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Geschichte, Kultur

SOLDATEN FÜR DEN FRIEDEN (Teil siebzehn)

von Harry Popow

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ im 70. Jahr der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

Contra Wortgeklingel

Manchmal erwischt es Henry. Dann grübelt er über den Sinn der Überzeugungsarbeit, über die Art und Weise, wie man mehr zum politischen Nachdenken und zum bewussten Handeln anregen könnte. Die große Aphrodite, bildlich gesprochen, lässt ihm keine Ruhe. Wenn er sein bisschen Leben betrachtet – es wäre vielleicht nicht so geradlinig verlaufen, wäre er nicht innerlich überzeugt gewesen, das Richtige zu tun. Sicher, die Thesen sind gut, sind dem Humanismus verpflichtet, die Theorie ist schlüssig, vieles ist sehr logisch. Die Lektionen in den Gesellschaftswissenschaften – sie befriedigen besonders dann, wenn Probleme benannt werden, wenn sich ein Erkenntnisgewinn einstellt. Aber es häufen sich mitunter hergebetene Sprachformeln. Das schleift ab, tötet den Geist. Behauptungen ohne tiefgründige Beweise, ohne den widerspruchsvollen Weg zum Ergebnis aufzuzeigen – das verbreitet Unlust. Und Henry hält für sich fest: Man wünschte sich mehr Kritik und Offenheit bei gesellschaftlichen Fragen, hingegen stehen Kritik und Selbstkritik im kleinen Kreis (der Parteigruppe z. B.), hoch im Kurs. Aber wenn das große Ziel richtig ist, muss der Weg dahin noch lange nicht ergiebig sein. Kürzlich hörte ich eine bemerkenswerte Lektion von einem marxistischen Philosophen. Wenn wir von der Grundfrage der Philosophie ausgehen, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, dann müssen wir auch in der Praxis danach handeln. Mit anderen Worten: Nicht das große Wortgeklingel formt in erster Linie die Menschen, sondern vor allem das tägliche Erleben, die Praxis. Und was muss ich tun?

Emil, der FDJnik vom Regiment, hat ein Forum organisiert. Mit der bekannten DDR-Schauspielerin Christine Laszar im „Seehof“ zu Teltow. Der Schriftsteller Paul Wiens stellt sie vor. Sie erzählt von einer Reise nach Westdeutschland. Dort gäbe es sehr viele Leute, aber bei uns gibt es Menschen, sagt sie. Wenn man dort etwas verkehrt gemacht habe, komme man nicht so schnell wieder hoch. Der Lebenskampf sitze einem ständig im Nacken. Henry mag überhaupt keine Autogramme, diesmal aber hat er sich eines geholt. Stichwort Emil. Er ist der Instrukteur für Jugendarbeit im Regiment. Er ist groß und schlank, sieht gut aus, ist offen, immer guter Laune und sprüht vor Ideen. Dreißig Jahre alt. Seine Worte, die geflügelten: „Denke daran, alles muss durch den Kopf. Alles geht nur über das Denken und Fühlen der Soldaten.“ Er plädiert z. B. dafür, kranke Soldaten oder die im Arrest sitzenden sonntags oder feiertags zu besuchen, ihnen Bücher oder Zeitungen zu besorgen. „Der Soldat muss immer das Gefühl haben, man kümmert sich um ihn“, sagt Emil, wie die Männer ihren obersten Jugendfunktionär im Regiment nennen. Was Emil sagt, ist dem Henry aus dem Herzen gesprochen. Mit Emil beginnt eine jahrelange gute Freundschaft.

Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten   Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen –  er bleibt ein Suchender, auch nach der Rückkehr im Jahre 2005 nach Deutschland. Als Rentner, Blogger, Rezensent und Autor!

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

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