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Ausland, Nordamerika

„Das bin nicht mehr ich!“ Die neue Obdachlosigkeit in den USA lässt die Zeltstädte wachsen.

von Terrence M. Coy – http://www.luftpost-kl.de

Foto: Michael S. Williamson

Die Washington Post hat einen erschütternden Bericht über die misslichen Verhältnisse veröffentlicht, in die sogar Obdachlose mit Jobs in der US-Hauptstadt geraten können.

In einer der Zeltstädte kämpft Monica Diaz um ihren Vollzeitjob und ihre Würde.

An einem kalten Donnerstagmorgen um 10 Uhr kauerte Monica Diaz voller Angst in ihrem Zelt (in der Washingtoner Innenstadt). Seit der letzten Räumung waren zwei Wochen ver­gangen, und schon bald würden von Polizisten begleitete städtische Arbeiter mit Lastwa­gen zum Abtransportieren des Räumungsmülls auftauchen, um die aufgebauten Zelte zu beseitigen. Das Aufwachen am Morgen war immer schrecklich, am schlimmsten war es aber an Tagen, an denen Monica nachts nicht schlafen konnte, weil ihre Obdachlosigkeit (durch die bevorstehende Räumung) wieder einmal öffentlich bloßgestellt würde. Sie hätte ganz gern verborgen, dass sie mit 40 Jahren in einem Zelt leben musste, weil sie sich kei­ne andere Unterkunft leisten konnte.

„Kann’s losgehen?“ fragte Monica ihren Mann nach der schlaflosen Nacht, die beide – we­gen der Kälte an ihren Hund Sassy gekuschelt – in einem Zelt in der Nähe der Union Stati­on (eines Bahnhofs) und des CNN-Büros in Washington verbracht haben.

„Gleich,“ stöhnte der 31 Jahre alt Pete Etheridge.

Sie schauten sich in ihrem Zelt um, das nicht nur ihre ganze Habe enthielt, sondern auch eine Lebensweise widerspiegelte, die im Laufe des letzten Jahrzehnts die Obdachlosigkeit in den USA immer stärker zu prägen begann. Da die Mieten in städtischen Boom-Gebie­ten explodiert sind, nimmt die Zahl der Zeltstädte in fast allen US-Bundesstaaten ständig zu; sie sind zum sichtbarsten Zeichen dafür geworden, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Im Orange County in Kalifornien (s. https://de.wikipe­dia.org/wiki/Orange_County_(Kalifornien) ) wurden im letzten Jahr mehr als 700 Men­schen aus einer Zeltstadt am Santa Ana River vertrieben; weil Tausende (Anwohner) eine Petition unterzeichnet hatten, war Anaheim (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Anaheim ) zum Notstandsgebiet erklärt worden. Seattle hat inzwischen einige Zeltstädte zu De-Facto­Kommunen erklärt und ihnen eigene Telefonnummern und Adressen zugeteilt. Gleichzeitig ist die Anzahl der Zeltlager-Räumungen im Bezirk Seattle nach städtischen Unterlagen von 29 im Jahr 2015 auf 100 im Jahr 2018 angestiegen.

Monica, eine korpulente Frau mit krausen Haaren, die schon in ihrem siebten Zelt lebt, weil Räumkommandos die sechs, die sie vorher besaß, einfach mitgenommen haben, schaute auf die geschäftige Umgebung und begann sich auf das Erwartete vorzubereiten. Sie würde Kleidungsstücke und Decken in schwarze Abfalltüten stopfen, das blaugraue Nylonzelt zusammenfalten, alles in einen Einkaufswagen packen und (vor dem erwarteten Räumkommando) in Sicherheit bringen müssen. Bald könnte sie zusehen, wie Arbeiter alle auf ihrem Zeltplatz in der First Street der New York Ave hinterlassenen Spuren beseiti­gen würden. Anschließend würden sie und ihr Partner zurückkehren und ihr Zelt wieder aufstellen; sie würde eine Schmerztablette nehmen und nochmals zu schlafen versuchen, bis es Zeit wäre zur Arbeit in einem Schnellrestaurant zu gehen.

