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Ausland, Nordamerika

Die US-Raketenabwehr 2019

Hans M. Kristensen und Matt Korda, zwei Atomwaffenspezialisten aus den USA, untersu­chen den Ausbau der US-Raketenabwehr und dessen Auswirkungen auf das atomare Wettrüsten.

von Matt Korda und Hans M. Kristensen

Übersicht

Die Beiträge im Nuclear Notebook (Atomwaffen-Notizbuch, s. https://thebulletin.org/fea­ture_type/nuclear-notebook/ ) werden recherchiert und verfasst von Hans M. Kristensen, dem Direktor des Nuclear Information Project (des Projektes Informationen über Atomwaf­fen, s. https://fas.org/programs/ssp/nukes/index.html ) der Federation of American Scien­tists (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Federation_of_American_Scientists ), und Matt Korda, einem Forscher, der an diesem Projekt beteiligt ist. Das Nuclear Notebook ist seit 1987 Bestandteil des Bulletin of the Atomic Scientists. Im nachfolgenden Beitrag wird der ge­genwärtige Stand der US-Raketenabwehr untersucht, die maßgeblich für die Wiederauf­nahme des globalen atomaren Wettrüstens verantwortlich ist. Aus der jüngsten Missile De­fense Review (des Pentagons, s. https://www.defense.gov/Portals/1/Interactive/2018/11-  2019-Missile-Defense-Review/The%202019%20MDR_Executive%20Summary.pdf ) geht hervor, dass die USA ihre vier wichtigsten Raketenabwehrsysteme – eins für die Verteidi­gung des US-Territoriums und drei für die Verteidigung anderer Regionen – ohne „jede Begrenzung oder Einschränkung“ verstärken werden. Damit wird die Destabilisierung vor­angetrieben, weil die potentiellen Gegner versuchen werden, neue offensive Systeme zu entwickeln, die dazu fähig sind, die US-Raketenabwehr zu durchdringen. Das tun gegen­wärtig bereits Russland und China, die beide Raketen bauen, die so konstruiert sind, dass die US-Raketenabwehr sie nicht aufhalten kann (weitere Infos dazu s. unter http://ww­w.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP02918_050318.pdf und http://www.luftpost-kl.de/ luftpost-archiv/LP_16/LP03818_300318.pdf ).

Raketenabwehrsysteme können einen starken Einfluss auf die Entwicklung neuer Atom­waffen, die Strategie für deren möglichen Einsatz sowie die internationale Stabilität und Si­cherheit haben. Selbst wenn die Raketenabwehr die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt, ist die Befürchtung, dass sie jetzt oder später vielleicht doch funktionieren könnte, ausreichend, um schwerwiegende Gegenmaßnahmen auszulösen. Befürworter, die be­haupten, Raketenabwehrsysteme bedrohten niemanden, weil sie nur gegnerische Rake-ten abfangen sollen, werden potentielle Gegner damit nicht beruhigen können, sondern sie mit großer Wahrscheinlichkeit dazu anstacheln, neue Offensivwaffen zu entwickeln, mit denen sicherzustellen ist, dass die eigene Abschreckung wirksam und glaubwürdig bleibt. Diese Dynamik galt schon im Kalten Krieg und gilt heute immer noch.

Deshalb ist es schwierig, einzuschätzen, ob die jahrzehntelange Erforschung und Entwick­lung von Raketenabwehrsystemen den USA tatsächlich mehr Sicherheit gebracht hat. Der Schutz kleinerer, vorgeschobener US-Militärbasen (vor Raketenangriffen) mag möglich sein, eine glaubwürdige Verteidigung des gesamten Staatsgebietes der USA bleibt aber

zweifelhaft. Statt die Sicherheit der USA zu erhöhen, hat der Ausbau der US-Raketenab­wehr nur dazu geführt, dass potenzielle Gegner die USA und ihre Verbündeten jetzt mit wirksameren Offensivwaffen angreifen könnten.

Als Antwort auf tatsächlich oder nur vermutlich wirksame Raketenabwehrsysteme haben die Atomwaffenstaaten im Kalten Krieg ihre Offensivraketen immer wieder modernisiert. Als die Sowjetunion Moskau und Leningrad – jetzt St. Petersburg – durch Raketenabwehr­systeme schützte, entwickelten die USA einen Plan für einem Atomangriff mit mehr als 100 bodengestützten, ballistischen Interkontinentalraketen, abgekürzt ICBMs (s. https:// de.wikipedia.org/wiki/Interkontinentalrakete ), und ballistischen Raketen auf U-Booten, ab­gekürzt SLBMs (s. https://de.wikipedia.org/wiki/U-Boot-gest%C3%BCtzte_ballistische_Ra­kete ), um die sowjetische Raketenabwehr zu überwinden. [s. Kristensen, McKinzie und Norris, 2004] Um die gegnerische Raketenabwehr auszutricksen, wurden dann Raketen mit mehren Atomsprengköpfen entwickelt, die später sogar einzeln steuerbar waren – so genannte MIRVs (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Multiple_independently_targetable_reen­try_vehicle ). Diese technologischen Fortschritte führten zu einer massiven Zunahme der Atomwaffen in den 1970er und 1980er Jahren.

Der ABM-Vertrag

Weil sie erkannt hatten, dass eine weitere Verstärkung der Raketenabwehr die strategi­sche Stabilität verringern und zur Vermehrung der Offensivwaffen führen würde, haben die USA und die Sowjetunion 1972 den Anti Ballistic Missile Treaty, abgekürzt ABM-Vertrag (s. https://de.wikipedia.org/wiki/ABM-Vertrag ) vereinbart, der die Aufstellung von Raketen­abwehrsystemen auf dem Territorium beider Staaten begrenzte. Wenn jeder Staat weiter­hin beliebig viele wirksame Raketenabwehrsysteme hätte installieren können, wäre die strategische Stabilität ausgehebelt worden, weil der Angreifer den „Vergeltungsschlag“ des Angegriffenen, die so genannte „Zweitschlagskapazität“ (s. https://de.wikipedia.org/ wiki/Zweitschlag ), dann hätte unterbinden können. Der Angreifer hätte mit dem „Erst­schlag“ die meisten Atomraketen des Angegriffenen ausschalten und mit seiner Raketen­abwehr dessen „überlebende“ Raketen abfangen können. So lange beide Supermächte mit einem atomaren Gegenschlag rechnen mussten, schreckten auch beide vor einem atomaren Erstschlag zurück. Deshalb war der beiderseitige Verzicht auf eine wirksame Raketenabwehr überlebenswichtig für die Erhaltung der strategischen Stabilität zwischen den USA und der Sowjetunion.

Der ABM-Vertrag erlaubte jeder Seite, nur eine Region durch jeweils 100 ABM-Raketen zu sichern, entweder die Hauptstadt oder eine Anlage mit atomar bestückten Interkontinental­raketen. Die Sowjetunion entschloss sich dazu, Moskau zu schützen; die USA zogen es vor, eine Basis mit Interkontinentalraketen in der Nähe der Stadt Grand Forks in North Da­kota (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Grand_Forks ) abzusichern. Der ABM-Schutz Mos­kaus ist bis heute funktionsfähig. Die ABM-Anlage bei Grand Forks wurde nur wenige Mo­nate nach ihrer Errichtung aus Kostengründen und wegen mangelnder Effektivität wieder geschlossen. Nach dem ABM-Vertrag war außerdem die Entwicklung mobiler landgestütz­ter ABM-Systeme und auf See, in der Luft oder im Weltraum stationierter ABM-Systeme verboten – ebenso die Umrüstung normaler Raketen zu ABM-Raketen, die Entwicklung spezieller ABM-Radarsysteme und die Stationierung von ABM-Systemen außerhalb der Grenzen der USA oder der Sowjetunion. [s. Kimball und Reif, 2012]

Sämtliche Verbote sind nicht mehr in Kraft, weil die USA 2002 einseitig vom ABM-Vertrag zurückgetreten sind. Der damals amtierende Präsident George W. Bush behauptete, der Vertrag sei wegen der guten Beziehungen der USA zu Russland nach dem Kalten Krieg nicht mehr relevant. Außerdem hindere dieser Vertrag die USA daran, neue ABM-Raketen zu entwickeln, mit denen „Schurkenstaaten“ wie Nordkorea und der Iran abgeschreckt werden könnten.

