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Ausland, Naher Osten

Golan, neues „Kampfgebiet“ zwischen Juden und Arabern

von Michael Winkler – https://yourmediaagencypressdotcom.wordpress.com

Generalstreik, Widerstand und Demos der Drusen gegen Ramat Trump

Israel hat weiß Gott genügend Probleme im eigenen Land und ringsum. Den Iran, Assad in Syrien, Erdogan, die Schiiten im Libanon. Und nun auch noch die Drusen im Golan. Die waren bisher so fast ziemlich gute Freunde der Regierung. Bis Präsident Netanjahu auf die seltsame Idee kam, US-Präsident Trump einen Teil des Golan zu übergeben. Die surreale „Schenkungs-Feier“ im kleinen Weiher Kela Alon (Bruchim) erweckte schon längst vergessene geglaubte Ärgernisse und Probleme zwischen der Mehrheitsbevölkerung, den syrisch-arabischen Drusen und jüdisch-zionistischen Siedlern. Vor allem wegen der seit Jahrzehnten geplanten Windkraftanlagen. Und die Frage, wer den Golan zuerst vor besiedelte: die Juden oder die Araber. YOURMEDIA AGENCY war vor wenigen Tagen vor Ort. Wir haben mit den Menschen dort gesprochen.

5. Juni 2019. 12.00 Uhr. Wir fahren die Straße Nummer 98 vom Yam Kinneret, dem See Genezareth, hoch in den Golan, ins umstrittene Grenzgebiet zwischen Israel und Syrien. Von 212 Metern unterm Meeresspiegel bis auf 1000 Meter im Nordosten. Eine faszinierende Landschaft. Auf dem Hochplateau links und rechts Spuren der Kriege, die dieses Gebiet seit fast 70 Jahren prägen. Alte verrostete Panzer, Betonbunker. Bis vor kurzem saßen in den Hügeln rechts der Piste die Krieger des Islamischen Staates (IS). Jetzt patrouilliert dort russische Militärpolizei – nach Absprache zwischen Moskau und Jerusalem. Auf einem Höhenzug rechterhand tauchen plötzlich orange-weiße Windkraftanlagen auf. Was soll das? Krieg da, friedliche alternative Energie dort? Später erfahren wir, dass sich die zehn Windmühlen des so genannten Windparks Har Bnei Rasan bereits seit 1992 drehen. Allen Kriegen zum Trotz. Dass das offenbar lobenswerte Klimaschutz-Projekt einer der Gründe für die bevor stehenden neuen Konflikte im Golan sind, erfahren wir erst viel später.

Wem gehört das Land?

Die Drusen, eine syrisch-libanesisch-arabische Minderheit mit einer tausendjährigen Geschichte, „besitzen“ einen Teil des Golan. Bisher im Einvernehmen mit der Zentralregierung in Jerusalem. 1967 eroberte Israel dieses Gebiet von Syrien und annektierte es 1981 entgegen dem Völkerrecht. Auch Deutschland erkennt diese israelische „Besetzung“ bis heute nicht an. Ihnen, den Drusen, steht eine Noch-Minderheit zumeist konservativer zionistischer Siedler in immer neuen Siedlungen gegenüber. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Juden ethnographisch den Golan „übernehmen“.

