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Geschichte, Kultur

l’ensaignement – Die Grundschule – Teil 3

von Anne Querrien

Übersetzung: Loup

Der Text erschien in der französischen Zeitschrift «recherches», Ausgabe Nr. 23 , Juni 1976, S. 5 – 189.
Ensaignement ist ein Wortspiel aus Enseignement (Unterricht) und Ensaignée (Aderlaß); l’école primaire = Grundschule

Teil 1: https://linkezeitung.de/2019/12/21/lensaignement-die-grundschule-teil-1/
Teil 2: https://linkezeitung.de/2019/12/28/lensaignement-die-grundschule-teil-2/

Die Aufstellung der Armee der Arbeit

Im Jahr 1816 ist die kollektive Zusammenführung der Kinder zum Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens eine pädagogische Methode, welche zunächst an Hilfebedürftigen und Waisen den – zweifellos an potentiell allen Kindern wiederholbaren – Beweis angetreten hat, Kinder zu guten Arbeitern machen zu können; in der Pädagogik ist diese Methode bereits die Regel, in der Realität ist sie dies noch nicht; die meisten Landschulen werkeln mit nicht mehr als Bordwerkzeug, ihre Lehrkräfte sind nicht ausgebildet und häufig Männer, die sich nicht für andere Tätigkeiten eignen. Landschullehrer werden so schlecht bezahlt, daß dieser Beruf damals die letzte Wahl war und meistenfalls eher kurzzeitig ausgeübt wurde.

Die Industriellen und Spitzenbeamten, die zwei neu entstandenen gesellschaftlichen Schichten, setzen sich an die Spitze der Bewegung für eine Beschulung der Kinder und gründen im Jahr 1815 die Société pour l’Amélioration de l’Instruction élémentaire, die Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts. Diese kämpft für die Anwendung einer pädagogischen Methode, die sich schon seit 20 Jahren in einigen Grundschulen Englands bewährt hat; es ist dies die mutuelle Methode, die in Frankreich bis dahin allerdings ausschließlich im enseignement supérieur, im Hochschulbereich, zum Einsatz gekommen ist, insbesondere an der in diesem Bereich führenden, im Jahr 1747 gegründeten Ecole nationale des Ponts et Chaussées, an der Nationalen Schule der Verwaltung für Straßen-und Brückenbau.

Die mutuelle Methode ähnelt der von Jean Baptiste de la Salle, da sie gleichfalls auf kollektive Organisation des Lernens der Kinder setzt. Doch im Vergleich mit der Methode der Brüder besitzt sie zahlreiche Vorzüge. [40] Für die Industriellen und Spitzenbeamten ausschlaggebend sind die folgenden:

− Sie ist deutlich schneller als die von De la Salle; anstelle von fünf oder sechs Jahren braucht ein Kind für das Erlernen des Lesens und Schreibens lediglich zwei Jahre;

− sie ist deutlich wirtschaftlicher; neben der Zeitersparnis erlaubt sie einer einzelnen Lehrkraft, eine praktisch unendliche Zahl an Kindern zu unterrichten, was seine Grenzen erst in der bautechnisch gegebenen maximalen Aufnahmegröße von Sälen findet, die damals bei etwa 500 Kindern lag.

Die mutuelle Methode sieht keine direkt unterrichtende Lehrkraft vor, da lediglich Gruppen von jeweils 10 Kindern, die sich selbst Unterricht geben, zu beaufsichtigen sind und diesen Gruppen anzugeben ist, wann sie zur nächsten Unterrichtseinheit überzugehen haben. Mit der Methode der Brüder können einzelne Lehrkräfte maximal 50 Kinder unter sich haben, zudem wird die Zeitspanne, in der ein Kind aktiv ist, lächerlich kurz. Wieviele Kinder auch in einer mutuellen Schule versammelt sind, lernt ein Kind dort fünfmal so lange aktiv, wie es dies in einer Klasse der Brüder mit 50 Kindern tun würde. Die Zeit aktiven Lernens wird erst gleich lang, wenn eine Klasse der Brüder aus lediglich 10 Kindern bestehen würde. Die Schnelligkeit der mutuellen Methode läßt sich mit diesem Vergleich gut erfassen.

Die mutuelle Methode eignet sich für große wie für kleine Kindergruppen, selbst für solche mit weniger als 10 Kindern. Die Schülergesamtzahl einer Klasse ist für ihre Anwendung unerheblich, was die Methode in Großstädten wie in kleinen Dörfern und Weilern einsetzbar sein läßt. Übrigens ist jene Methode aktuell vor sehr kurzer Zeit erfolgreich von Bauernkindern genutzt worden; die sieben «Kinder von Barbiana», die von den kommunalen Schulen abgewiesen worden waren, haben ihre Schulabschlußzeugnisse daraufhin in dem kleinen italienischen Bergweiler Barbiana unter Anleitung eines Priesters erlangt (siehe: Lettre à une maîtresse d’école, Brief an eine Schullehrerin, von den Kindern von Barbiana, Verlag: Editions Mercure de France).

Jean Baptiste de la Salle hat seinen Lehrbrüdern zur Regel gemacht, eine Schule immer mindestens zu dritt zu betreiben. Dann läßt sich dem dritten im Bunde, dem Bruder Direktor, heimlich Bericht erstatten, und es muß nicht offen miteinander gestritten werden. Diese Regel hat die Lehrbruderschaft zugleich genötigt, die Ausbreitung ihrer Institution auf die Städte zu beschränken. [41]

Von daher steht sie gewissermaßen nicht auf der Höhe der nun ins Auge gefaßten Zielsetzung, Bauernkinder zur Arbeit zu erziehen. Doch an die Stadt gebunden ist lediglich die Gemeinschaft der Brüder der christlichen Schulen, nicht deren pädagogische Methode. Werden laizistische Lehrkräfte auf diese Methode hin ausgebildet und finden sich eine oder mehrere Persönlichkeiten, um diese Lehrkräfte vor Ort so zu überwachen, wie es die Brüder unter sich tun, wäre die Methode der Brüder für die Beschulung des ländlichen Bereichs ebensogut einsetzbar wie die mutuelle Methode.

Von beiden Methoden läßt sich sagen: «Die Methode ist eine solche, daß sie der Unwissenheit keine Auswege läßt. Werden die Kinder in die Manufakturen aufgenommen allein, wenn sie die Abendschule besuchen, werden sie dies tun.» (Bulletin der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, Journal d’éducation, Erziehungsjournal, erstes Trimester 1817)

Warum möchten die Industriellen die Kinder zumindestens am Abend in der Schule haben? Weil am Abend die Arbeiterversammlungen stattfinden, in denen Revolten und Streiks vorbereitet werden; dem sollen die Kinder durch den abendlichen Schulbesuch ferngehalten werden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts liegt die ostfranzösische Unternehmerschaft am weitesten vorn im Land und fördert Einrichtungen, die ihr, wie auch die Schule, alle zu einem friedfertigen und gesunden Proletariat verhelfen sollen. Die Schule für die Kinder, für die Erwachsenen der von einem Garten umgebene Pavillon in der Arbeiterstadt. Wie der folgende Text aus dem Jahr 1850 zeigt, kämpft Villermé, großer Streiter für den Schulbesuch der Kinder, zugleich für die Arbeiterstadt: «Der Bürgermeister der Stadt Mulhouse hat für 36 zu seinen Bauwerkstätten gehörende Haushaltsvorstände Wohnungen errichten lassen, für die nur die Hälfte der üblichen Miete zu zahlen ist und deren jede über zwei Wohnräume, eine kleine Küche, einen Vorratsraum und einen Keller verfügt. In den Mietkosten enthalten ist außerdem ein der Wohnung angegliederter Garten, in dem sich das haushaltsnotwendige Gemüse ziehen läßt und der den Arbeiter überdies daran gewöhnen soll, dort jene Zeit zu verbringen, die er anderenfalls im Kabarett säße. Um jedoch in den Genuß dieser Vorteile zu gelangen, muß er den Garten mit seinen eigenen Händen bestellen, seine Kinder zur Schule schicken, darf keine Schulden irgendwelcher Art aufnehmen, muß bei der Sparkasse ein Konto anlegen und jede Woche 15 Centimes in die Betriebskrankenkasse einzahlen. [42] Letzteres berechtigt ihn im Krankheitsfall zum Empfang von täglich 30 Sous, zu Arztbesuchen und zum Erhalt von Heilmitteln.»