Russland und China haben die USA davor gewarnt, dass sie, falls die USA ihre Raketen­abwehr ausbauen, entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen werden, um ihre Abschre­ckungsfähigkeit zu erhalten. Der Chef der russischen Streitkräfte erklärte, die Entschei­dung der USA habe das internationale strategische Gleichgewicht verändert und werde dazu führen, dass eine ganze Reihe von Staaten in ein erneutes Wettrüsten eintreten. [Neilan, 2001] Um Russland und China zu beruhigen, haben die Bush-Regierung und nach ihr auch die Obama-Regierung immer wieder beteuert, die US-Raketenabwehr sei nicht gegen Russland oder China gerichtet, sie solle nur vor Raketenangriffen von „Schur­kenstaaten“ schützen.

Weder Russland noch China haben das geglaubt. Beide begannen Raketen zu entwi­ckeln, die in der Lage sein sollten, die US-Raketenabwehr nötigenfalls zu überwinden. In einer im März 2018 gehaltenen Rede stellte der russische Präsident Wladimir Putin eine ganze Reihe bisher unbekannter strategischer Waffensysteme vor, die, wie er sagte, spe­ziell dafür gebaut wurden, die US-Raketenabwehr zu durchdringen. Putin betonte noch­mals, dass der ABM-Vertrag der Eckstein der strategischen Stabilität zwischen den USA und Russland gewesen sei. Als die USA ihn aufgekündigt hätten, habe „niemand auf die russischen Warnungen hören wollen. Dann solle man wenigstens jetzt darauf hören“. [Pu­tin, 2018 (und weitere Infos dazu unter http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/ LP02918_050318.pdf )]. Putin betonte, das neue Wettrüsten habe nur begonnen, „weil sich die USA aus dem ABM-Vertrag zurückgezogen haben“. [TASS, 2018]

Russland hat auch seine Raketenabwehr um Moskau verstärkt. Das verbesserte System vom Typ A-235 (s. https://en.wikipedia.org/wiki/A-235_anti-ballistic_missile_system ) um­fasst auch neu entwickelte ABMs für Raketen kurzer Reichweite. Die russischen Flugab­wehrsysteme S-300 und S-400 können ballistische Kurzstreckenraketen nur eingeschränkt abfangen; das noch in Entwicklung befindliche System S-500 soll aber sogar die Fähigkeit haben, von Interkontinentalraketen freigesetzte einzelne Sprengköpfe während des Wie­dereintritts in die Atmosphäre abzufangen, wobei diese Gerüchte nicht unbedingt stimmen müssen. [TASS, 2019; RIA Novosti, 2017]

China hat auf die neuen US-Raketenabwehrsysteme mit der Entwicklung von MIRVs (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Multiple_independently_targetable_reentry_vehicle ) für seine Interkontinentalraketen reagiert. Seine große, aus einem Silo startende DF-5 (s. https:// de.wikipedia.org/wiki/Dongfeng_5 ) kann jetzt auch MIRVs tragen, ebenso seine neue mo­bile DF-41 (s. https://en.wikipedia.org/wiki/DF-41 ). Damit soll sichergestellt werden, dass auch Chinas beschränkte Anzahl von Interkontinentalraketen den US-Raketenabwehr­schild überwinden kann. Außerdem wurden mehrere neue chinesische Kurz- und Mittel­streckenraketen-Systeme mit einem manövrierfähigen Sprengkopf (DF-26, s. https://en.wi­kipedia.org/wiki/DF-26 ) oder einem Raumgleiter (DF-17, https://de.wikipedia.org/wiki/DF­ZF ) ausgerüstet, die US-Abwehrsysteme in anderen Weltregionen durchbrechen sollen.

Die Trump-Administration

In ihrer Missile Defense Review, abgekürzt MDR 2019 (s. https://www.defense.gov/Por-tals/1/Interactive/2018/11-2019-Missile-Defense-Review/The%202019%20MDR_Executi-ve%20Summary.pdf ), behauptet die Trump-Regierung wie ihre Vorgänger, die US-Rake­tenabwehr sei nur gegen „Schurkenstaaten“ gerichtet: „Die US-Raketenabwehr ist so aus­gelegt, dass sie die USA wirksam vor Raketen schützen kann, die aus Schurkenstaaten abgefeuert werden. Bei den größeren und technisch besser ausgestatteten Interkontinentalraketen Russlands und Chinas verlassen wir uns auf die abschreckende Wirkung der US-Atomwaffen.“ [US Department of Defense, 2019a, IX]

Präsident Donald Trump hat dieser Begrenzung sofort widersprochen und eine uneinge­schränkte Raketenabwehr gefordert, die dazu in der Lage sein müsse, alle Raketen aller potenzieller Angreifer abzufangen. In seiner offiziellen Stellungnahme im Pentagon (s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP01019_230119.pdf ) erklärte Trump, mit der Missile Defense Review solle sichergestellt werden, „dass jede gegen die USA gerich­tet Rakete entdeckt und zerstört werden kann – überall, jederzeit und unabhängig davon, woher sie kommt“. Dazu gehörten „auch Angriffe mit Marschflugkörpern und Hyperschall­raketen“. Da Nordkorea und der Iran nicht über Hyperschallraketen verfügen, muss das als Hinweis auf Russland und China verstanden werden. Trump beseitigte alle diesbezüg­lichen Zweifel, als er fortfuhr, die USA werde „alle Raketenangriffe feindlicher Mächte so-fort nach dem Start unterbinden, falls eine diesen Fehler mache“. Unabhängig vom Rake­tentyp oder vom geografischen Ursprung des Angriffs werde sichergestellt, dass feindliche Raketen weder auf der Erde noch am Himmel irgendwelchen Schaden anrichten können. [The White House, 2019]

Die USA haben auch schon eine ganze Reihe von durch den ABM-Vertrag verbotenen Systemen über den ganzen Globus verteilt (s. Abb. 1) und sind dabei, die Systeme zu mo­dernisieren (s. Abb. 2). Offizielle US-Informationen und russische oder chinesische Reakti­onen lassen den Schluss zu, dass viele bereits in Betrieb sind. Einige Anzeichen sprechen jedoch dafür, dass mehrere Systeme nicht so leistungsfähig sind, wie sie eigentlich sein sollten. Außerdem, kann so-gar die beste Raketenabwehr durch Gegenmaßnahmen leicht ausgetrickst und durchbro­chen werden. Es folgt eine Übersicht über das Management, die Fähigkeiten und den ge­genwärtigen Zustand der verschiedenen Raketenabwehr-Programme der USA.

