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Inland, Medien

Muster von Konformismus

von Paul Schreyer – https://paulschreyer.wordpress.com

Dem Modewort „Digitalisierung“ kann man kaum noch entkommen. Jeder, der in den Medien auf sich hält, spricht über die zunehmende Computersteuerung der Gesellschaft. Der Soziologe Armin Nassehi hat nun ein Buch zu diesem Thema vorgelegt. „Muster – Theorie der digitalen Gesellschaft“ lautet der Titel und verspricht eine tiefergehende Klärung des Phänomens.

Das Buch besitzt alle Anzeichen eines wichtigen und ernstzunehmenden Werkes: Es ist bei einem renommierten Verlag erschienen, in anspruchsvoller Sprache verfasst und wird von den großen Medien nahezu ausnahmslos in den höchsten Tönen gelobt. Das Werk sei „ein Augenöffner“, „so radikal wie originell“, „das Buch der Stunde“ und „eine kleine Sensation“, das den Vergleich mit den großen Gesellschaftsstudien von Adorno, Habermas, Luhmann und Bourdieu nicht scheuen müsse, so die Rezensenten begeistert. Der Autor Armin Nassehi ist eine akademische Autorität, Lehrstuhlinhaber für Soziologie an einer der angesehensten Universitäten Deutschlands, der LMU München, und berät außerdem aktuell die Parteispitze der Grünen. Kurzum: Dieses Buch scheint man kennen zu müssen.

Faszinierend, so zeigt die Lektüre, sind Buch und Autor in der Tat, allerdings nicht wegen ihrer Originalität, sondern, im Gegenteil, als Beispiel für den herrschenden Konformismus im Universitäts- und Medienbetrieb. Nassehi hat in seinem 300-Seiten Buch eigentlich wenig zu sagen – das aber sehr kompliziert. Er erzeugt eine glitzernde Hülle von Klugheit und Geist, deren Kern man leider vergeblich sucht. Das Buch besteht in weiten Teilen aus akademischem Geschwurbel. Eine Kostprobe:

„Die moderne Gesellschaft muss mit hoher Komplexität in der Weise umgehen, als sie durch ihre funktionale Differenzierung gleichzeitig in unterschiedlicher Weise auf denselben Sachverhalt zugreift und in reflexiver Einstellung der Tatsache ansichtig werden kann, dass sich der Gegenstand der Betrachtung der Perspektive verdankt.“

In dieser Art ist der größte Teil des Buches verfasst. Ein beliebtes Stilmittel des Autors sind Synonymhäufungen, die den Anschein von geistiger Vielschichtigkeit vermitteln, oft aber bloß Zirkelschlüsse sind. So schreibt er in Bezug auf digitale Daten, deren Vergleichbarkeit ergäbe sich dadurch, dass „Inkommensurables relationierbar“ sei. Auf Deutsch übersetzt: Es entsteht Vergleichbarkeit, wenn man Unvergleichbares vergleichbar macht – und zwar durch Zahlen. Der Erkenntnisgewinn solcher Aussagen ist niedrig. Es sind wohlklingende Plattitüden, die dem Leser, der all die Fremdworte kennt, vor allem das Gefühl geben, selbst klug zu sein.

Man kennt diesen Stil von Dissertations- und Habilitationsschriften, in denen ein Prüfling den Autoritäten gegenüber nachzuweisen versucht, dass er gelehrt genug für den angestrebten akademischen Titel ist. Mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu könnte man vom „Prätentionshabitus“ gesellschaftlicher Aufsteiger sprechen, ihrer „unausgesetzten Bereitschaft zum Bluff“ und ihrem ständigen Versuch, „das Sein durch den Schein zu überholen“.

Der amerikanische Historiker Russell Jacoby hat schon vor 30 Jahren in seinem Klassiker „The Last Intellectuals“ beschrieben, wie der professionalisierte Universitätsbetrieb zu einem Absterben originellen und kritischen Denkens in den Geisteswissenschaften führe, da Karrieren nicht mehr vom Erfolg bei einem breiten Publikum abhingen, sondern von der Anerkennung durch Vorgesetzte und Kollegen – sowie eben der Bereitschaft zum Konformismus.

„Der Kapitalismus ist nicht das Problem“

Nassehis Buch fügt sich in diesen Trend ein. Es ist weit davon entfernt, eine Theorie zu sein, wie der Untertitel behauptet. Eher handelt es sich um eine weitschweifige Plauderei mit vielen Wiederholungen, Verweisen auf eigene Werke und Anekdoten aus dem eigenen Leben. Seine Thesen lassen sich so zusammenfassen: Die Digitalisierung sei nichts Neues, schon im 19. Jahrhundert habe es schließlich Datenerhebungen in Form amtlicher Statistiken gegeben, die auch der sozialen Steuerung dienten. Die heutige computerisierte Form des Sammelns und Verarbeitens von Daten sei einfach der Komplexität der Gesellschaft geschuldet, passe zu dieser und funktioniere auch gut, was die Digitalisierung rechtfertige. Die Gesellschaft habe sich in der Moderne drei Mal selbst entdeckt, einmal nach der Französischen Revolution, dann nach 1968 und nun durch die digitale Vermessung aller Lebensbereiche. Linke Utopien seien dabei immer wieder an „strukturellen Trägheiten der gesellschaftlichen Masse“ gescheitert, an einer „gesellschaftlichen Maschinerie im Hintergrund“, die „veränderungsresistent“ sei.

