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Ausland, Naher Osten

Die Afghanistan-Pipeline

von Paul Schreyer – https://paulschreyer.wordpress.com

Am vergangenen Wochenende fanden in Afghanistan Präsidentschaftswahlen statt, an denen allerdings bloß 20 Prozent der registrierten Wähler teilnahmen. Die politische Lage ist weiterhin so instabil wie seit Jahrzehnten. Abseits der Wahlen bleiben die Taliban ein bestimmender Faktor im Land, jüngst brach Donald Trump direkte Verhandlungen mit ihnen ab. Den folgenden Text, der die Vorgeschichte des Angriffs der USA und der Nato auf Afghanistan schildert, schrieb ich vor 15 Jahren, im Herbst 2004. Es war meine überhaupt erste journalistische Arbeit, entstanden und veröffentlicht damals im Rahmen eines Buchprojektes – eines Romans über 9/11, der auch einen 80-seitigen Faktenanhang enthielt. Das Buch ist lange vergriffen, der vorliegende Text aber, so scheint mir, weiterhin aktuell. Die Pipeline, um die es darin geht, wird derzeit gebaut.


„Der Triumph der Hoffnung über die Erfahrung“, so spottete Henry Kissinger Ende 1995 anlässlich eines Abkommens, das der turkmenische Alleinherrscher Niyazov in New York mit der Ölgesellschaft Unocal unterzeichnet hatte. Es ging um die sogenannte Afghanistan-Pipeline. Sie sollte das Erdgas aus der kaspischen Region, um das alle großen Mächte pokerten, quer durch das kriegsgeschüttelte Afghanistan an den Indischen Ozean leiten.

Die Pipeline war offensichtlich das große Hoffnungsprojekt für alle Beteiligten, insbesondere Turkmenistan. Dessen Dilemma war seine Lage: eingeklemmt zwischen dem Iran, der als Pipeline-Route für die USA tabu war, Afghanistan, wo der Bürgerkrieg tobte und Russland, dem eher an einer Beschränkung des turkmenischen Gasexports in den Westen gelegen war, da es sein eigenes Gas verkaufen wollte.

Der turkmenische Präsident hatte auf der Suche nach Partnern den ehemaligen US-Außenminister Alexander Haig als Berater engagiert. Öl-Multi Unocal behalf sich mit der Einstellung von ebenjenem Henry Kissinger, ebenfalls Ex-US-Außenminister. Die Affäre war offensichtlich zu einer Chefsache geworden.

Ursprünglich war es Mitte der 1990er Jahre das Ziel von Teilen des US-Außenministerums gewesen, Russland in die NATO aufzunehmen und keine Probleme durch Eingriffe in Russlands Hinterland zu schaffen. Doch Russland glitt ab ins Chaos, und die pro-russische Politik geriet unter Beschuss. Nicht nur innerhalb der Regierung, auch seitens der Öl-Konzerne, die eine „flexiblere“ Außenpolitik gegenüber der früheren Sowjetunion forderten. Was heißen sollte, dass man das Öl und Gas der kaspischen Region nutzte, und die neuen Staaten, wie Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan ins westliche Lager zog. Die Ölfirmen, die in der Region investierten, forderten mehr Mitspracherecht in der amerikanischen Außenpolitik.

Und es blieb nicht bei Worten. Anfang 1995 hatten die Großen der Branche in Washington die private Foreign-Oil-Companies-Gruppe gegründet, um ihre Interessen in der kaspischen Region zu fördern. Als Berater konnten die Multis eine ganze Reihe klangvoller Namen aus der großen Politik engagieren: neben Kissinger auch Präsident Carters alten Sicherheitsberater und Chefstrategen Zbigniew Brzezinski, sowie konservative Ex-Minister wie Richard Armitage oder Lawrence Eagleburger.

Die Kontakte trugen Früchte. Die Gruppe traf sich mit der Energieexpertin im nationalen Sicherheitsrat und später, im Sommer 1995, mit dem Nationalen Sicherheitsberater selbst. Der hatte bereits eine Arbeitsgruppe gebildet, um eine Studie über die Öl- und Gasinteressen der USA in der kaspischen Region anzufertigen. Mit dabei waren Leute vom Außenministerium, dem Sicherheitsrat sowie der CIA.