Wir rollen in Mas`ada ein, eine der vier Drusen-Siedlungen im Nordosten. Es ist Kirschenzeit. Überall Plantagen und Händler, die die köstlichen roten Früchte am Straßenrand feilbieten. Eid al-Fitr, das Fest am Ende des Ramadans, ist soeben vorbei. Jetzt können Muslime wieder richtig schlemmen. Und auch die Juden sind da. Kurz vor ihrem religiösen „Erntedankfest Schawuot“ in zwei Tagen. Zahlreiche Familien aus Tel Aviv besuchen ihre Freunde und Siedler im Golan am verlängerten Wochenende. Die köstlichen Kirschen der Drusen lässt sich keiner entgehen. Im Straßengewirr des Dorfes wissen wir nicht so recht wohin. Wir halten an, fragen einen jungen Mann in einem ältlichen nostalgisch gestylten Renault. Als er hört, dass wir aus Deutschland kommen, umarmt er uns spontan und ist ganz aus dem Häuschen. „Danke Deutschland, danke für das, was ihr für uns Syrer getan habt. Danke Merkel. Das werden wir euch nie vergessen.“ Zeitan, der sein Geld als Klein-Unternehmer verdient, versteht sich nicht als Israeli, sondern als Syrer und damit als Araber. Ganz offenbar haben die Deutschen im Golan einen guten Stand. Zeitan lotst uns sicher durch die engen Wege der Plantagen bis zu unserer Unterkunft.

Wer war zuerst da im Golan? Die Araber oder die Juden? Die Drusen können es definitiv nicht sein. Ihre Geheimreligion ist erst tausend Jahre alt. Sie sind Einwanderer. Freilich mit ortsgebundenen arabischen Wurzeln. Ein Tatbestand, den sich zionistische Eiferer zu Nutzen machen. Die Geschichte im Golan, so gestern das Online-Media-Projekt Honest Reporting in seinem Beitrag „Die Golanhöhen, Geschichte, Gegenwart und Zukunft“, reiche bis in die biblische Zeit zurück, zur Urbesiedlung. Das damalige Land „Bashan“ sei ur-jüdisch. Offenbar ein Trugschluss. Ist doch ethnologisch sichergestellt, dass Juden und Araber derselben regionalen Ur-Rasse, der so genannten Nahost-DNS entstammen, so der US-amerikanische Genetiker Michael Hammer. Beiden gehört also das Land. Was allerdings – zugegeben – schwer zu handhaben ist.

„Völker hört die Signale“

Der Deutschland-Fan Zeitan bugsiert uns durch Plantagen, über Hügel und hinein in große Farmen, bis wir endlich unsere Unterkunft erreichen. Ohne seine Hilfe hätten wir das – selbst mit Navi – nie geschafft. Wir sind jetzt bei den Drusen. Im ländlich-fruchtbaren Golan. Das Willkommen ist überaus herzlich. Auch hier wieder der Bonus, Deutsche zu sein. Eine Familie, bietet uns eine Wohnung an. Sie vermietet neben ihrer Hauptunterkunft in einem von den vier drusischen Dörfern einen kleinen zweiten Landsitz an Touristen. Man spricht zwar kaum Englisch und erst recht kein Deutsch, aber Verständigung ist Herzenssache. Gespräche über Politik und Regionales sind nicht möglich. Und sollen es wohl auch nicht sein. Dafür umso mehr zur Küche, dem uns gebotenen drusischen Abendessen und Frühstück. Und zu den wundervollen Kirschbäumen rund ums Haus, den Kräutern und Früchten. Drusische Familien verfügen über ein ausgeklügeltes und überaus schnelles Informationssystem zwischen Familienangehörigen, Clans, Clanchefs, Freunden und vor allem Jugendgruppen.
So geschieht etwas, was wir nie für möglich gehalten hätten. Nach dem Essen am Abend kommen jugendliche Freunde der Familie, die für uns drusische Lieder spielen. Ein Lied wird uns als etwas Besonderes angekündigt. Es habe einen deutschen Ursprung, radebrechen wir untereinander. Es sei von einem gewissen Karl Marx geschrieben worden, einem großen deutschen und internationalen Revolutionär. Dieses Lied sei unter drusischen Jugendlichen derzeit besonders beliebt. Wir stutzen. Was ist das? Und dann hören wir es auf arabisch – die „Internationale“. Ob wir das kennen würden? Und wie. Und ob wir vielleicht auch den deutschen Text dazu singen könnten. Dann wären es eine richtig gute drusisch-deutsche Gesangsgruppe: „Völker hört die Signale auf zum letzten Gefecht“.