Die Missile Defense Agency

Die Missile Defense Agency (abgekürzt MDA, s. https://de.wikipedia.org/wiki/Missile_De­fense_Agency ), die früher Ballistic Missile Defense Organization (s. https://en.wikipe­dia.org/wiki/Ballistic_Missile_Defense_Organization ) hieß, ist für die Erforschung und Ent­wicklung von US-Raketenabwehrsystemen verantwortlich. Sie hat den Auftrag, ein Laye­red Missile Defense System (s. https://www.defense.gov/explore/story/Article/1982838/ layered-missile-defense-system-protects-homeland/ ) zur Verteidigung der USA, der im Ausland stationierten US-Streitkräfte sowie der Verbündeten und Freunde der USA gegen Angriffe mit ballistischen und Hyperschallraketen zu entwickeln, das in der Lage ist, Rake-ten aller Reichweiten in allen Flugphasen abzufangen. [Missile Defense Agency, 2019c]

Ungeachtet der Tatsache, dass die MDA von 2002 bis 2017 mit rund 142 Milliarden Dollar ausgestattet wurde [Government Accountability Office, 2019, 1], konnten viele Qualitäts­mängel sowie technische und kulturbezogene Probleme nicht gelöst werden. Deshalb wur­de die MDA von anderen Behörden der US-Regierung heftig kritisiert, zum Beispiel vom Government Accountability Office (GAO, s. dazu auch https://de.wikipedia.org/wiki/Gover­nment_Accountability_Office ) und vom Defense Department Inspector General (dem Ge­neralinspekteur des Pentagons, weitere Infos dazu unter https://en.wikipedia.org/wiki/Of­fice_of_the_Inspector_General,_U.S._Department_of_Defense ) – weil sie unbedingt den Zeitplan erfüllen wollte, anstatt gesicherte Forschungsergebnisse abzuwarten. [Govern­ment Accountability Office, 2019, 26]

Besonders bei der Ground Based Midcourse Defense, abgekürzt GMD (s. https://de.wiki­pedia.org/wiki/Ground-Based_Interceptor und https://www.boeing.com/defense/missile-de­fense/ground-based-midcourse/index.page ), wurden Systeme mit schweren technischen Mängeln ohne ausreichende Tests installiert. In einem Prüfbericht, den der Defense De­partment Inspector General im Jahr 2014 verfasst hat, werden 48 Mängel beim Exoatmo­shpäric Kill Vehicle (abgekürzt EKV, s. dazu auch https://en.wikipedia.org/wiki/Exoatmos­pheric_Kill_Vehicle ) aufgezählt, die diese Komponente, mit der anfliegende gegnerische Raketen unschädlich gemacht werden sollen, als untauglich für den Weltraum erscheinen lassen. Zweiundzwanzig dieser Mängel waren so „schwerwiegend“, dass vermutlich das Qualitätsmanagement total versagt hat“. [US Department of Defense, 2014, 9-10]. Das er­klärt auch, warum das GAO diesem System, das bisher 67 Milliarden Dollar gekostet hat [Reif, 2019a], „eine Einsatzfähigkeit von weniger als 50 Prozent“ bescheinigt hat [GAO, 2019, 59]. Im gleichen Prüfbericht aus dem Jahr 2019 hat das GAO festgestellt: „Die MDA hat ihre geplanten Ziele nicht erreicht,“ weil sie wegen „Fehlschlägen, Verzögerungen und Annullierungen“ im laufenden Haushaltsjahr nur 64 bis 70 Prozent der geplanten Ausliefe­rungen testen konnte. [GAO, 2019, I]

Die vermutlich beste Zusammenfassung des Versagens und der Verschwendungssucht der MDA stammt aus einem ziemlich aggressiven GAO-Bericht. Darin wird festgestellt: „Unsere Überprüfung hat ergeben, dass die Konstruktion dieses Systems vor der Aufnah­me der Produktion wegen Termindrucks nicht ausgereift war. Deshalb war eine erfolgrei­che Produktion unmöglich.“ [GAO, 2019, 52]

Im März 2018 hat die MDA sich plötzlich entschieden, Informationen über Flugtests der Rakete, deren Ergebnisse und die Testtermine geheim zu halten. Mit der Begründung, die Geheimhaltung sei „verteidigungspolitisch notwendig“, wurde dieser Schritt nur unzurei­chend gerechtfertigt. [Aftergood, 2018] Im Juli 2018 hat der Kongress diese Entscheidung der MDA aufgehoben und für das Haushaltsjahr 2019 verfügt, „dass die MDA die Flugtests und ihre Ergebnisse nicht mehr geheim halten darf“. [NDAA, 2019, Sec. 1681]

Die Raketenabwehr auf dem Territorium der USA

Die Raketenabwehr auf dem Staatsgebiet der USA, die als Ground-Based Midcourse De­fense (s. https://en.wikipedia.org/wiki/Ground-Based_Midcourse_Defense ) bezeichnet wird, soll die von Interkontinentalraketen freigesetzten Atomsprengköpfe im Anflug abfan­gen. Das System besteht aus bodengestützten, aus Erdsilos startenden mehrstufigen Ab­fangraketen, die mit einem EKV (s. https://en.wikipedia.org/wiki/Exoatmospheric_Kill_Ve­hicle ) ausgerüstet sind. Die GMD-Technologie beruht auf einem direkten Zusammenstoß des EKV mit einem Sprengkopf, der durch die Kraft des Aufpralls zerstört werden soll.

Derzeit befinden sich 44 bodengestützte Abfangraketen auf dem Territorium der USA: 40 in der Umgebung des Forts Greely in Alaska (s. https://en.wikipedia.org/wiki/Fort_Greely ) und vier auf der Vandenberg Air Base in Kalifornien (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Van­denberg_Air_Force_Base ). Das Pentagon lässt das Raketenfeld bei Fort Greely gerade erweitern und will dort bis 2023 weitere 20 Abfangraketen stationieren. [US Department of Defense, 2019a, 43]

Grafik entnommen aus https://www.boeing.com/defense/missile-defense/ground-based-midcourse/in-dex.page

Seit 2012 setzen sich einige republikanische Abgeordnete des Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus für die Errichtung einer dritten Raketenabwehr-Basis an der Ostküste der USA ein [Stefanik, 2018], obwohl die Chefs der MDA und das Joint Functional Compo­nent Command (s. unter https://de.wikipedia.org/wiki/Joint_Functional_Component_Com­mand for _ Intelligence,_Surveillance_and_Reconnaissance ) festgestellt haben, dass „es dafür keine militärische Notwendigkeit gibt“. [US Department of Defense, 2013] Im Juni 2019 hat Michael D. Griffin, der Staatssekretär für Forschung und Konstruktion im US-Ver­teidigungsministerium, in einem Memorandum an den Streitkräfteausschuss im Repräsen­tantenhaus vorgeschlagen, diese dritte Raketenabwehr-Basis in Fort Drum bei New York zu errichten, weil dort „die besten operativen Voraussetzungen“ bestünden, obwohl dort mit „den höchsten Kosten und den stärksten Eingriffen in die Umwelt“ zu rechen wäre. Er wies aber auch darauf hin, dass es nach der Missile Defense Review des Pentagons von 2019 keinen Bedarf für eine Raketenabwehr-Basis an der Ostküste gibt und deshalb auch nicht die Absicht bestehe, dort eine zu errichten. [US Department of Defense, 2019b]

Das GMD-System erfordert ein umfassendes Netz von Sensoren und Radarstationen am Boden und im Weltraum. Dazu gehören Satelliten mit Infrarotsensoren, abgekürzt SBIRS (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Space-Based_Infrared_System ), die den Start von Raketen melden, wie die Radarstation COBRA DANE auf Shemya Island in Alaska (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Cobra_Dane ), die kürzlich modernisierten Frühwarnradare in Kalifornien, Großbritannien und Grönland, die vorverlagerten X-band-Radarstationen in Japan, Radarsysteme auf Aegis-Lenkwaffenzerstörern und eine seegestützte X-band-Radarstation im Pazifischen Ozean. [US Department of Defense, 2019a, 42] Zusätzlich entwickelt Lockheed Martin seit September 2018 ein neues Radarsystem mit großer Reichweite, das 2020 auf der Clear Air Force Station in Alaska installiert werden soll. [Larter, 2018] Außerdem werden die Radar-Systeme PAVE PAWS3 (s. https://de.wikipedia.org/wiki/PAVE_PAWS ) auf der Clear Air Station in Alaska und bei Cape Cod in Massachusetts bis 2023 modernisiert. [Keller, 2018]. Der MDR 2019 ist zu entnehmen, dass außerdem bis 2023 bzw. 2025 zwei neue Radarsysteme auf Hawaii und „in der Region Pazifik“ errichtet werden sollen. [US -Department of Defense 2019a, 43-44] All diese Radarstationen sind sehr anfällig für gegnerische Angriffe.