„Wir müssen alles von hier wegbringen,“ sagte sie und zeigte auf die benachbarte Straße. Pete schaute auf die wegzupackenden Sachen und schüttelte den Kopf, als sich ein Mann in einem braunen Mantel näherte. Er kam von „Street Sense“ (s. https://www.streetsense­media.org/about/ ), einer städtischen Behörde für Obdachlose, und musste normalerweise dafür sorgen, dass die Räumungen widerstandslos verliefen; diesmal teilte er den Beiden aber mit, die Räumung sei verschoben worden, weil die Stadt Unterkühlungen (bei vertrie­benen Zeltbewohnern) befürchtete. Monica und Pete würden ihr Zelt also nicht abbrechen müssen – wenigstens nicht am heutigen Tag.

„Die Räumung wurde verschoben?“ fragte Monica, bedeckte mit einer Hand ihren Mund und schloss die Augen. „Oh, mein Gott! Wir wollten doch gerade unser ganzes Zeug zu­sammenpacken!“

Sie umarmte erst den Mann und dann Pete; die beiden Zeltbewohner waren so erleichtert, dass sie zu weinen begannen.

„Ich liebe dich, Baby,“ sagte Pete und drückte sein Gesicht an ihres.

„Wir werden es schon schaffen,“ sagte sie zu ihm und wischte ihm die Tränen aus den Gesicht.

Das Schild an einen Metallpfosten hinter ihnen zeigte jetzt das Datum der nächsten Räu­mung an.

Den 28. Februar, zehn Uhr vormittags – genau zwei Wochen später.

Das Leben im Zelt ist beschwerlich. „Auch hier sparen wir Energie,“ versuchen sie, rückbli­ckend auf ihre frühere Wohnsituation, zu scherzen. Eine Zeltseite ist ihr „Kleiderschrank“; dort stapeln sich die Kleidungsstücke, die ihnen von einer Kirchengemeinde gespendet wurden. Die Zeltmitte ist ihr „Schlafzimmer“; dort liegen Decken und Schlafsäcke. Die an­dere Zeltseite dient ihnen als „Küche“ und „Badezimmer“; dort bewahren sie die Nah­rungsmittel und die Toilettenartikel auf, die Monica von ihrem Lohn kauft, den sie alle zwei Wochen bekommt.

Ihre jetzige Arbeitsstelle hat Monica kurz nach der letzten Räumung gefunden. Normaler­weise zieht sie erst um 3 Uhr nachmittags den Reißverschluss ihres Zeltes auf und kriecht hinaus in die Helligkeit des Tages – immer noch müde, mit verquollenen Augen und zer­zausten Haaren. Sie zieht sich die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf, und Pete sichert das Zelt mit einem Vorhängeschloss. Der Hund Sassy bleibt auf einem Stapel Decken zu­rück. Dann begeben sich beide in die Union Station, die für Hunderte von Obdachlosen als Epizentrum ihres täglichen Lebens fungiert. Dort können sie sich waschen, eine Toilette aufsuchen, eine preiswerte Mahlzeit bei Bojangles (s. https://www.bojangles.com/ ) oder McDonald kaufen und sich aufwärmen. Dabei tauchen sie ein in eine größtenteils unsicht­bare, parallele Wirklichkeit, die von den vielen Tausend Menschen, die täglich durch die­sen Bahnhof strömen, zu Zügen eilen, einen Kaffee kaufen oder in einer vom Ehrgeiz an­getriebenen Stadt ihren Geschäften nachgehen, überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Weil einige dieser Menschen Gäste des Schnellrestaurants sein könnten, in dem Monica arbeitet, geht sie mit heruntergezogener Kapuze durch einen Nebeneingang, an dem Last­wagen Waren anliefern und durch den die Bahnhofsrestaurants ihre Abfälle entsorgen. Dabei fragt sie sich oft, wie es dazu kommen konnte?

