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Ausland, Naher Osten

Zur QUDS 1

von Fabian Hinz – https://www.armscontrolwonk.com

Übersetzung LZ

Am 14. September erschütterten mehrere Explosionen das Ölfeld Khurais sowie die Raffinerie Abqaiq, eine der wichtigsten petrochemischen Anlagen Saudi-Arabiens. Einige Stunden später behaupteten die Houthis, dass sie im Rahmen ihrer Kampagne „Balance of Deterrence“ beide Einrichtungen mit zehn Drohnen ins Visier genommen hätten.

Was diesen Angriff von anderen registrierten Houthi-Drohnenangriffen unterschied, war nicht nur die beispiellose Menge an materiellem Schaden, sondern auch der anhaltende Zweifel an der Art und der Zuordnung des Angriffs. Erstens führte ein Video, das angeblich Flugobjekte zeigt, die in den kuwaitischen Luftraum eindringen sollen, zu Spekulationen, dass dieser Angriff wie ein früherer „Houthi“-Drohnenangriff tatsächlich aus dem Irak oder sogar dem Iran stammen könnte. Während das Video unbestätigt bleibt, gibt die Tatsache, dass die kuwaitische Regierung eine Untersuchung des Problems eingeleitet hat, der Idee, dass an diesem Tag etwas über Kuwait geschehen sein könnte, etwas Glaubwürdigkeit. Spekulationen über die Ursprünge des Angriffs wurden durch einen Tweet von Mike Pompeo weiter angeheizt, in dem er behauptete, dass es keine Beweise dafür gebe, dass die Angriffe aus dem Jemen kamen.

Dann stellte sich die Frage, ob Drohnen überhaupt eingesetzt worden waren oder ob der Angriff tatsächlich ein Raketenangriff gewesen sein könnte. Frühere Drohnenschläge der Houthi-Drohnen gegen Ölanlagen führten tendenziell zu recht begrenzten Schäden, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass diesmal ein anderes Waffensystem verwendet wurde. Tatsächlich kam Aramco zu dem Schluss, dass seine Anlagen von Raketen angegriffen wurden. Noch seltsamer war, dass mehrere Bilder auf Social Media entstanden, die angeblich das Wrack einer Rakete in der saudischen Wüste zeigen. Während die Bilder echt erscheinen, kann weder das Aufnahmedatum der Fotos noch ihr Standort verifiziert werden. Social Media-Nutzer behaupteten schnell, dass die Bilder eine abgestürzte iranische Soumar-cruise missile zeigten. Die Soumar und ihre aktualisierte Version, die Hoveyzeh, sind Irans Versuche, die sowjetisch konstruierte cruise missile KH-55 weiterzuentwickeln, von der er mehrere Anfang der 2000er Jahre illegal aus der Ukraine importiert hat. Andere behaupteten, es sei die Quds 1, eine kürzlich vorgestellte Houthi-cruise missile, von der oft behauptet wurde, eine Soumar mit neuem Label zu sein.

Während es an dieser Stelle noch mehr Fragen zum Angriff als Antworten gibt, könnte es eine gute Idee sein, einen genaueren Blick auf die Quds 1 zu werfen. Zeigen die Bilder in der Wüste tatsächlich eine Quds 1? Und ist die Quds 1 wirklich nur eine geschmuggelte Soumar?

Die Geschichte der Quds 1 beginnt Mitte Juni 2019, als eine von den Houthis abgefeuerte Marschrakete den Terminal des Abha Airport in Südsaudi-Arabien traf und insgesamt 26 Passagiere verletzte. Kurz darauf hielt Saudi-Arabien eine Pressekonferenz ab, auf der Bilder von den Wracks der Rakete gezeigt wurden und behauptete, dass es sich bei der fraglichen Rakete um eine iranischen Ya-Ali-Marschflugkörper handelte. Die Ya Ali ist eine viel kleinere Rakete als die Soumar und während die neueste Version der Soumar eine Reichweite von bis zu 1350 km hat, ist die Reichweite der Ya Ali auf etwa 700 km begrenzt. Da der Flughafen Abha nur 110 km von der jemenitischen Grenze entfernt liegt, schien es sinnvoll, ein kleineres, kürzeres System zu verwenden. Es gab jedoch eine Inkonsistenz. Die abgerundeten Flügel und Stabilisatoren, die in der saudischen Präsentation gezeigt wurden, entsprachen nicht dem Ya Ali. Stattdessen erinnerten sie eher an den Soumar.

