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Geschichte, Kultur

SOLDATEN FÜR DEN FRIEDEN (Teil zwanzig)

von Harry Popow

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ im 70. Jahr der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

Guten Tag Sanssouci

November – Einzug in den „Generalstab“ Wildpark-West/Potsdam. Seit einer Woche ist Henry nun in der neuen Dienststelle. Unbekannter Ort bisher für ihn. Wald, Wiesen. In der Nähe die Havel. Unter hohen Kiefern ducken sich schmucke Häuschen, Villen. Eine Gaststätte, der „Entenfänger“. Das Kasernengelände – versteckt hinter Bäumen, abseits der Straße. Früher einmal, so heißt es, befand sich hier ein Stützpunkt der faschistischen Fliegerkräfte. Es sollen auch unterirdische Anlagen existieren. Über der Erde zweistöckige graue Gebäude. In einem der ersten ist die Politische Verwaltung untergebracht, darin auch das Arbeitszimmer für Siggi aus Leipzig und für Henry. Daneben das Wohngebäude für diejenigen, die hier noch keine Wohnung haben. Wieder einmal ein Junggesellenleben. Siggi, der bisherige Leiter der Unterabteilung im Militärbezirk Leipzig, ist sein neuer Chef. Henry war zunächst etwas skeptisch, immerhin hat er in Neubrandenburg ebenfalls die Verantwortung für die VA-Seite – seitdem Paul L. zur Beratergruppe I des Rundfunks versetzt worden war – alleine getragen. Aber die besonnene und zurückhaltende Art von Siggi im Umgang mit ihm und seine gleichzeitige unerbittliche Kritik gegenüber stilistischen und anderen Mängeln versöhnen ihn schnell. Außerdem müssen sie sich gemeinsam gegen journalistische Anmaßungen des Abteilungsleiters schützen, der glaubt, den beiden erfahrenen Journalisten fachlich etwas erzählen zu müssen …

Henry, inzwischen Leiter der Unterabteilung und Reporter, wird ins „Haus der Armee“ in Potsdam eingeladen. Walter Flegel, der bekannte Armeeschriftsteller, hat Oberstleutnant Popow zu einer Zusammenkunft mit „Schreibenden Soldaten“ gebeten. Er soll etwas sagen zur Mitarbeit an der Militärpresse, denn das sei eine gute Möglichkeit, sich in der schreibenden Zunft zu üben. Henry freut sich. Kann er doch auf diesem Wege eventuell neue Korrespondenten gewinnen. Da seine Cleo mit dem Pressefest, in der Redaktion der „Märkischen Volksstimme“ ist sie dafür verantwortlich, alle Hände voll zu tun hat, nimmt er seine Tochter, die fünfjährige Irina mit. Sie sitzt am Ende eines langen Tisches. Ihr Papa erzählt und argumentiert, redet und berichtet, wirbt für die ehrenamtliche Mitarbeit, fordert schließlich dazu auf, Fragen zu stellen. Schweigen in den ersten Sekunden, wie so oft in solchen Situationen. Doch einer muss den Anfang machen. Nur wer? Da peitschen Irinas Worte knallhart wie Schüsse in die Stille: „Papa, du hast aber schöne Märchen erzählt, du redest wie der liebe gute Weihnachtsmann …“ Keiner sagt etwas vor Schreck, Henry hört nur ein unterdrücktes Kichern, er quält sich ein Lächeln ab, das Eis ist gebrochen, die „Schulung“ gerettet …

Mann mit Format

Recherchieren, gründlich – welch eine Freude für einen Reporter, wenn er fündig wird, wenn er interessante Menschen kennenlernt. So auch Anfang Februar in Sondershausen. „Mann mit Format“, so nennt Henry ein Porträt über einen jungen Mann, der als Politstellvertreter einer mot.Schützenkompanie in der Kaserne „Anton Saefkow“ eingesetzt ist. Beim Eintreffen im Truppenteil erfährt er, heute sei Nachtausbildung, und der Genosse H., so heißt sein Mann, sei natürlich bei seinen Leuten. Aber das schreckt den Reporter nicht, umso besser, da kann er den Politnik in Aktion erleben: Bitterkalte Nacht. Alarm für die Kompanie. Sie marschiert durchs verschlafene Städtchen, der Journalist hinterdrein. Die Kirchturmuhr schlägt mit blechernem Klang die dritte Stunde an. Fünf Meter hinter der Marschkolonne, die Pelzmütze in die Stirn geschoben, der Oberleutnant. Vor Stunden hatte der den Mann von der Redaktion „Volksarmee“ zu sich nach Hause eingeladen, denn er und seine Frau hätten gerne Gäste. Ihn reizen, so sagte er nachdenklich, im Sessel sitzend, die Lebensmaximen Vorbildlichkeit, Ehrlichkeit. Er blickte Henry forschend an mit seinen klugen, graublauen Augen. Henry hatte den Eindruck, da ist einer, der will es wissen, der gibt sich nicht mit Allgemeinplätzen ab, der bohrt nach der Wahrheit, der stellt Fragen. Zum Beispiel: Weshalb wird soviel Schönfärberei betrieben im Wettbewerb, in den Medien, auf den Delegiertenkonferenzen, und, und, und. Für Henry, den Reporter, ist ein tiefsinniges Gespräch mit einem kritischen Menschen wie ein kühler Schluck für eine ausgetrocknete Kehle. Er ergänzte: Mitunter sehe er oft sehr viel Selbstbetrug in der Ausbildung durch Notenhascherei, wo doch das Gefecht der einzige Maßstab sein sollte. Es war ein gutes Gespräch mit einem sehr sympathischen jungen Mann, der lange nachdenkt, und von dem noch einiges zu erwarten ist. Auf seinem Schreibtisch lag die Fotokopie von einem Schriftstück: „Wie man arbeiten muss“. Es stammt von Lenin.

Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten   Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen –  er bleibt ein Suchender! Auch nach der Rückkehr im Jahre 2005 nach Deutschland. Als Rentner, Blogger, Rezensent und Autor!

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

 

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