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Bischof auf Abwegen: „Nationalismus widerspricht christlichen Werten“

von von Andreas Richterhttps://deutsch.rt.com

Bild: Unter Freunden: Bischof Bedford-Strohm zusammen mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama und Kanzlerin Merkel beim Evangelischen Kirchentag in Berlin im Mai 2017
Der Nationalismus sei nicht mit christlichen Werten vereinbar, meint der EKD-Vorsitzende Bedford-Strohm. Damit stellt er sich hinter Politiker, die diese Ideologie vor Monaten als Feindbild entdeckt haben. Hat der Bischof recht? Und was soll das Ganze?

Vor der Wahl zum EU-Parlament hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, scharf gegen den Nationalismus Stellung bezogen. Der dpa sagte Bedford-Strohm in Brüssel:

Für mich besteht ein tiefer Widerspruch zwischen nationalistischen Einstellungen und den Grundorientierungen des christlichen Glaubens.

Heimatliebe sei etwas Wunderbares. Doch Nationalismus stelle das eigene Land an erste Stelle und werte andere ab. „Ein Deutscher ist nicht mehr wert als der Mensch aus einer anderen Nation“, so der EKD-Ratsvorsitzende weiter.

Bedford-Strohm schlägt mit seinen Äußerungen in dieselbe Kerbe wie eine Reihe prominenter Politiker, unter ihnen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Heiko Maas, zuletzt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie sämtliche Spitzengrüne. Sie alle präsentierten zuletzt den Nationalismus als das Feindbild unserer Tage, als Gegenbild der von ihnen gepriesenen europäischen Integration.

Wehret den Anfängen! Heiko Maas beim Erinnern.

Dem Ganzen liegt eine absichtliche oder auf Unwissenheit beruhende Fehlinterpretation des Nationalismusbegriffs zugrunde. Dabei bezeichnet dieser erst einmal nur die Ideologie, nach der die Angehörigen einer Nation in einem eigenen Staat leben sollten. Diese Ideologie hat Europa in den vergangenen 200 Jahren geprägt.

Niemand kann ihre problematischen Seiten in Abrede stellen, etwa die Probleme eines übersteigerten Nationalismus und Chauvinismus oder einander entgegengesetzte Nationalismen. Deshalb aber den Nationalismus an sich zu verdammen, ist unhistorisch und geradezu albern. Diese Ideologie ist da und wirkmächtig, auch im sich für aufgeklärt haltenden Teil Europas. Sie lässt sich nicht wegpredigen. Es gilt, einen vernünftigen Umgang mit ihr zu finden.

Bertolt Brecht beschrieb in seiner Kinderhymne von 1950, die leider nicht zur deutschen Nationalhymne wurde, wie ein aufgeklärter Nationalismus aussehen kann, der sich sicher auch mit christlichen Werten vereinbaren lässt:

Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
Dass ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Dass die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin,
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern woll’n wir sein
Von der See bis zu den Alpen,
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern,
Lieben und beschirmen wir’s.
Und das Liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihr’s.

Wenn nun Politiker und Kirchenobere Nationalismus als Feindbild entdecken und ihm den Supranationalismus der Europäischen Union entgegenstellen, zeigt das auch, wie abgehoben und entrückt sie sind. Denn die Nation ist immer noch untrennbar mit der Demokratie verbunden; beim „Kleinen Mann“ verstärken Äußerungen wie die des Bischofs nicht ohne Grund den Eindruck, dass ihm etwas weggenommen werden soll – das Recht, mit zu entscheiden.

Bischof Bedford-Strohm sollte sich ohnehin fragen, ob es seiner Kirche gut ansteht, sich wieder einmal derart eng an den politischen Zeitgeist anzukuscheln. In der Vergangenheit führte genau diese Nähe dazu, dass auch die Kirche chauvinistische Ideen verbreitete und sich in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickte. Sünden der Vergangenheit durch Übersteigerung der politischen Korrektheit wettmachen zu können, ist ein Irrglaube, dem nicht nur die Evangelische Kirche anhängt.

Mehr zum ThemaNeoliberale Ordnung steht für endlose Kriege und ist die Ursache für Untergang der EU

https://deutsch.rt.com/meinung/87799-bischof-auf-abwegen-nationalismus-widerspricht/

Diskussionen

3 Gedanken zu “Bischof auf Abwegen: „Nationalismus widerspricht christlichen Werten“

  1. Die Kirchenfürsten waren immer schon angepasste Leute und kuschelten gerne mit der staatlichen Obrigkeit. Der Nationalismus, der heute als “böse“ gebrandmarkt wird, hatte eine progressive Funktion und war mit einem Differenzierungsprozess der Völker verbunden. Der Nationalismus war im gewissen Sinne das erwachte Selbstbewusstsein, dass ICH der Völker. Siehe auch Aufklärung (Literatur, Philosophie etc.).
    Seitens der Herrschenden wurde der Nationalismus jedoch später überhöht (Chauvinismus), missbraucht und Bestrebungen dienstbar gemacht, die in den Ersten Weltkrieg (Neuaufteilung der Welt) mündeten. In Summa, eine genuine antinationale Politik. Nichts anderes war es mit Hitler und seinen Braunhemden. Bemerkt sei, dass es in dieser Zeit Konzeptionen entstanden, die einen supranationalen Staat Europa postulierten oder konstruierten. Freilich unter deutscher Ägide, die sich aus der wirtschaftlichen Macht ableitete. Das Konstrukt EU als supranationaler „Staat“ ist schließlich antinational orientiert.