Die Pflichtschule für die zukünftigen Arbeiter

Zur damaligen Zeit fordert die Arbeiterbewegung mehr noch als die Beschulung der Kinder deren Nichtarbeit. Die Beweggründe für diese Forderung sind nicht allein humanitärer Art; die neuartigen Maschinen, die geringer qualifiziertes Bedienpersonal erfordern, sollen die höher zu entlohnenden Erwachsenen nicht um ihre Beschäftigung bringen. Dennoch zieht die Unternehmerschaft die Arbeitslosigkeit von Kindern der von Erwachsenen vor; dies tut sie, weil sie mit der Schule über eine Maschine verfügt, die den Wert der Arbeitskraft steigert und zudem unter Bedingungen konzipiert wurde – Experimentieren mit den Kindern von Bedürftigen in den vorherigen Jahrhunderten – welche diese Maschine für Kinder besser als für Erwachsene geeignet sein läßt.

Es sind die in Fabriken arbeitenden Kinder die ersten, für die der Schulbesuch Pflicht wird. Ein erstes Gesetz aus dem Jahr 1841 greift nicht. Es richtet sich nur an Werkstätten mit mehr als 20 Beschäftigten und sieht keine Strafen für Unternehmer vor, die nichtbeschulte Kinder nicht länger als zwei Stunden täglich arbeiten lassen. Jenes Gesetz geht auf die Initiative einzelner dynamischer Unternehmen zurück, die es bereits vor seinem Inkrafttreten beachtet hatten und nicht länger zusehen wollten, wie eine kindliche Arbeitskraft, der mit der Arbeitszeit selbstverständlich auch der Lohn gekürzt worden war, zu Konkurrenzunternehmen hin abwanderte.

Voraussicht ist gefragt: Die kindliche Arbeitskraft übermäßig auszubeuten, ist wenig vorteilhaft, da dies das Kind innerhalb sehr kurzer Zeit unbrauchbar macht. In dieser überaus simplen Überlegung erschöpft sich das auf das Jahr 1842 datierteTableau physique et moral sur la condition des ouvriers du textile de Villermé, deutsch: Aufstellung über den physischen und moralischen Zustand der Textilarbeiterschaft von Villermé. Mit Blick auf ihre Arbeitsbereitschaft und -fähigkeit ist eine zu junge Arbeitskraft undiszipliniert, nicht an gleichmäßige Leistungserbringung gewöhnt und würde die Unternehmen zu relativer technologischer Stagnation verurteilen. [43] Die Maschinen verlangen immer mehr nach Disziplin und immer weniger nach Geschicklichkeit, zudem machen sie häufig das Lesen von Arbeitsanweisungen erforderlich. Zudem erfordert die zu jener Zeit aufkommende Arbeitsergebniskontrolle, die geleistete Arbeit zu dokumentieren und deshalb auch schreiben und rechnen zu können.

Branche und Alter entscheiden, welcher der beiden Optionen die Industrien zuneigen:

  • Profit ziehen aus einer vergleichsweise qualifizierten Arbeit, die der Ethik des vorindustriellen Handwerks nahesteht
  • Profit ziehen aus großen Manövriermassen mit deutlich geringeren Kenntnissen, aus Infanteristen der Arbeit, die von einer noch zu konstituierenden Zwischenschicht dirigiert werden müssen, von den Vorarbeitern, welche auszubilden ein erstmals berufsorientierter Unterricht zu sorgen beginnt (siehe: Claude Grignon, L’ordre des choses, Die Ordnung der Dinge, Verlag: Editions

Allerwegs muß das Kind geschützt werden, entwickelt und gestärkt, es ist der Brunnen, aus dem geschöpft werden können muß: «Wird die materielle Lage der Kinder verbessert, wächst die Disziplin, verbessert sich das Arbeitsergebnis, die Sitten werden weniger rauh und die Bevölkerung entwickelt materiellen und moralischen Wohlstand.» Von diesem Vorbringen des Direktors der Kristallwerke von Baccarat berichtet Jules Simon{ } im Jahr 1867 in L’ouvrier de huit ans, Der Arbeiter von acht Jahren. Tenor der Schlußbetrachtung dieser Schrift ist, die Schule möge Frankreich die «ruhmreiche und mächtige Armee der Arbeit» schenken.
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{ } 1814-1896; Philosoph und Staatsmann; von 1870-73 Bildungsminister; von 1876-77 Innenminister

Jene Armee der Arbeit ist nicht als von der Armee als solcher getrennt zu sehen. Jules Simon, zukünftiger Bildungsminister der Dritten Republik, schlägt in oben genannter Schrift vor, es solle in der Schule militärische Ertüchtigung geben, da die Erfahrungen in England ein besseres Ergebnis beweisen würden: «Herr Edwin Chadwick hat kürzlich in London eine außergewöhnliche Denkschrift über den Nutzen von Exerzierunterricht veröffentlicht, der eher Schulkindern gegeben werden solle als in den Werkstätten unabkömmlichen erwachsenen Männern. Die von den Kindern aufs Exerzieren verwandten Stunden kosteten die Industrie nichts, auch nicht die Familien und die Kinder selbst, für die es angenehm, stärkend und erholsam sei. [44] Nicht allein würden die Werkstätten durch diese Maßnahme den Verlust einer großen Zahl von Arbeitstagen vermeiden, sondern es würden die Kräfte des zukünftigen Arbeiters gestärkt, denkt Herr Chadwick, und drei an militärische Gymnastik gewöhnte Kinder könnten später die Arbeit von fünf Arbeitern leisten. Die Kosten seien übrigens minimal, da sie für 130 Kinder bei denen für einen Erwachsenen lägen» (Jules Simon, L’ouvrier de huit ans).

«Das große Geheimnis der militärischen Kraft eines Volkes liegt in der Verbesserung seiner Rasse» (Jules Simon, ebenda). Nach der Niederlage von 1870 wird dies augenfällig. In Preußen gibt es die Schulpflicht seit dem Jahr 1819 und die Militärdienstpflicht seit dem Jahr 1833. In Frankreich hingegen läßt man die Kinder umstandslos in den Werkstätten verkümmern, und wie sich mit der Pariser Kommune erwiesen hatte, waren die Zentren gefährlicher revolutionärer Gärung die Werkstätten gewesen. Es ist nicht länger angezeigt, die Erziehung der Fabrikkinder dem guten Willen der Industriellen anheimzustellen; vielmehr muß Erziehung zur Pflicht werden, zu einer realen Pflicht, und sie muß militärisches Exerzieren umfassen. Die Versuche der neuen (Dritten) Republik, die militärische Ertüchtigung in die Schulen zu bringen, scheitern allesamt. Doch haben sie den französischen Gymnastikunterricht deutlich prägen können.