Obwohl die Firma Boeing, der führende Hersteller, ihr GMD-System als einen „Schild“ [Boeing] beschreibt, ist es nach den Testergebnissen eher ein (ziemlich durchlässi­ges) „Sieb“. Nicht ganz die Hälfte, nur 20 von 44 der der­zeit installierten GMD-Abfangraketen, sind mit dem ver­besserten CE-I Kill Vehicle (s. dazu auch https://missile-defenseadvocacy.org/missile-defense-systems-2/missile-defense-systems/u-s-deployed-intercept-systems/ground-based-midcourse-defense/gbi-booster-and-kill-vehicle-evolution/ ) ausgerüstet, das nur in zwei von vier Abfang­tests erfolgreich war, von denen der letzte im Jahr 2008 stattfand. Und nur ein Drittel der Abfangraketen – 16 von 44 – sind mit dem neueren CE-II Kill Vehicle bestückt, das bei Tests auch nur zu 50 Prozent erfolgreich war. [GAO, 2019, 57] Nach Aussagen des ehemaligen MDA-Chefs Admiral James Syring fanden diese Tests außerdem „unter optimalen Bedingungen“ statt. [Syring, 2013] In Anbetracht dieser Zahlen und Fakten ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die GMD-Abfangraketen unter normalen Bedingungen einen Angriff mit Mehrfachsprengköpfen abwehren könnten.

Gleichzeitig mit den gegnerischen Atomsprengköpfen ausgesetzte Sprengkopf-Attrappen könnten das komplette GMD-System austricksen. Weil sich im luftleeren Weltraum die leichten Attrappen genau so schnell bewegen wie die schwereren Sprengköpfe, sind sie nur sehr schwer voneinander zu unterscheiden. Außerdem ist der MDA nicht bekannt, wie die gegnerischen Attrappen aussehen. Weil die Abfangraketen sehr teuer sind, müsste ei­gentlich jede einen gegnerischen Sprengkopf treffen. Aus einem im Jahr 2012 veröffent­lichten Bericht des National Research Council (s. https://de.wikipedia.org/wiki/ National_Research_Council_(Vereinigte_Staaten) ) geht jedoch hervor [National Research Council. 2012, 103], dass die Treffsicherheit des gegenwärtigen GMD-Systems nicht be­sonders hoch ist; deshalb müssen immer zwei Abfangraketen auf ein Ziel abgefeuert wer­den – in der Hoffnung, dass sich bei einem Treffer der ersten Rakete die zweite ein neues Ziel sucht. [Panda, 2019]

Die MDA beabsichtigt die unzuverlässigen CE-I Kill Verhicles so bald wie möglich durch Neuentwicklungen zu ersetzen, die aber erst in den Haushaltsjahren 2023 bis 2026 zur Verfügung stehen sollen. Im GAO-Bericht 2019 an den Kongress wird jedoch festgestellt, die Raketenentwicklung sei wegen der möglichen Bedrohung durch nordkoreanische Inter­kontinentalraketen zu sehr beschleunigt worden, was zu technisch bedingten Verzögerun­gen geführt und zusätzliche Kosten in Höhe von 600 Millionen Dollar verursacht habe. Trotzdem sei dieses Programm am 24. Mai 2019 eingestellt worden. [GAO, 2019, 60] Nach der Einstellung des Programms zur Entwicklung eines neuen Kill Vehicles steht das gesamte GMD-Programm auf dem Spiel. Kill Vehicles haben eine „Lebensdauer“ von etwa 20 Jahren, die für 20 der gegenwärtig installierten CE-I Vehicles Mitte der 2020er Jahre endet. Weil sie nicht rechtzeitig ersetzt werden können, wird fast die Hälfte der derzeit ver­fügbaren GMD-Abfangraketen in etwas mehr als 5 Jahren nicht mehr einzusetzen sein.

Ende August 2019 hat die MDA einen Geheimplan zur Entwicklung einer neuen Generati­on von Kill Vehicles vorgelegt; es ist aber nicht bekannt, ob und wie sich die neuen Kill Ve­hicles von denen des eingestellten Programms unterscheiden. [McLeary, 2019)] Die MDA möchte außerdem ein „Multi Object Kill Vehicle“ entwickeln lassen, das so klein ist, dass mehrere auf eine Abfangrakete passen. Dieses Projekt wurde 2009 schon einmal aufge­geben, aber 2015 mit Entwicklungsaufträgen an mehrere Firmen wieder aufgenommen. [MDA, 2016a, 5].

Die Raketenabwehr in anderen Weltregionen

Zur US-Raketenabwehr gehören auch mehrere Systeme, die regionale Raketenangriffe (außerhalb der USA) abfangen sollen. Viele dieser Systeme sind mobil und können daher sehr kurzfristig in Krisengebiete verlegt werden. Einige sind auch mit Abfangsystemen an­derer Staaten kompatibel, und können deshalb für gemeinsame Operationen verwendet werden.

Das System Terminal High Altitude Area Defense, abgekürzt THAAD

THAAD-Bildfolge entnommen aus h t tps://www.lockheedmartin.com/content/dam/ lockheed-martin/mfc/pc/thaad/mfc-thaad-pc.pdf

Das THAAD System (s. https://de.wikipedia.org/ wiki/Terminal_High_Altitude_Area_Defense ) ist das einzige US-Raketenabwehrsystem, das Ra­keten kurzer, mittlerer und längerer Reichweite sowohl innerhalb als auch außerhalb der Atmo­sphäre und während der Endphase ihres Fluges abfangen kann. Wie beim GMD-System beruht auch die THAAD-Technologie darauf, den an­fliegenden Sprengkopf durch die mechanische Energie des Aufpralls zu zerstören. Eine THAAD-Batterie besteht aus vier Komponenten: aus 6 Transportfahrzeugen des Typs M1075 (s. dazu auch http://www.military-today.com/trucks/ oshkosh_pls.htm ) mit einer Abschussvorrich­tung, in die 8 Abfangraketen passen, insgesamt 48 einstufigen Feststoff-Abfangraketen mit jeweils einem Kill Vehicle, das sich am Ende der Flugphase seiner Trägerrakete von dieser trennt, einem Radarsystem des Typs AN/TPY-2 X-Band (s. https://de.wikipedia.org/wiki/AN/TPY-2 ), das anfliegende Raketen in einer Entfernung bis zu 1.000 Kilometern erfassen kann, und einer Feuerleit- und Kommu­nikationseinheit, die diese Batterie in das zentrale Kommando- und Kontrollnetz einbindet. [MDA, 2019b]

Die Entwicklung des THAAD-Konzepts hat 1989 begonnen, bis 2006 waren von 8 Tests aber nur 2 erfolgreich. [Syring, 2014 – MDA, 2016b] Nach 2006 durchlief das THAAD-Sys­tem allerdings 16 aufeinander folgende Tests mit Erfolg [ABM, 2019a] – auch beim Ab­schuss einer ballistischen Rakete größerer Reichweite im Juli 2017 und beim Start von ei­ner ferngesteuerten Abschussvorrichtung im August 2019. [Hughes, 2019]