Nur wenige Wochen später, Anfang Juli, eröffneten die Houthis eine große Ausstellung ihres ballistischen Raketen- und Drohnenarsenals. Eine der Überraschungen, die bei der Show enthüllt wurden, war ein Marschflugkörper namens Quds 1 (Jerusalem 1), von der die Houthis behaupteten, sie hätten sie selber entwickelt.

Viele Beobachter stellten die allgemeine Ähnlichkeit im Design mit der Soumar fest und behaupteten, dass der Iran ihn einfach in den Jemen geschmuggelt habe, wo die Houthis ihm eine neue Farbe und einen neuen Namen gaben, wie sie es zuvor mit der Qiam getan hatten. Nun, es stellte sich heraus, dass Marschflugkörper so etwas wie Weine oder Bilder von Joe Biden sind. Zuerst scheinen sie alle gleich zu sein, aber sobald man genug Zeit mit ihnen verbringt, erkennt man, dass es einige Unterschiede gibt. Die Unterschiede zwischen der Quds 1 und der Soumar umfassen das gesamte Verstärkerkonzept, die Flügelposition, die festen Flügel der Quds 1, die Form des Bugkegels, die Form des hinteren Rumpfes, die Position der Stabilisatoren sowie die Form der Motorabdeckung und des Auspuffs.

Die Unterschiede in der Form des Rumpfhecks und der Position der Stabilisatoren machen deutlich, dass das Wrack in der Wüste viel wahrscheinlicher eine Quds 1 als eine Soumar ist.

Es gibt noch einen weiteren offensichtlichen Unterschied zwischen den Quds 1 und der Soumar/Hoveyzeh: die Größe. Eine schnelle Messung mit MK1 Eyeball zeigt, dass die Quds 1 im Durchmesser kleiner zu sein scheint als die Soumar.

Aber auch wenn der MK1 Eyeball gut funktioniert, ist das Messen immer etwas objektiver. Kommen wir also für eine Sekunde auf die saudische Präsentation zurück. Bei der Beschreibung der Überreste des angeblichen Ya Ali, der auf dem Flughafen Abha landete, erwähnten die Saudis, dass sie unter den Trümmern ein Triebwerk namens TJ-100 fanden.

Eine schnelle Suche zeigt, dass es tatsächlich ein kleines Turbinentriebwerk namens TJ100 gibt. Das Triebwerk wird von der tschechischen Firma PBS Aerospace hergestellt, die es als besonders geeignet für Anwendungen in UAVs beschreibt, unter anderem für die spanisch/brasilianische Diana-Zieldrohne. Oh ja, und man kann es auch komplett benutzen, um einen Gleitschirm in einen Jet zu verwandeln, was ziemlich cool ist.

Wenn man den Motor vergleicht, der auf der Quds 1 und dem TJ100 zu sehen ist, scheint es ziemlich klar zu sein, dass das, was die Quds 1 antreibt, entweder ein TJ100 oder eine ziemlich genaue Kopie davon ist. Ein Motor, der auf einer iranischen Drohnenausstellung ausgestellt ist, zeigt erneut erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem TJ100, was bedeutet, dass der Iran eine Kopie des tschechischen Motors für den Einsatz in einigen seiner Drohnen herstellt.

In Kenntnis der Abmessungen des TJ100 kann man den Durchmesser der Quds 1 genau messen. Mit 34cm ist er deutlich kleiner als der der Soumar, die den Durchmesser der ursprünglichen KH-55 von 51,4cm beibehält.

Der Einsatz eines TJ100 im Qud 1 ist jedoch aus mehr als nur Messungen interessant. Erstens, die Tatsache, dass die Quds 1 den gleichen Motortyp verwendet, wie derjenige, der in Abha gefunden wurde, macht es sehr wahrscheinlich, dass die Rakete, die Abha’s Terminal traf, eine Quds-1 war, die einfach von Saudi-Arabien mit einem neuen Label versehen war. Das Design der Quds 1 entspricht auch dem abgerundeten Flügel und den Stabilisatoren vor Ort.

Zweitens gibt uns die Kenntnis weiterer Details über den Motor einige Einblicke in die Leistung des Flugkörpers. Sowohl die KH-55 als auch die Soumar verwenden kraftstoffeffiziente Turbofan-Triebwerke. Der TJ100 hat jedoch nicht nur einen viel geringeren Schub als das Original-Triebwerk KH-55, sondern ist auch nur ein normaler alter Turbojet. Dies führt zu einigen Fragen über die Reichweite. Sowohl die kleinere Größe der Rakete als auch ihr verbrauchsintensiverer Motor lassen es unwahrscheinlich erscheinen, dass ihre Reichweite in der Nähe der Reichweite der Soumar’s/Hoveyzeh von 1350 km liegen würde.

