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Geschichte, Kultur

SOLDATEN FÜR DEN FRIEDEN (Teil dreizehn)

von Harry Popow

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ im 70. Jahr der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

Als Arbeiter in Stalinstadt (Eisenhüttenstadt)

Kein Alltag – auch in Pinnow nicht – der nicht neue Überraschungen bereithält. Im Stab des Bataillons fragt man den Unterleutnant, ob er zu einem fünfmonatigen Produktionseinsatz für Offiziere möchte. Er will, obwohl er ja aus dem Bergbau kommt und die Erinnerung an die Produktion und die „Arbeiterklasse“ durchaus noch nicht vergessen hat. Aber er will raus aus der Truppe, wenigstens für einige Zeit. Ein wenig Abwechslung und neue Eindrücke können ihm nur gut tun. Wenige Tage nach dieser Anfrage muss er zur Aussprache nach Prenzlau in den Stab. Es ging um den Produktionseinsatz. Man schlug ihm Stalinstadt vor. Dort solle er im dortigen Eisenhüttenkombinat arbeiten. Spontanes Ja. Einst hatte er 1944 seinen Vater in einer Maschinenfabrik in Arnswalde (heute Polen) besuchen dürfen, da imponierte ihn die Größe der Werkhallen, das Dröhnen der Maschinen, die gewaltige Macht, die von ihnen ausgeht. Auch das Karl-Marx-Werk in Zwickau hatte es ihm angetan. Nun also wieder ein Riesenwerk. Er freute sich auf den Einsatz. Geld würde er vom Betrieb erhalten, das war ihm recht, Hauptsache wieder einmal mehr Leben schnuppern, mehr Freiheiten haben. Ihm leuchtete ein, die Offiziere, vor allem die etwas älteren, sollen in die Produktion, um die Verbindung mit der Arbeiterklasse nicht zu verlieren, für die sie ja die Waffen in die Hand genommen haben. Eine chinesische Erfahrung, die sich dort bewährt haben soll. Wir machen’s nach. „Na meinetwegen“, denkt Henry.

Henry ist seit Montag, den 2. Februar 1959, im Kombinat. Der kleine Unterleutnant im großen Getriebe der Produktion. Das macht mächtig Eindruck auf ihn. Er wird im Mischbunker eingesetzt. Er wird herzlich aufgenommen. Die ersten Nächte schläft er in einer Baracke. Dann erhält er einen Brief vom Direktor für Arbeit des VEB Eisenhüttenkombinates: „Werter Kollege! Entsprechend dem Gesetz zur Förderung der Jugend und der Verwirklichung des Sozialismus hat das Eisenhüttenkombinat J.W. Stalin … in der Straße des Komsomol Nr. 15, Block 95, Aufgang 5 erstmalig ein Wohnhaus mit Fernheizung als ein Jugendwohnheim eingerichtet. Damit wird angestrebt, den Jugendlichen unseres Betriebes ein schöneres und besseres Leben zu ermöglichen. Wir hoffen, dass Sie diese Mühe des Werkleitungskollektivs würdigen und dadurch unterstützen, indem Sie die dort geschaffene Einrichtung als Volkseigentum schätzen und zu deren Erhaltung beitragen …“

