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Ausland, Welt

Zwei Jahrestage

von Dagmar Henn – https://kenfm.de

Zwischen der Militärparade zum Jahrestag der chinesischen Volksrepublik und der lange Reihe allegorischer Darstellungen der jüngsten Geschichte mit zehntausenden Teilnehmern fuhren Busse, die an die Veteranen des Befreiungskampfes erinnern sollten. Viele davon waren nur noch durch Angehörige mit Fotos vertreten, aber dazwischen saßen noch einige Neunzigjährige, die womöglich als junge Soldaten selbst die Verkündung der Volksrepublik auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1949 miterlebt hatten. Sie saßen auf dem offenen Verdeck und salutierten in Richtung der Tribüne, und es ist schwer vorstellbar, welche Zufriedenheit und welchen Stolz sie in diesem Moment empfunden haben dürfen. Mit Sicherheit war ihnen der lange Weg gewärtig, den China in diesen Jahrzehnten zurückgelegt hat; sie haben geholfen, ihr Land von den Knien aufzurichten, und konnten heute genießen, wie es sich kühn und stolz der Welt präsentierte.

„Die Jubiläumsfeiern zeigen, wie schal und leblos dieses Land in Wahrheit ist, wie inszeniert, geglättet und diktiert der Jubel ausfällt,“ tönte pflichtbewusst der Transatlantiker Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung (1). Das muss er tun; schließlich ist eine entsprechende Feier weder in den USA noch in dieser BRD vorstellbar – was gäbe es denn zu feiern? Nichts ist vorzuweisen, dass mit der Entwicklung Chinas vergleichbar wäre, ganz im Gegenteil. Also muss so getan werden, als wäre dieses Jubiläum ein Nichts.

Die Begeisterung der Teilnehmer aber war echt, das vermitteln selbst die Fernsehbilder (2), und sie haben allen Grund dazu. 1949 war China ein Schatten seiner selbst, die älteste ununterbrochene Zivilisation dieses Globus von hundert Jahren Invasionen zerrüttet, von regelmäßigen Hungersnöten geplagt, mit Opium überschwemmt; das Land, das noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Viertel der Weltproduktion erzeugt hatte und dessen Waren die Briten so sehr begehrten, dass sie die erste globale Drogenwelle auslösten, weil ihr Silber nicht reichte, die Waren zu zahlen, war nur noch Ziel ungehemmter Plünderung.

Bei der übrigens auch die Deutschen mitmischten und sich mit der Stadt Tsingtau einen Brocken aus dem Land rissen; dieses kleine Detail sollte auch einem Herrn Kornelius bewusst sein. In diesen siebzig Jahren sind Hunger und Analphabetismus verschwunden, das Agrarland wurde zum Industriegiganten und in Technologie und Forschung hat sich China den Platz zurückerobert, der den Erfindern des Schwarzpulvers, des Papiers und des Porzellans eigentlich zusteht. Die Hochgeschwindigkeitsbahnen, die dort mit tausenden Kilometern Streckenlänge aus dem Boden gestampft werden, können geplagte Opfer der Deutschen Bahn nur vor Neid erblassen lassen, von Flughäfen ganz zu schweigen.

Es lohnt sich, diese Parade ganz anzusehen; auch den Zug der Themenwagen mit den Menschenmengen, die sie begleiteten, und sei es nur, um sich ins Gedächtnis zu rufen, wie ein Volk aussieht, das etwas zu feiern hat.

Denn ich zumindest betrachtete diesen Zug mit Neid. Ja, ich würde auch gerne in einem Land leben, das Grund hat, sich zu feiern; ein Land, das nach einem besseren Leben für seine Bewohner strebt, das für den Frieden steht, das ungeheure Schritte nach vorne macht, die messbar sind; an der Armutsrate, an der Gesundheitsversorgung, am Bildungsstand, an der Infrastruktur.

