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Ausstellungen, Kultur

„PS: Ich liebe Dich“ – Von der Kunst Gas zu geben

von Dietmar Spengler

Über Kunst kann man sich wahrlich streiten. Erst recht über den Begriff von Kunst! Was Kunst ist, wird schon seit Aristoteles erörtert und ein Ende der Diskussion ist nicht abzusehen. Kaum ein Begriff ist im populären Kulturdiskurs der vergangenen Jahrzehnte so verwässert worden wie der der Kunst. Man kann sich nun aus der Vielfalt der Definitionen eine dem eigenen Interesse gemäße heraussuchen, um sie seinem Evangelium zugrunde zu legen. Kunsthändler und Auktionatoren praktizieren dies seit eh und je. Dass aber bei denen, die es qua professionem besser wissen müssten, fatale Unkenntnis im Umgang mit dem Kunstbegriff vorherrscht, ist ärgerlich.

Ein Blick in die Praxis: Blech, Leder, Gummi und ein Duft von Autopolitur.

„Zwei geschwungene Autotüren heben sich wie Schwingen eines mächtigen Vogels, der aus dem Halbdunkel heranzurauschen scheint. Die rote Flanke eines anderen Wagens blitzt unter Scheinwerferspots in der gestreckten Kontur eines Panthersprungs auf. Die geöffneten Motorenabdeckungen eines dritten Renners recken sich wie spitze Stierhörner empor. Mercedes-Benz 300 SL, Bizzarrini GT Strada 5300, Lamborghini Miura P400…“.  Ein Kunststück in Laberprosa, das der Schreiber der ‚Neue Osnabrücker Zeitung‘ da hingelegt hat. Wir befinden uns nicht im Genfer Autosalon, nein – die großen Ausstellungssäle des Düsseldorfer „Kunstpalasts“ sind Austragungsort dieser Technoparade von Edelkarossen. Vollgas geben am Rheinufer! heißt die Devise in der kulturaffinen Landeshauptstadt. Cranach, Raffael, Rubens, Caspar David Friedrich, Achenbach, Jawlensky, Beckmann – passé ? Überholt!

Es muss noch einmal aufgetischt werden:

Vor einer geraumen Weile fanden die ‚Traum-Flitzer‘ Eingang in die hehren Hallen des Museums. Unter dem Titel „PS: Ich liebe Dich“ holte man 29 extravagante Sportwagen aus der Zeit der 1950er bis 1970er Jahre in den Ehrenhof. Möglich gemacht wurde die Auto-Show im „bedeutendsten städtische Museum“ (Rheinische Post) durch die Übernahme der Generaldirektion von Felix Krämer, der vorher Sammlungsleiter der Kunst der Moderne am Städel Museum in Frankfurt am Main war. Kuratiert wurde die Ausstellung von Barbara Til, Leiterin der Skulpturensammlung des Museums sowie dem Werbeguru und Rallyefahrer Dieter Castenow [1]. Glaubt man den Verkaufszahlen der Auto-Produzenten, dann liegt Krämer mit seiner Ausstellung voll im Trend.

Einige Daten für die Fans: Ein Großteil der ausgestellten Kult-Mobile stammt aus Privatsammlungen: so das ‚Bad Car‘ BMW Turbo, der Ferrari 250 GT California Spyder von 1960, James Bonds Aston Martin DB4 Zagato, diesmal ohne Busenstar auf der Kühlerhaube, der Machobrummer Lamborghini Countach von 1970 mit seinen 455 PS. Alles auf Hochglanz polierte Renner, die der kleine Mann nur aus Filmen kennt – ‚Meisterwerke‘ auf vier Rädern, wie der Fachmann urteilt. Alles andere ist im noblen Hochglanzkatalog nachzulesen.

Selbstverständlich war auch Politprominenz mit von der Partie. Den smarten Scheuer Andi aus Passau, der von Amts wegen zuständig wäre und im Versenken von Steuergeldern geübt ist, hat man schmerzlich vermisst. Laut WELT ging Christian Lindner, der jüngst als Auktionator Furore machte (ZEIT, 8.8.19),  mit einem Instagram-Selfie vor einem Mercedes-Benz C111 auf Stimmenfang: „Es ist das Gefühl von Freiheit, das mich an Autos fasziniert“, versicherte der Porschefahrer. Den Verstand mit der FDP-Klamotte „Freiheit“ tauschen und mit 280 Stundenkilometer über die Autobahn brettern – wem gefiele das nicht? Am 30. Januar waren es schon mehr als siebzigtausend Besucher, die sich die Schätzchen des bundesdeutschen Automichel gefallen ließen.

