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Kultur, Rezensionen

Michael Hudson: „Das Projekt der Aufklärung wird begraben“

von Paul Schreyer – https://paulschreyer.wordpress.com

Michael Hudsons Buch „Der Sektor – Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört“ steht schon seit mehreren Jahren auf meiner Leseliste. Als im August der WDR bei mir anfragte, ob ich im Rahmen einer Büchersendung über die kürzlich erschienene Taschenbuchausgabe des 600-Seiten-Opus sprechen wolle, sagte ich daher gern zu und holte die Lektüre umgehend nach. Das hat sich gelohnt. Das Werk des mittlerweile 80 Jahre alten amerikanischen Ökonomen, der selbst eine Art Legende ist (Patensohn Trotzkis, Ex-Wall-Street-Banker, Kapitalismuskritiker), besticht durch klare Logik und verständliche Schilderung.

Hudsons Botschaft ist einfach: Der Finanzsektor, bestehend aus Banken, Versicherungen und Immobilienunternehmen, saugt die Gesellschaft aus wie ein Parasit. Er entzieht dem Gemeinwesen, also Staat, Bürgern und produzierenden Firmen, durch seine Vermögenserträge (Zinsen, Dividenden, Mieten, Pachten) ständig riesige Summen, was alle betroffenen Ökonomien unproduktiver macht und letztlich unvermeidlich in den Ruin treibt. Griechenland war nur der Anfang.

Die reale Wirtschaft kann schlicht und einfach nicht dauerhaft so schnell wachsen, wie die stetig und mit unerbittlicher mathematischer Logik steigenden Zinsansprüche der Gläubiger. Am Ende des Spiels gehört dem Finanzsektor alles – und der Rest der Gesellschaft, inklusive der Realwirtschaft (so sie dann noch lebensfähig ist) befindet sich in der Zwangsjacke einer Schuldknechtschaft. Der Feudalismus kehrt zurück, global und anonym, ohne dass man die Namen der neuen Herren noch kennen würde.

Davor warnt Hudson und erklärt, dass nur ein weiträumiger Erlass der Schulden diese fatale Entwicklung durchbrechen kann. Nebenbei erwähnt er, dass ein solcher Schuldenerlass überhaupt erst die Grundlage des westdeutschen „Wirtschaftswunders“ war:

„Die von den Alliierten durchgeführte Währungsreform von 1948 strich alle inländischen Schulden, außer für Mindestgeschäftsguthaben von Banken und für Lohnschulden von Arbeitgebern. Das machte die deutsche Wirtschaft schuldenfrei. Das Ergebnis war das deutsche Wirtschaftswunder.“

Hudson ergänzt: „Es war leicht, Schulden in einer Situation zu streichen, wo der größte Teil dieser Verbindlichkeiten ehemaligen Nazis oder deren Unternehmen geschuldet wurde.“ Damit berührt er einen entscheidenden Punkt: Denn in der heutigen Welt gibt es im Westen eben keine politische Instanz, die über die Macht verfügt, Schulden bei den großen systemrelevanten Banken streichen zu lassen. Der Finanzsektor hat die politische Macht infiltriert. Keine Regierung kann ihn bremsen, geschweige denn vom Thron stoßen.

Um langfristig eine Veränderung herbeizuführen, bedarf es eines wiedergewonnenen kritischen Bewusstseins und einer breiten Diskussion der eigentlich offenkundigen, aber dennoch fast nie diskutierten Zusammenhänge. Doch gerade der Bildungsstand zum Thema Wirtschaft und Finanzen bleibt weiterhin erschreckend niedrig, auch was die eigene Geschichte angeht. Denn was etwa die EU unter Führung Deutschlands in den vergangenen Jahren Griechenland angetan hat, ist nichts anderes als eine Spiegelung dessen, wozu der britisch-amerikanisch dominierte Finanzsektor in den 1920er Jahren Deutschland gezwungen hatte. Doch diese Erinnerung ist offenbar gelöscht. Hudson schreibt dazu:

„Die Tatsache, dass die Ideologie der Austerität vor allem in Deutschland auf so fruchtbaren Boden fiel, zeigt, dass hier kaum etwas von den finanzpolitischen Kontroversen der 1920er Jahre in Erinnerung geblieben ist. Deutsche Banken und Banken anderer Länder behandeln Volkswirtschaften der Eurozone genau so, wie die Gläubiger damals Deutschland behandelten.“

In meinem Buch „Wer regiert das Geld?“ schildere ich diesen Zusammenhang ebenfalls:

„Ähnlich wie heute die ‚Troika‘ in Griechenland, so überwachte in den 1920er Jahren ein sogenannter ‚Generalagent für Reparationszahlungen‘ die deutsche Regierung. Dieses Amt übertrugen die Wall-Street-Banker dem 32-jährigen amerikanischen Anwalt Parker Gilbert, der fortan in Berlin residierte und dort die Regierung immer wieder zum ‚Sparen‘ und Kürzen öffentlicher Ausgaben ermahnte. Um die Zahlungen zu sichern, wurde auch die Deutsche Reichsbahn privatisiert und unter alliierte Kontrolle gestellt.“

Solche Privatisierungen, eigentlich Raubzüge im großen Stil, hat auch Griechenland in den vergangenen Jahren zu erdulden gehabt. Sie drohen aber zukünftig überall. So wie der Finanzsektor beim Platzen einer Spekulationsblase Privathäuser zwangsversteigern lässt und Unternehmen zerschlägt und ausplündert um sich schadlos zu halten, so werden auch ganze Volkswirtschaften Stück für Stück „filetiert“.