Sie weiß, dass sie einige Fehler gemacht hat. Immer wieder blieben Rechnungen unbe­zahlt, und weil sie erfolglos versuchte, an der Towson University (s. https://www.towson.e­du/ ) einen Abschluss zu erwerben, stiegen ihre Schulden so stark an, dass sie ihre Kredit­würdigkeit verlor. Vor vier Jahren war wegen Drogenhandels Klage gegen sie erhoben, aber später wieder fallen gelassen worden. Wie konnte es dazu kommen? Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie noch eine Wohnung, ein Auto und einen Job in einem Price-Rite-Su­permarkt (s. https://en.wikipedia.org/wiki/Price_Rite ) in District Heights (s. https://en.wiki­pedia.org/wiki/District_Heights,_Maryland ), der gut bezahlt wurde und ihr die Chance bot, zur Managerin aufzusteigen. Aber dann kam Pete – ein ruhiger Mann mit einem großen Herzen, dem sie vor sieben Jahren ihre Telefonnummer gab, weil sie ihn in den Straßen ihrer Heimatstadt Washington mehrmals getroffen hatte. Als er sie besuchte, sagte er, ihr Zusammentreffen müsse einen Grund gehabt haben, und blieb einfach da.

Ihre erste gemeinsame Wohnung war ein Einzimmer-Apartment in Temple Hills in Mary­land (s. https://en.wikipedia.org/wiki/Temple_Hills,_Maryland ). Die 900 Dollar betragende Miete war kein Problem, weil sie bei Price Rite gut verdiente und er nachts in einem Groß­markt Lebensmittel einsortierte. Monica kochte an den meisten Abenden Gerichte aus der Dominikanischen Republik oder aus Guatemala, nach Rezepten ihrer Mutter und ihrer Großmutter, die schon lange gestorben waren. Als sie sich im Mai 2016 verlobten, postete Monica auf Facebook ein Bild von den silbernen Verlobungsringen, die sie füreinander ge­kauft hatten. Während sie in ihrem Apartment glücklich waren, dräute Unheil herauf.

Sie wohnten in Lynnhill Condominiums, einem massiven Gebäude, dessen Wohnungen überwiegend an Menschen mit geringem Einkommen und mit Zahlungsproblemen vermie­tet waren. Als im Oktober 2016 wegen ausstehender Zahlungen der Strom abgeschaltet wurde, zogen viele Mieter aus. Monica und Pete blieben. „Ich hangle mich von Gehalts­scheck zu Gehaltsscheck,“ erzählte Monica einem Fernsehreporter. Damals sah sie noch ganz anders aus. Sie trug eine Brille und Ohrringe und ihre Haare waren gepflegt. Sie sagte dem Reporter auch: „Ich kann hier nicht weg.“ Weniger als ein Jahr später wurde das Gebäude von der Feuerwehr des Prince George County’s gesperrt. „Aus Sicherheits­gründen müssen Sie das Gebäude verlassen,“ hatte die Polizei über Lautsprecher vom Parkplatz aus angeordnet. „Womit haben wir das verdient?“ fragte Monica verzweifelt in einem weiteren Fernsehinterview. „Wir haben die Miete bezahlt und hart dafür gearbeitet. Warum tun sie uns das an?“ Sie mussten ausziehen und auf der Straße leben – das ge­räumte Gebäude wurde an ein Immobilienunternehmen verkauft.

Zwei Jahre danach waren Monica und Pete auf dem Weg zum Busbahnhof der Union Sta­tion, weil es in dessen Nähe einen Waschraum gab, den Monica immer aufsuchte, bevor sie zur Arbeit ging. Dort konnte sie sich in eine Waschkabine einschließen, einen Moment für sich allein sein, einmal tief durchatmen und sich waschen. Als sie entdeckte, dass der Waschraum heute wegen Bauarbeiten geschlossen blieb, stöhnte sie enttäuscht auf.

Sie wusste, wie wichtig es war, nicht wie eine Obdachlose auszusehen. Als sie Lynnhill verlassen und zum ersten Mal auf der Straße leben musste, konnte sie ihren Job bei Price Rite noch monatelang behalten. Als sich ihr Äußeres wegen Schlafmangels und unzurei­chender Hygiene negativ veränderte, wurde sie aber entlassen. Weil sie vermeiden wollte, das ihr das wieder passierte, stieg sie die Treppe hinunter zur Damentoilette. Dort ging es so chaotisch zu, wie sie befürchtet hatte. Touristinnen, Pendlerinnen und obdachlose Frauen drängelten sich in einer langen Schlange vor dem Waschbecken mit dem Spiegel darüber. Es dauerte einige Minuten, bis sie endlich davor stand.

