur Beschulung ausnahmslos aller bedürftiger Kinder vorstellen wollen. Im Band 3 ist beispielsweise zu lesen, es könnten im ersten Pariser Stadtbezirk anstatt der aktuell (im Jahr 1816) 800 Kinder in 32 Schulen, für deren Betrieb den Eltern und Wohltätigkeitsbüros Kosten von insgesamt 30000 Franc entstünden, unter Einsatz der mutuellen Methode drei Schulen eröffnet werden, von denen eine jede 800 Kinder aufnehmen könne, was zu Gesamtkosten von nur 15000 Franc führen würde. «So könnten alle Kinder, die nicht zu Hause oder im Kolleg unterrichtet werden, die eines Unterrichts aber bedürfen und deren Zahl auf 2500 geschätzt wird, dank der neuen Methode Grundschulunterricht erhalten.»

Die Überlegungen der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts gehen in die Richtung, für jedes Stadtviertel eine einzige Schule vorzusehen, welche die vielzähligen Kleinschulen mit ihren weniger als 20 Kindern, den zwangsläufig miserablen Lehrern und den viel zu lästigen Eltern ersetzen sollen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist die mutuelle Schule übrigens erst ab einer Mindestzahl von 100 Kindern tragfähig. Zwangsläufig macht sie das zu einer Schule für die Stadt; ihre Verbreitung im ländlichen Bereich zur Beschulung der dortigen Kinder würde Zusammenlegungen von Gemeinden erfordern. [76] Hier kommen erhebliche Zweifel auf, denn es fehlen noch die zur Kontrolle der Kinder auf dem Schulweg geeigneten Transportmittel.

Der unter allen Gesichtspunkten «einzige Vorteil der mutuellen Schulen» ist es, daß «sie in den einwohnerstarken Städten die Beschulung einer großen Zahl von armen Kindern mit nur einer einzigen Lokalität und einer einzigen Lehrkraft möglich machen» (Bericht eines Mitglieds der königlichen Akademie der Stadt Caen über die mutuelle Schule der Stadt Cherbourg aus dem Jahr 1819).

Doch sogar dieser Vorteil ist nicht sehr augenfällig; falls die in der Lokalität versammelte Kinderschar sehr groß ist, verlangen die in der mutuellen Schule üblichen Bewegungsabläufe nach sehr viel Raum. Allein in kirchlichen Gebäuden finden sich Säle von ausreichender Größe. In ihrem Gründungsjahr 1815 gelingt es der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, Kirchengebäude, die seit der Revolution entwidmet sind, in Nutzung zu nehmen und kann vier Schulen gründen. Doch für die zwölf in Planung stehenden weiteren Schulen gibt es Probleme; um sie bauen zu können, wären Kredite aufzunehmen.

Die mutuelle Schule startet mit einem schweren Handicap, wohingegen die Schule der Brüder keine speziellen Räume benötigt. Sie kann sich mit irgendwelchen ausreichend großen und hellen rechteckigen Sälen begnügen. Zudem ist sie die Schule, die Religionsunterricht erteilt, von der Kirche bevorzugt unterstützt, gefördert und mit Räumen versorgt wird.

Die hauptsächlichen Vorteile der mutuellen Schule gegenüber der Schule der Brüder liegen in der Einzähligkeit des Lehrpersonals und den entsprechend niedrigeren Besoldungskosten sowie in der entsprechend niedrigen Beitragsbelastung für die Familien; doch diese Vorteile tragen nicht unbedingt. Die Einzähligkeit des Lehrpersonals macht die Einrichtung eines ganzen Systems lokaler und nationaler Überwachung erforderlich, welche die Moralität und Religiosität des Unterrichts sicherstellt, was zudem bereits schon vor Einsatz des Lehrpersonals durch dessen ausreichend langdauernde Ausbildung gewährleistet sein sollte.

Wenn die Brüder doch nur zur mutuellen Methode überwechseln und so ihren Unterricht kostengünstiger machen würden, wie schön einfach wäre dann alles. Die Methode der Brüder, «die beste von allen vorhandenen» (Journal d’éducation, Erziehungsjournal, Band 1), würde sich enorm verbessern, und man stünde nicht mehr vor dem schwierigen Problem mit den Budgets und Krediten, das man bisher mehr schlecht als recht mit Subskriptionen löst sowie mit einem Teil der 50000 Franc an Subvention für den Grundschulunterricht, die jedes Jahr neu von der Abgeordnetenkammer abgestimmt werden müssen. [77]

wird fortgesetzt

 

Diskussionen

6 Gedanken zu “l’ensaignement – Die Grundschule – Teil 4

  1. Die Schule ist tot. Es lebe die Schule! Abra-Kadabra: Aus 11 Jahren mache eins…

    Wir schreiben das Jahr 2020, Planet Erde, Rußland, Schwarzmeerregion, Waldinternat Tekos, gemischtaltrige Schüler unterrichen einander — wie einfach alles ist ==> zum Text-Link:

    https://www.sein.de/die-tekos-schule-11-jahre-schule-in-einem-jahr/

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    Verfasst von No_NWO | 16. August 2020, 14:57
  2. Großartig, dass ihr hier das übersetzt! Vielen Dank dafür!

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    Verfasst von Georg Huber | 20. Januar 2020, 21:41

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  1. Pingback: l’ensaignement – Die Grundschule – Teil 8 | Linke Zeitung - 18. Februar 2020

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