Am Ende steht der Tod von Gesellschaften. Hudsons Buch heißt im amerikanischen Original „Killing the Host“, also „Den Wirt töten“. Dass dieser (Selbst-)Mord auf Raten weitgehend stillschweigend hingenommen wird, stimmt bedenklich. Es deutet auf eine kollektive Besinnungslosigkeit hin. Hudson betont, dass es vor hundert Jahren ein weit größeres Bewusstsein dieser Zusammenhänge gegeben habe. Sozialdemokratische und sozialistische Parteien und Bewegungen überall auf der Welt nannten die Dinge damals beim Namen. Doch das ist längst Vergangenheit, erklärt Hudson:

„Es hat eine kulturelle Gegenrevolution stattgefunden. Und das ist nur deshalb so wenigen Leuten aufgefallen, weil der Finanzsektor die Geschichte umgeschrieben und die öffentliche Meinung darüber, was unter ökonomischen Prozessen und einer fairen Gesellschaft zu verstehen ist, neu definiert hat.“

Tatsächlich sind heute etwa die volkswirtschaftlichen Statistiken in den USA und Europa so konstruiert, dass die vom Finanzsektor leistungslos abgesaugten Milliarden für Zinsen, Dividenden etc. nicht separat erfasst werden. Verrückter noch: wächst das parasitäre Treiben des Sektors, das die Wirtschaft hemmt und zunehmend ruiniert, dann werden diese Gewinne in der Statistik auch noch positiv als Teil eines wachsenden Bruttoinlandsproduktes erfasst – ganz so, als hätten Banken mit dem Aussaugen von Staaten und Unternehmen der Gemeinschaft einen Dienst erwiesen.

Hudson erklärt, man verwechsele dadurch „das gesunde Wachstum mit einem Tumor, der im Staatswesen wuchert“. Historischer Hintergrund dafür sei der „ideologische Sieg, den die Grundbesitzer und Finanziers im späten 19. Jahrhundert über die klassischen Ökonomen“ errungen hätten, die damals leistungslose Einkommen hoch besteuern wollten. Um sich dem öffentlichen Druck zu solchen Steuern zu entziehen, habe man die Struktur der Statistiken im Westen so frisiert, dass sie „letztlich kein zutreffendes Modell“ dafür seien, „wie die Wirtschaft funktioniert und wie es in der heutigen Welt zur Anhäufung von Vermögen kommt“. Das Absaugen der Milliarden sei damit „unsichtbar“ gemacht worden, wodurch man den politischen Druck, hohe Steuern auf Vermögenserträge einzuführen, habe auflösen können. Mit anderen Worten: Der Bevölkerung wird mit den Statistiken eine fiktive Wirtschaft vorgespielt, um sie politisch betäuben und „unschädlich“ halten zu können. Hudson schließt:

„Die (…) Strategie besteht darin, sich in den Mantel des Universalismus zu hüllen und gleichzeitig jede alternative ökonomische Theorie oder Ideologie zu tabuisieren. Das Ende der Geschichte wird ein neues dunkles Zeitalter der Einhegungen und Privatisierungen sein. Das Projekt der Aufklärung, nämlich Volkswirtschaften von den Privilegien der Rentiers zu befreien (…), wird dabei begraben.

Selbstverständlich gibt es eine Alternative. Ausgangspunkt muss die Erkenntnis sein, dass seit vielen Jahrhunderten ein Wirtschaftskrieg stattfindet. In diesem Krieg kämpfen die Finanzmagnaten und andere Rentiers umso entschlossener und oftmals im Verborgenen, weil sie sich bewusst sind, dass es keine moralische Rechtfertigung für Einkommen und Vermögen gibt, dass mit extraktiven Mitteln erlangt, statt durch produktive Arbeit verdient wurde. (…) Um dieses rentierfreundliche ‚Ende der Geschichte‘ zu vermeiden, müssen die Menschen den langen Kampf zur Befreiung der Volkswirtschaften wieder aufnehmen. Die Alternative dazu wäre Neofeudalismus.“

Michael Hudson, „Der Sektor. Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört“, Klett Cotta, 2019, 670 Seiten, 17 Euro

Ausgestrahlt am 7. September 2019 in der Sendung „Gutenbergs Welt“ auf WDR 3.

Foto Michael Hudson: Ian Buswell / CC BY-SA 4.0

https://paulschreyer.wordpress.com/2019/09/08/michael-hudson-das-projekt-der-aufklaerung-wird-begraben/

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