Ein mit dem 19. Mai 1874 in Kraft tretendes neues Gesetz bestimmt, daß jedes Kind, das täglich länger als sechs Stunden zur Arbeit zugelassen zu werden wünscht und das 15. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, einen Grundschulabschluß vorzuweisen hat. Kinder vor Vollendung des 12. Lebensjahrs dürfen eingestellt werden nur, wenn sie täglich für mindestens zwei Stunden in der Schule sind. Dem Unternehmer ist eine von der Schule ausgestellte Anwesenheitsbescheinigung vorzulegen. Ein vom Familienoberhaupt zu führendes Familienbuch muß für jedes Kind die Schulbesuchszeiten festhalten.

Die Präfekten {Chefs der kommunalen Verwaltung} haben die Befolgung des Gesetzes zu überwachen. Ein im Jahr 1876 in dieser Angelegenheit vom Präfekten von Paris an die Bürgermeister gegebener Fragebogen läßt keinen Zweifel mehr, woher die Forderung nach Beschulung der Kinder kommt. «Die Schwierigkeiten gehen weniger auf die Unternehmerschaft als vielmehr auf die Eltern zurück… . Es sind die uneinsichtigen Eltern, auf die eingewirkt werden muß,» so der Bürgermeister des sechsten Pariser Stadtbezirks. «Die Familien haben die bedauernswerte Angewohnheit, uns hastig die kaum den Kinderschuhen entwachsenen Kinder wegzunehmen, um sie in die Werkstätten zu stecken, in denen sie nichts als schlechte Eindrücke sammeln können,» weiß der Bürgermeister des 20. Stadtbezirks von Paris. [45]

Der Bürgermeister von Saint-Denis, selbst ein Industrieller, setzt all dem die Krone auf, wenn er mit Blick auf die Arbeiterversammlungen in den Fabriken fordert, «die jugendlichen Kinder von deren verderblichem Einfluß und dem häufig schädigenden Kontakt zu diesen fernzuhalten» und die «Familienväter zu verpflichten, die Kinder nicht umherstreunen zu lassen.»

Die feste Gewohnheit, die Kinder während der einen Hälfte des Tages arbeiten und sie während der anderen Hälfte in die Schule gehen zu lassen, ist übrigens nicht unproblematisch…

  • …oder auch sie nehmen an Erwachsenenkursen teil und finden sich dort unter Männern jeden Alters wieder, was erneut die Gefahr birgt, daß sie sich an öffentlichen Versammlungen beteiligen, von eben denen sie fernzuhalten doch das sich von der Schule selbst gesetzte Ziel war, zumal sehr viele Erwachsenenkurse von Anhängern der gefährlichen mutuellen Methode (siehe weiter unten im Text) angeboten werden. Im 20. Stadtbezirk von Paris beispielsweise sind von den 625 für Erwachsenenkurse eingeschriebenen Teilnehmern 254 tatsächlich anwesend, und das Alter der Teilnehmer liegt zwischen 7 und 47 Jahren: ein Schüler ist 7 Jahre alt; 2 sind 8; 7 sind 9; 16 sind 10; 33 sind 11; 48 sind 12; 31 sind 13; 27 sind 14; 33 sind 15; 18 sind 16; 12 sind 17; 11 sind 18; 4 sind 19; 5 sind 20; einer ist 21; einer ist 24; einer ist 30; einer ist 33 und einer ist 47 Jahre alt.
  • …oder auch besuchen sie während einiger Tagesstunden die kommunale Schule des Stadtviertels; in ihrer Reife liegt die Gefahr, den anderen Kindern unschöne Horizonte zu eröffnen. «Ich bin insbesondere gegen eine Zulassung von Fabrikkindern in den kommunalen Tagesschulen… . Dies Gemisch von Kindern hätte mit Blick auf die guten Sitten und auf gute Vorbilder sehr ärgerliche Folgen,» sagt der Bürgermeister von Saint-Denis, ein Industrieller, und er fordert, «ein generelles Verbot von Kinderarbeit in den Fabriken wie auch gesetzliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Umherstreunens der Kinder sowie zur Erzwingung des Schulbesuchs.»
  • …oder auch es eröffnen die Unternehmer Halbtagsschulen. Doch viel zu häufig läßt das dortige Lehrpersonal zu wünschen übrig. Marx hebt mit mehreren Anmerkungen in «Das Kapital» den in England zuzeiten gegebenen Umstand hervor, daß Fabriklehrer meistens ehemalige Vorarbeiter oder Militärangehörige im Ruhestand und selbst Analphabeten waren, wie es die Kreuze bezeugen, welche die Schulzeugnisse anstelle einer Unterschrift zieren. [46] Fabrikschulen sind vor allem Verwahreinrichtungen und nur an hinterer Stelle Orte, an denen tatsächlich gelernt wird. Ihr Zweck, die Kinder an einer Teilnahme an den Arbeiterversammlungen zu hindern, ist nur allzu offensichtlich und führt zur Revolte in Form von Schuleschwänzen.

Die eine Schule für alle Kinder könnte um so mehr die Lösung für diese Probleme sein, als über kurz oder lang allen der eine Stand des Fabrikarbeiters, des Büroangestellten oder des städtischen Bediensteten zugedacht ist.

Die urbane Domestizierung

Die Kampagne für ein nationales Erziehungswesen, für eine allgemeine Verbreitung der Schule als Maschine gesellschaftlicher Unterwerfung, hat bereits vor der Revolution begonnen. Es muß «allen Euren Untertanen ein Unterricht zuteil kommen, der ihnen greifbar vor Augen führt: die Obliegenheiten, welche sie gegenüber der Gesellschaft und gegenüber Eurer sie beschützenden Macht haben; ihre sich aus diesen Obliegenheiten ergebenden Pflichten wie auch das Interesse, diesen Pflichten zum allgemeinen wie auch zum eigenen Wohl nachkommen zu wollen» (Turgot{ }, Plan d’éducation, Erziehungsplan, 1761). Doch die einzige tatsächlich vorhandene kollektive und daher die gewünschte allgemeine Verbreitung von Schule ermöglichende Erziehungstechnologie ist jene der Frères de la Doctrine chrétienne, der Brüder von der christlichen Lehrdoktrin. Sie erscheint jedoch als viel zu eng an die religiöse Natur der Gemeinschaft der Brüder gebunden, um passend sein zu können. Der Gehorsam, den die Brüder den Kindern eingeben, ist der gegenüber den Vertretern der Kirche. Aber von nun an geht es um Gehorsam gegenüber den Vertretern des Königs bzw. des Staats. «Die Kinder des Staats sollen niemand anderem als den Gliedern des Staats unterstellt sein.» (La Chalotais, 1764)
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{ } 1727-1781; Jurist, Nationalökonom und Finanzminister aus reicher Familie des Bürgertums

Doch noch hat der Staat kaum materiellen Gehalt. Unter dem Begriff Staat werden die Désirs und Interessen des Justizmagistrats verstanden, der höheren und vor allem in Paris und in einigen Großstädten der Provinz mächtigen Vertreter der Rechtsprechung. Im Bereich Erziehung sind deren Interessen klar: Dem Volk dessen Pflichten zur Kenntnis bringen, insbesondere die Pflicht, die Justizmagistrate bei deren Machtausübung zu unterstützen, ohne zu erwarten, als Gegenleistung auch nur den geringsten Zugang zur Macht zu erhalten, und dies nicht einmal für eine Minderheit des Volks. [47] Was die Justizmagistrate mit Blick auf die bei den «ignorantinischen Brüdern» bisweilen durchbrechende Lehrleidenschaft fürchten, spricht La Chalotais im Jahr 1764 aus: «Sie beschäftigen sich mehr damit, einer Minderheit von Armen zu erlauben, sich auf das höchstmögliche zu erheben, als die Massen zu lehren, auf ihrem Platz zu bleiben.» Anstatt letzteres zu tun, wird ein Kind, das durch die Schule der Brüder gegangen ist, vielmehr weiter lernen und sich selbst unterrichten wollen – es will nicht länger Jungmatrose, Landarbeiter oder Lehrling sein.