Henry ist rundum zufrieden. Das hält er auch in seinem Büchlein fest: Heißer, frisch aufgebrühter Tee ist doch etwas herrliches. Meine Brotsuppe, die ich eben gekocht habe, ist auch nicht schlecht. Die Wohnung für Ledige des Eisenhüttenkombinates liegt mitten im Zentrum und ist wirklich schön. Zwei Zimmer, Küche und Bad, Zentralheizung. Fühle mich richtig wohl. Im Betrieb arbeite ich im Mischhaus. Mit langen eisernen Stangen stoße ich das festklebende Erz von oben von der Bunkerwand. Es fällt in die sich drehende riesige stählerne Mischtrommel, wird mit anderen „Zutaten“ vermengt. Nach Schichtschluss habe ich frei. Nicht so, wie im Objekt in Pinnow, wo man immer auf dem Sprung sein muss, abberufen zu werden durch „Alarm!“ Oder die Männer meines Zuges haben irgend etwas angestellt usw. So kostbar dem Henry die Freizeit auch ist, er lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, innerhalb der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) an Segelflugstunden teilzunehmen. Dieser Sport hat ihn schon immer fasziniert, er hatte aber nie die Möglichkeit, ihn auszuführen. Nun bietet diese Organisation diese Chance. Etliche Stunden Theorie der Flugausbildung hat er bereits absolviert. Es macht ihm Spaß, neue Bedürfnisse befriedigen zu können, wenn dies auch nur von kurzer Dauer sein wird. Es ist am Abend. Henrys Blick geht aus dem Fenster auf den lichten und grünen Hof hinaus. Dort spielen die Kinder an Schaukeln, Klettergerüsten, Sandkästen, Bänken. Sie rufen, schreien, brüllen, stürzen, rennen, laufen zusammen und stieben wieder auseinander wie ein wild gewordener Haufen. Leben!

Cleo besuchte Henry in Stalinstadt. Für zwei volle Tage. Er hätte ihr ein Hotelzimmer bestellen können … Doch so blöd ist er nun wirklich nicht mehr. Endlich eine tolle Chance, mit Cleo ganz alleine zu sein … Cleo stutzte dann auch, als Henry sie in die Wohnung führte: „Was, hast du kein Hotelzimmer für mich?“ Aber als sie sah, wie Henry sein Zimmer für sie liebevoll hergerichtet hatte, mit Blumen auf dem Nachttisch, der innen sogar mit Silberpapier ausgeschlagen war und mit etlichen Flaschen guter Getränke bestückt, z. B. auch Eierlikör, da hielt sie es wohl für vernünftiger, zu schweigen und keine Fragen mehr zu stellen … Nach ihrer Abreise schrieb er diese Notiz: Cleo fuhr eben, 16.52 Uhr, wieder nach Hause. Habe mit einem Wohnungsnachbarn eine Flasche „Kakao mit Ei“ geleert. Und nun bin ich krank vor Sehnsucht. Wie leer es plötzlich in der Wohnung ist. Vor genau zwei Jahren haben wir uns kennengelernt. Beim Faschingsball mit der DAKO. Die zwei Tage hier in Stalinstadt brachten uns sehr viel näher. Wir waren im „Aktivist“ tanzen, wir schliefen zusammen, wir lieben uns. Es ist meinerseits nicht mehr nur Neugier und bloße Sehnsucht nach ihr – nein, ich kann ohne diese schöne, attraktive, kluge und kameradschaftliche Frau nicht mehr leben, das weiß ich jetzt. Und wie zur Bestätigung seiner Gefühle, schrieb ihm Cleo nach Tagen diese Zeilen: „Jedenfalls war es in Stalinstadt und bei Dir schön. Ich habe mir erst heimzu überlegt, wie schön Du alles gemacht hattest, siehe Blumen u. im Nachttisch Ananas, Pralinen und Likör … Deine Cleo.“

März 1959. Mittagsschicht. Kaum angefangen im Mischbunker, da kommt der Meister mit einer roten Azaleen. Zum Tag der NVA! Henry fühlt sich gut! Tage später notiert er: Kann kaum noch den Bleistift halten, so müde bin ich: Heute früh um 02 Uhr ins Bett, 04.30 zur Schicht, bis Mittag, dann zum Flugplatz, zum ersten Mal mit einem Segelflugzeug geflogen, Flughöhe 450 Meter, 18.30 Uhr zurück in meine Ledigenwohnung. Gute Nacht, Essen gekocht, gute Nacht Cleo!

Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten   Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen –  er bleibt ein Suchender!

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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