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Geschichte, Kultur

SOLDATEN FÜR DEN FRIEDEN (Teil einundzwanzig)

von Harry Popow

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ im 70. Jahr der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

Notendenken am Pranger

Wer keine Fragen stellt, bleibt einseitig. Henry stellt einige Erscheinungen und Gewohnheiten in der Armee wiederholt in Frage. So das unsägliche Notendenken. Man flunkert sich etwas vor. Man will den Erfolg um fast jeden Preis, denn das bringt erst die wichtigen Pluspunkte im Wettbewerb, die Prämien und Auszeichnungen. Mit dem Abteilungsleiter ist man sich schnell einig: Da gehen wir ran. Henry wird in die Spur gesetzt. Das Ziel: Bad Frankenhausen, der Truppenteil „Robert Uhrig“. Dort beobachtet der Reporter wie ein Luchs die Vorbereitungen zum Schießen und die Munitionsausgabe. Und tatsächlich. Nur die besten Schützen werden mit ausreichender Munition (lt. Vorschrift) bedacht, die „Schlummschützen“ bekommen weniger. Der Artikel wird in der VA 16/78 gedruckt. Es macht Freude, den Notenjägern eins auszuwischen. Aber: Es fällt leicht, die Oberfläche mit der Feder zu kritisieren. Die Ursachen für „Schmuh“ liegen tiefer, sehr viel tiefer … Doch darüber liegt – wie man so sagt – der Mantel des Schweigens. Hier ist weiterhin öffentliches und offensives Bohren vonnöten.

  1. August. „Maßstäbe so oder so“. Eine Überschrift in der VA-Nr. 36/78. Wieder einmal auf der Spur von widerwärtigem Betrug in der Ausbildung. In einer Panzerkompanie stellt Henry auf recht kriminalistische Art fest, vor einem Gefechtsschießen wurden – entgegen den Richtlinien in der Schießvorschrift – alle Ziele vorher gründlich „aufgeklärt“ und alle Richtschützen damit vertraut gemacht. Außerdem „vergaß“ man, Zielvarianten aufzubauen, ebenfalls ein Beweis für risikofreies Schießen. Nach der Veröffentlichung, bei der der Chefredakteur möglicherweise Bauchschmerzen bekommen hat, sagte dem Reporter einer, den er von der Offiziersschule her kennt und der jetzt General ist, er habe gedacht, man hätte dem Oberstleutnant Popow wegen dieses offenen und kritischen Artikels die „Beine weggesäbelt“. Monate später wurde dieser kritische Bericht in einem Buch über Probleme der Gefechtsausbildung nachgedruckt.

Ortswechsel. Wir sind in Wünsdorf, schreibt Henry Anfang August in sein Heftchen. Ein Freundschaftstreffen zwischen unserem Bataillon und einer sowjetischen Einheit. Ein Hin und Her von Fragen an der Feuerlinie. Unterschiede werden besonders empfindlich registriert. Antworten gibt es nicht immer. So fragen unsere Leute, warum die sowjetischen Soldaten nur beim Gefechtsschießen Stahlhelme tragen, wir aber immerfort, fast bei jeder Ausbildung. Unser Kommandeur winkt ab: „Wir sind nicht hergekommen, um über die Uniformen und die Trageweise von Stahlhelmen zu diskutieren …“ So einfach kann man es sich machen. Klar, er weiß keine Antwort, da es für manche Forderungen unserer Vorschriften keine plausible Erklärung gibt. Dann ein Gelage im Schießturm. Der Komsomolsekretär: „Unsere Freundschaft soll so sein wie die zwischen dem Schlosser N. S. Chrustschow und dem Tischler Walter Ulbricht.“ Jubel und Freude, Beifall. Schließlich Antreten vor dem Turm im strahlenden Licht der Scheinwerfer. Hurrarufe. Übergabe einer Bildmappe an die Freunde. Ich denke daran, dass ich vor kurzem mit einer anderen benachbarten sowjetischen Einheit mit den Komsomolzen ein ideologisches Streitgespräch organisieren wollte. Das war in Mode gekommen bei uns. Aber Emil, unser Instrukteur für Jugendarbeit im Regiment, riet ab. Die Freunde wollen das nicht. Sie halten nichts von politischen Disputen unter den Soldaten. Dagegen haben sie gute Erfahrungen besonders mit Vorträgen gesammelt. Damit stirbt wieder eine kleine Illusion. Er hat recht. Von Vorträgen über Lenin usw., die ja auch sein sollten, aber nicht ausschließlich, lassen die nicht ab. So muss es sein und fertig. Festgefahrenes! Nicht nur ich empfinde das als merkwürdig veraltet und geisttötend. Da ist er wieder – der Formalismus. Aber es geht uns ja nichts an, ist deren Sache …

Im Klub des Regiments. Forum mit dem sowjetischen Schriftsteller Alexander Bek über sein Buch „Wolokolamsker Chaussee“. Darin geht es um die Verteidigung Moskaus im 2. Weltkrieg. Der Autor war selbst Politkommissar im Panfilow-Regiment. Die literarischen Schilderungen des sogenannten Tabakmarsches sowie Erschießungen vor der Front seien nicht aus der Luft gegriffen, so der Schriftsteller. Sie seien nur in ganz bestimmten heiklen Situationen erforderlich gewesen („das befiehlt die jeweilige Stunde“), sozusagen als Erziehungsmaßnahme, um mit Gewalt einer lebensgefährlichen Panik umgehend entgegenzutreten. Das Buch habe er unter dem Druck der Ereignisse von 1942 bis 1943 geschrieben. Auflage in der Sowjetunion – eine Million.

Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten   Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen – er bleibt ein Suchender, auch nach der Rückkehr im Jahre 2005 nach Deutschland. Als Rentner, Blogger, Rezensent und Autor!

 

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

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