Die zur Zeit der Restauration in Stellung gehende Schulemaschine gibt der Sorge um die Beschränkung der grundschulischen Erziehung weiten Raum. «Die Unterweisung umfaßt jene Kenntnisse, die von einem jeden Individuum notwendigerweise zu erwerben sind…, um die Schuld, die es von seiner Geburt an dem Staat gegenüber hat, begleichen zu können.» An Größe sei diese Schuld der Höhe der durch Geburt bestimmten gesellschaftlichen Stellung proportional, und es müsse ein höhergestelltes Individuum entsprechend mehr lernen, erklärt Ambroise Rendu{ } im Jahr 1819 in seinem Essai sur l’instruction publique et particulièrement sur l’instruction primaire, Aufsatz über die öffentliche und insbesondere die grundschulische Unterweisung, welcher nachweisen will, daß die Methode der Brüder von den christlichen Schulen das «Prinzip und Modell» für die mutuelle Unterrichtsmethode liefern würde.

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{ } 1778- 1860; Autor; viele Jahre Generalinspektor der Pariser Universität; von 1808-1850 Beamter des Bildungsministeriums

Staat ist, konkret genommen, Justiz und Verwaltung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist das Französische ausschließlich die «Sprache der Justiz» sowie der ihr angegliederten Berufszweige; im ländlichen Bereich wird es nicht gesprochen. Es ist das Französische allerdings die Sprache der Schule. Das Erlernen des Alphabets, des Lesens und Schreibens, bedeutet zur damaligen Zeit, zuallererst französisch sprechen zu lernen (siehe: M. Matter, Studiengeneralinspektor, L’instituteur primaire ou Conseils et directions pour préparer les instituteurs primaires à leur carrière et les diriger dans l’exercice de leurs fonctions, Der Grundschullehrer oder Ratschläge und Anweisungen zur Vorbereitung der Grundschullehrer auf ihre Laufbahn sowie zu ihrer Lenkung in der Ausübung ihrer Aufgaben, zweite Ausgabe, Verlag: Hachette, 1843). «Wir erwarten, daß jede Person, die auf uns zukommt, zu lesen und zu schreiben weiß, dies angefangen bei den häuslichen Bediensteten. Es müssen ihnen die Mittel gegeben werden, dies zu erlernen» (Außenminister Pasquier im Jahr 1821 im Verlauf der Rechenschaftsdebatte der Abgeordnetenkammer bezüglich einer Subvention von 50.000 Franc für die Entwicklung des Grundschulunterrichts). [48]

Im Jahr 1831 ist den zur Untersuchung des Zustands des Grundschulunterrichts von Guizot ins Ländliche ausgesandten Inspektoren ihre Aufgabe klar: urbane Domestizierung des Schuldienstes, die Landchulen auf Stadtschullinie bringen. Den Widerstand der ländlichen Notablen gegen eine Finanzierung dieses Dienstes erklären sie so: «In mehreren Kantonskommunen verhindern das Fehlen von Industrie sowie die zahlreich und auf rauhe Art in einer herkömmlichen Landwirtschaft eingesetzten Hofbediensteten, die Bedeutung des Grundschulunterrichts anzuerkennen; überdies sind die Schulwege ausgesprochen lang, sie verlaufen von weit versprengt liegenden Höfen aus durch Wälder, über schlechte Wege oder über Wasserläufe, von denen die Wege überschwemmt worden sind. Es ist schwierig, einigen Ratsmitgliedern die Idee auszureden, sie würden nicht den Unterricht finanzieren, sondern denjenigen, der ihn erteilt, und zusätzlich auch noch diejenigen, welche ihn erhalten sollen. Vergeblich erklärt man ihnen, sie würden durch Unterricht bessere Hofbedienstete bekommen, aus denen sie mehr Profit ziehen könnten… . Sie befürchten, es würden auf ihre Kosten Hofbedienstete gemacht, die eher für Indienstnahme durch das Bürgertum geeignet seien, ganz als ob das Bürgertum nichts zur Mehrung der Aufgeklärtheit der armen Klassen beitragen würde» (Bericht an den Bildungsminister über den Grundschulunterricht im Ain, aus dem Jahr 1831. Der Berichterstattende ist selbst Angehöriger des Bürgertums und sitzt dem Kolleg des Hauptorts des Departments vor.).

Folgt man den von Jules Simon zusammengetragenen und im Jahr 1867 in l’Ouvrier de huit ans veröffentlichten Statistiken, kehren von den 36000 vom Ländlichen herkommenden  Wehrpflichtigen nur 9000 wieder auf die Scholle zurück. Der Dienst als Wehrpflichtiger und der zuvor geleistete Dienst als Schüler sind aufgrund der dort in den Körper eines jeden einzelnen eingepflanzten Gewöhnung an kollektives Leben, Sichbewegen und vor allem Gehorchen ganz wunderbare Maschinen, um zu urbanisieren bzw. in Lohnarbeit oder häuslichen Dienst zu bringen.

Nach der Zeit der Revolution hält man sich nicht mehr mit Armenunterricht auf. Die neu hervorgekommene Macht findet mit der Schule die Maschine zur Unterwerfung der Allgemeinheit unter ihr Gesetz, in den Arbeiterstand. Im Jahr 1836 verlangt Baron de Gérando, einer der Gründer der im Jahr 1815 entstandenen Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, in seiner Abhandlung «Über die öffentliche Wohltätigkeit» den gleichen Unterricht für alle. «Mit Blick auf ausschließlich elementaren Unterricht erteilende Schulen wäre jegliche auf Wohlstand oder Bedürftigkeit der Familien gegründete Unterscheidung ungerecht und unheilvoll. Ungerecht wäre sie, da Grundschulunterricht für die Kinder bedürftiger Familien nicht weniger notwendig ist als für die Kinder all der anderen arbeitenden Klassen; im Grunde sind sie alle zum gleichen hin berufen. [49] Das Ziel der Erziehung der ersteren ist präzis, die Linie, die sie von den zweiteren trennt, verschwinden zu lassen, indem sie befähigt werden, ihnen zum Verwechseln ähnlich zu sein.» Ein schönes Beispiel für einen ideologischen Text, der hier, wie so oft, auf die gleiche Weise gelesen werden muß, wie ein Handschuh umgewendet wird: Der Vorschlag lautet, alle Kinder sollten den gleichen Grundschulunterricht erhalten wie die Kinder aus den bedürftigen Familien.