„Wir sind Syrer, aber…“

Am nächsten Tag fahren wir nach Majdal Shams, den derzeitigen Hauptort des ganzen Golan. Das ehemals abgelegene Dorf, heute eine Kleinstadt an den Hängen des Hermon-Massivs ist in den letzten Jahren baulich stetig gewachsen. Und es wächst förmlich mit immer mehr Betongebäuden dem Himmel zu, denn bergauf befindet sich Israels einziges, aber nobles und gut besuchtes Wintersportgebiet auf 2.300 Metern Höhe. Die Anzahl der Einwohner ist mit rund 11.000 relativ stabil geblieben.

Wir halten am Zentralplatz, den ein Denkmal des syrischen Nationalhelden Sultan al-Atrash schmückt. Der kleine Platz, von dem aus Gassen nach allen Seiten bergauf, bergab abzweigen, war in der Vergangenheit mehrfach Demonstrationsort der Einheimischen, um an ihre Zugehörigkeit zum syrischen Staat zu erinnern. Die Demos sind seit Beginn des Syrienkriegs 2011 seltener geworden. Warum erklärt uns ein so genannter Uqqal, den wir neben dem Denkmal ansprechen.

In seinem langen, schwarzen Gewand, dem weißen Turban und dem großen Schnauzbart ist er als Eingeweihter und Hüter des Wissens der Drusen nicht zu übersehen. Und er kommt sofort auf den Punkt: „Ich bin ein syrischer Druse, aber ich fühle mich wohl, hier in Israel. Es ist mein Heimatland. Was wir brauchen ist Frieden.“ Dass die Russen einen Großteil der Pufferzone kontrollieren, gefällt ihm nicht. Und wer dann? Vielleicht die Amerikaner? Nein, sagt er, die mag er auch nicht. Es sei schon richtig, dass die Drusen des Golan sich mit Israel auf ein gemeinsames Miteinander geeinigt hätten.

Nächster Halt bergab, fast im Tal, an der Demarkationslinie der Pufferzone zu Syrien. Von dem kleinen rechteckigen Platz aus kann man jenseits des Stacheldrahtzauns Grenzanlagen auf einem Hügel erkennen, den so genannten Shouting Hill, einem UN-Stützpunkt. Nach der Besetzung des Golan durch Israel 1967 und der Trennung versammelten sich dies- und jenseits des Tals Verwandte, um mit Megafonen Neuigkeiten auszutauschen. Wir sind fast allein. Leichter Nieselregen zieht auf, die Berggipfel sind jetzt in Wolkenschleier gehüllt. Ein junger Mann kommt aus einem der drei hier neu gebauten Wohnhäuser. Ob er und seine Familie angesichts der ungewöhnlichen Wohnlage keine Angst habe, dass ein Krieg zwischen Syrien und Israel ausbricht, wollen wir wissen. „Nein“, kommt die Antwort schnell und bestimmt. Zwar seien erst vor wenigen Tagen syrische Abwehrraketen in der Nähe, im Niemandsland, eingeschlagen. Aber das seien unbedeutende Scharmützel zwischen syrisch-iranischen Einheiten auf der einen und Israels Luftabwehr Iron Dome auf der anderen Seite. „Hier wird es keinen Krieg mehr geben.“ Ein junges Mädchen in der Nähe ist da nicht so eindeutig. Sie hätte gern in Damaskus studiert, auch weil das kostenlos ist. Das hat die israelische Regierung unterbunden. Wenn ein Druse nach Syrien reist, darf er nicht mehr nach Israel zurück. So muss sie jetzt zum Studium nach Jerusalem, und das ist teuer. Die Probleme im Golan werden wohl, meint sie, so schnell nicht aufhören.

