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Debatte, Kapital und Arbeit

Die große Erkenntnisverweigerung

von Unbetreut Denken

Zwei furchtbare Gespenster gehen um in sozialen Medien. Das eine ein Satanist mit Namen Karl Marx, dessen einziges Sinnen und Trachten die Versklavung der Menschheit war. Von dem anderen heißt es, er sei zuletzt wahnsinnig geworden; Judenhasser sei er gewesen und Rassist; sein Name: Friedrich Nietzsche. Pogromstimmung pocht an die Tür. Alle herbei zur großen Ketzerverbrennung 2.0.

Jeder Versuch, diesem Irrwitz aufklärerisch zu begegnen, scheitert an verbissener Erkenntnisverweigerung. Wie sich heutzutage ohne weiteres von jedermann in Erfahrung bringen ließe, war und ist schwarzmagischer Okkultismus gang und gäbe unter den Topeliten. Karl Marx hatte Zugang zu Angehörigen dieser Kreise und hat folglich „Kontakt zu Satanisten“ gehabt; ja — und!? Was zu Gespenst Nr. 2 zu sagen wäre, ist längst von dem Litreraturwissenschaftler Mazzino Montinari publiziert worden: Nietzsche ist nicht wahnsinnig, sondern dement geworden, und war weder Judenfeind noch Rassist. Doch anstatt Mazzino Montinari hier zu referieren, darf der Verweis auf ihn genügen — Erkenntnisverweigerung ist eine Schwester der Lüge, und letztere eine Schwester der Arbeits- bzw. Lektüreverweigerung.

Nicht sehr lange nach 1844, dem Geburtsjahr Friedrich Nietzsches, mußte der anno 1818 geborene Karl Marx ins englische Exil, und so sind sich diese beiden klarsichtigsten Gegenspieler, die das Kapital jemals hatte und haben wird, nie begegnet. Durchdringt Marxens Hauptwerk, DAS KAPITAL, das ökonomische WIE der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, verweist Nietzsches Kritik des K-(irchench)-ristentums auf das psychologisch-ideologische WOHER dahinter. (Was die sozialdemokratischen Großapparate von dunkelrot bis tiefbraun jetzt selbstverständlich erzittern läßt!) Akademiker denken kompliziert; Genies, für welche Universitäten wohl Vergnügungslokale aber niemals Orte sind, um einen „Abschluß“ zu erhalten, denken einfach, Friedrich Nietzsche wie folgt: Das Kristentum verbindet Liebe und Leiden. Und zwar so, daß Liebe sich nur im Leiden zu beweisen vermag — wohlgemerkt im Leiden des eigenen LEIBES, und so wählte das Kristentum als zentrales Narrativ den Hügel Golgatha, Stätte des Leidens des Leibes Christi und eben NICHT jene andere Stätte seiner Auferstehung und Unsterblichkeit seines Geistes. Letztere psycho- und ideologische Konstellation heißt bei Friedrich Nietzsche „Sklavenmoral“. Sein Satz vom Kristentum als „Sklavenreligion par excellence“ faßt dies zusammen. Was Nietzsche sodann „Herrenmoral“ nennt, ist die Wendung der kristlichen Liebesethik in ihr logisches Gegenstück, in die Nichtliebe: in die ethische Ablehnung des Leidens des eigenen Leibes. So weit Nietzsche. Anzufügen wäre, diese Nichtliebe werde sodann zu einem WILLEN des Leidens der Leiber anderer, woraus eine Ästhetik, Ethik und ein Herrenrecht entspringen. Es riecht kräftig nach Lord Byrons aristokratischem Vampir, nach jenem schwarzmagischen Okkultisten, der zu sein Marx unterstellt wird. Und wer hörte hier nicht das „Haltet den Dieb,“ das die Diebe rufen und jene neo-mittelalterlichen heutigen Erkenntnisverweigerer und Parteigänger des Herrenrechts, dessen historisch jüngste Hervorbringung das Kapital ist.