Die Grundschule wurde geschaffen, um die gesellschaftlichen Ungleichheiten zu erhalten, einen jeden an seinem Platz zu halten; und sie tut dies unter dem Zeichen des Versagens und der Schuld: «Wer Unterricht hatte, ist auf sich allein gestellt. Bleibt jemand unten, mangelt es ihm an Selbstvertrauen oder Intelligenz. Das ist dann die Schuld eines jeden einzelnen, die Gesellschaft ist aller Verantwortung enthoben,» erläutert Jules Simon in einer im Jahr 1873 in der «Demokratischen Bibliothek» publizierten und mit «Der kostenfreie Pflichtunterricht» betitelten kleinen Propagandaschrift.

Indem sie sich nach und nach über das gesamte Landesterritorium verbreitet und währenddessen immer gezielter Jagd auf Schulverweigerer macht, ist die Schule im Jahr 1880 eine wohlabgestufte Einberufungsmaschine geworden, die befehligt wird wie eine wirkliche Armee, wie die «Armee der Arbeit», von der Jules Simon spricht. Im Jahr 1880 stellt die Schule ein weitläufiges Ensemble von Einrichtungen dar, das sich bis zum 20. Lebensjahr hin erstrecken kann: école maternelle {vergleichbar der aktuellen deutschen Vorschule}; école primaire deutschen Grundschule}; cours complémentaires, Ergänzungskurse; écoles primaires supérieures {vergleichbar der aktuellen deutschen Hauptschule}. Es ist dies Ensemble vollkommen getrennt von den Erziehungseinrichtungen für die Kinder aus dem Bürgertum. Es gibt zwei gut gegeneinander abgedichtete Schulnetze, die sich bis heute hin weitgehend unverändert erhalten haben (siehe: Christian Baudelot und Roger Establet, l’Ecole capitaliste en France, Die kapitalistische Schule in Frankreich, Verlag: Maspéro, 1872 {sic!}).

Aber anders als heute waren es unter der Dritten Republik die Absolventen der degrés supérieurs de l’enseignement primaire, der höheren Grade des Grundschulunterrichts {vergleichbar der aktuellen deutschen Hauptschule}, die mit der Eigenreproduktion (Lehrkräfte) der unteren Grade {Grundschule} und mit der gesellschaftlichen Eingliederung der Hervorbringsel der degrés inférieurs de l’enseignement primaire, der unteren Grade des Primärschulunterrichts {Grundschule} betraut waren; zum Angestellten oder Vorarbeiter wurde damals in der école primaire supérieure {vergleichbar der aktuellen deutschen Hauptschule} ausgebildet. Heute geschieht dies im enseignement secondaire long {vergleichbar der aktuellen deutschen Sekundarstufe II}, welche die Ausbildung der Hervorbringsel des enseignement primaire {vergleichbar der aktuellen deutschen Hauptschule} sowie des enseignement secondaire court {vergleichbar der aktuellen deutschen Sekundarstufe I} sicherstellt.

Das Schulpflichtgesetz von 1882 stellt dies imposante Bauwerk fertig. Nun ist das Staatsgebiet vollständig vom schulischen Netz überzogen, welches niemandem mehr eine Lücke zum Durch-schlüpfen läßt. [50] Entkommen kann lediglich ein ausgewiesener Unruhestifter, ein Delinquent, wie es damals hieß – und tatsächlich bezeichnete der Begriff Delinquent ursprünglich das schulisch abwesende bzw. die Schule unregelmäßig besuchende Kind.

Zu Beginn der Dritten Republik dient Schule noch ihrer anfänglichen Berufung, Randständige auf Linie zu bringen, die Kinder der Armen. In seiner weiter oben angegebenen Broschüre schreibt Jules Simon: «Diejenigen, die dem Vater Fahrlässigkeit und dem Kind Unwissenheit erlauben, sind die einzigen wirklichen Feinde der gesellschaftlichen Ordnung. Dies sagt mir zumindestens meine Vernunft.

Das Prinzip des Pflichtunterrichts betrachte ich als das von allen Prinzipien am meisten konservative. Wenn ich mir selbst treu bleiben wollte, müßte ich sogar vertreten, arme Kinder für den Schulbesuch zu bezahlen oder sie zumindest zu beköstigen. Der Staat wendet Mittel für die Kinderhilfe auf; muß dem Elend denn erst abgeholfen werden, wenn seine traurigen Folgen sichtbar geworden sind?» (Seite 132 der Broschüre L’instruction gratuite et obligatoire,

Die pflichtige und kostenfreie Bildung, 1873) Vorsorgen ist besser als heilen – so will es das Prinzip der gesellschaftlichen Hygiene.

Die Inwertsetzung des Kapitals Kind

Sind erst alle Kinder beschult, ändert sich der Kurs; es geht nun in Richtung auf «Inwertsetzung des intellektuellen Kapitals der Nation» (Jules Ferry{ } am 6. Juni 1889 vor der Abgeordnetenkammer). Es ist das intellektuelle Kapital das einzige, das bisher verstaatlicht ist. Demzufolge ist seine Inwertsetzung prototypisch und muß entsprechend methodisch angegangen werden, was die unablässige Verbesserung der eingesetzten Maschinen und zudem eine punktgenaue Methode zur Ergebniskontrolle einschließt. Für die Schule ist der Intelligenzquotient das, was für die Fabrik die Uhr ist. Hatte Unordentlichkeit ehedem Fehlen in der Schule gemeint, bezieht jener Begriff sich mit der allgemeinen Schulpflicht nun auf etwas im Herzen von Schule, auf die Arbeit selbst. Eben dort muß Jagd gemacht werden auf Unordentlichkeit.
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{ } 1832-1893; Jurist, republikanischer Politiker, Diplomat, Journalist, Rassist und Kolonialpolitiker; zwischen 1879 und 1883 dreimal Bildungsmnister

Die Einheitsschule kann kommen, da nun eine narrensichere Methode zur bedarfsentsprechden Vorbestellung der Kinder verfügbar ist; nun lassen sich über den Grad des erreichten Schul-abschlusses die Positionen ansteuern, welche den Kindern in der gesellschaftlichen Hierarchie jeweils einzunehmen für ihre Zukunft zugedacht ist. Nach und nach wird das binäre System – Schulbesuch ja / nein; Elementarschule / weiterführende Schule – von einem linear teilenden System ersetzt, welches die Schulabschlüsse mehr und mehr abstuft und diese Stufung bis ins Unendliche weiterzutreiben erlaubt. [51] Die aus dem binären System hervorgegangenen Schularten verlieren in dieser Unendlichkeit ihren konkreten Sinn, doch ist die gesellschaftliche Weigerung, sie in Frage zu stellen, zu stark: Der seit der ersten Inbetriebnahme der Schulemaschine angestrebte Effekt, einen kontinuierlichen Strom bedarfsgerechter Arbeitskraft zu produzieren, ist Schritt für Schritt erreicht worden. Die Schule hat das Fundament für einen bürokratisch verwalteten bzw. für den «konservativen Sozialismus» (Jules Simon) gelegt. «Es liegt in der Wesensnatur des intellektuellen Reichtums, daß er demjenigen, der diesen Reichtum weitergibt, unvermindert erhalten bleibt… . Wer gibt, bereichert sich, denn er wird mehr Meister seiner Wissenschaft und besitzt sie voller, nachdem er sie gelehrt hat» (Jules Simon, L’école, Die Schule, Paris 1865, Seite 6). [53]