Als sie zurückkam, war ihre Kapuze zurückgeschlagen, ihr Haar gekämmt und zu einem Knoten verschlungen. Sie trug weiße Ohrringe und ihre Lippen glänzten.

Pete lächelte sie an.

„Du siehst wie Mulan (eine Disney-Figur) aus,“ sagte er, als sie zur Straßenbahnhaltestelle in der H Street gingen, von wo aus sie zur Arbeit fahren würde. Er begleitete sie und ver­suchte sie aufzumuntern, indem er ihr immer wieder versicherte, dass sie gut aussehe.

Sie starrte ihn wütend an.

„Das stimmt nicht, Baby,“ fuhr sie ihn an, nahm sich aber gleich wieder zusammen und fügte sanfter hinzu: „Ich bin nur frustriert, weil ich nicht so aussehe, wie ich gern möchte. Du sagst mir immer, ich sei hübsch, ich fühle mich aber nicht so.“

Weil sie nicht mehr darüber sprechen wollte, wandte sie sich von ihm ab und hielt Aus­schau nach der Straßenbahn.

Einige Tage später begann es schon früh morgens in dicken Flocken zu schneien, und fast alle Geschäfte in der First Street blieben geschlossen. Pete begann sich Sorgen zu machen, weil Monica nach dem Aufwachen zur Toilette in der Union Station gegangen und nicht zurückgekommen war. Er wusste, dass Obdachlosigkeit einen Menschen zerstö­ren kann, denn, seit er 13 Jahre alt war, hatte er immer wieder auf der Straße gelebt, und er sah auch, wie Monica litt. Erst kürzlich war sie mehrere Stunden verschwunden und hatte ihm hinterher erzählt, „verrückte Gedanken“ gehabt zu haben. Wenn sie ihn jetzt brauchte, war er nicht bei ihr. Er musste sie finden.

„Hast du meine Frau gesehen?“ fragte er einen Obdachlosen vor dem Eingang der Union Station. Als der Mann den Kopf schüttelte, suchte Pete weiter in einem Lebensmittelladen, vor Verkaufsständen für Säfte und Süßigkeiten im Bahnhof und in der McDonald-Filiale, in der viele Obdachlose saßen. Monica war nicht zu finden.

Das war nicht das Leben, das er Monica versprochen hatte. Ihre erste Nacht als Obdach­lose hatten sie in einer Bushaltestelle in der Nähe eines Hotels verbracht, das sie sich nicht mehr leisten konnten; damals hatte er ihr versichert: „Wir werden es schon schaffen,“ und auch daran geglaubt. Sie versuchten es in Washington, weil die Bürgermeisterin Muri­el E. Bowser (s. https://en.wikipedia.org/wiki/Muriel_Bowser ) versprochen hatte, sich mehr um die Obdachlosen in ihrer Stadt kümmern zu wollen. Sie hofften, in der Stadt, in der sie sich kennengelernt hatten, Hilfe zu bekommen. Als sie bei städtischen Behörden um Hilfe baten, lernten sie schnell, dass sie nicht zu denen gehörten, die Hilfe erwarten konnten. Weil sie einen Hund hatten und Sassy nicht im Stich lassen wollten, waren die zudem nach Geschlechtern getrennten Unterkünfte keine Option für sie. Dass sie keine Kinder und keine gesundheitlichen Probleme hatten, machte ihre Chancen auf eine Unterkunft völlig zunichte, weil andere Obdachlose dringender Hilfe brauchten. „Es geht Ihnen noch viel zu gut,“ hatte ihnen Ann Marie Staudenmaier erklärt, eine Rechtsanwältin, die für die Washington Legal Clinic for the Homeless (s. dazu auch https://en.wikipedia.org/wiki/Wa­shington_Legal_Clinic_for_the_Homeless ) tätig ist. „Wegen des großen Andrangs gehö­ren Sie nicht zu denen, die mit Priorität versorgt werden müssen.“

Pete wandte sich verzweifelt an einen weiteren Obdachlosen vor einer Filiale von Pret a Manger (s. https://www.pret.com/en-us ) mit der Frage: „Hast du mein Mädchen gese­hen?“

