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Geschichte, Kultur

SOLDATEN FÜR DEN FRIEDEN (Teil neunzehn)

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ im 70. Jahr der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

Der Feldherrenhügel

Erklommen hat Henry ihn – den „Feldherrenhügel“, wie ihn die Neubrandenburger nennen. Den Hügel, auf dem der Stab des Militärbezirkes V thront, kennt er vom Wache stehen und vom Einsatz in der Redaktion „Soldatenstimme“ des Jahres 1962. Aber auch die Stadt, in der er im Fernstudium seinen Redakteurslehrgang absolviert hatte. Hierher also ist Oberleutnant Henry versetzt worden. Ein Traum geht für ihn in Erfüllung. Er soll von hier aus für die Wochenzeitung „Volksarmee“ Artikel schreiben. Eine Seite hat er zu liefern, Woche für Woche. Ein Unterabteilungsleiter, er ist Journalist, leitet ihn an. Endlich der Einstieg in den aktiven Journalismus. Und – was er vorerst gar nicht so richtig bedacht hatte – eine höhere Planstelle. Im Klartext: Als FDJ-Sekretär hätte er im Bataillon nur Hauptmann werden können, hier sitzt er nunmehr auf der Planstelle eines Oberstleutnant. Noch etwas zählt, um ehrlich zu sein – er ist weg von der unruhigen und stressigen Truppe. Wirst dort nur noch Gast sein, aber mit vielen Erfahrungen, die dir nun zugute kommen, sagt sich Henry. Bist nicht mehr für jeden Pups, den ein Soldat läßt, verantwortlich, nur noch für dich selbst, für die Qualität deiner eigenen journalistischen Produkte. Aber vieles schleppt er noch mit sich herum an strammen Gewohnheiten. Zum Beispiel mit Stiefeln zum Dienst zu gehen, statt in Halbschuhen. Zum Anfang jedenfalls. Morgens, beim Betreten der Redaktionsräume, legt er die rechte Hand an die Mütze und meldet sich bei Major L., bald wird er mit ihm auf du und du sein, zum Dienst. Dieser guckt ihn für Sekunden erstaunt an … Henry unterläßt für die Zukunft diese Förmlichkeit. Während der Arbeit fragt ihn die Sekretärin, ob er auch einen Kaffee möchte. Er schüttelt den Kopf. Cleo und er trinken nur Tee, und in der Truppe waren Kaffeepausen ohnehin nie drin. Aber Henry gewöhnt sich sehr schnell an die kleinen Annehmlichkeiten des „Stabsdienstes“. Auch an den anderen Rhythmus der Arbeit. 17 Uhr ist offiziell Dienstschluß! Das müßte der Truppe mal passieren! Montags oft Parteiberatungen, vorher Gesellschaftswissenschaftliche Weiterbildung mit Lektionen und Seminaren. Auch Sport. Und was für einer. Man spielt Volleyball oder Fußball. Da geht es hart ran. Wenn einer Mist baut, wird gleich mit Parteiverfahren gedroht, aber so ganz ernst ist das wiederum nicht gemeint. Dienstags mitunter Sitzung der Politverwaltung, auch da darf man nicht fehlen. Henry lernt einen Mitarbeiter kennen, er ist Chef der Agitationsabteilung, dem er in den folgenden Jahren immer wieder begegnen wird, und zu dem er wegen seiner Ruhe und Besonnenheit, wegen seiner Klugheit und Menschlichkeit immer sehr achten wird: W. D. Aber auch Paul, sein Chef, ist umgänglich, und er kann schreiben. Paul schickt ihn oft schon gegen Mittag nach Hause, um die Artikel „in Ruhe“ schreiben zu können. Das ist gut gedacht, und er weiß, daß sein zweiter Mann bis in die Nachtstunden sitzen wird, um am nächsten Morgen alles fix und fertig vorlegen zu können. Allerdings achtet Paul sehr darauf, daß man lange genug vor 17 Uhr verschwindet, damit der frühzeitige Abgang nicht so sehr auffällt. Erkläre mal einem, man würde zu Hause eisern schreiben … Man würde wohl insgeheim den Kopf schütteln. Wenn Henry freitags oder sonnabends von der Dienstreise zurückkommt, muß er sich umgehend an den Schreibtisch setzen, denn montags geht es wegen der Ausbildung in der Regel nicht. Dienstags und mittwochs heißt es die Seite spiegeln, letzte Korrekturen vornehmen und ab damit mit der Bahnpost nach Berlin zur Redaktion. Privat hat Henry erledigt: Wohnungsgesuch für Neubrandenburg geschrieben, Wohnungstauschanzeige in der „Freien Erde“ aufgegeben und Aufnahmeantrag an die Karl-Marx-Universität Leipzig zwecks Fernstudium gestellt.