In Deutschland scheint es, als konkurrierten die Regierungen nur noch darum, welche das erfolgreichste Abrissunternehmen darstellt. Die Armutsraten steigen seit Jahrzehnten, und es wird nicht nur nichts dagegen unternommen, im Gegenteil, es werden immer neue Wege ersonnen, sie zu erhöhen, sei es durch Hartz 4, sei es durch ‚Rentenreformen‘ oder zuletzt durch CO2-Abgaben. Das Gesundheitswesen dient inzwischen vor allem der Gewinnerzeugung; die letzte Nachricht aus diesem Bereich lautet, dass die Kinderabteilungen in den meisten Kliniken bedroht sind (3), weil die Fallpauschalen den gegenüber Erwachsenen höheren Aufwand nicht abdecken… da könnte man zynisch anfügen, nachdem viele Geburtsstationen schon aus dem selben Grund geschlossen wurden (4) und man Hausgeburten durch die Versicherungsbeiträge für Hebammen durch die Hintertür unmöglich gemacht hat (5), ist das eigentlich nur konsequent. Wer braucht schon Kinder, die sind ohnehin als CO2-Produzenten in Verruf geraten.

Eine Gesellschaft, die ihre eigene Zukunft, die eigenen Kinder, nicht mehr als Aufgabe aller begreift, ist so ziemlich am Ende; das ist das, was mir bei solchen Nachrichten durch den Kopf geht. Deutschland benimmt sich, als gäbe es keine Zukunft. Das letzte technologische Projekt, das irgendwie etwas mit einer Vorstellung von Zukunft zu tun hatte, war die Einführung des ICE; die kam erst als verspätete Antwort auf den französischen TGV und liegt auch schon Jahrzehnte zurück. Seit der Annektion der DDR hat sich die Abrissmentalität festgefressen; als hätte sich die Treuhand wie ein Krebsgeschwür im ganzen Land verbreitet, und die Plünderungsmentalität, mit der der andere Teil des Landes im Interesse der Westkonzerne ausgeweidet wurde, macht sich beharrlich weiter her über den verbliebenen kollektiven Besitz. Stuttgart 21 scheint gerade zum Anlass stilisiert zu werden, um die Bürger um die Bahn zu erleichtern, und die Schuldenbremse, die nächstes Jahr bei den Kommunen greift, lässt Schlimmes befürchten.

Der Herr Kornelius wirft sich gewaltig in die Brust in seinem Kommentar in der SZ und trötet, Zitat: „welch krasser Gegensatz also zwischen der blank polierten Kulisse in Peking, dem bis aufs letzte Staubkorn gesäuberten Paradeweg der Truppen und Schauwagen auf der einen Seite – und den Gewaltbildern aus Hongkong auf der anderen Seite.“ Hongkong? Das ist eine Stadt in China, und bei weitem nicht die grösste.

Um mal den Maßstab zurechtzurücken – das ist, als würde man eine Kneipenschlägerei in Castrop-Rauxel zur bedeutenden internationalen Nachricht stilisieren.

Klar, das Maasmännchen musste sich ja auch mit einem Hongkonger Separatisten treffen; das führt zu Verstimmung in der Volksrepublik, die im Gegensatz zum Außenministerpraktikanten sich durchaus noch an die deutschen Kanonenboote erinnert, aber was solls, man kann sich wieder einmal als ‚Verteidiger der Menschenrechte‘ aufmandln.

In Wirklichkeit ist das viel Lärm, um die Leere zu übertönen. Leere, die sich nicht in China findet, sondern in dieser deutschen Republik, in der niemand ein Anrecht auf den Stolz hat, den die chinesischen Veteranen empfunden haben dürften. Eine Leere, die aus einer Politik ohne Verantwortung den Menschen gegenüber besteht; die als einzige Ruhmestat einen stetig steigenden Handelsüberschuss vorzuweisen hat, der aber – anders als in China – mit einer ebenso stetigen Verschlechterung der Lebensverhältnisse angeheizt wird. Der also einzig den Besitzern der exportierenden Konzerne zum Vorteil gereicht, die entsprechend immer reicher werden, während die Zahl verarmter Rentner zunimmt.

Worauf sollte man stolz sein, zum Jahrestag der Anektion? Auf die immer tiefer reichende Spaltung, auf die Show der ‚Werte‘, die reale, handfeste Verbesserungen ersetzen sollen? Auf die Auslandseinsätze, die Aufrüstung, auf die immer ekelhaftere Arroganz, mit der die Berliner Politik die Vormachtstellung in Europa einfordert und die, so wie sie Kleber im Interview mit Sebastian Kurz demonstrierte, inzwischen selbst der FAZ über die Hutschnur geht (6)? Ist die rücksichtslose Verfälschung der Geschichte schlimmer, wie sie das EU-Parlament mit der Resolution vornahm (7), die ausgerechnet der Sowjetunion die Schuld am zweiten Weltkrieg zuweist, oder die Verfälschung der Gegenwart im Tonfall von ‚das Land, in dem wir gut und gerne leben‘?