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    Verfasst von lumpazivagabundus | 5. Mai 2019, 19:43
  2. Hier hat der Autor dieses Beitrags entweder nur oberflächlich nachgedacht oder wollte bewusst eine kritische Analyse umgehen. Wenn Bischof Bedford-Strohm sagt, dass er einen Widerspruch zwischen nationalistischen Einstellungen und den Grundorientierungen des christlichen Glaubens sieht, so ist erst einmal zu klären, was Nationalismus bedeutet. Dieser Klärung des Begriffes stellt sich der Autor des Beitrags nicht, was er mit seiner völlig falschen Interpretation des Gedichts von Berthold Brecht verdeutlicht, indem er ihn zum Nationalist disqualifiziert.

    Der Nationalismus ist keine Ideologie wie der Autor des Beitrags meint, sondern Bestandteil der reaktionären bürgerlichen Ideologie in der nationalen Frage. Als ideologischer Bestandteil soll er die Nationen zerstören durch Niederreißung der nationalen Schranken und durch Herausbildung der internationalen Einheit des Kapitals, des wirtschaftlichen Lebens, der Politik, der Wissenschaft etc. Somit dient er zur Ausplünderung der Nationen, zur Unterjochung der Nationen unter das jeweils stärkste Finanzkapital und leistet gute Dienste im Sinne des Opportunismus, indem er in sozialdemagogischer Form die antinationale Politik in die Hirne des Volkes schleust. Das ist die Politik der EU-Befürworter der EU-Staaten und der EU-Zentrale in Brüssel. Ihre Entscheidungen richten sich immer stärker gegen den Willen des Volkes der jeweiligen EU-Staaten – Beispiele dafür: der immer stärkere Abbaus der Souveränität der EU-Staaten, die immer mehr in den Vordergrund gerückte Militarisierung der EU.

    In dem Gedicht von Berthold Brecht ist weder Nationalismus noch aufgeklärten Nationalismus – welche Bedeutung auch immer dieses Konstrukt des Autors des Beitrags haben soll – zu erkennen. Schon mit der ersten Strophe macht Brecht deutlich, dass es um den proletarischen Internationalismus – also dem Gegenteil von Nationalismus – geht, indem er schreibt, dass ein gutes Deutschland leben soll wie jedes andere gute Land. In der zweiten Strophe unterstreicht Brecht das mit den Worten, dass die Völker sich die Hände reichen sollen – also brüderlich auf gleicher Augenhöhe sich verbunden fühlen. Das kommt mit der dritten Strophe ganz klar und deutlich zum Ausdruck, wenn er schreibt, dass das deutsche Volk nicht über noch unter anderen Völkern – also gleichberechtigt gegenüber anderen Ländern – sein will. Wenn er dann in der vierten Strophe schreibt, dass das deutsche Volk sein Land verbessern will, dann ist dabei zu beachten, dass er es 5 Jahre nach dem Ende des Zweiten vom Deutschen Reich ausgegangenen Weltkriegs schrieb, mit dem das faschistische Deutschland Tod, Zerstörung, Brutalität, Not, Leid und Tränen über die Völker ganz Europas und über Teile Afrikas brachte, was für immer durch Schaffen eines neuen, friedliebenden Deutschlands ein Ende haben soll.

    Aber nach etwas mehr als 50 Jahren stürzte sich dieses Land völkerrechtswidrig und gegen die eigene Verfassung Artikel 26 Absatz 1 in den Angriffskrieg gegen die VR Jugoslawien. Niemand wurde bisher für diese Handlung zur Verantwortung gezogen. Deshalb konnte weiter den US-Kriegstreibern in Afghanistan, Syrien und auch im Irak gedient und deutsche Soldaten an die Nordgrenze zur Russischen Föderation gestellt sowie deutsche Soldaten nach Mali beordert werden, um dort die französischen Kolonisten zu unterstützen. Das ist Ausdruck des Nationalismus der in Deutschland in wahrer Blüte steht.

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    Verfasst von Gerd Pehl | 5. Mai 2019, 18:55
  3. Ich gebe dem Autor völlig recht. Die evangelische Kirche hat leider seit Jahrhunderten die Angewohnheit, in den After der Fürsten, des Hohenzollern-Kaisers oder des „Führers“ zu kriechen. Ein wenig mehr Machtferne wäre dringend zu empfehlen.
    Hier hänge ich ein Zitat an, mit dem die evangelischen Deutschen Christen sich mit dem Hitlerfaschismus gemein gemacht haben.

    „Der geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche, erstmalig seit Beginn des Entscheidungskampfes im Osten versammelt, versichert Ihnen, mein Führer, in diesen hinreißend bewegten Stunden aufs neue die unwandelbare Treue und Einsatzbereitschaft der gesamten evangelischen Christenheit des Reiches. Sie haben, mein Führer, die bolschewistische Gefahr im eigenen Lande gebannt und rufen nun unser Volk und die Völker Europas zum entscheidenden Waffengange gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kultur auf. Das deutsche Volk und mit ihm alle seine christlichen Glieder danken Ihnen für diese Ihre Tat. Daß sich die britische Politik nun auch offen des Bolschewismus als Helfershelfer gegen das Reich bedient, macht endgültig klar, daß es ihr nicht um Christentum, sondern allein um die Vernichtung des deutschen Volkes geht.
    Der allmächtige Gott wolle Ihnen und unserem Volk beistehen, daß wir gegen den doppelten Feind den Sieg gewinnen, dem all unser Wollen und Handeln gelten muß….

    Charlotttenburg, den 30. Juni 1941″.

    Aus dem zitierten Text spricht der heute noch virulente Russen-Hass, der damals verpackt als „Anti-Bolschewismus“ auftrat.
    (Eigentlich glaube ich nicht, dass der Kirche noch zu helfen ist),
    mfG
    Harald Friese

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    Verfasst von Harald Friese | 5. Mai 2019, 13:40

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