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Geschichte, Kultur

SOLDATEN FÜR DEN FRIEDEN (Teil achtzehn)

von Harry Popow

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ im 70. Jahr der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

„Götter-Ohren“ an Soldaten-Herzen

Im Juli 1964 schreibt Henry: Nicht zum ersten Mal haben wir den Eindruck, dass man Menschlichkeit im Umgang miteinander besonders in den oberen Etagen antrifft. Jüngstens waren beispielsweise Mitarbeiter des Zentralkomitees der SED in unserem Regiment in Stahnsdorf im Einsatz. Was mich besonders freut: Nach einer Übung sind die Genossen vom ZK nicht allein zufrieden damit, dass die Soldaten gut geschossen haben, nein, sie wollen herausfinden, wie die jungen Leute denken und was deren Herz sagt. Und sie beraten sich mit uns Offizieren, wie man die Rechte der Soldaten noch besser sichern muss, wie man im Gespräch zu ihrem Inneren findet. Das ZK kritisiert u.a. jene Vorgesetzten, die die Nöte und Sorgen der Soldaten zu wenig kennen und dann manche Fehlentscheidungen treffen. Unter Feuer werden vor allem die mancherorts anzutreffende Gleichgültigkeit und Sorglosigkeit gegenüber den Unterstellten genommen, (siehe z. B. Willkür bei den Festlegungen zum Urlaub und Ausgang und zur Freizeitgestaltung ). Nur ein Beispiel: Warum lässt man die Sonnabend-Ausgänger erst um 17 Uhr raus? Außerdem: Oft wissen die Soldaten nicht, wer am Wochenende Wache stehen muss, demzufolge sind auch Urlaub und Ausgang unklar. Oder: Waffenreinigen eine Stunde, am nächsten Tag zwei Stunden, ohne sie benutzt zu haben! Da greift sich doch jeder an den Kopf. Sinnlosigkeiten lassen Gleichgültigkeit aufkommen und ersticken jeden guten Willen. Aber: Wie leicht fällt es den Genossen von „oben“, zu bemängeln, sie ziehen ja wieder ab, und der Druck auf die Regimentsangehörigen, all die Termine, die Forderungen der höheren Stäbe – sie bleiben und halten sich zäh wie Teer in der Truppe. Man kann sich jedoch auf diese Genossen mit den mitfühlenden Herzen beziehen, das gibt ein wenig Halt.

Gleichgesinnte – das ist oft nur der Schein. Die Geister scheiden sich, wenn es um kulturelle und Erziehungsfragen geht. Kurt, der Parteisekretär in der Einheit, hält Henry auf der Kasernenstraße an. „Ganz schön, so ein Schallplattenabend für die Soldaten, aber das bringt uns noch keinen Kandidaten. Persönliche Gespräche, die sind das wichtigste …“ Zustimmend nickt Henry. Aber sein Gegenüber fügt eine sehr merkwürdige Bemerkung hinzu: Politische Arbeit sei auch, wenn man die Soldaten aufmerksam macht auf ihren schlechten Haarschnitt, ihre schmutzige Waffe usw. Henry ist wie erschlagen, er entgegnet scharf: „Wie soll ich mit jemanden ins Gespräch kommen, den ich zuvor sozusagen zusammenscheiße?“ Eine seltsame Ansicht eines Parteisekretärs. Im übrigen drängt er den FDJ-Sekretär wiederholt dazu, in die Kneipe zu gehen, denn dort komme man mit den Soldaten erst richtig ins Gespräch. „Da mag schon was dran sein“, denkt Henry, aber sein Fall ist das nun einmal nicht.

Adel im Untergang“

Indessen ist es Mai geworden. Man schnuppert wieder Pulverdampf auf dem Lehniner Schießplatz. Einzelausbildung. Später in der Baracke: Henry wirft einem Feldwebel vor, zu wenig mit seinen Soldaten zu arbeiten, sie sogar anzubrüllen. Dieser, leicht entrüstet: „Ich gebe nur die Befehle weiter, mehr tue ich nicht, der Soldat hat seinen Dienst so zu versehen, wie es die Vorschrift verlangt. Und wenn er das nicht tut, so muss er bestraft werden …“ Entsetzen in Henrys Gesicht. Da trifft ihn der nächste Schlag, denn ein anderer Feldwebel, am Fenster stehend, gesteht: „Wegen mir brauchte es überhaupt keinen Politunterricht geben …“ Ein Zugführer/Unterleutnant: „Wenn die zu blöd sind, dann müssen se eben anständig Dunst kriegen, damit se gar nicht auf den Gedanken kommen, zu diskutieren.“ Henry ist wütend. Haben die so wenig mitgekriegt, was hier läuft – in einer Armee ohne Kadavergehorsam? Mangelt es ihnen an Kultur, an Bildung, an Menschenkenntnis? Aber er weiß doch – der richtige Umgang miteinander, der muss erst erlernt werden, da ist nichts mit Automatik, sozialistische Armee gleich sozialistisches Verhalten. Wie oft wird davon gesprochen, wird’s gefordert in Versammlungen, bei Appellen, in tausenden Gesprächen. Und es ist so schwer durchzusetzen. Henry macht sich Gedanken zum Problem Zwang und Überzeugung. Immer wieder vertieft er sich in ein literarisches Werk, in das Buch „Adel im Untergang“ von Ludwig Renn. Es gibt ihm Kraft – mitunter mehr als Beschlüsse und Vorschriften, – gegen Holzköpfe anzugehen, mal leise, mal etwas lauter …

Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten   Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen –  er bleibt ein Suchender, auch nach der Rückkehr im Jahre 2005 nach Deutschland. Als Rentner, Blogger, Rezensent und Autor!

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

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