Wenn die Bilder, die das Wrack von Quds 1 in Saudi-Arabien zeigen, tatsächlich mit dem jüngsten Angriff von Abqaiq in Verbindung stehen, scheint es wahrscheinlicher, dass der Angriff von einem Ort ausgegangen ist, der näher an Ostsaudi-Arabien liegt als Nordjemen – möglicherweise Irak, Iran oder vielleicht sogar von Schiffen. Aber andererseits ist das ein großes Wenn zum jetzigen Zeitpunkt.

All dies lässt die Frage offen, wer die Quds 1 entwickelt und gebaut hat: Die Vorstellung, dass der verarmte, vom Krieg zerrüttete Jemen in der Lage wäre, einen Marschflugkörper ohne fremde Hilfe zu entwickeln, scheint weit hergeholt. Irans frühere Lieferung von Raketen an die Houthis und die Tatsache, dass das Land in seinem Drohnenprogramm TJ100-Triebwerke verwendet, bedeuten, dass der Iran hinter den Quds 1 stehen könnte.

Allerdings haben wir bisher noch keine Spur von den Quds 1 im Iran selbst gesehen. Dieses Rätsel ist nicht nur bei den Quds 1 zu lösen. 2018 begannen im Jemen mehrere Raketensysteme zu entstehen, die zwar weitgehend den im Iran entwickelten Systemen ähnlich sind, aber kein genaues iranisches Äquivalent haben. Zu diesen Raketen gehören die Badr-1P und die Badr-F Präzisionsgelenkten Festbrennstoff-Kurzstreckenraketen.

Entwickelt, testet und produziert der Iran heimlich Raketensysteme für die ausschließliche Nutzung durch seine Verbündeten? Wir müssen vielleicht warten, bis Teheran Timmy in Sanaa auftaucht oder der Donald ein weiteres hochauflösendes Satellitenbild twittert, um die Antwort zu finden.

Meet the Quds 1

 

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Diskussionen

5 Gedanken zu “Zur QUDS 1

  1. Wenn möglich, sollte man immer gleich zur Quelle gehen und die ist in diesem Falle

    https://www.yemenpress.org/yemen/saudi-oil-strikes-perfect-example-of-yemeni-forces-military-capabilities-army-spox/?unapproved=6720&moderation-hash=1028a55efdbfb9a9981508bcb9303eba#comment-6720

    da kann man dann auch hören, was der ‚army spox‘ sagt.

    Und hier z.B. kann man sehen, daß die Iranisch inspirierte Qasaf-K2 (hinten) und die Sammad-1 (mitte) noch mit Zweizylinder Zweitakter laufen, während die Sammad-3 (vorne) bereits mit Wankel angetrieben wird. Hier noch schöner zu sehen:

    https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/92469-passt-auf-eure-glaesernen-wolkenkratzer-auf-huthi-drohen-vae-drohnenangriffe/

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    Verfasst von zivilistin | 21. September 2019, 2:47
  2. Tulsi Gabbard to Mr President

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    Verfasst von zivilistin | 20. September 2019, 2:40
  3. Nach dem Lesen dieses Artikels frage ich mich, ob es den Saudis interessiert welche Rakete oder Drohne ihre Öl-Anlage zerstörte, wer sie entwickelte, wer sie abschoss und von wo sie abgeschossen wurde oder ob nicht vielmehr die Saudis beschäftigt, ob sie den Krieg gegen die Houthis weiterführen sollten oder nicht. Denn genügend sinnlos haben sie bereits Milliarden Dollar in den Krieg fließen lassen, ohne ihr Ziel zu erreichen. Die VAE haben sich nun auch schon losgesagt. Die Saudis stehen alleine da. Die USA wird sich hüten in den Krieg direkt einzugreifen. Sie werden den Saudis mit Freude Kriegsmaterialien liefern, wenn diese sie benötigen. Aber das war es dann auch. Also wem – so stelle ich mir die Frage – interessiert die Herkunft, der genaue Typ der Rakete oder Drohne? Ich finde die Antwort in dem Artikel nicht und auch sonst nirgends.

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    Verfasst von Gerd Pehl | 19. September 2019, 18:36
  4. Ich glaube, das nennt man überholen, ohne einzuholen, den Umweg über’s bemannte Flugzeug haben sich die Huthis geschenkt, die Cruise missile direkt aus dem Lehmhaus. Und der Anflug von NW erklärt sich aus der Topografie der Dahna Wüste.

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    Verfasst von zivilistin | 19. September 2019, 11:00

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  1. Pingback: Wie die Huthis, mit Hilfe dummer Saudi-Prinzen, alle F-35 abschießen | Linke Zeitung - 3. Oktober 2019

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