Zwei Tage vor Silvester kommt Oma Tamara zu Besuch. Sie steht mit Cleo in der Küche. Es soll Karpfen geben. Zum Jahreswechsel sind alle bei Henrys Patentante Lisa nach Pankow in die Trelleborger Straße eingeladen. Dort sieht Henry seit zig Jahren das erste Mal wieder Tante Pittelkow, in deren Garten die Ziebell-Kinder so oft zu Besuch waren und gespielt haben. Aber Henry ist aufgedreht und unhöflich. Findet kaum Zeit für ein Gespräch. Aber eine Silvesterfeier bietet dazu kaum Gelegenheit. Er ahnt, er wird diese gute alte Frau, die in schwerer Zeit sehr für die Ziebells gesorgt und gekocht hat, nie mehr wiedersehen. (Während der Hitlerzeit trafen sich in ihrem und Pauls Garten in Mariendorf, so hieß ihr etwas brummiger Mann, Henrys Vater, Onkel Oswald, u.a. und diskutierten über Politik im engsten Kreise, machten sich Luft.)

Nach wochenlangen Bemühungen hat es endlich geklappt: Eine Wohnung am Dienstort Neubrandenburg. Henry hat Cleo erzählt, daß diese Stadt ein „Kaff“ sei, wenig Geschäfte, kaum gepflasterte Straße, etwas öde. Als sie dann durch die Stadt fuhren, jubelte sie. Sie hatte u.a. eine Boutique entdeckt und überhaupt mehr, als sie je erwartet hatte, erleuchtete Schaufenster, saubere Straßen, viele gut gekleidete Leute. Henrys Trick der Untertreibung – kleine Lüge mit großer Wirkung.

Spiegelfechterei? Dienstreise nach Schwerin. Einige Soldaten hatten der Redaktion geschrieben. Sie seien nicht einverstanden mit der Methode „Ausgang streichen“ als Strafmaßnahme. Es reizt Henry, diesen vorschriftswidrigen Willkürakten auf den Grund zu gehen. Wie kann man auf eigene Faust Strafen verhängen, die in keiner Vorschrift stehen? Also auf zu den Absendern des Briefes. Dort fand der Reporter die Beschwerde der Soldaten bestätigt. Der Artikel wurde in der Nr. 16/65 der Militärbezirksseite veröffentlicht unter der Überschrift „Ausgang streichen – eine Privatsache?“ Tage darauf soll der Chef des Militärbezirkes getobt haben: „So eine Spiegelfechterei!!“ Naja, wenigstens etwas, Henry freut sich ehrlich über diese Reaktion. Etwas Wirkung, und wenn es der Ärger einiger Vorgesetzter ist, muß sein. Mehr aber kann er nicht erwarten, er weiß inzwischen, sehr oft läuft man gegen die Wand.

Eine Dienstreise der Waffenbrüderschaft steht an. Henry muß als Reporter mitfahren. Er schreibt: Montag. Mir ist noch kotzübel. Polnischer Wodka wirkte verteufelt. Sonnabend und Sonntag als Reporter mit einer Militärdelegation der Nationalen Volksarmee in Szczecin (Volksrepublik Polen) gewesen. Besichtigungen in der piksauberen Truppe, gute Gespräche. Abends in der Bar … Angestoßen auf die Freundschaft. Die Kellnerinnen schenkten fleißig nach … Am frühen Morgen sagte mir jemand, wie schlimm ich aussehe. Danach auf holprigem Kopfsteinpflaster im Bus zum Hafen gefahren. Vor mir die ehrenwerten Delegationsteilnehmer, hinter mir im Bus die Instrumente des Orchesters. Mir ist elend. Keiner sieht etwas. Der einzige Ausweg: Tasche auf …!! Es hat niemand bemerkt, aber ich schäme mich.

Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten   Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen –  er bleibt ein Suchender, auch nach der Rückkehr im Jahre 2005 nach Deutschland. Als Rentner, Blogger, Rezensent und Autor!

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

https://www.epubli.de//shop/buch/AUSBRUCH-AUS-DER-STILLE-Harry-Popow-9783748512981/83705?utm_medium=email&utm_source=transactional&utm_campaign=Systemmail_PublishedSuccessfully

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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