Als dieser Artikel verfasst wurde, verfügte die US Army über sieben THAAD-Batterien, die vor allem im Ausland stationiert sind – und zwar längerfristig auf Guam und in Südkorea, wo es deshalb zu Protesten kam (s. dazu auch https://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/ LP_16/LP07217_080517.pdf ). Weil das AN/TPY-2 Radar des THAAD-Systems weit ins chinesische Territorium hineinreicht, hat China damit begonnen, seine Geschäfte mit Süd­korea und den chinesischen Tourismus dorthin einzuschränken. Dessen starker Rückgang im Jahr 2017 hat die südkoreanische Wirtschaft 6,5 Milliarden Dollar Einnahmen gekostet. [Kim und Blanchard, 2017] In dem erbitterten Streit um die THAAD-Stationierung hat Chi­na erfolgreich seine Muskeln spielen lassen. Sein Druck auf Südkorea hat sogar bewirkt, dass vom Staat geförderte junge chinesische Rapper mit Songs gegen die THAAD-Statio­nierung in Südkorea protestiert haben. [CD Reve, 2017] Um den Streit mit China zu schlichten, machte Präsident Moon Jae-in Peking drei Zugeständnisse: keine zusätzlichen US-Raketenabwehrsysteme, keine Integration Südkoreas in einen regionalen US-Rake­tenabwehrschild und kein Beitritt zu einem Militärbündnis der USA mit Japan, was als au­ßerordentliches Zugeständnis eines langjährigen US-Verbündeten an China zu werten ist.

[Panda, 2017] Viele Südkoreaner protestieren bis heute vor der US-Basis, auf der das THAAD-System im Jahr 2016 stationiert wurde. Das US-Militär ist gezwungen, Hubschrau­ber einzusetzen, um seine Basis zu versorgen. [Choi, Chung und Kim, 2018]

Das transportable THAAD-Sytem kann einfach und schnell verlegt werden. Im März 2019 hat das US-EUCOM (in Stuttgart, s. https://de.wikipedia.org/wiki/United_States_Euro­pean_Command ) eine THAAD-Batterie für drei Wochen nach Israel verlegt. [Smith, 2019 (und http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP03419_200319.pdf )] Von Mai bis August 2019 befand sich eine THAAD-Batterie in Rumänien, weil das dort befindliche landgestützte Aegis-Abwehrsystem modernisiert wurde. [NATO, 2019 (und http://www.luft­post-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP05019_240419.pdf )]

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben als erster ausländischer Kunde für 1,135 Milli­arden Dollar 2 THAAD-Batterien, 48 Abfangraketen, 9 Abschussvorrichtungen, 2 Radar­Systeme und 2 Einweisungskurse in Fort Bliss in Texas gekauft; der 1. Kurs mit 81 Teil­nehmern aus den Emiraten fand Ende 2015 statt, der 2. im Mai 2016. [Biggers, 2017] Sau­di-Arabien hat 360 Abfangraketen, 44 Abschussvorrichtungen, sieben Radarsysteme des Typs AN/TPY-2 und 16 Feuerleit- und Kommunikationseinheiten für 15 Milliarden Dollar bestellt. Der Kaufvertrag soll bis April 2026 abgewickelt sein. [Cone, 2019 (und http://ww­w.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP12619_301019.pdf )]

Im den kommenden Jahren will die U.S. Army das THAAD-System und das Patriot-Sys­tem miteinander kompatibel machen lassen. Das Patriot-System zur Abwehr von Kurzstre­ckenraketen und das THAAD-System zur Abwehr von Langstreckenraketen sollen beide ihre Zieldaten vom AN/TPY-2-Radar erhalten und dadurch ihre Reichweiten vergrößern. Nach Angaben der mit der Weiterentwicklung der Abfangraketen des modernisierten PAC­3-Systems (s. https://de.wikipedia.org/wiki/MIM-104_Patriot ) beauftragten Firma Lock­heed Martin sollen diese auch von THAAD-Abschussvorrichtungen starten können. [Jud­son, 2018] Lockheed will auch neue THAAD-Abfangraketen mit dreifacher Reichweite ent­wickeln; das tut die Firma jedoch aus Eigeninitiative, weil dafür noch kein Kaufvertrag der US-Regierung vorliegt. [Freedberg, 2017]

Das System Aegis

Das Aegis-Raketenabwehrsystem soll Raketen mit kurzer, mittlerer und größerer Reich­weite abfangen – im Weltraum und beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Es kann auf Aegis-Kampfschiffen – auf Kreuzern der Klasse CG-47 Ticonderoga (s. https://de.wikipe­dia.org/wiki/USS_Ticonderoga_(CG-47) ) oder auf Zerstörern der Klasse DDG-51 Arleigh Burke (s. https://de.wikipedia.org/wiki/USS_Arleigh_Burke_(DDG-51) ) – also auf See (s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP19211_271011.pdf und http://www.luft­post-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP03414_240214.pdf ) und an Land stationiert werden. Die U.S. Navy hat bereits 38 Aegis-Kampfschiffe – fünf Kreuzer und 33 Zerstörer; bis zum Haushaltsjahr 2023 sollen noch 22 Zerstörer dazu kommen. [US Department of Defense, 2019a, 54] Ein Aegis-Kampfschiff ist mit gegen anfliegende ballistische Raketen gerichtete Abfangraketen bewaffnet und – passend zum Typ der Abfangraketen – mit der Aegis­Kampfsoftware 3.6.X, 4.0.3, 4.1 bzw. 5.4, 5.0 bzw. 9.1, 5.1 bzw. 9.2 oder 6.X bzw. 10 aus­gestattet. [Congressional Research Service, 2019, 4]

Das Aegis-System zur Abwehr ballistischer Raketen benutzt drei Typen von Abfangrake­ten: Die Standard Missile, abgekürzt SM-2 Block IV (s. http://www.deagel.com/Defensive­Weapons/Standard-SM-2-Block-IV_a001148007.aspx ), die SM-6 (s. https://www.raythe­on.com/capabilities/products/sm-6 ) und die SM-3 (s. https://www.raytheon.com/capabili­ties/products/sm-3 ), die alle von der Firma Raytheon hergestellt werden. Sowohl die SM-2 als auch die SM-6 sollen gegnerische Raketen beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre abfangen, während die SM-3 sie bereits im Weltraum ausschalten soll.

US-Kreuzer der Arleigh-Burke-Klasse mit Raketenbehältern im Heck und im Bug
(Grafik entnommen aus https://thebulletin.org/2019/02/russia-may-have-violated-the-inf-treaty-heres-how-
the-united-states-appears-to-have-done-the-same/

Die SM-2 wurde ursprünglich dafür entwickelt, Flugzeuge und gegen Schiffe gerichtete Marschflugkörper abzuschießen; später wurden 75 der SM-2 zu SM-2 Block IV moderni­siert, die mit ihrem explodierenden Sprengkopf auch in größerer Höhe anfliegende ballisti­sche Raketen abfangen können. [US Department of Defense, 1999] Die SM-2 Block IV wurde nur viermal, aber jedes Mal erfolgreich getestet, zuletzt 2015. [MDA, 2019a]