In den ersten Monaten in Washington waren Monica und Pete von Bank zu Bank und von Park zu Park gezogen und hatten überall geschlafen, wo sie sich sicher glaubten, bis ih­nen eine Frau von einer Kirchengemeinde ein Zelt schenkte. Das bedeutete ihnen alles, weil sei die wenigen Dinge die sie besaßen – darunter eine Kette mit einem goldfarbenen Kreuz und ein Paar Schuhe der Marke Converse (s. https://www.converse.com/de ), die dem modebewussten Pete sehr wichtig waren – darin verstauen konnten. Das Zelt gab ih­nen auch ein Gefühl von Geborgenheit. Als sie einmal nicht beim Zelt waren, kam ein Auf­räumtrupp der Stadt, und bei ihrer Rückkehr mussten sie feststellen, dass ihr Zelt mit all ihren Habseligkeiten verschwunden war. Auch andere Obdachlose hatten schon das Glei­che erlebt oder würden es bald erleben. „Wir werden regelrecht ausgequetscht,“ hatte der Obdachlose Montrel Williams nach einer solchen Totalräumung festgestellt: „Sie nehmen uns auch noch das Wenige weg, was uns geblieben ist.“

Mit den alle zwei Wochen durchgeführten Räumungsaktionen will die Stadt erreichen, dass die öffentlichen Plätze sicher und sauber bleiben. Für die Obdachlosen und die Rechtsanwälte, die sich für sie einsetzen, sind das aber vor allem inhumane Maßnahmen, die nichts gegen die Obdachlosigkeit ausrichten, sondern sie für die Betroffenen nur noch schlimmer machen, weil ihnen dadurch nicht nur materieller, sondern auch psychischer Schaden zugefügt wird. Wegen Zerstörung unbeaufsichtigten Eigentums und der Verlet­zung von Bürgerrechten hat die Washingtoner Anwaltskanzlei Covington & Burling des­halb schon im letzten Jahr eine Musterklage gegen die Stadt eingereicht, die aber noch anhängig ist.

Pete wusste nicht mehr, mit welchem Zelt auch der in Maryland ausgestellte Führerschein Monicas verschwunden war, aber durch diesen Verlust war ihre letzte Verbindung zu ihrem alten Leben durchtrennt worden. Seither kann Monica (weil sie sich nicht mehr als US-Bürgerin ausweisen kann) nur noch Vollzeitjobs bekommen, wenn sie für weniger als die Hälfte des Mindestlohns nachts und „schwarz“ arbeitet. Mit Arbeiten auf Baustellen wollte auch Pete zum Ansparen der 2.000 Dollar beitragen, die sie bräuchten, um die erste Miete und die Kaution für eine kleine Wohnung bezahlen zu können; dieses Ziel konnten sie bisher aber nicht erreichen.

Aktuell hatte Pete aber ein noch dringenderes Problem: Er konnte Monica nicht finden. „Wo ist sie hingegangen?“ rief er beim Weitergehen. „Wo kann sie hingegangen sein?“

Dann sah er Monica plötzlich am Fuß einer Treppe in der Union Station, die zur U-Bahn führte; sie telefonierte mit ihrem Handy, das sie nur im Bahnhof aufladen und benutzen konnte, weil es dort einen kostenlosen Wlan-Zugang zum Internet gab. Sie lächelte, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatte. Mit wem sie wohl sprach?

„Wir Mädchen könnten uns einen schönen Abend machen,“ sagte sie ins Telefon. „Wir machen uns hübsch, ich lackiere deine Nägel und du meine. Und dann frisieren wir uns gegenseitig.“

Sie telefonierte mit ihrer 12-jährigen Halbschwester Selena, die bei ihrem Vater, den Moni­ca kaum kannte, in New York lebte. Monica hätte sie gern am Wochenende besucht, um aus der Kälte herauszukommen.

„Vielleicht auch ein andermal, wenn Vati mit seinen zwei Jobs mehr Zeit hat,“ sagte sie ins Telefon. „Ich versuche es möglich zu machen. Du, ich und Sassy, okay? Ich liebe euch und vermisse euch sehr, sag’s auch Vati, dass ich euch liebe.“

Sie beendete das Gespräch und weinte, weil sie genau wusste, dass sie kein Geld für eine Busfahrkarte nach New York hatte.

