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Ausland, Naher Osten

Bei der Verlegung von US-Truppen nach Ostsyrien geht es nicht nur um Öl

von Sarah El Deeb – STARS AND STRIPES – http://luftpost-kl.de

US-Präsident Donald Trump will zum „Schutz der Ölfelder“ jetzt doch US-Truppen in Ost­syrien belassen.

BEIRUT – Von den US-Truppen, die im Osten Syriens die Ölfelder schützen sollen, erwarten die Einheimischen, dass sie auch Stabilität und Wohlstand in die abgele­gene, aber ressourcenreiche Region bringen und verhindern, dass sich die syrische Regierung einmischt.

Ihre Hoffnungen widerspiegeln die Erwartungen in diese Operation, die zustande kam, weil Donald Trump mal wieder plötzlich seine Meinung geändert hat. Ende letz­ten Monats hat er den Abzug aller US-Truppen aus Syrien verkündet, sich dann aber entschieden, die Infrastruktur der Ölindustrie von US-Soldaten bewachen zu lassen (s. https://www.spiegel.de/politik/ausland/usa-wollen-offenbar-panzer-zu-syrischen-oelfel­dern-schicken-a-1293263.html ).

Im Osten Syriens, der reich an Erdöl und Erdgas ist, befinden sich jetzt außer türki­schen, kurdischen, russischen und von Iranern unterstützten syrischen Truppen auch US-Truppen.

Auf die syrischen Gebiete östlich des Euphrat, in denen sich das Öl befindet, hatte die Re­gierung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad fast während des gesamten achtjäh­rigen Krieges in Syrien keinen Einfluss.

Die größtenteils arabische Bevölkerung dieser Region lehnt Assad ab, weil er sie trotz der reichen Ölvorkommen jahrelang vernachlässigt hat. Seit von den USA un­terstützte kurdische Milizen die Kämpfer des Islamischen Staates vertrieben haben, stand das Gebiet unter kurdischer Verwaltung.

Kartenskizze entnommen aus Google

Als letzten Monat türkische Truppen in Nordsyrien eindrangen, gab es in vielen Städten und Dörfern zornige Proteste – nicht gegen Ankara, sondern gegen die syrische Regie­rung und ihre iranischen Verbündeten. Die Protestierenden fürchteten, Damaskus werde die türkische Invasion mit eigenen Truppen zurückschlagen und auch den Osten Syriens wieder unter seine Kontrolle bringen.

Die Bewohner der Ölregion begrüßten die jüngste Entscheidung Trumps, weil sie hoffen, unter dem Schutz der US-Truppen würden Investoren für einen wirtschaftli­chen Aufschwung sorgen.

„Alles wird gut,“ äußerte Shehab, ein 20-Jähriger, der als Hirte und Bauer in einem kleinen Ort im Gouvernement Deir ez-Zor (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Deir_ez-Zor ) lebt, wo die größten Ölfelder liegen.

„Unter Deir ez-Zor liegt ein See voll Öl. Wir hoffen darauf, dass die USA die Ölfelder über­nehmen, und von Ölgesellschaften mit viel Erfahrung ausbeuten lassen,“ ergänzte She­hab. „Dann werden die vielen Arbeitslosen auch wieder Jobs finden.“ Aus Sicherheitsgrün­den lehnte er es ab, seinen Nachnamen zu nennen.

Trump hat zugesichert, Exxon Mobil oder einen anderen großen US-Ölkonzern mit der Modernisierung der Ölförderung zu beauftragen.

Nach Meinung von Experten ist es aber ziemlich unwahrscheinlich, dass sich ein US-Ölkonzern in dieser politisch äußerst instabilen Region engagiert. Deshalb set­zen einige der Einheimischen eher auf Saudi-Arabien.

Die eher bescheidenen syrischen Ölreserven wurden 2011 auf 2,5 Milliarden Barrel ge­schätzt. Während des Krieges ist die Ölförderung, die früher bis zu 380.000 Barrel pro Tag betrug, auf etwa 80.000 Barrel pro Tag gesunken, weil sich die Ölförderanlagen wegen der Kriegswirren und der Misswirtschaft in sehr schlechtem Zustand befinden. Derzeit verkauft die kurdische Verwaltung dieses Öl auf lokalen Märkten oder über Schmuggler an die syri­sche Regierung.

Vertreter des Pentagons haben bereits signalisiert, dass nicht beabsichtigt ist, die Infrastruktur der Ölindustrie während der US-Militärpräsenz zu verbessern; es ginge nur darum, dass die Ölfelder im Besitz der von Kurden geführten Syrian Democratic Forces, abgekürzt SDF, verbleiben.