Der deutsche Mensch ist bescheiden, will eben nur eine Liege auf der ‚Malle‘ und angemessene PS’s unter seinem Allerwertesten. Intellektuelle und andere Defizite werden in der Regel ersetzt durch den Segen der Automobilindustrie. Cool und sexy zu sein generiert sich über die Auspuffrohre und 21 Zoll-Reifen. Eigentlich dachte man, der Autobesitzer wäre frustriert von den getürkten Abgaswerten, mit denen die Autohersteller ihre Prospektdaten aufgehübscht und die Motoren ausgestattet haben. Doch weit gefehlt: Die Liebe zum Statussymbol ist stärker als alle Bedenken. Wir liegen also im Mainstream!

„Die Ausstellung ist die erste ihrer Art, in der das Auto als Kunstwerk aus Form, Technik, Design und Emotionen im Mittelpunkt stehen wird“ verlautet die Website des Museums [2]. Ein Hype? Das Presse- und Rundfunkecho jedenfalls feiert im Hockenheim-Modus, plappert alles nach, was ihnen der/die Kurator/in suggeriert. Da wird von „einem Requiem auf die kunstvollen Objekte“ geschwafelt und das Museum zum „Mausoleum einer stürmischen Mobilität“ hochstilisiert (Welt). Adjektive wie „magisch“, „himmlisch“, „elegant“ und „anmutig“ rauschen durch den Blätterwald. ARD, WDR, BR, Facebook und Youtube stimmen unisono Lobeshymnen an.

Vom Kunstwerk ist die Rede! Krämer geht mit der Ausstellung neue Wege und tritt an, „Kulturbegriffe zu entstauben“. Mainstreaming ist angesagt. Ob’s ein Auto ist oder eine Skulptur: Das Jaguar E-Type Coupé von 1961 wird ausgestellt wie ein großes Gemälde. Automobile seien, so Krämer, ästhetische Gesamtkunstwerke, aus Karosserie und Maschine. Der ‚Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres‘ (Wikipedia) will im „Cross-Over“ verschiedene Gattungen und Genres verbinden und fegt mit eisernem Besen eingespielte Traditionen hinweg. Dass dabei das mit Kunstwerken reich bestückte Museum unter die Räder gerät, wird nicht bedacht.

Auch die Kuratorin versteigt sich zu der Behauptung, dass es sich bei den Ausstellungsobjekten um Skulpturen mit 12 Zylinder und 349 PS, somit um Kunst handelt (WDR Fernsehen) [3]. Wahr ist, dass das Studium der Kunstgeschichte auch nicht mehr das ist, was es sein sollte und die Titelvergabe an die Adepten erscheint heutzutage ohnehin obsolet.

Peinlich wird’s im Ausstellungskatalog, der, wie auch anders in Autodeutschland, bereits vergriffen ist: Da geht’s um Lack und Pferdestärken! Eingangs der Kuratoren-Beiträge, die Hanebüchenes zuhauf präsentieren, wird der „Besucher von einem anderen Stern“ bemüht, Zeugnis vom „Kulturgut [gemeint ist das Automobil, d.V.], in dem sich der Geist unseres Zeitalters [… materialisiert“, abzulegen (13). Da wird das Automobil als „Schmuck, Ich-Ausstattung, Requisit, Accessoire, Schutzraum, Waffe, Geliebte, Gefährte“ (13) stilisiert. Enthusiastisch wird der „Adrenalinkick“ und „Nervenkitzel“ beim Vibrieren und Lärmen der Motoren geschildert und die „Sehnsucht nach absoluter Freiheit“, der „Todesmut“ des temposüchtigen Sportwagenfahrers verklärt (18). Ergänzend kommt der neoliberale Wohlstandsapostel und Volksaufklärer Peter Sloterdijk zu Wort mit seinem Verweis auf unsere „archaische Bereitschaft zum Blutzoll“! Wenn nur nicht Virilios „dromoskopischer Rausch“ (der ebenso einvernahmt wird) die Autoren benebelt hat! Schließlich gibt es „Vollgas für Alle“ mit einem Werbeepos auf den Porsche 911 (27 ff.). Am Ende wird mit Wortungetümen wie „Maseratiquattroporteottocilindrievoluzione“ und „Alfaromeogiuliaquattrofoglio“, die dem Autor zufolge „onomatopoetische Versprechen“ seien, die Soziologie der Namen durchgekaut.

Höhepunkt der Apologie auf das Prestigevehikel ist die Definition von dessen „Kunstwerkcharakter“. Er findet seine, mit Verlaub, abstruse Begründung in der „ungeheuren Wertsteigerung“, die das „hochkarätige Artefakt des Marktes“ in der Vergangenheit erfuhr (19)! Ein „Marktartefakt“ der „wertstabilen Anlage für Highendklientel“ mit Kunstwerkcharakter? Liegt da eine Verwechslung vor? Pecunia non olet hieß es bei den alten Römern, wenn sie Geschäfte mit zweifelhaften Waren tätigten. Da kommt auch ein Kurator ins Träumen, wenn die Auktionsspitzen für Kunstware die 100-Millionen-Grenze durchbrechen. Gnadenlos okkupiert der Kunstmarkt die Werke und verfügt bedenkenlos über das, was Kunst sei. Konsequenz: Der Preis bestimmt was Kunst ist. Und umgekehrt definiert sich Kunst durch den Preis, den sie erzielt!