Die Taliban, die sich zu der Zeit in Afghanistan formierten und Stück für Stück das Land besetzten, genossen das vorsichtige Wohlwollen dieser Kreise, denn sie untergruben den iranischen Einfluss in der Region. Eine Afghanistan-Pipeline, sollte sie denn zustande kommen, würde iranische Pipeline-Projekte in Zentralasien dauerhaft verhindern und den Iran weiter isolieren, was im allgemeinen Interesse lag.

1996 verstärkten sich die Bemühungen. Der US-Botschafter in Pakistan drängte Premierministerin Bhutto, das Exklusivrecht für die Pipeline an Unocal zu vergeben. Auch die stellvertretende US-Außenministerin wies anlässlich eines Besuchs in der Region auf das nationale Interesse an der Unocal-Pipeline hin. Und die Ölgesellschaft selbst ließ verlauten, man wolle den afghanischen Kriegsherren humanitäre Hilfe zukommen lassen, sobald diese sich einverstanden erklärten, einen Aufsichtsrat für das Projekt zu bilden.

„Kein Parlament und jede Menge Scharia – damit können wir leben“

Im September 1996 kam man dem Ziel näher: Kabul fiel an die Taliban. Es vergingen nur wenige Stunden, bis das US-Aussenministerium erklärte, dass es bald wieder diplomatische Beziehungen zu Afghanistan aufnehmen würde (die Ankündigung wurde allerdings hastig zurückgezogen; soviel Parteilichkeit war nicht opportun). Aber auch der Vorsitzende des zuständigen Senats-Ausschusses ließ sich in diesem Sinne zitieren: „Das Gute an allem ist, dass endlich eine der Gruppierungen in Afghanistan imstande zu sein scheint, eine Regierung zu bilden.“ Damit traf er wohl die Stimmung in Regierungskreisen.

Im Nachbarland Pakistan standen die Dinge gleichfalls gut. Nach Ablösung der Bhutto-Regierung Ende 1996 wurde Unocal vom neugewählten Premierminister, dem Militär und dem mächtigen Geheimdienst ISI voll unterstützt. Ein erhellendes Statement zum neuen Regime gab ein US-Diplomat in Pakistan: „Wahrscheinlich werden sich die Taliban wie die Saudis entwickeln. Es wird Aramco, Pipelines, einen Emir, kein Parlament und jede Menge Scharia geben. Damit können wir leben.“ (Aramco war das Konsortium der amerikanischen Öl-Firmen, die den Abbau des saudischen Öls kontrollierten, bis es von der saudischen Regierung verstaatlicht wurde; Scharia ist das Gesetz des Koran.)

Und Anfang 1997 kam man sich persönlich näher. Eine Delegation der Taliban besuchte Washington. Ihr lag an einer offiziellen Anerkennung des isolierten Regimes; sie führte Pipeline-Gepräche mit Vertretern von Unocal.

Die Ölgesellschaft verstärkte in der Folge ihr Personal. Sie engagierte den ehemaligen US-Botschafter in Pakistan (der dort wegen seines arroganten Auftretens oft „der Vizekönig“ genannt worden war). Weiterhin wurde Zalmay Khalizad angestellt. Unter Reagan als Sonderberater für Afghanistan tätig, erarbeitete er nun für Unocal eine Risiko-Analyse der Afghanistan-Pipeline und vermittelte Gespräche mit den Taliban.

Die aber blieben schwierig. Nicht nur die Pacht für die Pipeline-Strecke war ihnen wichtig (man sprach von 100 Millionen US-Dollar), sie wollten auch, dass die Ölfirma Straßen baute und das rückständige, schwer zerstörte Land mit Wasser, Strom- und Telefonnetzen versah.

Anfang 1998 erklärte Unocal schließlich, dass das Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben sei, da man es, solange der Krieg in Afghanistan anhalte, nicht finanzieren könne. Als dann auch noch Mitte des Jahres Bombenanschläge die amerikanischen Botschaften in Ostafrika erschütterten und die USA als Antwort Raketen auf Afghanistan feuerten, zog die Ölgesellschaft alle Mitarbeiter aus Islamabad und Kandahar ab.

Zur selben Zeit sanken die internationalen Ölpreise auf ein Rekordtief von 13 US-Dollar pro Barrel, im Vergleich zu 25 US-Dollar 1997. Grund war der Nachfragerückgang durch die Wirtschaftsflaute in Asien. Das machte die Nutzung des kaspischen Öls, das teuer zu fördern und zu transportieren ist, unrentabel.