Jonathan Hoffman, der Chefsprecher des Pentagons, hat am Donnerstag mitgeteilt, die US-Streitkräfte hätten nur zwei Aufträge: zu verhindern, dass die Ölfelder erneut in die Hände des IS fallen und den SDF das Öl als Einnahmequelle zur Finanzierung ihres Kampfes (gegen die Assad-Regierung) zu erhalten.

„Die Einnahmen aus der Ölfeldern werden nicht in die USA fließen,“ versicherte Hoffman.

Den USA geht es also vor allem darum, den Plan der Regierung in Damaskus zu ver­eiteln, die den Osten Syriens zurückgewinnen will, um dem Iran einen Landkorridor durch den Norden des Iraks und Syrien in den Libanon zu verschaffen. Es ist schon lange eine Hauptsorge der US-Regierung, dass der Iran moderne Waffensysteme an die Nordgrenze Israels schaffen könnte.

Kartenausschnitt entnommen aus Google Maps

„Vom Iran geht die eigentliche Bedrohung aus,“ stellte Omar Abu Layla (s. https://en.dei-rezzor24.net/deir-ezzor-24-network-manager-meets-with-the-special-envoy-to-syria-in-ge-neva-deir-ezzor-protests-are-of-concern-to-the-americans/ ), ein aus dem Gouvernement Deir ez-Zor (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Gouvernement_Deir_ez-Zor ) stammender Sy­rer fest, der in Europa lebt und das Aktivistenkollektiv Deir Ezzor 24 (s. https://en.deirez­zor24.net/ ) anführt, das die Entwicklungen in diesem Gouvernement beobachtet.

Abu Layla teilte mit, er habe letzte Woche Joel Rayburn (s. https://en.wikipedia.org/wiki/ Joel_Rayburn ), den US-Sonderbeauftragten für Syrien, getroffen, der die Proteste in Deir ez-Zor unterstütze und Verständnis für die Angst vor der vom Iran ausgehenden Bedro­hung habe.

„Wir erwarten, dass dieses Gouvernement noch sehr, sehr wichtig werden wird,“ äußerte Abu Layla.

Die neue US-Mission im Osten Syriens hat auch Hoffnungen bei den arabischen Stämmen in dieser Region geweckt, die eine größere Rolle in den von Kurden geführten SDF spie­len wollen.

Die US-Truppen sind erstmals mit Panzern in Syrien eingedrungen und haben Ba­sen in Al Hasaka (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Al-Hasaka ) und im Gouvernement Deir ez-Zor errichtet. Das Pentagon wollte nicht mitteilen, wie viele US-Soldaten in Syrien bleiben werden, es sollen aber mindestens 800 sein.

Als sich die US-Truppen zurückzogen, haben die Kurden die syrische Regierung und Russland um Schutz vor ihrem Hauptfeind – der Türkei – gebeten. Die Streitkräfte Assads kehrten daraufhin nach Nordsyrien zurück, wo sie jahrelang nicht präsent waren. Ein Deal zwischen Russland und der Türkei hat ihnen die Rückkehr in einen großen Teil der Grenz­region (zwischen Syrien und der Türkei) ermöglicht.

Jetzt wehrt sich ein Teil der Kurden an der Seite der syrischen Regierungstruppen gegen ein weiteres Vordringen der Türkei, während andere kurdische Kräfte Partner der verbliebenen US-Truppen bleiben.

Der kurdische Kommandeur Mazlum Abdi (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Mazlum_Koban  %C3%AA ) erklärte, die US-Truppen würden bei der Bekämpfung des IS weiterhin mit kur­dischen Milizen zusammenarbeiten und außerdem kurdische Kämpfer trainieren.

„Der Hauptgrund für die andauernde US-Präsenz ist ganz bestimmt nicht das Öl. Jeder weiß, dass die USA dieses Öl nicht brauchen,“ sagte er in einem am Mittwoch verbreiteten Interview.

Hassan Hassan (s. https://twitter.com/hxhassan?lang=de ), ein Experte für Syrien und den Terrorismus des in Washington ansässigen Thinktanks Global Policy äußerte, der neue Auftrag (der US-Truppen in Syrien) sei die Wiederbelebung eines beste­henden Planes, der darauf abziele, die Kooperation zwischen dem Iran und Syrien zu unterbinden.

Der Auftrag sei jedoch kein Bestandteil einer durchdachten und politisch nachhalti­gen Strategie, denn es bestehe immer noch die Gefahr, dass Trump doch noch ei­nen vollständigen US-Truppenabzug befehle, wenn etwas schieflaufe.