Der Autor zeigt allerdings kein weiteres Interesse an dieser „Maschinerie“. Er nimmt sie ohne tiefere Analyse zur Kenntnis. Sein Tenor: Alles ist gut, wie es ist, weil es ist wie es ist. Die Klassentheorie, wonach politische Macht vom privaten Eigentum abhängt, und Reiche somit die Geschicke lenkten – was auch für die Digitalisierung gelten würde –, hält er nach eigenen Worten für „ungeeignet, um ökonomische Ungleichheit zu erklären“. Womit er diese Ungleichheit dann erklären will, bleibt offen. In einem Nebensatz betont er, der Kapitalismus sei „nicht das Problem“, da sich nun mal „die Dinge rechnen müssen“:

„Das Problem ist also nicht der Kapitalismus – das Problem ist die Beteiligung der unterschiedlichen Wertschöpfungselemente an den Gesamterträgen und ihrer Distribution. (…) Ich vermag hier keine Lösungen anzubieten, sondern plädiere nur dafür, die Möglichkeiten einer Prozesssteuerung mit digitalen Mitteln mit dem Ziel langfristigerer und stabilerer Muster der Anordnung unterschiedlicher Stakeholder nicht zu unterschätzen.“

Mit anderen Worten: Die Technik ist nun mal da und auch nützlich, möge sie nun doch bitte, von wem auch immer, für mehr Gerechtigkeit genutzt werden. Es bleibt bei solch vagen, unverfänglichen Appellen.

Nassehi berät auch die grüne Führungsspitze um Robert Habeck und Katrin Göring-Eckardt. Er regt an, lagerübergreifende Bündnisse zu bauen. Die Einteilung in links und rechts habe sich überholt, die Idee einer linken Mehrheit sei „inhaltlich tot“, so Nassehi in einem Interview mit der TAZ. Man müsse nun „die Marktlogik so einsetzen, dass sie die Sache voranbringt“ und helfen, dass „mit den richtigen Sachen Gewinne“ gemacht würden. Der Gedanke, dass das herrschende Geldsystem seinem Wesen nach Natur und Gesellschaft zerstört, liegt ihm fern. Der „grüne Kapitalismus“ erscheint stattdessen als neue Heilsgeschichte, vermeintlich ideologiefrei.

Der Autor Bernd Stegemann nennt das „die Robert-Habeck-Erzählung“: „Eigentlich ist der Kapitalismus eine prima Sache, wenn jeder Einzelne sich moralisch verhält.“ Die Dominanz dieser Sichtweise verhindere jede gesellschaftliche Veränderung, so Stegemann. Nassehi ist offenbar ein Anhänger, wenn nicht sogar Mitautor dieser Robert-Habeck-Erzählung. Der rote Faden darin ist die Zustimmung zum gegebenen System, die Anpassung an vermeintlich Alternativloses.

Muster CoverÜber die Digitalisierung schreibt er: „Wenn sie nicht zu dieser Gesellschaft passen würde, wäre sie nie entstanden oder längst wieder verschwunden.“ Und zum Rechtsbruch einer flächendeckenden Onlineüberwachung der Bürger durch Geheimdienste meint er abwiegelnd: „Es wäre absurd, zu erwarten, dass nicht alles abgeschöpft wird, was technisch möglich ist“. Protest und Widerspruch sucht man vergeblich.

Ganz ähnlich scheint der Soziologe auf die Politik insgesamt zu blicken. Es ist eine Perspektive, in der Machtkämpfe vom Sieger immer auch zurecht gewonnen wurden und in der es am Ende gar keine legitimen unterschiedlichen Interessen mehr geben kann, sondern bloß noch „das Vernünftige“. Nassehi steht damit für den Offenbarungseid einer Soziologie, die Herrschaftskritik als überholt und unmodern ansieht – und die sprachlich nahezu unlesbar ist.

Armin Nassehi: „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“, C.H.Beck, 352 Seiten, 26 Euro

Anmerkung: Diese Rezension wurde am 9. November 2019, leicht gekürzt, in der Radiosendung „Gutenbergs Welt“ auf WDR 3 ausgestrahlt.


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Bild: Armin Nassehi, Frank Plasberg und Katrin Göring-Eckardt am 25. Februar 2019 in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“; Foto: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

https://paulschreyer.wordpress.com/2019/11/10/muster-von-konformismus/

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Muster von Konformismus

  1. Der Begriff GLEICHSCHALTUNG stammt übrigens aus der Elektrizitätswirtschaft, in den 30ern des letzten Jahrhunderts versprach die Zusammenlegung privater, regionaler, nationaler Stromnetze enormen Nutzen und enorme Gewinne. Wir erinnern uns: Lenin: ‚Die Elektrifizierung des ganzen Landes‘ und er meinte das größte Land der Erde, gerade die richtige Dimension für die neue Technik. Oder E Kästner: der 35. Mai anläßlich der Weltenergiekonferenz 1930 in Berlin. Oder daran, daß allein das gleichgeschaltete Stromnetz es den Nazis erlaubte, den Einfluß des Angloamerikanischen Luftterrors auf den Output der Industrie gering zu halten. Oben an den Hochspannungsleitungen war übrigens ein zusätzliches Kabel für Fernschreiber, die Stromwirtschaft hatte ein eigenes Kommunikationsnetz, das es erlaubte, auf Bombenschäden schnell zu reagieren..

    Heute haben wir ein Europäisches Verbundnetz, sind gleichgeschaltet von Casablanca bis an die NATO Ostfront.

    Ist die Digitalisierung wirklich neu, oder tut’s nicht der alte Begriff der GLEICHSCHLTUNG. Oder wäre es vielleicht treffend, von der digitalen Phase der Gleichschaltung zu sprechen ?

    P.S. Haben sie schon ihre Kreditkarten in eine Alutüte gesteckt oder wollen sie wirklich, daß die NSA alle ihre Wege aufzeichnet ?

    Liken

    Verfasst von zivilistin | 11. November 2019, 11:11

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