Doch es sollte nur ein zeitweiliger Rückschlag sein. 1999 hatten die Lobby-Gruppen den US-Kongress soweit, dass er ein Gesetz mit dem flotten Titel „Silk Road Strategy Act“ verabschiedete. Der Name spielte auf die Tradition der alten Seidenstraße an. Dort hieß es: „Die Region des Süd-Kaukasus sowie Zentralasien könnten Öl und Gas in ausreichender Menge bereitstellen, um die Abhängigkeit der USA vom Persischen Golf zu verringern.“ Das „Seidenstraßen-Strategie-Gesetz“ stellte klar: „Es soll die Politik der USA in diesen Ländern sein, amerikanische Geschäftsinteressen und Investitionen zu unterstützen.“ Jetzt war es also offiziell.

Zum Thema Afghanistan wurde nun auch der UN-Sicherheitsrat tätig. Als Antwort auf die Anschläge in Ostafrika, die Al-Qaida angelastet wurden, verabschiedete er eine Resolution. Die forderte die Taliban auf, Bin Laden auszuliefern und drohte ihnen Sanktionen an.

Ölversorgung und Terrorismus

Von nun an wurden die Pipeline-Verhandlungen mehr und mehr vom Thema Terrorismus überschattet. „Geben Sie uns Bin Laden“ lautete die wiederholte Forderung des US-Außenministeriums an die Taliban. Der Gesuchte hatte sich im Land aber anscheinend unentbehrlich gemacht.

Den verschwiegenen Hintergrund der Pipeline-Planung erhellte schließlich im Mai 2000 eine Konferenz. Ort war das „James A. Baker III Institute for Public Policy“ in Houston, Texas. Dieses politische Institut (benannt nach dem Außenminister unter Bush senior) hatte Öl-Experten und politische Entscheidungsträger eingeladen, um zum Thema „Aussichten für die zukünftige Welt-Öl-Versorgung“ zu sprechen. Einige Passagen des Schlussberichts sind lesenswert:

„Nur zwei Jahre nach einem historischen Crash der Ölpreise ist die Welt in eine Öl-Versorgungs-Situation geraten, die prekärer ist als jemals zuvor seit dem Öl-Schock von 1973. Die Bestände der großen Ölfirmen schwanken um historische Tiefstände, und die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) hat weniger Ersatz-Kapazitäten als in den letzten drei Jahrzehnten. In einem Markt mit so geringer Reserve, um unvorhergesehene Ereignisse abzudecken, werden die Ölpreise extrem anfällig für wahrgenommene Versorgungs-Risiken. Eine solche Marktsituation erhöht den möglichen Einfluss von ansonsten kleineren Produzenten, wie dem Irak, wo geopolitische Überlegungen – und Konflikte – zuvor die Produktions-Entscheidungen beeinflusst haben.

Das Rohöl aus dem Persischen Golf hat derzeit einen Anteil von 25 Prozent an der Ölversorgung der Welt, aber dieser Beitrag könnte im kommenden Jahrzehnt auf 30 bis 40 Prozent wachsen, da die Produzenten der Region mehr investieren wollen, um dem wachsenden Ölbedarf Asiens gerecht zu werden. Wenn politische Faktoren die Entwicklung neuer Ölfelder im Persischen Golf blockieren würden, könnten die Auswirkungen auf die weltweiten Ölmärkte schwerwiegend sein.

Bruce Riedel, Sonderberater des Präsidenten [Clinton] und Direktor für Nahost- und Südasien-Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat machte deutlich, dass die jetzige Regierung Sanktionen als ein bedeutendes und erfolgversprechendes politisches Mittel erachtet. ‚Der Mittlere Osten ist ein Gebiet von absoluter strategischer Bedeutung für die USA. Er ist lebenswichtig für die Zukunft unseres Landes.‘ Riedel erklärte: ‚Sanktionen sind Teil einer breiteren Politik, die von diplomatischen Bemühungen bis zur Präsenz amerikanischer Streitkräfte reicht.‘

James Bodner, Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, führte aus, dass die USA heute besser als je zuvor darauf vorbereitet seien, Unterbrechungen in der Energie-Versorgung vorzubeugen. Er erwähnte, dass die Vereinigten Staaten im Jahr 1980 noch drei Monate gebraucht hatten, um eine Division an den Persischen Golf zu bringen, wo darüberhinaus nur drei Schiffe stationiert waren, von denen keines ein Flugzeugträger war. Heute würden die USA durchschnittlich 25.000 Soldaten und 30 Schiffe am Persischen Golf verfügbar haben. Ein bis zwei Flugzeugträger seien permanent vor Ort, und 175 Kampfflugzeugen wäre es möglich, Einrichtungen in allen sechs angrenzenden Ländern zu erreichen.