Zusammenführung der Kinder im Kollektiv

Um den Unterricht auf alle Kinder ausdehnen zu können, bedurfte es einer Methode, die es mit nur einer einzigen Lehrkraft ermöglicht, eine vergleichsweise große Zahl von Kindern erfolgreich zu unterrichten. Die traditionellen Erziehungsmethoden basierten auf der individuellen Beziehung von Lehrer und Schüler; und insofern, als diese Methoden die liebevolle Unterwerfung des Schülers unter den Lehrer vorsahen, was im antiken Griechenland sogar homosexuelle Form annahm, stand ein Unterricht lediglich jener Minderheit offen, deren Hauptbeweggrund für das Lernen war, dem Lehrer so nahe wie möglich zu sein. Sobald aber beschlossen ist, die Armen zu unterrichten, steht diese Homosozialität zwangsläufig nicht mehr zur Wahl – es muß die gesellschaftliche Distanz aufrechterhalten werden, damit der Unterricht nicht auf den gefährlichen Abweg führt, die gesellschaftliche Ordnung in Frage zu stellen. Der Lehrer von Kindern der Armen muß seine Handvoll Schülerlein nicht etwa liebhaben, sondern eine kleine Truppe dirigieren, die gezwungen ist, ständig nachzurekrutieren, da der Unterricht zur Aufnahme einer Arbeit führen soll und mit diesem Schlußakt beendet ist.

Eine militärische Disziplin

Wie einen Trupp von Schülern unterrichten, wie ihn führen?

Das militärische Modell ist zunächst das einzig verfügbare. In seinem L’école paroissiale ou la manière de bien instruire les enfants dans les petites écoles, Die Pfarrgemeindeschule oder über die Art und Weise, die Kinder in den Kleinschulen gut zu unterrichten, 1654, beschreibt Démia, Gründer der Schulen der Wohltätigkeit der Stadt Lyon, sehr detailliert, auf welche Weise der Lehrer Gerechtigkeit (Hauptaufgabe des Regierens in seiner Epoche) zu üben hat und wie die schulischen Räumlichkeiten beschaffen sein sollen, in denen einem jeden sein Platz zuzuweisen ist; die Armen werden wegen ihres Drecks und ihrer Parasiten abgesondert und bleiben unter ihresgleichen. [54] Es ist bemerkenswert, daß die ersten Fachbegriffe zur näheren Bezeichnung von Unterrichtsräumen denen gleichen, die bis heute hin für Gerichtssäle gebräuchlich sind: «Das Parkett mit den kleinen, wohlangeordneten Schülerbänken» (siehe: Ph. Aries, L’Enfant et la Vie familiale sous l’Ancien Régime, Kind und Familienleben unter dem Ancien régime). Die Schülerschaft ist mittels allgemeiner Aufgabenverteilung organisiert; die bereits disziplinierteren unter den Kindern sind beauftragt, über die Disziplin der anderen zu wachen. Aufstellungsappelle und abteilungsweises Marschieren sollen zur Disziplinierung beitragen, dies insbesondere anläßlich der Teilnahme an kirchlichen Prozessionen. Nach Hause zurück kehren die Kinder in geordneten Abteilungen unter Führung ihrer «Offiziere». «Einschreiber» sind beauftragt, die umherstreunenden und Waisenkinder in die Schule zu locken. Die «Zwanzigschafter» und «Zehnerschafter» führen die Kinder auf dem Weg zu ihren Wohnvierteln an. In den bei André Olyer auf Kosten des Schulbüros im Jahr 1688 publizierten Règlements pour les écoles de la ville et diocèse de Lyon , Ordnungsregeln für die Schulen der Stadt und der Diözese von Lyon, besteht Démia überdies auf den Wert des Schweigens, gemeinschaftlicher Bewegung und rhytmischer Abläufe. «Der Lehrer duldet keine Wortmeldung eines Schülers, der nicht zuvor die Hand gehoben und Erlaubnis eingeholt hat.» Das ganze Problem ist, die homosexuelle- homosoziale Fundierung von Erziehung zu brechen, um ihr so den Charakter eines unendlichen, von Désir angetriebenen Geschehens nehmen und ihre Inhalte beschränken zu können. Nicht ein Wort, das nicht unbedingt notwendig wäre, darf unter den Schülern oder zwischen diesen und dem Lehrer gewechselt werden. Im Bereich der Klasse wird begonnen, das Kommunikationsmittel Ton/Wort so weit als möglich durch das Befehlsinstrument Geste zu ersetzen.

Doch es bleibt der Unterricht des Lesens und Schreibens weiterhin auf Nachahmung gestützt. Der Maître ruft seine Schüler einen nach dem anderen zum Buchstabieren, Lesen und Lektionen-aufsagen an seinen Schreibtisch. Will er jeden für einige Minuten bei sich haben, darf die ungefähre Zahl der Schülergruppe fünfundzwanzig oder dreißig nicht übersteigen. Die einzigen Neuerungen sind das unter der Führung der am meisten verdienten gleichaltrigen Mitschüler statthabende kollektive Verlassen der Schule sowie die straffe Geordnetheit des Schulraums, in dem einem jeden sein Platz zugewiesen ist – Erziehung durch Organisation der Schülerschaft nach dem Vorbild der Organisation der Gesellschaft.

Jean Baptiste de la Salles Bruch mit dieser in den Schulen der Wohltätigkeit im 17. Jahrhundert allgemein verbreiteten Pädagogik besteht in einer Rückvereinnahmung der für den traditionellen Unterricht charakteristischen Homosexualität-Homosozialität im Lehrer-Schüler-Verhältnis bzw. im Verhältnis zwischen dem Lehrer und einer – wie für die Schulen der Wohltätigkeit charakteristisch – nun vielzähligen Schülergruppe.

Der Schulmeister wird zu einem Vorbild, dem sich ein jeder Schüler unter den Blicken seiner mit ihm konkurrierenden Sitznachbarn anzugleichen trachtet. Worum es sich hier handelt, ist, aus dem Schulmeister einen großen Mitschüler zu machen; was wiederum verlangt, das Problem der Zusammenführung im Kollektiv auf den Schauplatz der Lehrerausbildung zu verschieben – die Erziehung der Schüler wird sich sodann von selbst und in der gewünschten Weise ergeben.

Nachahmung und Uniformität

Die Regel des Lehrinstituts der Brüder von den christlichen Schulen wendet sich erstrangig dem Verhalten eines jeden der Brüder zu, und zwar ihrem Verhalten untereinander. Erst an zweiter Stelle ist die Arbeitsweise der christlichen Schulen von Interesse. Anstatt den Schülern die Haltungen mönchischer Disziplin so, wie Démia dies tat, direkt aufzuerlegen, fordert Jean Baptiste de la Salle diese Haltungen zuerst von den Brüdern selbst und er ist sich sicher, daß die von der pädagogischen Homosexualität ergriffenen Schüler nachfolgen werden. Selbstverständlich äußert Jean Baptiste de la Salle sich nie allzu direkt über die verborgenen Triebkräfte des von ihm ins Leben gerufenen Instituts.