„Geht’s dir gut, Baby?“ fragte Pete.

„Ich habe einen Tiefpunkt,“ antworte sie und erinnerte ihn daran, dass der nächste Zahltag erst in drei Tagen war und kurz danach wieder eine Räumung anstand. Sie würde betteln müssen, um Essen kaufen zu können. „Betteln,“ wiederholte sie, und man merkte ihr an, wie sehr sie dieses Wort hasste. „Ich habe einen Tiefpunkt, weil ich nicht weiß, wie es wei­tergehen soll.“

Deshalb tat sie das einzige, was sie tun konnte. Sie ging mit Pete langsam durch den Schnee zurück zum Zelt, kuschelte sich neben dem wartenden Hund in die auf dem kalten Beton liegenden Decken und versuchte sich vor der nächsten Nachtschicht noch etwas auszuruhen.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte Monica noch als Kassiererin gearbeitet. Dabei konnte sie mit den Kunden reden, die auf ihre bestellten Hähnchenteile mit Pommes warteten. Das liebte sie am meisten an ihren Job: mit „normalen Menschen“ reden und dabei beobachten zu können, wie die auf sie reagierten – wie auf Ihresgleichen und nicht wie auf eine Ob­dachlose, an der man auf dem Gehsteig vorbei hastet. Doch dann hatte sie ihr Selbstver­trauen verloren. Dass in der Nähe ihres Zeltes wegen einer Baumaßnahme die Straße aufgerissen wurde, setzte ihr so zu, dass sie darum bat, in der Küche arbeiten zu dürfen. Dort arbeitete sie auch am 27. Februar, in der Nacht vor dem verschobenen Räumungs­termin.

Mit gesenktem Kopf panierte und frittierte sie Hähnchenteile, ohne mit jemand zu spre­chen. Sie wusste, dass ihre Arbeitskollegen nicht verstanden, warum sie unbedingt in die Küche versetzt werden wollte und so „sprachlos“ geworden war.

„Warum sind Sie immer so niedergeschlagen?“ hatten mehrere von ihnen gefragt.

Sie wollte ehrlich sein, fürchtete sich aber davor, auch diesen Job wieder zu verlieren, wenn sie zugab, als Obdachlose Essen für andere zuzubereiten. Deshalb log Monica: Weil ihre jüngere Schwester Selena Probleme mit der Schule habe, müsse sie früh aufstehen und Selena zum Unterricht bringen. Diese Geschichte schien die Kollegen zufrieden zu stellen, aber Monica fürchtete, dass die beiden Welten, die sie streng voneinander zu tren­nen versuchte – die Welt, in der sie arbeitete, und die Welt der Obdachlosen – plötzlich nicht mehr zu trennen wären. Sie fürchtete sich davor, mit einem Kunden in Streit zu gera­ten und deshalb gefeuert zu werden. Dann müsste sie in nur einer Welt leben, aber in der falschen.

Sie musste ihre ganz Kraft zusammennehmen, um ihre Angst zu verdrängen und nicht an den Müllwagen zu denken, der am nächsten Morgen zum Räumen käme, Sie musste sich auf ihrem Job konzentrieren: Hähnchen frittieren, Fische vorbereiten, Schokoladenkuchen schneiden, die Kohlsuppe umrühren und die Pasteten einpacken. Also alles für das Mor­gengeschäft vorbereiten, wenn nicht mehr aus den geschlossenen Bars kommende Be­trunkene, sondern Menschen bewirtet werden mussten, die frühstücken wollten.

Dann war es 3 Uhr morgens und ihre Nachtschicht war vorbei. Draußen wartete Pete mit Sassy auf sie. Sie tätschelte Sassy und gab Pete einen Kuss. Dann gingen sie gemein­sam zurück in die First Street, vorbei an neben ihrem Zelt geparkten Baufahrzeugen, zo­gen den Reißverschluss hinter sich zu und warteten auf den Morgen.