Stephen Grummon, Direktor für den Nahen Osten und Südasien im US-Außenministerium, ergänzte, dass die „Talibanisierung“ eine andere große Bedrohung für die Energie produzierenden Staaten des Persischen Golfs und der kaspischen Region sei. Dieses Phänomen habe bereits großen Einfluss auf Pakistan und drohe sich auf den Persischen Golf auszudehnen. Grummon warnte: Pakistans Situation müsse ‚aufmerksam beobachtet‘ werden. Es bleibe abzuwarten, ob die Taliban nur eine nationale Bewegung seien, die nach einem möglichen Sieg in Afghanistan zur Ruhe kommt und sich auf das Regieren beschränkt, oder ob sich die Taliban als religiöse Bewegung sehen, die an den Landesgrenzen nicht halt macht.“

Kriegsplanungen

So standen die Dinge im Mai 2000. Ein halbes Jahr später, im Dezember – es waren die letzten Tage der Regierung Clinton – berichtete dann die Washington Post, die Vereinigten Staaten hätten „still begonnen“, sich mit jenen Kräften in der russischen Regierung zu verständigen, die ein militärisches Vorgehen gegen Afghanistan forderten. „Bevor man unter lokalem Druck zurückwich, ging man so weit zu erkunden, ob ein zentralasiatisches Land sein Territorium für einen solchen Zweck zur Verfügung stellen würde“, so die Zeitung weiter. Russland und die USA diskutierten, „welche Art von Regierung die Taliban ersetzen sollte.“

Das Jahr 2001 sollte turbulent werden. Und der neue Präsident Bush ließ keine Zeit verstreichen. Eine seiner ersten Amtshandlungen noch im Januar war die Bildung einer Arbeitsgruppe zur „Entwicklung einer Nationalen Energiepolitik“. Treibende Kraft dieser Initiative war Vizepräsident Cheney gewesen. Und ihm übertrug der Präsident dann auch die Leitung. Die Arbeitsgruppe sollte Fakten sammeln und der Regierung Empfehlungen geben. Nach zwei Monaten wurde ein Zwischenbericht vorgelegt, der die Risiken und Herausforderungen der zukünftigen Energie-Versorgung hervorhob.

In der öffentlichen Diskussion wurde dieser Aspekt immer mehr betont. Führende Kreise in Amerika, wie der Council on Foreign Relations, sprachen sich im April für „militärische Intervention“ als Mittel zur Sicherung der Energie-Versorgung aus. Eine Beteiligung des Verteidigungsministeriums an der Energiepolitik-Arbeitsgruppe wurde angemahnt. Gleichzeitig sagte Tommy Franks, der Oberbefehlshaber über die Truppen am Persischen Golf und in Südasien, er betrachte den „Zugang zu den Energie-Ressourcen“ als eine der Kernaufgaben seines Kommandos.

Auch eine Übung zum Thema wurde abgehalten. Ein führender US-General wurde, allerdings erst 2002, von der Nachrichtenagentur AFP dazu zitiert:

„Die Details der Operation ‚Enduring Freedom‘ [der Krieg in Afghanistan nach dem 11. September 2001] waren zum großen Teil übernommen von einem Szenario, das die Streitkräfte im Mai 2001 trainiert hatten.“

Mitte Mai besuchte General Franks dann Tadschikistan, von ihm „ein strategisch wichtiges Land“ genannt, dem er bei dieser Gelegenheit Militärhilfe anbot. Zu dieser Zeit wurden nach Presseberichten auch Spezialeinheiten im benachbarten Kirgisien von US-Rangern trainiert; nach unbestätigten Meldungen auch tadschikische und usbekische Sondereinheiten in Alaska und Montana.

Ziviler ging es derweil in Washington zu. Dort legte Cheneys Arbeitsgruppe ihren Abschlussbericht zur nationalen Energiepolitik vor. Auch er beschrieb die Lage recht offen:

„Amerika steht im Jahr 2001 der ernstesten Energie-Knappheit seit den Öl-Embargos der 70er gegenüber. Ein grundsätzliches Missverhältnis zwischen Versorgung und Nachfrage kennzeichnet die Energie-Krise unserer Nation. Dieses Missverhältnis wird, wenn es weiterhin anhält, unsere Wirtschaft, unseren Lebensstandard und unsere nationale Sicherheit untergraben.

