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Ausland, Naher Osten

Die Türkei schlägt die Kriegstrommeln

von Eric Margolis – http://www.antikrieg.com

Mehr Krieg im bejammernswerten Syrien. Die Hälfte der Bevölkerung sind mittlerweile Flüchtlinge; ganze Städte liegen durch Bombenangriffe in Trümmern; Banden von verrückten Bewaffneten grassieren; US-amerikanische, französische, israelische und russische Kampfflugzeuge bombardieren weite Teile.

Nun hat Präsident Donald Trump der Türkei, der zweiten Militärmacht der NATO, endlich grünes Licht für die Invasion in Teile Nordostsyriens gegeben, nachdem er offenbar einer symbolische Truppe von US-Soldaten dort den Rückzug befohlen hatte.

Dies führt natürlich zu einer wachsenden Konfrontation der Türken mit den Kurden der Region, die während des Kriegs in Syrien große Teile des Gebietes besetzt haben. Die kurdische Miliz, bekannt als YPG (verwirrenderweise Teil der so genannten Freien Syrischen Armee), ist bewaffnet, aufwendig finanziert und geleitet von der CIA und dem Pentagon.

Die meisten kurdischen Streitkräfte sind entlang der Linie der ehemaligen Berlin-Bagdad-Eisenbahn stationiert, einer Hauptquelle für kriegerische Spannungen vor dem Ersten Weltkrieg. Interessanterweise stattete der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdogan, dem Blutfeind Serbien einen Staatsbesuch ab, als die türkische Offensive begann.

Die Türkei nennt die kurdischen Milizen „Terroristen“ und verbindet sie mit der ursprünglichen kurdischen Widerstandsbewegung PKK, die auf der schwarzen Liste der USA und der Türkei steht. Ich habe über den brutalen Konflikt in Ostanatolien (Südtürkei) zwischen der türkischen Armee und kurdischen Milizen berichtet, die als „Peshmerga“ bekannt sind. Wenn die USA syrische und irakische Gruppen als „Terroristen“ brandmarken können, warum können die Türken dann nicht ihr eigenes terroristisches Branding betreiben? Schließlich befinden sich Syrien, der Libanon und der Irak in ihrem Hinterhof.

Die US-Medien sind heftig antitürkisch, weil Ankara als eher pro-palästinensisch angesehen wird. Israel ist ein erbitterter Gegner des türkischen Erdogan. Man liest selten etwas Positives über die Türkei oder ihren Führer. Nicht sehr viele westliche Leser wissen, dass Syrien seit Anfang des 16. Jahrhunderts Teil des Osmanischen Reiches war, des Vorgängers der modernen Türkei. Ebenso der Irak, Palästina, das heutige Israel, Saudi-Arabien und Jemen.

Am wichtigsten ist, dass die riesigen Ölfelder des Irak einst dem Osmanischen Reich gehörten, bis sie das Britische Reich am Ende des Ersten Weltkriegs in seine Gewalt brachte. Frankreich eignete sich Syrien und den Libanon an. Die beiden ehemaligen imperialen Mächte spielen auch heute noch in der Region herum und besitzen die Frechheit, das Engagement der Türkei im benachbarten Syrien zu kritisieren.

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben kein historisches Interesse an der Region. US-Truppen in Syrien scheinen von der US-Garnison im Irak gekommen zu sein, die, wie Vizepräsident Dick Cheney hoffte, zu einer zentralen US-Militärbasis für den gesamten Nahen Osten werden sollte. Die Washingtoner Kriegspartei jammert, dass Trump die Kurden „verraten“ hat. Ihr inoffizieller Chef, Senator Lindsey Graham, fordert mehr Krieg in Syrien – derselbe Krieger-Senator, der sich vor dem Vietnamkrieg drückte, indem er als Anwalt der Nationalgarde beitrat.

Die Kurden werden seit 1918 benutzt und verraten. Sie scheinen immer das kurze Ende des Stockes zu bekommen. Das alte kurdische Sprichwort „keine Freunde außer den Bergen“ ist schmerzlich wahr. Washington will sich nicht mit einem neuen kurdischen Staat beschäftigen, der aus Syrien oder dem Irak herausgelöst wurde, obwohl es von Israel hart bedrängt wird, den Mittleren Osten weiter aufzuspalten. Die Ölvorkommen des Irak und Syriens sind nach wie vor ein attraktiver Köder für imperialistisch orientierte Mächte.

Trump nennt den Konfliktherd in Syrien zu Recht „einen dummen Krieg“. Aber viele Kriegsbefürworter spielen mit diesem müden, verwirrten Präsidenten, der sich tief in den syrischen Morast hineinbegeben hat, ein Problem, das großteils auf amerikanische, aber auch auf türkische Einflüsse zurückzuführen ist. Ironischerweise genehmigte der ehemalige Präsident Barack Obama dummerweise die Bemühungen Amerikas, die Regierung Assad Syriens unter dem Deckmantel eines gefälschten Bürgerkriegs zu stürzen. Dies war eines der wenigen politischen Konzepte Obamas, die Trump weiterverfolgt hat. Der Anfänger-Präsident war nicht bereit oder nicht in der Lage, den tiefen Staat in Washington daran zu hindern, den Krieg zu fördern.

Die fragliche Region ist kaum das schlagende Herz Syriens. Es sieht auf der Karte groß aus, ist aber meist Wüste und Gestrüpp, übersät von erbärmlichen kleinen Dörfern mit arabischer oder kurdischer Bevölkerung. Die Türkei, die über 2 Millionen syrische Flüchtlinge hat, ist bestrebt, mit der Rückführung dieser massiven Last zu beginnen, die durch ihre politischen Fehler und die Westmächte verursacht wurde.

In der Mitte befinden sich die verstreuten Trümmer des kurzlebigen ISIS-Kalifats. Russland, das der Türkei sein sehr leistungsfähiges Flugabwehrsystem S-400 verkauft, beobachtet mit Genugtuung, wie sich die alten Verbündeten Türkei und USA trennen.

Selbst Trump weiß, wie wichtig die Türkei für das NATO-Bündnis ist. Ein Bruch zwischen Washington und Ankara könnte dazu führen, dass die wichtigen US-Basen Incirlik und Adana aus der Türkei geworfen werden. Deshalb muss Trump vorsichtig vorgehen.

erschienen am 12. Oktober 2019 auf www.ericmargolis.com

http://www.antikrieg.com/aktuell/2019_10_12_dietuerkei.htm

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Die Türkei schlägt die Kriegstrommeln

  1. Hier schreibt Eric Margolis sehr deutlich, dass es der Türkei nicht um DIE KURDEN geht, sondern um die Kurden-Milizen, die von den USA militärisch aufgerüstet und ausgebildet wurden. Diese Kurden sind es, die die dortige Bevölkerung mit Gewalt daran hinderten einen Deal mit Damaskus auszuhandeln, um die Türkei vor den Einmarsch in Syrien zu bremsen. Das wäre natürlich das Ende für die Kurden-Milizen geworden, was diese erkannt hatten. So sind die seit Jahren dort lebenden Menschen zum Schilt für die Kurden-Milizen geworden, sei denn, sie konnten flüchten. Abe ihre Habe, ihre Häuser werden nun Großteils zerstört werden.

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    Verfasst von Gerd Pehl | 13. Oktober 2019, 16:43

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