Vor dreissig Jahren ist von zwei Varianten Deutschland die falsche von der Weltkarte verschwunden; die andere nahm sich daraufhin die Maske vom Gesicht, stapft wieder mit dem Stiefeltritt des Kolonialherren durch die Geschichte und müht sich nicht nur im Gebaren nach außen, sondern auch im völligen Desinteresse dem Elend im Innern gegenüber dem großen transatlantischen Vorbild nachzueifern. Diese unheimliche Heimat schickt an ihren Jahrestagen nur kalte Schauer über den Rücken, weil hinter dem unerquicklichen Heute einzig ein noch düstereres Morgen zu erwarten ist.

Der einzig wirklich gültige Maßstab, ein Land zu beurteilen, ist das Wohlergehen seiner Menschen. Und zwar der breiten Masse, nicht einer winzigen Truppe von Oligarchen. Man muss den Blick schon weit schweifen lassen, um ein solches Land zu finden… die Bundesrepublik ist es nicht. Die Chinesen, das könnte nicht einmal Herr Kornelius abstreiten, liegen allerdings gut im Rennen.

Sie haben ihren Anspruch auf eine Zukunft allerdings auch eingefordert. Auf diesem Gebiet wird bei uns nur mit sehr kleiner Münze gezahlt. Im allerbesten Fall fordert mal wer Reförmchen, verglichen mit denen selbst die BRD der siebziger Jahre schon blanker Sozialismus war. Dabei geht es, ein Land kann für seine Menschen da sein und die Menschen für das Land.
Damit dieser Gedanke gar nicht erst aufkommt, muss man die feiernden Chinesen verächtlich machen, so, wie auch der vergangene Versuch, ein solches Land auf deutschem Boden zu errichten, verächtlich gemacht werden muss, mit aller Kraft.

Die chinesischen Veteranen auf diesen Bussen konnten einen Blick auf das Ergebnis eines wahrhaftig sinnvoll verbrachten Lebens werfen. Sie hinterlassen nicht einen Haufen Gegenstände oder Geld oder flüchtige Erinnerungen, sondern ein gewandeltes, wiedergeborenes Land. Das seine Größe nicht aus Raub, sondern aus eigener Kraft zieht.

Wie gerne würde ich diesen Stolz auf mein eigenes Land empfinden können.

Quellen:

  1. https://www.sueddeutsche.de/politik/china-jahrestag-hongkong-proteste-1.4623307
  2. https://www.youtube.com/watch?v=SGdF_ajRZYg
  3. https://www.br.de/nachrichten/bayern/kranke-kinder-sind-zu-teuer-kliniken-schliessen-kinderstationen,RdYZqyy
  4. https://www.wlz-online.de/waldeck/volkmarsen/volkmarser-kreisssaal-gehen-lichter-12198050.html
  5. https://www.infranken.de/regional/forchheim/es-gibt-zu-wenig-hebammen;art216,4303149
  6. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/klebers-zdf-interview-mit-sebastian-kurz-war-arrogant-16410702.html
  7. http://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-9-2019-0021_DE.html

Bildquelle:   CCTV中国中央电视台

https://kenfm.de/zwei-jahrestage/

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Zwei Jahrestage

  1. Dieser Beitrag von Dagmar Henn ist lesenswert. Es ist natürlich wichtig beim Lesen mitzudenken. Sie stellt die Errungenschaften Chinas und die Deutschlands sehr gut gegenüber. Mit ihrem letzten Satz – „Wie gerne würde ich diesen Stolz auf mein eigenes Land empfinden können.“ – verdeutlicht sie ihre Verbundenheit zu Deutschland, zu ihrer Heimat. Dem kann ich nicht zustimmen. Dieses Deutschland ist und wird nie mein Land sein. Mein Land hat mir die imperialistische BRD 1990 genommen. So kann ich nur den Worten Heinrich Heines zustimmen:

    Denk ich an Deutschland in der Nacht
    Bin ich um den Schlaf gebracht.

    Oder

    Berlin! Berlin! Du großes Jammertal,
    Bei dir ist nichts zu finden als lauter Angst und Qual.

    Liken

    Verfasst von Gerd Pehl | 5. Oktober 2019, 12:36

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