Ganz so auch das ewige Zeter und Mordio über die „Hybris“ Nietzsches wegen seines mit nur wenigen Strichen angedeuteten Entwurfs eines „Übermenschen“, obschon letzterer lediglich Antithese zum modernen Menschen mit seinen ineinander verzahnten Moralen von Sklave und Herr ist — Nietzsche: „Mit der Moderne erst findet das Christentum seine höchste Blüte.“ Im naturwissenschaftlich-materialistischen Rationalismus fest verankert, hielt Nietzsche sich vom Religiösen oder Spirituellen fern und beließ es bei jenem, weil Überwinder des Kristentums, eben NICHT barbarischen Übermenschen (Ecce homo). All dies harmlos und nett. Vielleicht kommt ja der ganz und gar unkristliche aber vollauf spirituelle Rudolf Steiner, der Nietzsches Denken kritisch geschätzt hat, Nietzsches Vorstellung vom Übermenschen nahe. Rudolf Steiner lehrte ein Christentum, das in wissenschaftlichem Denken, Wahrheit und Freiheit gründet und Herren oder Sklaven nicht hervorzubringen wüßte. Im Jahre 1903 schreibt Rudolf Steiner, späterer Begründer der Anthroposophie, noch als Theosoph der offensichtlich sozialistischen Johanna Mücke: „Sie werden, wie ich bestimmt hoffe, immer mehr erkennen, daß die theosophische Arbeit der sozialistischen nicht widerstrebt, sondern daß beide zusammengehören […].“ Wie man auch immer zu der außerordentlichen Autorität stehen mag, die Rudolf Steiner für sich beannsprucht hat, sei hier auf seinen Entwurf einer sozialen Dreigliederung hingewiesen.

Übermenschen gehören einer Gesellschaft an, die sich aus den leiblich-materiellen Ethiken von Herr und Sklave gelöst hat, welches letztere Ethiken sind, die Mensch, Natur und Welt schließlich vernichten müssen. Was Marx als Kapital erfaßt hat, nennt Nietzsche Moderne; dieser unterstellt er den WILLEN zur Vernichtung von Mensch, Natur und Welt. Aus der Sicht von Marx hingegen MUSS das Kapital dies alles zerstören. Wollen oder müssen beiseite, zeigt ein Blick auf geoarchitektur.blogspot.com eine prozessierende Zerstörung der Biosphäre. Nun ist das an der Lüge allemal Verblüffende die Plumpheit, mit welcher die Wahrheit verkehrt wird. Marx mehr und Nietzsche weniger leise, wollten beide nicht etwa den Sklavenmenschen – den gab es ja bereits! – sondern die Überwindung jener auf Vernichtung ausgehenden Symbiose von Sklave und Herr.

Zu Marx nun zu sagen, weist dessen politische Ökonomie das Kapital als ein quasi immaterielles Substrat des Leidens der Leiber jener anderen aus, die in Warenproduktion und -transport mit dem Materiellen und Natürlichen umgehen. Kapital ist Destillat händischer Arbeit, die unter „Verausgabung der Kräfte von Hand, Hirn und Nerven“ (Marx) in aller Regel zum bloßen Anhängsel geisttötender mechanischer Abläufe degradiert wird. Der Blick auf die sich in betrieblichen Buchhaltungen dokumentierende Wertschöpfungskette zeigt im Detail die Konstitution des Kapitals allein aus abstrakter Arbeitszeit, aus der leiblichen Energie „anderer“. Mit der Ausnahme von Grund und Boden, deren Wert sich anhand von dort eingeflossener Arbeitszeit nur überschlägig bemessen läßt (Band 3 von Das Kapital), sind Warenwerte anhand einer aus Zahlenwert und physikalischer Einheit gebildeten Größe exakt errechenbar. Nämlich aus der Arbeitszeit, die in die händisch-leibliche Fertigung eines Stücks der Ware eingeflossen ist. Der Mehrwert nun, aus dem sich alles Kapital letztlich konstituiert, errechnet sich AUSSCHLIESSLICH aus der Differenz der vom Fertigenden geleisteten Arbeitszeit und derjenigen Arbeitszeit, die in den Waren steckt, die sich von erhaltenem Lohn kaufen lassen. So klar und deutlich kommt das Wesen des Kapitals zur Erscheinung, wenn ein Karl Marx draufschaut.

Nun erst läßt sich erkennen, warum das nicht endlos gutgehen kann mit jenem kristlichen Kapital: Im Zuge der unablässigen Effizienzsteigerungen in Warenfertigung und -transport schrumpft die gesamtmarkträumlich insgesamt aufgewendete Arbeitszeit beständig. Mit letzterer schrumpft der gesamtmarkträumlich verfügbare Mehrwert, welcher wiederum alleinige Quelle des Profits ist; siehe: tendentieller Fall der Profitrate. Dann MUSS das beginnen, was Raubtierkapitalismus genannt wird. Der Vampir erwacht und wird nun mit aller Gewalt ein Monopol auf solche Waren erringen WOLLEN, die von allen allezeit gebraucht werden und die deshalb alle allezeit kaufen müssen — Hydrokarbone: Öl, Gas und Kohle. Nietzsche und Marx zeigen zwei Seiten von ein und derselben Medaille.

