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Ausland, Medien

Propaganda und Post-Wahrheit

von Thierry Meyssan – https://www.voltairenet.org

Bild: Sisyphos rollt seinen Felsen mühsam bis zum Gipfel des Berges seiner Ambitionen, der Stein rollt dann unaufhaltsam auf der anderen Seite in die Unterwelt. Dann wiederholt er dieses absurde Werk.

In den letzten 18 Jahren haben wir über die seltsame Entwicklung der Medien diskutiert, die immer weniger Wert auf die Fakten zu legen scheinen. Wir führen dieses Phänomen auf ihre Demokratisierung durch soziale Netzwerke zurück. Dann läge der Zusammenbruch der Nachrichtenqualität also daran, dass jetzt jede beliebige Person sich als Journalist versuchen könnte. Es wäre daher angemessen, wenn allein die Eliten das Recht hätten, zu reden. Was wäre, wenn es genau das Gegenteil wäre? Wenn die in Betracht zu ziehende Zensur nicht die Antwort auf das Phänomen wäre, sondern darin seine Kontinuität bestünde?

Propaganda

In politischen Systemen, in denen die Macht die Beteiligung des Volkes braucht, zielt Propaganda darauf ab, so viele Leute wie möglich dazu zu veranlassen, einer bestimmten Ideologie zu folgen und sie zu deren Umsetzung zu bewegen.

Die zur Überzeugung eingesetzten Methoden unterscheiden sich nicht in Abhängigkeit von ihrer guten oder bösen Absicht. Im 20. Jahrhundert wurden jedoch die Verwendung von Lügen und Wiederholungen, die Beseitigung verschiedener Standpunkte und die Verstrickung in Massenorganisationen zuerst vom britischen Abgeordneten Charles Masterman, dem amerikanischen Journalisten George Creel und vor allem vom deutschen Minister Joseph Goebbels theoretisch ausgearbeitet, mit den verheerenden Folgen, die man kennt [1]. Aus diesem Grund hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen am Ende der beiden Weltkriege drei Resolutionen angenommen, in denen der Einsatz absichtlicher Lügen in den Medien zur Anstiftung von Krieg verurteilt und die Mitgliedstaaten aufgefordert werden, die Ideenfreiheit zu gewährleisten, als einzigem Schutz gegen Manipulation [2].

Während die Propagandamethoden in den letzten 75 Jahren perfektioniert wurden und systematisch in allen internationalen Konflikten eingesetzt werden, weichen sie allmählich vor neuen Einflussmethoden in den Ländern zurück, wo Frieden herrscht: Es geht nicht mehr darum, der Öffentlichkeit eine Ideologie aufzudrängen und sie im Dienste der Macht wirken zu lassen, sondern im Gegenteil, die Öffentlichkeit davon abzuhalten, von der Initiative abzuhalten, die Macht lahmzulegen.

Diese Strategie entspricht einer so genannten „demokratischen“ Gesellschaftsorganisation, in der die Öffentlichkeit über die Möglichkeit verfügt, die Macht zu sanktionieren, was früher selten der Fall war.

Sie hat sich in den letzten 18 Jahren mit dem „Krieg gegen den Terror“ verbreitet. Viele Intellektuelle haben die Absurdität dieses Ausdrucks hervorgehoben: Terrorismus ist kein Feind, sondern eine militärische Technik. Daher kann man nicht Krieg gegen den Krieg führen. Selbst wenn wir es damals nicht verstanden haben, sollte die Erfindung dieses paradoxen Ausdrucks die Post-Wahrheits-Ära etablieren.

Post-Wahrheit

Nehmen wir das Beispiel der jüngsten Hinrichtung von Abu Bakr al-Baghdadi. Wir alle wissen, dass ein Hubschraubertrupp nicht ganz Nordsyrien im Tiefflug durchqueren kann, ohne von der Bevölkerung gesehen oder von russischen Flugabwehrsystemen entdeckt zu werden. Das Narrativ, das uns da aufgetischt wird, ist eindeutig unmöglich. Dennoch diskutieren wir, weit davon entfernt zu hinterfragen, was wir für Propaganda halten, ob sich der Kalif, der von den US-Spezialkräften in die Enge getrieben wurde, mit zwei oder drei Kindern in die Luft gesprengt hat.

Zu anderen Zeiten hätten wir uns darauf geeinigt, dass wir angesichts der Unmöglichkeit eines wesentlichen Teils dieser Geschichte, die anderen Elemente, die uns serviert werden, nicht ernst nehmen können, angefangen mit dem Tod des Kalifen. Jetzt denken wir aber anders. Wir nehmen an, dass dieses faktische Element gefälscht wurde, vermutlich aus Gründen der nationalen Sicherheit, und wir halten den Rest der Erzählung für authentisch. Langfristig werden wir jedoch unsere Voreingenommenheit angesichts dieses oder anderer Elemente vergessen, und wir werden Enzyklopädien herausgeben, die diese schöne Geschichte mit ihren unglaubwürdigsten Elementen erzählen werden.

Mit anderen Worten, wir verstehen instinktiv, dass diese Erzählung keine Tatsachen meldet, sondern eine Botschaft vermittelt. Wir positionieren uns also nicht angesichts der Tatsachen, sondern angesichts der Botschaft, wie wir sie verstanden haben: Wie einst Osama bin Laden, wurde jetzt Abu Bakr al-Baghdadi hingerichtet; die Macht bleibt in den Händen der Vereinigten Staaten von Amerika.

Um unser Bewusstsein von den Fakten auf die Botschaft abzulenken, haben die speech writers die Pflicht, eine inkohärente Erzählung zu liefern. Es ist kein unglücklicher Fehler von ihnen, der sich wiederholt, sondern ein technisches Erfordernis ihrer Arbeit.