Die Schätzungen zeigen, dass der Öl-Verbrauch im Land in den nächsten 20 Jahren um 33 Prozent zunehmen wird, der Gas-Verbrauch sogar um 50 Prozent und die Nachfrage nach Elektrizität um 45 Prozent.

Unsere steigende Abhängigkeit von ausländischem Öl illustriert deutlich unser Versagen, eine effektive Energiepolitik aufzubauen. Zwischen 1991 und 2000 verbrauchten die Amerikaner 17 Prozent mehr Energie als im Jahrzehnt zuvor, während gleichzeitig die einheimische Energieproduktion nur um 2,3 Prozent wuchs. Während die Produktion von Kohle, Erdgas, Atom- und erneuerbarer Energie in den letzten Jahren etwas angestiegen ist, machte der Rückgang bei der einheimischen Ölproduktion diese Zuwächse zum Großteil wieder zunichte. In der Tat hat Amerika fast den gesamten Anstieg seines Energieverbrauchs in den letzten zehn Jahren mit steigenden Importen aufgefangen.

Öl ist die Hauptenergiequelle der Nation, sie liefert fast 40 Prozent des gesamten Energiebedarfs. Im Jahr 2000 verbrauchten die USA durchschnittlich 19,5 Millionen Barrel Öl am Tag. Kraftstoffe machen zwei Drittel des Verbrauchs aus, die Industrie benötigt weitere 25 Prozent.

Der Import von Energieträgern macht 11 Prozent aller US-Importe aus. Das Energiebilanzdefizit betrug im Jahr 2000 120 Milliarden Dollar, das meiste davon wurde für Öl-Importe ausgegeben.

Die amerikanischen Öl-Importe betragen 4 Milliarden Barrel im Jahr, was bedeutet, dass der Anstieg des Preises von importiertem Öl um nur einen Dollar die US-Ausgaben um 4 Milliarden Dollar in die Höhe schießen lässt.

Die Vereinigten Staaten verbrauchen mehr als 25 Prozent der weltweiten Öl-Produktion, wovon sie etwas mehr als die Hälfte importieren.

Im Jahr 2000 kamen gut 55 Prozent der US-Öl-Importe aus vier Ländern: 15 Prozent aus Kanada, je 14 Prozent aus Saudi Arabien und Venezuela und 12 Prozent aus Mexiko. Bis 2020 werden die Golf-Ölproduzenten wahrscheinlich zwischen 54 und 67 Prozent des Welt-Ölbedarfs liefern. Die Weltwirtschaft wird also weiterhin von der Versorgung durch die OPEC, besonders den Persischen Golf, abhängen. Diese Region bleibt lebenswichtig für die US-Interessen.

Die gesicherten Ölreserven von Aserbaidschan und Kasachstan betragen ungefähr 20 Milliarden Barrel, etwas mehr als die Nordsee und etwas weniger als die Vereinigten Staaten. Die Erforschung geht jedoch weiter und es wird damit gerechnet, dass die gesicherten Ölreserven noch bedeutend ansteigen werden. Die Exporte aus der Region betragen derzeit nur etwa 0,8 Millionen Barrel pro Tag, zum Teil wegen der begrenzten Transportkapazitäten. Die Exporte könnten jedoch bis 2005 auf 1,8 Millionen Barrel pro Tag ansteigen, da die USA eng mit Privatunternehmen und Ländern der Region zusammenarbeiten, um kommerziell nutzbare Exportrouten zu entwickeln, z.B. die Baku-Tiblissi-Ceyhan und Caspian-Pipeline-Consortium-Öl-Pipelines.

