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Geschichte, Kultur

SOLDATEN FÜR DEN FRIEDEN (Teil zehn)

von Harry Popow

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ im 70. Jahr der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

Sekt in der Badewanne

Wer liebt Prüfungen, Abschlussprüfungen gar? Danach finden drei Jahre wohlbehütete strenge Ausbildung ihr Ende. Henry, dem das Militärische nun nicht gerade ans Herz gewachsen ist, muss zufrieden sein, gerade so über die Runden zu kommen. Bisherige Prüfungen auf der Sturmbahn, in Geschichte, im 3000m-Lauf sogar gut bestanden. Den Zwischenerfolg hat er mit seinem Freund Waldi im HdO (Haus der Offiziere) am Sonntag ausgiebig gefeiert. Manchmal schaut er sinnend aus dem Fenster des riesigen Schlafsaales. Ein farbenprächtiger Blick auf den Herbstwald. Stundenlang konnte er früher durch Laubwald laufen – ganz alleine. Wieviel Kraft und Ruhe er sich dabei holte. Im bevorstehenden Urlaub will Henry viel wandern. Übrigens: Was andere schon längst vor ihm taten – er entschloss sich erst jetzt, Kandidat der SED zu werden. Das hat ihm niemand eingegeben, unter dem Motto „du musst“. Es ist seine bisherige Erkenntnis: Das, was man als Partei anstrebt, eine humanistische Ordnung, deckt sich mit seinem großen gedachten Gemälde, seinen Vorstellungen von einer menschlichen Gesellschaft, von viel Wärme zwischen den Menschen und ohne Kriege, dies vor allem. Dies ist seine Messlatte. Sie wird er anlegen, mal bewusst, mal unbewusst. Freude ist vorprogrammiert und auch manches Anecken.

Am 7.10.1957 um 12.40 Uhr: Endlich im Ziel!! Nach drei Jahren Büffelei und mancher Entbehrung – vor drei Stunden und 40 Minuten sind die Schüler zum Offizier ernannt worden. Zum Unterleutnant. Nur jene wenigen, die mit Auszeichnung bestanden haben, wurden gleich Leutnant. Henry hat es eilig. Jetzt schnell umziehen, raus aus den Stiefeln, rein in die Ausgangsuniform – und ab in die Stadt. Am Abend in der Straße, wo Cleos zu Hause ist. Eine Schauspielerin, Cleo, Jutta, Henry, sein Freund Waldi und die Eltern von Cleo. Die Badewanne voll mit kaltem Wasser, darin jede Menge Sektflaschen. Cleos Mama Gerda hockt vor Henry, der auf einem Sofa sitzt, und sie sagt: „Wenn du doch unser Schwiegersohn wärst.“

Ab in die „Taiga“

Pinnow bei Angermünde. Dorthin ist Henry mit noch anderen jungen Offizieren, die soeben die Prüfungen bestanden und zum ersten Offiziersdienstgrad ernannt wurden, verfrachtet worden. Dort waren sie auch zum Praktikum. Die Enttäuschung sitzt tief in ihm. Wer zu viel träumt, kommt ins Stolpern. (…)

In einem der ersten Briefe an Cleo verschafft sich Henry ein wenig Luft: „Pinnow ist ein kleines, langweiliges Dorf. Eine Kirche, ein Konsum und ne Kneipe. Kein Theater, kein Niveau. Banales und langweiliges Geschwätz. Fünfzehn Minuten Bahnfahrt von Pinnow nach Angermünde. Eine Kleinstadt. Kleine, bald zusammenfallende Häuser, gepflasterte Straßen. Meine Gefühle sind wie abgestorben. Wie ich beurteilen kann, habe ich mich bisher gegenüber den Soldaten nicht überworfen und nicht ‚vergessen‘. Hier muss man viel Verständnis aufbringen. Viele Soldaten haben nur sechs bis sieben Klassen Grundschule besucht und sind tatsächlich sehr unwissend. Aber man darf den Mut nicht sinken lassen. Man muss immer das Gute und Schöne im Auge behalten.“

Es ist Mitte November. Hat sich Henry eingewöhnt? Vielleicht, keinesfalls aber angepasst. Er sucht weiter im Himmel nach einer Wolke für sich und hält fest: Es ist 18 Uhr. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Ich sitze in einem kalten Hotelzimmer in Angermünde. Draußen ist es dunkel. Die Glocken der Kirchturmuhr schlagen. Was hat mich hier nicht schon alles angeekelt. Ich muss mich aber zusammennehmen, alles ist vergänglich. Wie eine kleine wunderbare Blume inmitten eines trostlosen Gartens kam mir heute eine nette junge Dame vor, die ich in einem Laden sah. Montag will ich zur Modenschau in den „Berliner Hof“, einem Hotel und Restaurant. Carlo Rausch aus Leipzig führt sie vor. Mittwoch bekam ich einen netten Brief von Cleo. Interessiert sie sich noch ein wenig für mich? Ein Jahr will ich es hier durchhalten – und dann Versetzungsgesuch nach Rostock oder Schwerin schreiben, (oder Leipzig?).

Der Soldatenalltag hat seine Tücken. Eine straffe Ausbildung hätte sich Henry ja noch gefallen lassen, so aber vergeht einem alles. Immer wieder fragen er und die anderen Zugführer sich, was denn das nur für eine Ausbildung ist? Manchmal hat Henry nur an die zehn Soldaten (immer noch alles Freiwillige) im Zug, und wenn die noch zum Wirtschaftsdienst in die Küche müssen, dann schreibt er neue Konspekte für eine Ausbildung, die noch in den Sternen steht. Des Abend’s wissen die jungen Offiziere mitunter noch nicht einmal, welches Thema am nächsten Tag dran ist. Henry erinnert sich: Es gibt zwar einen Plan, aber es kommt eben oft anders, auch plötzliches „Wache stehen“ mit dem Zug. Mal im eigenen Objekt, mal in Prenzlau, wo unser Stab des Schützenregiments liegt. Auch der Feierabend ist überhaupt nicht planbar. Da hocken wir Zugführer in der Baracke, im eisernen Öfchen glimmen die Briketts, und wir warten wie „auf Kohlen“ auf den Kompaniechef, der jetzt, um 21 Uhr, noch einmal zur Besprechung in den Stab musste.

Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten   Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen –  er bleibt ein Suchender!

 

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

https://www.epubli.de//shop/buch/AUSBRUCH-AUS-DER-STILLE-Harry-Popow-9783748512981/83705?utm_medium=email&utm_source=transactional&utm_campaign=Systemmail_PublishedSuccessfully

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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