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Geschichte, Kultur

SOLDATEN FÜR DEN FRIEDEN (Teil fünf)

von Harry Popow

Bild: Zwickau 1954: Berglehrling Henry

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ im 70. Jahr der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

Steinkohlen-Zeit

Zwickau, Seminarstraße 1. Ein großes graues Gebäude – die Bergbauberufsschule. Glück für Henry. Die Lehrzeit beginnt erst Mitte September, also noch über zehn Tage Zeit. Er meldet sich jedenfalls an und wohnt ab 15.9.1954 im Lehrlingswohnheim. Das Bergwerk der Steinkohle heißt „Karl Marx“. Es gibt noch ein zweites Bergwerk – „Martin Hoop“. In den Schaufenstern der Stadt sieht er die ersten Fernsehapparate mit den kleinen Bildschirmen. Aber so etwas Technisches macht ihn nicht an. Zuerst paukt er nur Theoretisches. Über die Geschichte des Bergbaus, über die Untertagearbeiten, wie die Technik heißt, die die jungen Leute da unten erwartet, und daß die Steinkohlenflöze noch Vorräte für weitere siebzig Jahre im Berg festhalten. Also ganz schöne Aussichten. Im Sommer beginnt die praktische Arbeit unter Tage. Zuvor Kleider wechseln in einer großen Halle. Von der Decke herab baumeln an langen eisernen Ketten wie geräucherte Ware die dunklen Arbeitsklamotten. Der Lehrling öffnet das Sicherheitsschloß, läßt die Kette herunter. Sein sauberes Zeug kommt an den Haken, alles hochziehen, fertig. Grubenlampe empfangen. Rein in die Fahrt, so nennt sich der „Fahrstuhl“, und ab in die Tiefe. Kribbeln im Bauch, denn die Mannschaftsfahrt hat eine Sinkgeschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde. (Die Produktenfahrt ist doppelt so schnell.) 900 Meter Tiefe (Teufe). Eine unheimliche Stille empfängt die jungen Bergleute. Irgendwo kreischt ein „Hunt“ in den Weichen, so heißen die kleinen Wägelchen für den Kohletransport. Langsam tasten die Lehrlinge sich vorwärts, die elektrisch betriebenen Grubenlampen in ihren Händen werfen nur ein spärliches Licht auf den dunklen Stollenboden. Manchmal blitzt eine kleine Wasserpfütze auf. Dann und wann müssen die Männer eine „Schleuse“ passieren, ein Wetter, durch die der Grubenwind geregelt wird. Endlich am Ziel, man sagt „vor Ort“. Aus einer Kiste holt Henry sein Gezähe (Werkzeug), lockert mit dem Picker das Schwarz aus der Grubenwand, haut Stempel (Stützbalken) zurecht, hilft mit, den neu entstehenden Stollen abzusichern, übt sich im Handversatz, verletzt sich an der Schüttelrutsche, trinkt schwarzen Kaffee aus der großen Blechkanne, wartet sehnsüchtig auf das Ende der Schicht, auf den hellen Himmel über der Stadt …

Nach der Ausfahrt unter die Dusche. Er lernt, sich richtig zu waschen. Beim zweitenmal glaubt er, jetzt geht‘s. Ein Blick in den Spiegel überzeugt ihn vom Gegenteil: Die Augenbrauen, der Haaransatz am Kopf, die Ohrmuscheln – alles ist noch pechrabenschwarz. Zum Teufel noch mal! Das ganze noch einmal. Bald bekommen die Lehrlinge ihr erstes eigenes Lehrlingsgeld: 20 M Abschlag. Das ist ein Gefühl! Überhaupt, Henry fühlt sich wohl, er versteht sich mit den anderen Lehrlingen gut, seine erste Erkenntnis: Manche, die ihm fürs erste nicht so nahe sind, erweisen sich dann doch als prima Kumpel. Und dann noch das: Für gutes Lernen überreicht man ihm drei Bände Goethe und sechs Bände Heine. Er meldet sich in einer neu gegründeten Volkstanzgruppe an, und da er nicht ungeschickt ist, nimmt man bei ihm Maß für eine entsprechende Tracht. Eigentlich wollte er gar nicht so sehr tanzen, ihm liegt vielmehr daran, bei dieser „Gelegenheit“ ein Mädchen kennenzulernen. Aber manchmal muß er daran denken, wie schön es sein müßte, über Tage arbeiten zu können, unter dem blauen Himmel, an frischer Luft.

Dann passiert etwas. Henry ist gerade in Leipzig in Urlaub, da stürzen im Erzgebirge Wassermassen vom Frühlingshimmel. Die Zwickauer Mulde kriecht schnell über die Ufer, läßt ihre schmutzigbraunen Wasser in die Stadt laufen. Ahnungslos steigt Henry nach dem Urlaub am Bahnhof aus – Totenstille. Ein einziger Straßenbahnwagen steht bereit für die Fahrt ins Zentrum. Das ist nicht nur merkwürdig, das ist gespenstig. Ihm schwant etwas, doch er steigt ein. Nach zwei oder drei Haltestellen ein Halt. Alles Aussteigen! Und dann steht man an einem Ufer, einem „Straßenufer“. Mitten in der Stadt. Kähne verkehren. Der Lehrling Henry muß ans andere Ende der Stadt, ins Lehrlingswohnheim. Doch das wird erst morgen klappen. Zunächst muß er in ein Massenquartier. Schöne Bescherung! Tage später. Eine gute Nachricht von der Bergbauberufsschule. Man eröffnet ihm, daß er wegen seines Alters ein Jahr der Ausbildung überspringen könne, muß aber Wurzelziehen und andere Lehraufgaben im Selbststudium in den Ferien nachholen. Er paukt. Und weil er Grippe hat – auch im Bett. Dann bekommen einige Lehrlinge einen ersten FDGB-Ferienscheck: Für die Ostsee, für ein Heim der Steinkohle in Heringsdorf. Henry ist dabei. Auf der Rücktour besucht Henry seinen Papa in Berlin-Eichwalde. Der freut sich, kauft seinem ältesten Sohn einen Anzug für 300 DM, damals sehr viel Geld. Henry bedankt sich. In dessen Position beim Minister für Maschinenbau bezieht er ein gutes Gehalt. Als Erich Ziebell  hört, daß sein Sohn später gerne Geologie studieren würde, empfiehlt er ihm, seine Lehrstelle in Zwickau aufzugeben. Durch seine guten Beziehungen vermittelt er ihn im Handumdrehen an die „Staatliche Geologische Kommission“, Außenstelle Schwerin. „Ja, das ist es,“ denkt Henry und freut sich riesig. Also löst er in Zwickau seinen Ausbildungsvertrag – sogar ohne Schwierigkeiten. Ist es ein Kapitulieren vor der harten Arbeit im Schacht? Nein! Ihn erwartet eine für ihn bessere Variante für die Zukunft.

Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und das Haus, in dem die Popows wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten   Schlußfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen –  er bleibt ein Suchender!

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. Taschenbuch: 500 Seiten, Verlag: epubli; Auflage 1 (18. Februar 2019), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3748512988, ISBN-13: ISBN: 9783748512981, Preis: 26,99 Euro

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