China ist ein Schlüsselland in Fragen der globalen Energiesicherheit, da man damit rechnet, dass seine Öl-Importe von gegenwärtig 1 Million Barrel Öl am Tag bis 2020 möglicherweise auf 5 bis 8 Millionen Barrel ansteigen mit einer über 70-prozentigen Abhängigkeit vom Mittleren Osten. China wurde Mitte der 90er von einem Öl-Exporteur zu einem Öl-Importeur.“

Soweit die Auszüge aus dem Abschlussbericht von Cheneys Kommission. Die Afghanistan-Politik nahm derweil bedrohliche Formen an. Im Juni 2001 berichtete ein indisches Magazin, dass Indien und der Iran die amerikanisch-russischen Pläne für „begrenzte militärische Maßnahmen“ gegen die Taliban unterstützten, falls die neuen Wirtschafts-Sanktionen nicht greifen sollten. Präsident Putin hatte sich auch schon so geäußert. Es könne zu militärischen Maßnahmen gegen die Taliban kommen, eventuell auch mit russischer Beteiligung, unter Nutzung von Stützpunkten in Usbekistan und Tadschikistan.

Drohung an die Taliban sieben Wochen vor 9/11

Ende Juli, sieben Wochen vor den Anschlägen, fand dann das denkwürdige und vielzitierte Treffen in einem Berliner Hotel statt. Es war das dritte in einer Reihe von Hintergrundgesprächen, die sich „Brainstorming zu Afghanistan“ nannten. Dabei waren die drei Amerikaner Tom Simmons (Ex-Botschafter in Pakistan), Karl Inderfurth (Ex-Staatssekretär im Außenministerium) und Lee Coldren (Ex-Außenministeriums-Experte für Südasien). Ihre Gesprächspartner waren russische und pakistanische Geheimdienstleute sowie der Ex-Außenminister Pakistans, Niaz Naik. Die Teilnehmer hatten langjährige diplomatische Erfahrung in der Region. Sie arbeiteten nicht mehr im Staatsdienst, standen aber mit ihren Regierungen in engem Kontakt. Vertreter der Taliban, die bisher teilgenommen hatten, boykottierten dieses Treffen. Der pakistanische Geheimdienst übermittelte ihnen jedoch später die Ergebnisse.

Während des Treffens erwähnte Lee Coldren, die Amerikaner seien derart frustriert über die Taliban, dass sie militärische Maßnahmen in Erwägung zögen. Ex-Außenminister Niaz Naik erinnerte sich später, bei dem Treffen von den Amerikanern gehört zu haben, dass eine Aktion zum Sturz der Taliban geplant sei, „bevor es in Afghanistan zu schneien beginnt, spätestens Mitte Oktober“. Ziel sei es, sowohl Bin Laden als auch Mullah Omar zu töten oder gefangenzunehmen, das Taliban-Regime zu stürzen und eine moderate Übergangsregierung zu installieren. Naik wurde mitgeteilt, dass Washington die Aktionen von Stützpunkten in Tadschikistan aus starten würde. Amerikanische Berater seien bereits dort. Auch Usbekistan würde teilnehmen, und 17.000 russische Soldaten stünden in Bereitschaft. Naik sagte später:

„Hätten die Taliban die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit akzeptiert, hätten sie sofort internationale Wirtschaftshilfe erhalten. Und die Pipelines aus Kasachstan und Usbekistan über Afghanistan wären gebaut worden.“

Kurze Zeit später erreichten die Kriegsvorbereitungen ihr Endstadium. Am 9. September, zwei Tage vor den Anschlägen, wurde Präsident Bush eine Nationale Sicherheits-Direktive zur Unterschrift vorgelegt. Ihr Inhalt war ein Plan, „Al-Qaida zu beseitigen“, der alle Aspekte von diplomatischen Initiativen bis zu Militäroperationen in Afghanistan enthielt. Die Bombardierungen begannen vier Wochen später.

Und ein Kreis schien sich zu schließen. 1995 hatte Henry Kissinger das Abkommen für die Afghanistan-Pipeline, das der turkmenische Präsident Niyazow damals mit Unocal geschlossen hatte, noch als „Triumph der Hoffnung über die Erfahrung“ verspottet. Damals hatte er recht behalten. Im Mai 2002 allerdings waren alle um eine Erfahrung reicher – und es gab wieder Hoffnung: Afghanistans neuer Übergangspräsident Karsai, Pakistans Putschgeneral Musharraf und der langlebige Alleinherrscher Niyazow unterzeichneten eine neue Vereinbarung über das 3-Milliarden-Dollar Projekt „Afghanistan-Pipeline“. Karsai nannte Unocal die „führende Firma“, um die Pipeline zu bauen.

Bild: Tal bei Kunduz, Foto: Dirk Haas / CC BY 2.0

https://paulschreyer.wordpress.com/2019/09/30/die-afghanistan-pipeline/

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