Die SM-6 ist die Nachfolgerin der SM-2 und wurde aus Bestandteilen verschiedener ande­rer Raketen zusammengesetzt: aus der Zelle der SM-2 Block IV und dem Suchkopf der Luft-Luft-Rakete des Typs AMRAAM (s. https://de.wikipedia.org/wiki/AIM-120_AMRAAM ). Die SM-6 soll bis 2024 zur SM-6 Block IB weiterentwickelt werden; dabei wird die Zelle der SM-2 durch eine neue mit einem stärkeren Raketenmotor ersetzt, der einen Durchmesser von 21 Zoll (53,3 cm) hat und dem der SM-3-Block IIA ähnelt; damit soll die Rakete eine wesentlich größere Reichweite und eine höhere Geschwindigkeit erlangen. [Rogoway, 2019] Die SM-6 kann auch gegen Schiffe eingesetzt werden, diese Fähigkeit wurde 2016 erfolgreich getestet. [Freedberg, 2016] Die SM-6 wurde nur in drei Tests erprobt, die aber alle erfolgreich verliefen – zuletzt 2017. [MDA, 2019a] Im August 2019 hat die Navy die Anzahl ihre SM-6 auf 2.331 Raketen erhöht, also fast verdoppelt; das ist ein Zeichen da­für, dass die SM-6 auch in den kommenden Jahrzehnten noch eine wichtige Rolle für die Navy spielen wird. [Shelbourne, 2019]

Während die Standard Missiles SM-2 und SM-6 die gegnerischen Raketen mit ihren explo­dierenden Suchköpfen in der Erdatmosphäre zerstören, zertrümmert der Suchkopf der SM-3 sein Ziel durch die kinetische Energie seines Aufpralls schon im Weltraum. Die der­zeit häufigsten Versionen der SM-3 sind die dreistufigen SM-3 Block IA und SM-3 Block IB. Die SM-3 IB hat einen verbesserten Suchkopf, kann Steuersignale verarbeiten und deshalb ihren Kurs während des Fluges verändern. [Congressional Research Service, 2019, 5] Die Produktion der SM-3 IB sollte ursprünglich im Haushaltsjahr 2012 abge­schlossen sein, wurde jedoch durch technische Probleme und zwei fehlgeschlagene Tests im Jahr 2016 verzögert. Grünes Licht für die Fortsetzung der Produktion konnte erst nach einem erfolgreichen Test im Oktober 2017 gegeben werden. Im Januar 2018 traten jedoch erneut technische Probleme beim Steuerungs- und Regelsystem auf, die den Produktions­ablauf verzögerten. [GAO, 2019, 40-43] Deshalb konnten im Haushaltsjahr 2018 nur 12 der geplanten 36 Abfangraketen des Typs SM-3-Block IB fertiggestellt werden. [Congres­sional Research Service, 2019, 10] Die MDA will jetzt bis 2023 insgesamt 204 Raketen des Typs SM-3-Block IB beschaffen, der Liefervertrag ist aber noch nicht bestätigt. [GAO, 2019, 40-43]

Die in Zusammenarbeit mit Japan entwickelten Abfangraketen des Typs SM-3 Block IIA (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Standard_Missile ) haben über ihre ganze Länge einen Durch­messer von 21 Zoll (53,3 cm), der Antriebsteil der Typen SM-3 Block IA und IB hat eben­falls einen Durchmesser von 21 Zoll, der vordere Teil aber nur von 13,5 Zoll (34,3 cm). [Congressional Research Service, 2019, 5] Ihre neue Zelle und die verkürzte Brenndauer verleihen der SM-3 Block IIA eine höhere Geschwindigkeit von 4,5 Kilometern pro Sekun­de; die SM-3 Block IA und IB schaffen nur 3 Kilometer pro Sekunde. [Butt und Postal, 2011] Deshalb soll die SM-3 Block IIA auch vereinzelte Interkontinentalraketen abfangen können; nach Angaben der MDA in der Missile Defense Review 2019 soll diese Fähigkeit aber erst 2020 getestet werden. [US Department of Defense, 2019a, 55] Als dieser Artikel verfasst wurde, waren von 43 Tests der SM-3-Abfangrakete 34 erfolgreich verlaufen, dar­unter auch Tests von landgestützten Aegis-Systemen und auf japanischen Aegis-Kampf­schiffen. [Congressional Research Service, 2019, 22-23]. Im Januar 2018 versagte beim FTM-29-Test (s. dazu auch https://www.finat.com/knowledge/finat-test-methods ) einer SM-3-Block IIA jedoch die dritte Raketenstufe, weil der Zündvorgang falsch programmiert war. Nach der Behebung dieses Problems bestanden mehrere wichtige Regierungsbehör­den – der Staatssekretär im Pentagon für Entwicklung, Tests und Evaluierung, das Joint Functional Component Command Integrated Missile Defense (s. unter https://en.wikipe­dia.org/wiki/Joint_Functional_Component_Command_for_Integrated_Missile_Defense) und das Büro des Direktors für Operative Tests und Evaluierung (s. https://en.wikipe­dia.org/wiki/Director,_Operational_Test_and_Evaluation ) – auf einer Wiederholung des FTM-29-Tests, um sicherzustellen, dass die neu entwickelte Abfangrakete auch tatsäch­lich funktioniert. Die MDA entschied sich stattdessen für eine frühere Testversion um das Programm SM-3 Block IIA nicht zu gefährden. Dieser Test im Oktober 2018 verlief erfolg­reich. [GAO, 2019, 44-48] Im August 2019 genehmigte das US-Außenministerium den Verkauf von bis zu 73 Abfangraketen des Typs SM-3-Block IIA an Japan; wegen der wachsenden Spannungen auf der koreanische Halbinsel war bereits im vorigen Jahr der Verkauf von 13 Raketen der Typen SM-3 Block IIA und 64 Block IB an Japan genehmigt worden. [The Defense Post, 2019]

Die Phasen I und II des European Phased Adopted Approach, des US-Raketenabwehrschildes in Europa (weitere Infos dazu s. unter http://www.luftpost-kl.de/luftpost-ar-chiv/LP_16/LP14117_010917.pdf ), – ein Plan aus der Obama-Ära, der (angeblich) zur Verteidigung Europas gegen iranische Raketen dienen soll, sind bereits umgesetzt: Im spanischen Rota wurden vier Aegis-Lenkwaffenzerstörer stationiert. Beim türki­schen Ort Kürecik wurde eine Radaranlage des Typs AN/TPY-2 installiert. Auf der US Air Base Ramstein in Deutschland wurde eine Befehlszentrale für den Raketen­abwehrschild eingerichtet (weitere Infos dazu s. unter http://www.luftpost-kl.de/luftpost­archiv/LP_12/LP03512_040212.pdf und http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/ LP15916_211116.pdf ) und bei Deveselu in Rumänien ging bereits eine bodenge­stützte Aegis-Basis in Betrieb (s. dazu auch die Grafik auf Seite 13 dieser LUFTPOST).