Assad ließ letzte Woche in einem Interview durchblicken, seine Streitkräfte würden sich nicht mit den US-Truppen anlegen. Deren Anwesenheit könne aber „Widerstand in der Be­völkerung“ hervorrufen, wie beim US-Truppenabzug aus dem Irak im Jahr 2011.

Die Bewohner Ostsyriens sind sehr beunruhigt darüber, dass von Iranern unterstützte syri­sche Truppen bereits den Euphrat überquert haben.

Nach Gerüchten sollen die syrischen Regierungstruppen zusätzlich von aus dem Irak vor­stoßenden iranischen Milizen Unterstützung erhalten. Nach Angaben von Deir Ezzor 24 und der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (s. https://de.wikipedia.org/ wiki/Syrische_Beobachtungsstelle_f%C3%BCr_Menschenrechte ) soll es am Dienstag in der Nähe der Stadt Husseiniya bereits zu Zusammenstößen zwischen syrischen Regie­rungstruppen und kurdischen Milizen gekommen sein.

Die Beobachtungsstelle hat gemeldet, während der Kampfhandlungen hätten die US-Truppen Raketen auf syrische Streitkräfte abgefeuert. Die US-Streitkräfte haben das dementiert, aber über steigende Spannungen berichtet.

Die Unsicherheit hat die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe schießen lassen, weil die Menschen Vorräte zu horten begannen. Viele dächten auch an Flucht, sagte Shehab, der sein Haus westlich des Euphrat verlassen hatte, als vor zwei Jahren syrische Streit­kräfte einzogen. Von Iranern unterstützte Milizen hätten Kämpfer rekrutiert und Häuser westlich des Flusses beschlagnahmt.

„Es sei für ihn „unmöglich“ gewesen, wieder unter Assad zu leben, fügte der frisch verheiratete Shehab hinzu. Männer seines Alters müssten Wehrdienst leisten, wenn sie nicht als Oppositionelle angesehen und ins Gefängnis eingesperrt werden woll­ten.

Shehab erklärte, er sei sehr beruhigt gewesen, als letzte Woche Panzer mit US-Fahnen in die Stadt Shuheil (östlich des Euphrat, in der er jetzt lebe,) eingerollt seien, nachdem er und viele andere Bewohner vorher gegen eine Wiedereingliederung in Assads Herr­schaftsbereich protestiert hätten.

Was soll aber werden, wenn die US-Truppen wieder abziehen, wie es Trump zu­nächst angekündigt hatte.

„Wir sind jedenfalls froh, dass die US-Soldaten da sind,“ meinte Shehab abschlie­ßend. „Wir warten ab und vertrauen auf Gott.“

AP-Korrespondent Robert Burns in Washington hat zu diesem Bericht beigetragen.

(Wir haben den aufschlussreichen Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern versehen.)

https://www.stripes.com/news/middle-east/for-east-syria-us-troops-are-about-much-mo-re-than-oil-1.606537

http://luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP13419_221119.pdf

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Bei der Verlegung von US-Truppen nach Ostsyrien geht es nicht nur um Öl

  1. Eines konnte ich dem Artikel klar entnehmen: Iran ist der Feind – aber davon, dass Israel den Iran als Feind hat, habe ich nichts gelesen.
    Der Leser darf diesem Text auch entnehmen, dass Syrien seine territoriale Integrität nur deshalb wiederherstellen wolle, um dem Iran via Irak den Zugang zum Libanon zu verschaffen: es sei der Plan der Regierung in Damaskus, den Osten Syriens zurückzugewinnen, um dem Iran einen Landkorridor durch den Norden des Iraks und Syrien in den Libanon zu verschaffen. Es sei schon lange eine Hauptsorge der US-Regierung, dass der Iran moderne Waffensysteme an die Nordgrenze Israels schaffen könnte. Somit wissen wir jetzt, warum die USA in Syrien eine rege destruktive Aktivität entfaltet hat. Ob Shehab – ein frisch verheirateter 20-Jähriger, der als Hirte und Bauer in einem kleinen Ort im Gouvernement Deir ez-Zor lebt, wo die größten Ölfelder liegen, und der die USA dort aufs Wärmste willkommen heisst – das auch weiss?! Er sei gegen Assad, weil Männer seines Alters Wehrdienst leisten müssten, wenn sie nicht als Oppositionelle angesehen und ins Gefängnis eingesperrt werden wollten.

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    Verfasst von Paul Hollenstein | 24. November 2019, 12:27

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