In der klassischen Propaganda versuchte man, zusammenhängende Geschichten zu erzählen, notfalls, indem man bestimmte Tatsachen verheimlichte oder fälschte. Jetzt nicht mehr. Weil man nicht mehr versucht, mit schönen Geschichten zu überzeugen, legt man sich, wenn nötig, die Realität auf bequeme Weise zurecht, wobei man einen Zwischenzustand des Bewusstseins anspricht, durch den man Botschaften vermittelt. Wir sind uns bewusst, dass diese Helikoptergeschichte unmöglich ist, aber wir können sie nicht aus unserem Bewusstsein ausblenden. Ein Teil unseres Intellekts wurde gehemmt.

Wir belügen uns selbst.

Wir können eine sehr große Anzahl von Beispielen für den Einsatz dieser Konditionierungstechnik in den Nachrichten der letzten Jahre finden. Alle die ich zitieren könnte, werden die Mehrheit meiner Leser schockieren, denn jedes Beispiel erfordert die Erkenntnis, dass wir uns durch unsere eigene Mitwirkung haben täuschen lassen. Wir hassen es aber, dass man uns auf unseren Irrtum aufmerksam macht.

Dennoch ein kleines Beispiel. Es ist alt, aber grundlegend. Es spielt auch heute noch eine entscheidende Rolle. Anlässlich der Anschläge vom 11. September 2001 veröffentlichten die Fluggesellschaften sofort vollständige Bordlisten von Passagieren und Mitarbeitern, die ums Leben gekommen waren. Zwei Tage später präsentierte der FBI-Direktor seine Erzählung von den 19 Entführern, die ihm zufolge, die Anschläge verübt haben. Kein einziger von ihnen war jedoch, laut den sofortigen Aussagen der Fluggesellschaften, in eines der vier Flugzeuge eingestiegen. Seine Version ist daher unmöglich. Achtzehn Jahre später diskutieren wir aber immer noch über die Natur dieser Individuen.

Gegenmittel

Seit 18 Jahren wurde uns erklärt, dass, mit der Möglichkeit für jedermann, seine Stimme auf einem Blog oder in sozialen Netzwerken auszudrücken, der technische Fortschritt die öffentliche Sprache abgewertet habe. Jeder kann jetzt sagen, was er will. In der Vergangenheit hatten nur Politiker und Berufsjournalisten die Möglichkeit, sich zu äußern. Sie sorgten für die Qualität ihrer Vorträge und Schriften. Heute macht man dem vulgum pecus, der unwissenden Menge, blauen Dunst vor und verbreitet fake news.

Das genaue Gegenteil ist jedoch der Fall. Führende Politiker, angefangen mit Präsident George Bush Jr. und Premierminister Tony Blair, haben inkohärente Reden gehalten, um die Reaktionen der Öffentlichkeit und ihrer Wähler im Besonderen zu unterbinden. Diese Technik ersetzt die Wahrheit durch Absurdität, wie andere sie durch Lügen ersetzten. Sie hat das Funktionieren des demokratischen Systems zerstört, das die einfachen Leute versuchen, mit ihren eigenen Mitteln wiederherzustellen.

Die kathodischen Fernsehgeräte zeigen Bilder in 625 Zeilen. Es genügt, dass eine von ihnen nicht funktioniert, damit wir nur mehr sie auf dem Bild wahrnehmen. Nach dem gleichen Prinzip genügt es, einen einzigen anderen Standpunkt zu hören, damit die Lügen einer allgegenwärtigen Propaganda ins Auge springen. Deshalb erfordert Propaganda, wenn sie lügt, unerbittliche Zensur. Aber wenn die Lüge eine Inkonsistenz in den Diskurs einführt, so dass diese Widersprüchlichkeit bewusst offensichtlich wird, brauchen alternative Ansichten nicht mehr zensiert werden. Im Gegenteil, man muss ihre Veröffentlichung zulassen und ihren Wert hervorheben, indem einige als Fake News öffentlich angeprangert werden.

Das Gegenmittel zur Post-Wahrheit ist nicht der Faktencheck, er war schon seit jeher die Grundlage der Arbeit von Journalisten und Historikern, es ist die Wiederherstellung der Logik. Deshalb ist heute eine neue Form der Zensur erforderlich. Die meisten Facebook-Nutzer wurden irgendwann, das eine oder andere Mal, abgeschaltet. In unzähligen Fällen können die Benutzer nicht verstehen, warum sie zensiert wurden. Sie suchen vergeblich nach dem verbotenen Wort, welches von einem Computer entdeckt worden wäre, oder welche ungesittete Stellungnahme von einem Wächter verboten worden wäre. Was ihnen in Wirklichkeit oft vorgeworfen wird und warum sie willkürlich eine Sanktion erleiden, ist, dass sie die Logik ihrer Argumentation wiederherstellen.

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

[1] „Die Methoden der modernen militärischen Propaganda“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 17. Mai 2016.

[2] „Kriegspropaganda treibende Journalisten sollen zur Rechenschaft gezogen werden“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 15. August 2011. Resolutionen der Generalversammlung der Vereinten Nationen Nr. 110 (II)381 (V)819 (IX).

Thierry Meyssan

Thierry MeyssanPolitischer Berater, Gründer und Präsident vom Voltaire Netzwerk – Réseau Voltaire. Letztes französisches Werk: Sous nos yeux – Du 11-Septembre à Donald Trump.

Die Zukunft der Levante

https://www.voltairenet.org/article208246.html

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