Die in Phase III vorgesehene Errichtung einer bodengestützten Aegis-Basis mit 24 Ab­wehrraketen des Typs SM-3 Block IIA im polnischen Redzikowo (s. http://www.luftpost-kl.- de/luftpost-archiv/LP_16/LP06416_230516.pdf ) hat sich verzögert und soll erst im Mai 2020 beendet sein. Beim Bau der Aegis-Basis in Polen sind immer wieder Probleme auf­getreten; im Jahresbericht 2019 des GAO wurde dazu festgestellt: Das Konstruktionsteam habe „von Anfang an gesetzte Termine nicht eingehalten“. Die Vertragsfirma habe „bei der Bauleitung, bei der Bestellung und Beschaffung von Material und Bauteilen und bei der rechtzeitigen Einstellung fachkundigen Personals versagt“. Nach MDA-Angaben werden sich die veranschlagten Baukosten dadurch um mindestens 90 Millionen Dollar erhöhen. [GAO, 2019, 38-39]

Im März 2013 hat die Obama-Regierung die geplante Phase IV, in der die Beschaffung von Abfangraketen des Typs SM-3 Block IIB vorgesehen war, offiziell annulliert. Die SM-3 Block IIB sollte eine erhöhte Geschwindigkeit von 5 bis 5,5 Kilometern pro Sekunde erreichen, Interkontinentalraketen bereits kurz nach dem Start abfangen und mehrere Suchköpfe tragen können. [Defense Science Board, 2011, 9] Das Programm wurde gecancelt, weil es nach Ansicht einer Defense Science Board Task Force(s. https://dsb.cto.mil/task­forces.htm ) „eine kaum lösbare Herkules-Aufgabe wäre, die dazu notwendigen Sensoren und Raketen zu entwickeln“. [Defense Science Board, 2011, 33]

Grafik entnommen aus
http://www.defense-aerospace.com/articles-view/release/3/173811/aegis-ashore-missile-defense-site-in-romania-declared-operational.html

Die SM-2, die SM-3, die SM-6 und der Marschflugkörper Tomahawk (s. https://de.wikipe­dia.org/wiki/BGM-109_Tomahawk ) können alle von Aegis-Kampfschiffen aus gestartet werden, auf denen das Vertical Launching System Mk-41 (eine Senkrechtstartanlage, s. https://de.wikipedia.org/wiki/Mk_41_Vertical_Launching_System ) installiert ist. Die Senk­rechtstartanlage Mk-41 ist aus Modulen zusammengesetzt, die ganz unterschiedliche Ra­keten aufnehmen können. Die Raketen befinden sich in Kanistern. Zwei Reihen zu je 4, also insgesamt 8 Raketenkanister passen in ein Modul, das über mehrere Abgasschächte verfügt. (Weitere Infos dazu sind aufzurufen unter http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/ LP_19/LP03319_180319.pdf .)

Weil die Mk-41-Startanlage auch atomar bestückte Marschflugkörper der Typs To­mahawk aufnehmen kann, ist Russland der Meinung, dass die bodengestützten Ae­gis-Systeme in Rumänien und (demnächst auch in Polen) gegen den (inzwischen von Trump aufgekündigten) INF-Vertrag verstoßen haben, weil darin bodengestützte Ra­keten mit einer Reichweite von 500 bis 5.500 Kilometern verboten waren (s. http:// http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP08819_090819.pdf ). Die USA haben aber im­mer wieder behauptet, die Software der auf dem europäischen Festland stationierten Mk­41-Abschussvorrichtungen schließe der Start von Tomahawks aus. Die auf Schiffen instal­lierten Mk-41-Startanlagen seien nicht mit den an Land verwendeten identisch. [US De­partment of State, 2017] Außerdem schreibe der Artikel VII des INF-Vertrags (s. dazu auch http://www.peterhall.de/treaties/inf/text/preamble.html und https://www.bmvg.de/de/ aktuelles/erklaert-der-inf-vertrag-30250https://www.bmvg.de/de/aktuelles/erklaert-der-inf­vertrag-30250 ) in Paragraf 7 vor, dass eine Abschussvorrichtung erst dann vertragswidrig sei, wenn daraus bereits verbotene Raketen abgeschossen wurden. [US Department of Defense, 1987] Weil das seit Inkrafttreten des INF-Vertrages nicht mehr geschehen sei, habe es auch keine Vertragsverstöße gegeben.

Vor diesem Hintergrund ist auch klar, warum sich die in Polen vorgesehene Stationierung von Abwehrraketen des Typs SM-3-Block IIA negativ auf Abrüstungsbemühungen aus­wirkt. Im Februar 2019 sagte James Miller, ein ehemaliger Staatssekretär im US-Verteidi­gungsministerium, der in der Obama-Regierung für Außenpolitik zuständig war, die Einbe­ziehung der SM-3 IIA in die US-Raketenabwehr, wecke in China und Russland den Ver­dacht, dass die USA bis 2025 oder längstens 2030 über Hunderte Abwehrraketen dieses Typs verfügen könnten. Deshalb sei anzunehmen, dass die Interkontinentalraketen-Arse­nale der Chinesen und Russen entsprechend wachsen und den 2010 im New Strategic Arms Reduction Treaty (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Strategic_Arms_Reduction_Trea­ty#New_START ) vereinbarten Rahmen sprengen werden. [Reif, 2019b]

Das System Patriot Advanced Capability 3, abgekürzt PAC-3

Die PAC-3 (s. https://de.wikipedia.org/wiki/MIM-104_Patriot ) ist eine einstufige Feststoff­rakete, die durch die kinetische Energie ihres Aufpralls anfliegende ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen zerstören kann. Weil die PAC-3 gegen Ziele in geringeren Höhen gerichtet ist, kann sie – anders als die THAAD-Rakete – auch Flugzeuge abschießen.

Grafik entnommen aus Google

Eine typische mobile Patriot-Batterie besteht aus einem Radarsystem des Typs AN/MPQ-53/65 (s. https://www.radartutorial.eu/19.kartei/06.missile/karte003.en.html ), einer Kontrollstation des Typs AN/MSQ-104 (s. https://www.armyrecognition.com/patriot_mim-104_vehicles_systems_us_army_uk/an/msq104_ecs_engagement_control_station_patri-ot_data_sheet_specifications_information_description.html ), einem Dieselstromaggregatdes Typs EPP-III (s. https://www.arsenalm.de/HEMTT+A4+mit+EPP+Electric-Power-Plant+zu+PATRIOT+US.htm ), einer Antennenanlage des Typs OE-349 und einer mobilen Abschussvorrichtung des Typs M901, die 16 Abfangraketen in vier Behältern zu je vier Raketen aufnehmen kann. Die USA verfügen derzeit über 60 Patriot-Batterien. [US Depart-ment of Defense, 2019a, 51]

Die zuletzt entwickelte Pac-3 Missile Segment Enhancement, abgekürzt MSE (s. dazu auch https://www.lockheedmartin.com/content/dam/lockheed-martin/mfc/pc/meads/mfc­pac-3-mse-pc.pdf ) hat größere Leitwerksflossen, verbesserte Steuerdüsen, stärkere Bat­terien und durch einen leistungsfähigeren Feststoff-Raketenmotor eine größere Reichwei­te. Eine PAC-3-Abschussvorrichtung kann 12 einzelne MSEs oder eine Kombination aus sechs MSEs und acht PAC-3s in zwei Viererbehältern aufnehmen. [Lockheed Martin, 2015]

Von allen US-Raketenabwehrsystemen hat das Patriot-System die meisten Kampfeinsätze aufzuweisen – vor allem im Irak in den Jahren 1991 und 2003. Seine Abfangquote war je­doch miserabel. Während des Golfkriegs 1991 wurde zunächst berichtet, von 47 Einsät­zen seien 45 erfolgreich gewesen. Später wurde jedoch entdeckt, dass die Patriot-Soft­ware Abschüsse verzeichnete, wann immer die damals verwendete Abwehrakte in der Nähe der anfliegenden Rakete explodierte, völlig unabhängig davon, ob diese dabei auch zerstört wurde. [Bin, Hill and Jones, 1998, 101] Deshalb korrigierte das Pentagon die über­höhte Erfolgsquote auf 50 Prozent, und der Congressional Research Service stellte fest, dass sie bei durchgehender Verwendung der gleichen Überprüfungsmethode noch niedri­ger ausgefallen wäre. [Hildreth, 1992] Ein Untersuchungsausschuss des Repräsentanten­hauses hat später sogar festgestellt, „dass mit den Patriot vermutlich nur ganz wenige der Scud-Raketen (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Scud ) abgefangen werden konnten, die der Irak im Golfkrieg abfeuerte – und sogar das sei zweifelhaft. [House Committee on Govern­ment Operations, 1992, 179-188] Auch im Irakkrieg des Jahres 2003 soll die Erfolgsquote der Patriot sehr hoch gewesen sein, die exakten Zahlen blieben aber geheim. Diese Wi­dersprüchlichkeiten und die geringen Erfolge bei der Abwehr von Raketen der Huthi-Re­bellen in 2018 (s. https://www.tagesspiegel.de/politik/konfrontation-der-regionalmaechte­der-jemen-wird-zum-schlachtfeld-von-iran-und-saudi-arabien/22586704.html ) lassen gro­ße Zweifel an der Zuverlässigkeit des Patriot-Systems aufkommen. [Lewis, 2018]