Ramat Trump und das „neue Kampfgebiet“

Am Nachmittag fahren wir in die kleine, so gut wie verlassene Siedlung Kela Alon (Bruchim), wo einige Tage später in einer großen Show der israelische Präsidenten Netanyahu Teile des umliegenden Golan an seinen Freund, den US-amerikanischen Präsidenten Trump verschenkt.

Was wir zum Zeitpunkt unserer Reise nicht wissen konnten: Trump will mitnichten einen Golfplatz oder einen Hotel-Tower bauen. Wohl aber könnten derart amerikanische Konzerne auf dem Golan Fuß fassen. Während des Sechstagekriegs 1967 flüchteten zwischen 130.000 und 145.000 Drusen, Tscherkessen und Turkmenen aus 200 damals existierenden Dörfern des umkämpften Berglands nach Syrien. Tatsächlich jedoch – so stellte sich erst später heraus – wurden die meisten von ihnen wissentlich vertrieben und in den nachfolgenden Jahren an einer Rückkehr gehindert. Das eroberte Land wurde an jüdische Neusiedler und vor allem Einwanderer aus Osteuropa verteilt, wie das jetzt heftig umstrittene Kela Alon.

Die heute auf dem Golan noch lebenden Drusen sind also nur ein Bruchteil der ehemals hier ansässigen Bevölkerung. Und diesem Rest droht mit dem Projekt Ramat Trump die vollständige und endgültige Vertreibung. Eine ohne militärische Gewalt. Mittels ökonomischen und verwaltungsrechtlichen Zwangs. Der Windpark Har Bnei Rasan, bei Quneitra, den wir bei unserer Ankunft auf den Golanhöhen passierten, soll nämlich nicht der einzige bleiben.

Im Zusammenhang mit der feierlichen Staatszeremonie zu Ramat Trump wurde bekannt, dass sich 150 Turbinen entlang der Straße 98 auch und vor allem auf dem Gebiet der verbliebenen Drusen rund um Majdal Shams in fortgeschrittener Planung befinden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Wikipedia – Windpark Golan Heights wind farm

In den letzten 15 Jahren hat kaum jemand daran geglaubt, dass diese Projekte (im Auftrag von Mey Golan) jemals realisiert werden könnten. Zu hoch waren die Kosten für weitere Golan-Windparks. Bis vor fünf Jahren die US-amerikanische Rhone-Gruppe (New York) des Milliardärs Robert Agostinelli das israelische Mineralwasserunternehmen Mey Golan übernahm. Durch eine Kooperation mit einem der weltweit führenden Energie-Riesen (Strom), AES Corporation aus Virginia/USA, sollen jetzt so schnell wie möglich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Für die Windräder werden – so die Planungsvorhaben – vor allem die Gärten und Felder der Drusen benötigt. Für die wird das „verschenkte“ Gebiet Ramat Trump (Trump Heights) somit zu einer bösen Falle. Ist die Landwirtschaft für die drusischen Familien doch der wichtigste und oft einzige Lebensunterhalt.

Eine weitere Eskalation zwischen Juden und Arabern im Golan scheint unausweichlich. Gestern hat es in Majdal Shams zum ersten Mal seit langer Zeit wieder massive Proteste und die Ankündigung eines Generalstreiks am Zentralplatz gegeben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Foto Sana Damskus, Syrien – Golan strike

Und aus Damaskus werden die Töne lauter, dass über kurz oder lang der von Israel völkerrechtswidrig besetzte Golan mit allen Mitteln – wenn nötig auch militärischen – nach Hause, nach Syrien, geholt werden muss. Das vorrübergehende Techtelmechtel der arabischstämmigen Einwohner mit Israel in den vergangenen Jahren könnte schon bald ein Ende haben. Die geheimen Führer der Drusen, die Uqqals, von denen die Mehrheit Frauen sind, werden nicht zulassen, dass sie ihr Land verlieren und damit die Grundlage fürs Leben und Überleben der gesamten Gemeinschaft.

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