Die Brüder sollen in gemeinschaftlichem Geist leben, alles soll gemeinschaftlich getan werden: die Vornahme der religiösen Verrichtungen, die Einnahme der Mahlzeiten, die Erholungssuche, die Verrichtung ihrer Arbeit und das sich zur Ruhe Begeben. Wenn sie nicht mindestens zu dritt sind, sind die Brüder nicht zur Eröffnung einer Schule berechtigt. Die Räumlichkeiten müssen so beschaffen sein, daß ein jeder Bruder immer von mindestens einem der zwei anderen überwacht werden kann. Individualität ist allein im Verhältnis zu dem in der internen Hierarchie Vorgesetzten am Platze und eben dort ist sie auch eingefordert, da die systematische Denunziation in den Rang einer Regel des Regierens erhoben ist.

Die Brüder haben den Unterricht kostenfrei zu erteilen, jegliches Geschenk ihrer Schüler zurückzuweisen, jeden gleich zu behandeln, allen gegenüber verschwiegen zu sein und an niemandem Interesse zu zeigen. Die Unterdrückung ihrer Zuneigung für die ihnen Unterstellten soll die Unterwerfung unter die ihnen Vorgesetzten um so bedingungsloser werden lassen. In der Schule sollen die Brüder ausschließlich Schulbücher lesen. Die räumlichen Gegebenheiten sollen helfen, sie vor Regelverstößen zu bewahren.

Nichts sollen sie ohne Erlaubnis tun können. Sollten sie sich auf eine Reise begeben wollen, wird ihre Reiseroute aufs genaueste vom Bruder Direktor vorgegeben.

«Es sollen die Brüder den Kopf allezeit gerade nach vorn und unmerklich geneigt halten; unter keinen Umständen soll der Kopf nach hinten oder zur Seite gedreht werden, und falls eine Drehung dennoch einmal unumgänglich sein sollte, hat sie mit dem gesamten Körper sowie gewichtig und gesetzt vorgenommen zu werden… .» «Sie sollen immer ein frohes Gesicht aufsetzen und den Blick gesenkt halten, die Stirn glatt, den Mund halb geschlossen und die Arme vor der Brust verschränkt; es sollen die Arme niemals frei hängen, die Hände niemals in den Taschen getragen werden, die Füße sich während des Stehens beinahe berühren und es sollen die Beine niemals übereinandergeschlagen oder auseinandergestellt sein.» [56]

Die Direktoren einer jeden Einzelgemeinschaft sollen gegenüber dem Bruder Direktor Rechenschaft über alle ihre Ausgänge ablegen sowie über ihre Einnahmen und Ausgaben; sie haben über das Tun der Brüder ihrer Gemeinschaft Aufzeichnungen und über die Schüler ein Anwesenheitsregister zu führen.

Das «Benehmen der christlichen Schulen» greift auf bereits von Démia angewandte Prinzipien zurück; die Organisation der Schülerausgänge folgt dem militärischen Vorbild; die Lehrkräfte dürfen den Klassenraum erst betreten, nachdem die Kinder unter Aufsicht ihrer verantwortlichen Offiziere versammelt und aufgestellt sind. Auf zahlreichen Seiten wird die Körperhaltung abgehandelt, die von Lehrern und Schülern im allgemeinen und beim Lese- und Schreibunterricht im besonderen einzunehmen ist.

Unter «Mittel zur Schaffung und Aufrechterhaltung der Ordnung in den Schulen» sind aufgeführt: der Fleiß der Schüler, deren exakt pünktliches Erscheinen in der Schule – beides ist Gegenstand einer gesonderten, schriftlich zu dokumentierenden Überprüfung; hinzu die Regelungen für die Beurlaubungen, was hier das Nachsitzen meint, für die Auszeichnungen, Bestrafungen sowie für die Ernennung zusätzlicher Offiziere aus dem Kreise jener Kinder, die am ehesten mit der angestrebten Disziplin konform gehen, um die Kindergruppe zum Zwecke ihrer Disziplinierung nötigenfalls auch von innen her verstärkt unter Druck setzen zu können. Insgesamt gesehen, besteht Jean Baptiste de la Salle hartnäckig auf Struktur, Qualität und Uniformität der Schulen und ihrer Einrichtungsgegenstände, das heißt, er weiß um die Bedeutung, die einem neutral gehaltenen Raum für die Disziplinierung zukommt, indem dieser alles Désir zunichte macht und die Anwesenheit einer weit entfernten, nichtlokalen Obergewalt, die allen denkbaren Aktivitäten den Rahmen vorgibt, sinnfällig macht. Es gibt mindestens zwei Dinge, über die der Schüler keinerlei Macht hat: Zeit und Raum. Was bleibt ihm dann anderes zu wünschen, als Täuschung und Betrug?

Wie bei Démia dient die Regel zur Gewährleistung von Stille, und zwar «einer so völligen Stille, das nicht das geringste Geräusch zu hören ist, nicht einmal Füßescharren.» Sprechen und Sichaustauschen sind auf ein Minimum reduziert: Die Anzahl der Schläge des «Signals», des eisernen Lineals des Schulmeisters, oder auch nur die Richtung, in die es weist, sollen dem Schüler sagen, was er zu tun hat. Folgt ein Schüler einer Anordnung nicht, deutet der Maître mit dem Signal zuerst auf diesen und sodann auf den Aushang mit der nichtbefolgten Anordnung. Um den Bewegungen des Signals folgen zu können und um keine Strafen auf sich zu ziehen, sind die Schüler gezwungen, die Augen stets auf den Maître gerichtet zu halten. Der Klassenraum ist auf eine Weise beschaffen, die ihnen dies erleichtert. Schule gleicht ein wenig einer kirchlichen Messe, die kein Ende findet; der gesellschaftliche Bezugspunkt für die Konzeption dieses schulischen Raums ist die religiöse Institution ist. [57]

Die simultane Methode

Doch die hauptsächliche Neuerung von Jean Baptiste de la Salle liegt in der Aufteilung der Schüler in Gruppen gleichen Lernniveaus, welche parallel – simultan – vom Maître unterrichtet werden. Anstatt einen Schüler nach dem anderen zu sich zu rufen, bleibt der Maître hoch oben auf seinem Sitz und befiehlt von dort dieser oder jener Abteilung, mit der Lektüre zu beginnen. Er kann einen Schüler mitten im vorgelesenen Satz unterbrechen und einen anderen bitten, fortzufahren; er stellt so sicher, daß alle aufmerksam sind. Wenn der eine etwas nicht weiß, fragt der Maître einen anderen; derjenige Schüler, der auch dann alles weiß, wenn die anderen es nicht wissen, ist der beste. Das Wetteifern um die Zuneigung des fernen Maître ist mal stärker, mal schwächer; immer aber ist dies Wetteifern die Haupttriebfeder des Fortschritts der Kinder. Mit der simultanen Methode des Lesens wird es erforderlich, daß ein jedes Kind ein Buch zu seiner Verfügung hat und alle Bücher identisch sind. Dies zum ersten Male. In die Pfarrgemeindeschulen kamen die Kinder mit irgendwelchen Büchern, die sie aus den Beständen im eigenen Hause ergattern konnten. «Die Schule sollte auf eine Weise beschaffen sein, daß die Bücher, Maître, Lektionen und Korrekturen alle gleich und allen gleich dienlich seien» (Vorschlag von 1680 betreffs der Kleinschulen). Jean Baptiste de la Salle spricht hier im Konjunktiv, da sein Wunsch zur damaligen Zeit unerfüllbar ist. Die von ihm geschaffenen divisions – Abteilungen – sitzen zuallermeist im selben Unterrichtsraum, da die Schulen noch nach dem Prinzip «eine Schule – ein Maître» konzipiert sind. Die Finanzmittel reichen nicht aus, um jeder Abteilung einen Maître beizustellen.