Als Monica fünf Stunden später den Reißverschluss wieder aufzog, befand sich die Umge­bung im Aufruhr. Der Mann, der monatelang – meistens betrunken – neben ihnen gelebt hatte war verschwunden und niemand wusste wohin. Eine Frau auf der anderen Straßen­seite, die ständig über ein Komplott Clintons räsonierte und Passanten mit rassistischen Sprüchen beschimpfte, hatte ihr Zelt schon leergeräumt, und war dabei es abzuschlagen. Die Gehsteige waren voller Bundesangestellter, die zum Bureau of Labor Statistics (s. htt­ps://en.wikipedia.org/wiki/Bureau_of_Labor_Statistics ) wollten, Nachrichtenleuten, die in CNN-Büros drängten und Studenten der Howard University (s. https://home.howard.edu/ ), die gekommen waren, um Zeugen der Räumung zu werden.

Die Außentemperatur betrug 38 Grad Fahrenheit (3,33 Grad Celsius). Sassy zitterte, als Monica begann ihre ganze Habe in schwarze Abfalltüten zu packen, und diese an Pete zu übergeben. Der verstaute sie wortlos in einem Einkaufswagen, bis um 9.30 Uhr eine kleine Frau eintraf und leise etwas zu ihm sagte. Dann drehte sich Pete zu Monica um, die im Zelt noch beim Packen war, und rief ihr zu:

„Die Räumung ist abgeblasen, es hat wieder eine Warnung vor Unterkühlung gegeben.“ Noch im Zelt rastete Monica aus:

„Warum tun sie uns das immer wieder an?“ schrie sie. „Das ist so frustrierend!“ Pete versuchte sie zu besänftigen: „Komm zu dir, es ist doch wirklich zu kalt.“

Sie konnte sich aber nicht beherrschen, auch wenn sie plötzlich zu der Frau wurde, die sie nie hatte sein wollen – obdachlos und auf der Straße herumschreiend. In Arbeitskluft vor­beikommende Arbeiter versuchten die unangenehme Szene zu ignorieren, und Pete ver­suchte vergeblich, Monica zu beruhigen.

„Diese Leute, die uns wie Idioten behandeln, machen mich krank und todmüde,“ schrie sie, „ich halte das nicht mehr aus. Seit Tagen geht mir dieses Schild nicht mehr aus dem Kopf, auf dem zu lesen ist, dass am 28. geräumt wird.“

Dann sank sie in sich zusammen.

„Ich sterbe hier, ihr müsst mir helfen, sonst sterbe ich,“ rief sie in die Runde. Pete schrie sie an: „Monica, sei doch nicht so laut!“

Aber Monica wandte sich erneut an die auf der Straße Vorbeigehenden:

„Nehmt uns doch endlich zur Kenntnis! Wir sind doch auch Menschen! Warum wollt ihr das nicht sehen?“

Aber die Passanten gingen unbeeindruckt vorbei. Monica und Pete begannen, ihre auf dem Einkaufswagen verstauten Habseligkeiten wieder in ihr Zelt einzuräumen, die Kleider auf die eine Seite und das Bett in die Mitte. Draußen gingen die geschäftigen Washingto­ner wie an jedem Werktag zur Arbeit, im Zelt will Monica nur noch schlafen.

Auf dem Schild in der Nähe ist jetzt zu lesen, dass die nächste Räumung erst in zwei Wo­chen am 14. März um 10 Uhr vormittags stattfindet.

(Wir haben den Bericht der Washington Post über die unmenschliche Behandlung der Ob­dachlosen in den USA komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern versehen.

Wann begreifen die vielen immer ärmer werdenden US-Amerikaner endlich, dass die gro­ßen sozialen Probleme in ihrem Land nur durch eine drastische Kürzung seiner ständig wachsenden Rüstungsausgaben zu lösen sind? Wie unter https://www.washington-post.com/local/social-issues/were-human-beings-the-homeless-woman-yelled-acknowled-ge-us-then-people-did–in-a-way-she-didnt-expect/2019/03/28/64131000-50b5-11e9-8d28-  f5149e5a2fda_story.html?utm_term=.fc53e43dbcfe nachzulesen ist, haben die beiden Ob­dachlosen inzwischen Hilfe von Mitmenschen bekommen.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland gibt es immer mehr Obdachlose, von denen vie-le unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen.)

https://www.washingtonpost.com/news/local/wp/2019/03/22/feature/this-is-not-me/?utm_term=.12ee650f15de&wpisrc=nl_most&wpmm=1

http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP04419_100419.pdf

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