Hier wird Kunst mit Kult verwechselt und der Wertschöpfung subsummiert. Dass der Kunstbegriff flottiert wie ein Fähnchen im Sturm, seine Definition seit seiner Ablösung von konkreten Kriterien in die Beliebigkeit des Akklamators fällt, ist Fakt. Hic et nunc, Hinz und Kunz bestimmen was Kunst sei. Gefällt ein Werk dem Galeristen oder dem Kurator, sei es technisches Artefakt oder Gebrauchsgegenstand, setzt er es auf die Liste ausstellenswerter Dinge. Einmal in der Galerie oder im Museum wird das Ding zum Kunstwerk nobilitiert. Einfacher lässt sich eine gewinnbringende Investition nicht tätigen. Marktideologie ersetzt die Aura, die ehemals erfinderischer Geist und manuelle Fertigkeit hervorbrachte. So geht die ‚Entkunstung‘ von Kunst.

Gewiss lässt sich argumentieren, die Veränderung der Kunst und ihres Begriffs sei ein Resultat der Rationalisierung und Modernisierung der Gesellschaft, wie es z.B. der Kubismus als Reaktion auf die Industrialisierung war. Keineswegs aber dürfen sie sich der Geschichte gegenüber affirmativ  oder gleichgültig verhalten. Sie wären nur bekräftigender Spiegel eines Status quo. Vielmehr ist es Aufgabe der Kunst, sich aus der Umklammerung der Warenwelt zu lösen und gegen deren Zweckdienlichkeit zu opponieren. „Produkte, die nur mit dem Zeitgeist schwimmen“ (Th.W.Adorno) ermangelt spezifisch ästhetische Qualität und die Resistenz gegen das Hier und Jetzt.

Ästhetischer Luxus aber, wie er in der Düsseldorfer Schau propagiert wird, haftet an der Oberfläche. Er reflektiert den „faulen Zauber der Kulturindustrie“, so Adornos Worte, ist Camouflage im Schafspelz. Hier wird ein Kultus zelebriert, der die niedersten Instinkte der Gattung Mensch anspricht und ein Produkt verherrlicht, das in seiner gegenwärtigen Konzentration viel Unheil verbreitet.

Die Düsseldorfer Ausstellung depraviert Kunst zum Fun-Artikel. Wenn man so fahrlässig mit dem Begriff der Kunst umgeht, wie die Kuratoren, die im Einklang mit der „communis opinio“ Produkte der Warenwelt zu Kunstwerken erklären, dann sei die Frage erlaubt, ob sich die falschen Leute am richtigen Ort befinden [4].

Epilog: Die 14 Euro für den Eintritt wären besser in einen Softporno investiert  gewesen. Vermisst habe ich den auf die jeweiligen Typen abgestimmten Soundtrack sowie das entsprechende auspuffbegaste Ambiente. Leere Versprechungen muss man den Titelfindern vorwerfen, denn aus der Liebe zu den Pferdestärken ist nichts rechtes geworden. Ein Kussmäulchen am Kühlergrill hätte man sich doch erwartet oder eine Laudatio auf die Verlockungen des chromverzierten Auspuffs. Leider kann man auch dem Inhalt der populärwissenschaftlichen Publikation keine Erkenntniserweiterung abgewinnen, so man nicht der Spezies ‚Autofreak‘ zugehört. Schon gar nicht als Kunstliebhaber. Meine Empfehlung für die Neuauflage: als Werbepräsent zu Businessmeetings oder als Lifestyle-Paperback am Kiosk.

 

[1] „PS: Ich liebe Dich – Sportwagen-Design der 1950er bis 1970er Jahre“, bis 10. Februar 2019 im Kunstpalast Düsseldorf. Der Katalog erschien im Hirmer Verlag mit Beiträgen verschiedener Autoren (ca. 180 Seiten und 100 Abbildungen).

[2] Sicher gab es Vorläufer dieser Ausstellung in der BRD, doch kaum einer der Kuratoren vergangener Veranstaltungen zum Automobil ist auf die Idee gekommen, das Fahrzeug zum Kunstwerk zu nobilitieren. Insofern ist den Verfassern des Textes Recht zu geben.

[3] Das Interview ist im Internet abrufbar unter: https://www.ardmediathek.de/…/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLWI3ZGIxZmEw

[4] Man darf gespannt sein auf den nächsten Ausstellungscoup: „Pierre Cardin. Fashion Futurist“, September 2019 bis Januar 2020.

 

 

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