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Ausland, Naher Osten

Der Kessel von Chan Scheichun

von Michael Winkler – https://yourmediaagencypressdotcom.wordpress.com

Emir Julani und das syrische Tora Bora (4): Chan Scheichun und die Autobahn

Die Syrisch Arabische Armee (SAA) befindet sich – nach einer kurzzeitigen Phase der Stagnation – in den Provinzen Nord-Hama und Idlib wieder auf dem Vormarsch. Im Kampf gegen Terroristen und Anti-Assad-Rebellen. Diesmal nicht in der Ghaab-Ebene, sondern in den hügligen Gebieten östlich der nach wie vor durch den Krieg blockierten Autobahn M3 Aleppo-Damaskus. Hauptkampfgebiet ist die Stadt Chan Scheichun. Die wird von der Rebellengruppierung Jaysh al-Izza dominiert. Bisher unterstützt von den Saudis, der Türkei und Katar. Pro-russische und syrische Spezialeinheiten sind derzeit dabei, die Stadt einzuschließen. Der Feind sitzt fast in der Falle. Der „Kessel von Chan Scheichun“ könnte für al-Julanis HTS-Terroristen, für die uigurischen TIP-Banden und weitere Anti-Assad-Rebellen zu einer schlimmen Warnung werden, was sie selbst demnächst noch erwartet. Und für die türkische Armee und deren Hilfstruppen in Nordsyrien.

In kurzer Zeit hat Assads Armee mit Hilfe Russlands Tag für Tag Dorf um Dorf, Stadt für Stadt südlich von Idlib eingenommen. Der Eroberungsfeldzug ward gut vorbereitet. Aus dem Weltall. Durch Drohnen vor Ort. Und mittels heldenhaft agierender „Spione“ hinter den Linien des Feindes. Als dieser sich am sichersten fühlte, wurde zugeschlagen. Auch als die Unterstützung durch den wichtigsten Partner, die Türkei, ins Wanken geriet.  Der hat südlich der Stadt einen so genannten OP-Point. De facto einen Militärstützpunkt (Morek) auf syrischem Territorium errichtet – völkerrechtswidrig, aber durch Astana abgesegnet. Von dem aus wird Jaysh al-Izza in Chan Scheichun mit allen Mitteln und offen unterstützt. Die Lage ist jedoch brenzlig. Man habe große Befürchtungen, meldet die türkische Zeitung Yeni Safak, dass der OP beim weiteren Vormarsch der SAA (Tiger Forces) ebenfalls eingeschlossen und isoliert wird. Was dann? Auf keinen Fall wird es so weitere Unterstützungen für die Anti-Assad-Kräfte in Chan Scheichun geben. Die Rebellen müssten selbst sehen wie sie zu Rande kommen. Gehe der SAA-Vormarsch weiter, mahnt die türkische pro-Erdogan-Zeitung, wären nicht nur Morek, sondern in Zukunft weitere türkische Stützpunkte in der Region Idlib gefährdet. Derartige Mitteilungen müssen für den HTS-Terror-Emir al-Julani in Idlib nicht gerade ermunternd wirken. Seine Elite-Kämpfer wurden bisher – durchaus erfolgreich in der Ghaab-Ebene und auch und eben rund um Chan Scheichun – eingesetzt. Sie kontrollieren und führen lokale Anti-Assad-Verbände. Wie die 2013 gegründete Anti-Assad-Rebellen-Miliz Jaysh al-Izza, die das mittlerweile Ruinenfeld von Chan Scheichun dominiert. Der schnelle SAA-Vormarsch hat die Lage jedoch völlig verändert.

 „Armee des Ruhms“ am Ende

In und bei Chan Scheichun haben al-Julanis „Berater“ versagt. Und nicht nur das. Auch türkische „Militärspezialisten“, die hinter vor gehaltener Hand agieren, sind außen vor. Jaysh al-Izza, die „Armee des Ruhms“ ist de facto am Ende. Ehemals 1500 Kämpfer (2015), zwischenzeitlich fast 3500, dürften sie mittlerweile der SAA unterlegen sein. Wären da nicht al-Julanis Hilfstruppen. Stärke unbekannt. Der Terror-Emir von Idlib wird in den nächsten Stunden seine bisherigen Verbündeten in Chan Scheichun ganz sicher fallen lassen. Er weiß genau, dass alle Ortschaften im Osten Idlibs in den Niederungen unterhalb der Idliber Bergmassive von den Russen und Assads Armee so oder so über kurz oder lang überrannt werden. Wozu noch Material und Kämpfer einsetzen. Seine Aufrufe sind wohl nur noch Durchhalteparolen an Muslime, die „herzhaft“ und verhetzt an einen Endsieg im Kampf gegen Assad glauben. Zu denen gehörte bei Jaysh al-Izza bis vor kurzem auch der syrische National-Torhüter Abdel Baset al-Sarout.

Als vor zwei Monaten in der Gaab-Ebene auf spektakuläre Weise – durch Kapitulation der Bürgerschaft – die historische Stadt Qalaat al-Mudiq relativ gering zerstört an die SAA fiel, meldete sich kurz darauf die Bürgerschaft von Chan Scheichun zu Wort. Man wolle eine Vernichtung des eigenen historischen Ortes verhindern und hoffe auf Verhandlungen mit Damaskus, hieß es. Aus dem Ansinnen wurde nichts. Der Terror-Emir und seine hörigen Gesellen der „Armee des Ruhms“ haben dies wohl zu verhindern gewusst. Al-Julani war zu dieser Zeit noch der wirren Idee verfallen, er könne mit seinen Milizen und mittels türkischer Hilfsmilzen sowie Erdogan persönlich das gesamte Gebiet um Idlib und Hama beherrschen. Um dann den entscheidenden Vernichtungsschlag gegen Assad und Damaskus zu führen. Was für ein Wahnsinn!

Für Chan Scheichun kommt mittlerweile jede Lösung zu spät. Die Stadt liegt in Schutt und Asche. Dank der „ruhmreichen“ Anti-Assad-Rebellen, die eiserne Durchhalteparolen propagierten bis zum „Endsieg“.

Rückzug in die Berge

Für den HTS-Chef al-Julani ist die Lage jedoch so schlecht keinesfalls. Aus allen anderen Niederlagen von al-Qaida und al-Nusra hat er gelernt: Ressourcen nicht verschleudern, sondern sammeln und horten. Ebenen sind sein Ding nicht. Wie Ghaab. Das Kalksteinmassiv des Jebel al-Zawiya ist seine Heimstatt. Den unübersichtlichen Norden bei Jish al-Shugur an der türkischen Grenze überlässt er gar zu gerne seinen chinesisch-uigurischen Freunden. Die sollen und müssen sich demnächst mit ihrem Grenznachbarn Türkei herumschlagen. In den Berghöhlen fühlt er sich sicher. Wie Osama Bin Laden in den Bergen Afghanistans bei Tora Bora. Und tatsächlich hat es bisher keinerlei Luftangriffe der russisch-syrischen Luftwaffe auf das Gebiet wohl geheimer Verstecke al-Julanis gegeben. Warum auch. Putin hat eine Prioritätenliste für Syrien aufgestellt. Auf der steht unter anderem die Eroberung und Wiedereröffnung der M3, der Autobahn Aleppo-Damaskus, ganz oben. HTS wird als Randgruppe eingestuft. Ein potenzieller „Spielplatz“ für die heldenhaft kämpfenden Tiger-Einheiten der SAA.

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