Fazit: Monopol = überhöhter Preis = Parasitieren des Reichtums (Mehrwerts) des globalen Gesamtmarkts = Imperialismus = wirtschaftliche, politische und militärische Schwächung aller Monopolabhängigen = Kriege und Massenvernichtung = Versklavung aller Nichtmonopolisten = Neue Weltordnung.

Diskussionen

4 Gedanken zu “Die große Erkenntnisverweigerung

  1. hm… das Fazit ist etwas seltsam. Wenn ein Monopolist sich über einen überhöhten Preis eine Rente einfährt, ist die Grenzrate des Kapitals dann nicht positiv? Ich dachte, diese müsste erst bei Null liegen, um den Zustand der allgemeinen Versklavung qua Nulleinkommen für den Rest zu erreichen?

    Insgesamt fehlt bei Marx (und auch irgendwo Nietzsche) die steigenden Grenzkosten der Kontrolle. Je monopolistischer ein Wirtschaftssystem ist, desto komplexer ist es und desto unwahrscheinlicher ist deren Beherrschung bis in den letzten Winkel. Im Ostblock hat man es bekanntlich versucht, ist aber gescheitert an der schieren Masse der Informationskontrolle. Es ist schlichtweg zu teuer alles kontrollieren zu können, was auch Nietzsches Idealtypologie zuwiderläuft. Ergo: Je größer die Marktmacht, desto größer die Chancen für kleine Nischenanbieter und desto wahrscheinlicher ein Versagen des Monopolisten.

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    Verfasst von Dirk | 18. November 2019, 13:17
    • Monopol ist verstanden als „Prellerei in großem Stil“ (Marx) durch einen Preis, der den Wert übersteigt, vermöge dessen Profit oberhalb der gesamtmarkträumlichen oder branchenspezifischen Durchschnittsprofitrate erlöst wird. Insoweit die Kosten von Hydrokarbonen in das zirkulierende Kapital eingehen, zahlt jeder Warenproduzent zuviel, falls er den Anteil der erhöhten Kosten nicht im Erlös realisieren kann; ist letzteres jedoch der Fall, führt dies zu Inflation. Irgendeinen beißen am Ende die Hunde. Wie immer, wenn Gewalt die Bühne des Marktgeschehens betritt; die Behauptung eines Monopols verlangt ganz simple brachiale Gewalt.

      Was die Kosten von Kontrolle betrifft, sind diese vom gesamtmarkträumlichen Profit zu bestreiten, falls Kontrolle keine marktgängige und warengleiche Dienstleistung ist (was letzteres in aller Regel der Fall sein wird. Allgemeine Anmerkung: Profit ist die Differenz aus Warenverkaufserlös und „Kostpreis“ (Marx; heute unter der Bezeichnung „Herstellkosten“ = Kapitalkosten gesamt).

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      Verfasst von Unbetreut denken | 18. November 2019, 16:22
    • @Dirk — Zur Verdeutlichung des in meinem untenstehenden Antwortkommentar zuletzt Gesagten, steht „Kapital gesamt“ dort für das (in AUSSCHLIESSLICH Warenfertigung und -transport aufgewendete) konstante Kapital (= c) + das variable Kapital (= v).

      c bzw. konstantes Kapital umfaßt bei Marx ausschließlich Aufwendungen, die nicht Löhne sind und in Fertigung und Transport anfallen, nicht aber in den anderen Betriebsteilen! Dort eingesetzte Maschinen und Materialien sind aus dem Profit(!) zu bestreiten.

      v bzw. variables Kapital umfaßt bei Marx ausschließlich Löhne für unmittelbar händische Tätigkeiten in Produktion und Transport. Alle anderen betrieblichen Löhne und alle betrieblichen Gehälter sind NICHT in v enthalten und sind demnach dem Profit(!!!) zu entnehmen. Ganz so wie auch der Unternehmergewinn bzw. die Kapitalrendite sowie die Kapitalzinsen oder auch die Steuern!

      So nun endlich wird „Kapital gesamt“ = C = c+v = „Kostpreis“ (Marx) = Herstellkosten (heute).

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      Verfasst von Unbetreut denken | 19. November 2019, 21:16

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  1. Pingback: Die große Erkenntnisverweigerung — Linke Zeitung – uwerolandgross - 19. November 2019

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