Trotzdem wurden und werden Patriot-Raketen in Staaten rund um den Globus exportiert: nach Bahrain, Deutschland, Griechenland, Israel, Japan, Kuwait, in die Niederlande, nach Polen, Katar, Rumänien, Saudi-Arabien, Südkorea, Spanien, Schweden, Taiwan und in die Vereinigten Arabischen Emirate. [Werber, 2019)

Die Missile Defense Review 2019

In der Missile Defense Review 2019 der Trump-Administration (s. https:// http://www.defense.gov/Portals/1/Interactive/2018/11-2019-Missile-Defense-Re­view/The%202019%20MDR_Executive%20Summary.pdf ) wird gefordert, „dass die Raketenabwehr der US-Führung eine Position der Stärke zu ver­schaffen hat, aus der heraus potenzielle Gegner in Friedenszeiten oder in Krisen unter Druck gesetzt werden können“. [US Department of Defense, 2019a, 28]. Die US-Raketenabwehr soll also nicht rein defensiv sein, son­dern ein aggressives Verhalten ermöglichen.

In der Missile Defense Review 2019 wird wiederholt behauptet, die Raketenabwehr sei ein „stabilisierendes Element“, weil damit ein gegnerischer Raketenangriff „zu verhindern oder wenigstens zu begrenzen“ sei. [US Department of Defense, 2019a, 29] Dieses Argument missachtet aber die Abschreckungstheorie, die besagt, dass Schadensbegrenzung in Wirklichkeit das Wettrüsten anheizt, weil gegnerische Staaten versuchen werden, ihre of­fensiven Systeme so zu verstärken, dass sie die US-Abwehrsysteme überwinden können. Das tun gegenwärtig Russland und China, die beide neue Offensiv-Systeme entwickeln, die von der US-Raketenabwehr nicht aufgehalten werden können (s. http://www.luftpost­kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP03818_300318.pdf ).

Die Missile Defense Review der Trump-Administration hat das Sicherheitsrisiko si­gnifikant erhöht. Weil darin in Bezug auf russische und chinesische Neuentwicklun­gen verkündet wird, die USA hätten die Absicht, „jede generische Rakete jederzeit und überall auf der Welt zu orten und zu zerstören – entweder vor oder nach dem Start“ [The White House, 2017] – können die USA nicht mehr behaupten, mit der Ver­stärkung ihrer Raketenabwehr solle „weder die strategische Stabilität untergraben, noch das seit Langem bestehende strategische Gleichgewicht mit Russland oder China gestört werden“, was sie in der National Security Strategy 2017 (s. https://ww­w.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2017/12/NSS-Final-12-18-2017-0905.pdf ) noch zugesichert hatten. [President of the United States, 2017, 8 (und https://www.luftpost-kl.- de/luftpost-archiv/LP_16/LP20117_271217.pdf )]

Der Missile Defense Review 2019 ist auch zu entnehmen, dass die US-Regierung „keinerlei Begrenzung oder Beschränkung bei der Aufstellung neuer Abwehrraketen zur Verteidigung des Territoriums der USA akzeptieren wird“. [US Department of De­fense, 2019a, 31] Diese Ankündigung weicht von früheren ab, in denen immer betont wurde, das US-Raketenabwehrsystem sei nur gegen ganz bestimmte Gegner (den Iran und Nordkorea) gerichtet und solle die Abschreckung durch atomare Interkonti­nentalraketen nicht untergraben. Weil diese Zusage nun nicht mehr gilt, haben die Russen und die Chinesen Gegenmaßnahmen ergriffen, die auf der Annahme beru­hen, dass – nach einem atomaren Erstschlag der USA – die neuen US-Abwehrrake­ten einen russischen oder chinesischen Gegenschlag mit strategischen Interkonti­nentalraketen unterbinden könnten.

Um diese „unbegrenzte Raketenabwehr“ zu gewährleisten, wird die MDA angewiesen, US-Abwehrraketen zu entwickeln, die gegnerische Raketen unmittelbar vor oder sofort nach dem Start entdecken und zerstören können. Dazu sollen neue Sensoren und mög­lichst auch Abfangraketen im Weltraum stationiert werden; außerdem sollen für den F-35- Kampfjet spezielle Abfangraketen entwickelt und Drohnen mit Lasern bestückt werden, die gegnerische Raketen bereits in der Startphase abfangen können. Das alles soll umge­setzt werden, obwohl die National Academy of Sciences (s. https://de.wikipedia.org/wiki/ National_Academy_of_Sciences ) bereits darauf hingewiesen hat, „dass das Abfangen gegnerischer ballistischer Raketen in der Startphase unmöglich ist“ – völlig unabhängig davon, ob die Abfangraketen an Land, auf See, in der Atmosphäre oder im Weltraum stati­oniert sind und mit kinetischer Energie oder mit Sprengstoff ihre Zerstörungswirkung erzie­len sollen. [National Research Council, 2012, 65]

Das Pentagon will die in der Missile Defense Review geäußerten Absichten unbedingt durchsetzen, obwohl die Weiterarbeit an Particle Beam Weapons (Laserwaffen, s. https:// http://www.popularmechanics.com/military/research/a28942057/neutral-particle-beam/ ), die be­reits 2023 testreif sein sollten, erst kürzlich auf unbestimmt Zeit vertagt wurde. Im Septem­ber 2019 hatte Michael Griffin, der Staatssekretär im Verteidigungsministerium für For­schung und Entwicklung, noch erklärt, diese Technologie sei „in absehbarer Zeit nicht ver­fügbar“. [Tucker, 2019]

Unterstützer

Diese Recherche wurde mit Geldern der John D. and Katherine T. MacArthur Foundation , der New Land Foundation, des Ploughshares Fund und der Prospecct Hill Foundation ge­fördert.

Anmerkungen

  1. Zur Missile Defense Review 2019 s. Grego (2019)
  2. Zur Einschätzung der Leistungsfähigkeit der Raketenabwehr auf dem Territorium der USA s. Grego (2016)
  3. PAVE PAWS ist die Abkürzung für Precision Acquisition Vehicle Entry Phased Array Warning System (s. https://de.wikipedia.org/wiki/PAVE_PAWS ).

(Wir haben den Artikel, aus dem hervorgeht, dass die US-Raketenabwehr ein gigantischer Betrug ist, der fatalerweise ein gefährliches neues Wettrüsten ausgelöst und die Welt so unsicher wie nie zuvor gemacht hat, komplett übersetzt und mit vielen wichtigen Ergän­zungen und Links in runden Klammern versehen. Die Links in eckigen Klammern sind Hin­weise der Autoren auf Quellen, die über den Hauptlink unter der Überschrift dieser Über­setzung aufzurufen sind und sich am Ende des verlinkten englischen Originaltextes befin­den, den wir anschließend – aus Platzgründen ohne diese Quellen – abdrucken.)

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00963402.2019.1680055?scroll=top&nee-dAccess=true

http://luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP13519_271119.pdf

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