De la Salle selbst hat eine Mehrzahl von Maître ermöglicht, indem er festlegte, daß die Brüder sich immer mindestens zu dreien niederzulassen haben: zwei Lehrkräfte sowie ein Bruder für die Verwaltung der Brüdergemeinschaft. Seine groupes de niveaux ou classes – Niveaugruppen oder Klassen – sind neun an der Zahl, deren jede wiederum in die vier catégories – Kategorien – Anfänger, Mittelmäßige, Fortgeschrittene und Perfekte unterteilt ist. Der Übergang von einer Kategorie in die nächste vollzieht sich allmonatlich unter Hinzuziehung des Katalogs, in dem die Fortschritte eines jeden einzelnen festgehalten sind.

Gemeinschaft der Maître und kollektiver Charakter des Lernens auf Seiten der Kinder, welches letztere der Uniformität der Bücher, Räume und Körperhaltungen zu verdanken ist. Die Innovation ist umfassend, ihr Erfolg ist es auch. Hatte Jean Baptiste de la Salle seine Regeln im Jahr 1680 erstmals niedergelegt, verfügt im Jahr 1750 bereits jede Großstadt über eine Schule der Brüder. Die Innovation hat sich vergleichsweise schnell verbreitet.

Was der Institution Grenzen setzt, ist ihr religiöser Charakter wie auch die während der Zeit der Restauration und während der Julimonarchie sich auftuen sollende große Frage für alle an Erziehung als Instrument von Unterwerfung Interessierte: ob sich die Innovation von Jean Baptiste de la Salle überhaupt in die laizisierte Schule würde hinüberretten lassen. [58] Das staatliche Erziehungswesen ist bei einer Gruppe, deren Statut verkündet: «Allezeit erblicken die Brüder Gott in der Person ihres Direktors», nicht in sicheren Händen. Es muß den Brüdern gelingen, in der Person ihres Direktors nichts weiter zu erblicken, als den aktuell die Staatsmacht Innehabenden oder, besser noch, einen Vertreter der Staatsmacht, auf dessen Person es wenig ankommt. Wie bei den Brüdern oder den Maître eine unpersönliche Liebe zum Machthabenden erzeugen, eine Liebe, die keinen Glauben an ein Höchstes Wesen erfordert? Das Führungspersonal des staatlichen Erziehungsministeriums war in der ersten, auf die Gründung des Ministeriums folgenden Zeit noch voller Bewunderung für Jean Baptiste de la Salle: «Guter Priester, der es verstanden hat, den rebellischen Willen des Menschen so sehr zu zähmen und das Individuum unablässig im Interesse des Körpers (wohlgemerkt des Gesellschaftskörpers) zu verstümmeln und es Gefallen an ewigwährender Abhängigkeit finden zu lassen.» Es ist gut, wenn eine Regierung weiß, wie so etwas funktioniert, «über welche Wege und zu welchen Zielen hin jene kraftvollen Rudersleute steuern» (Ambroise Rendu, Essai sur l’instruction publique et particulièrement sur l’instruction primaire, Aufsatz über das öffentliche Unterrichtswesen und insbesondere über den Grundschulunterricht, 1819).

Jene Rudersleute waren tatsächlich so sehr kraftvoll gewesen, daß ihre Widersacher ihnen schließlich doch noch Recht geben mußten, zumindestens was die Methode betrifft. Sie wird sich zum Ende der Julimonarchie hin und vor allem zu Beginn des Zweiten Empire durchsetzen, nachdem die fortschrittlichen, die mutuelle Methode vertretenden Lehrkräfte, die zu Beginn der Zweiten Republik in der Schlacht um die Demokratie an vorderster Linie gekämpft hatten, blindwütig unterdrückt worden waren. Diese Unterdrückung sollte sich nach Niederschlagung der Pariser Kommune noch einmal wiederholen und dann endgültig sein.

Über die simultane Methode ist zu sagen, daß sie gegenüber der ihr vorausgegangenen und überall verbreitet gewesenen individuellen Methode jedenfalls etwas Verführerisches an sich hat. In sechs Unterrichtsstunden für 40 Kinder erlaubt die individuelle Methode einem einzelnen Kind viereinhalb Minuten lang zu lesen, eineinhalb Minuten lang zu rechnen und drei Minuten lang im Beisein des Maître zu schreiben! Ein jeder sieht sofort ein, daß so etwas nicht auf Dauer Bestand haben kann, daß eine nach der individuellen Methode geführte Schule lediglich eine Verwahranstalt ist, in der nur diejenigen, die wirklich lesen und schreiben wollen, es schaffen, sich bis zum Maître hin durchzuschlagen.

Mit der simultanen Methode hingegen läßt sich sehr viel Zeit gewinnen; und Zeit ist Geld, so weiß es die kapitalistische Ethik. Bei 75 Kindern in fünf divisions – Abteilungen – zu je fünfzehn Kindern liest bei der simultanen Methode ein jedes Kind während 18 Minuten; denn in der Zeit, in der ein Klassenkamarad laut vorliest, muß es leise mitlesen für den Fall, daß es vom Maître aufgefordert werden sollte, den Vorleser abzulösen. Jedes einzelne Kind hat zwölf Minuten, während derer es unter unmittelbarer Aufsicht des Maître schreibt und sechs weitere  Minuten fürs Rechnen. [59] Während der Maître anderen Abteilungen zugewandt ist, muß es außerdem unter der Aufsicht des Ersten eines jeweiligen rang – Rangs – allein für sich schreiben. Man beachte, daß die fünf Abteilungen von Jean Baptiste de la Salle die fünf Grundschulklassen von heute sind.

Die Zukunft der simultanen Methode liegt folglich in der Vervielfachung der Lehrkräfte, was mehr Zeit für jedes einzelne schulische Fach und sogar mehr Schulfächer für die einzelnen Abteilungen erlauben würde. Überdies bietet sich im Vergleich zur traditionellen Methode der Vorteil, die Kinder während der Zeit, in der der Maître sie nicht sicher im Auge behalten kann, mit Schreiben beschäftigt zu halten. Denn während er der einen Abteilung zugewandt ist, die gerade liest, kann er einen prüfenden Blick auf eine gerade mit Schreiben beschäftigte andere Abteilung werfen. «Das Schreiben hat immer ohne Zeitverschwendung zu geschehen» lautet einer der Merksätze, gegen die nicht verstoßen werden darf und die an der Wand des Klassenraums ausgehängt sind. Eine wichtige Neuerung der Schule der Brüder ist es, das Schreiben als Mittel der Disziplinierung zu nutzen, das immer dann zum Einsatz kommt, wenn der Maître sich nicht ungeteilt zuwenden kann und die Schüler nicht vom pädagogischen Beziehungsverhältnis, von der Haßliebe zum Maître, erfaßt sind. Zuvor war das Schreiben vom Schreib-meister und das Lesen in der Pfarrgemeindeschule unterrichtet worden; allein von daher war es unmöglich, sich abwechselnd mit dem einen oder dem anderen zu befassen, und entsprechend waren Lesen und Schreiben unablässig vom pädagogischen Beziehungsverhältnis durchdrungen gewesen.

wird fortgesetzt

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