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Ausland, Lateinamerika

Argentinien 2019: Die Krise in der Krise.

von Jeremy-James Peter

Argentinien ist ein junger Staat, doch hat in dieser jungen Geschichte wiederum schon eine lange Geschichte an Krisen (ökonomischen bis hin zu Militärdiktaturen) vorzuweisen. Dementsprechend angepasst ist die argentinische Bevölkerung und nimmt die regelmäßig wiederkehrenden Krisenjahre mit stoischer Gelassenheit hin.

Stelle ich mir mein Heimatland Österreich bzw. die Reaktion seiner Bürger auf Inflationsraten weit über 100% (pro Jahr), explodierende Arbeitslosigkeit und Armut, sowie eine Enteignung der Mittelschicht vor, dann kommt mir mein Umfeld hier fast schon unwirklich ruhig vor.

Am nervösesten sind noch die Argentinier, welche etwas (oder einiges) an finanziellen Mitteln und Besitztümern besitzen, und nun daran arbeiten Ihre Schäfchen ins Trockene – d. h. in den Dollar oder ins Ausland – zu bringen.

Beobachte ich die Durchschnittsmenschen auf der Straße – vom Gemüsehändler über den Kellner und den Taxifahrer (auch ein Berufszweig, welcher gerade wieder Hochkonjunktur hat) bis hin zu Lehrern und Universitätsangestellten – dann frage ich mich erstens nicht nur, wie diese von ihrem inzwischen mehr als kargen Lohn leben können. Sondern zweitens vor allem auch, wie diese ihre derzeitigen Lebensumstände so ruhig hinnehmen können, wie sie dies eben tun.

Erklärt wird dieser Umstand dadurch, dass die Menschen wie bereits erwähnt Krisen und ihre Auswirkungen schon mehr als gewohnt sind. Es wird der Gürtel enger geschnallt, die Ausgaben reduziert, wieder zurück zu Familie und Eltern gezogen und alles auf Raten gekauft – bis hin zu den täglichen Lebensmitteleinkäufen. Die Spannweite reicht hier inzwischen bis zu 18 Raten (ein klassischer 2001er-Wert).

Und obwohl auch diese Krise nur eine weitere in der langen Reihe von politischen und wirtschaftlichen Krisen im Land ist, ist sie gleichzeitig doch anders. Dieses Mal arbeitet die Regierung um den Präsidenten Mauricio Macri nämlich aktiv daran die Krisenmaßnahmen der Bevölkerung zu unterbinden.

Bild: Argentiniens aktueller Präsident Mauricio Macri bei einem seiner polemischen Auftritte. Hier im Jahr 2007 als er sich in einer „villa“ (wie die argentinischen Elendsviertel genannt werden) zusammen mit einer seiner Bewohnerinnen ablichten ließ, während er versprach die Armut in Argentinien auf 0% zu senken („pobreza cero“). Der aktuelle Wert im vierten Jahr seiner Präsidentschaft beträgt um die 33% und ist stetig am Steigen.

Im Folgenden möchte ich zwei der jüngsten Beispiele (aus einer langen Reihe von Ereignissen) dieser Politik der Verachtung und dem Krieg gegen die eigene Bevölkerung, welchen das neoliberale Kabinett Mauricio Macris führt, aufführen:

  1. Der „verdurazo“:

In Argentinien (wie in den meisten Ländern der Welt) verdienen Zwischenhändler in der Regel am meisten am Verkauf von Produkten an den Endkunden. Dies trifft nicht nur, aber auch, auf Lebensmittel wie Obst und Gemüse zu.

Um die Ungerechtigkeit dieses Umstandes aufzuzeigen und der Bevölkerung Zugang zu leistbarem Frischgemüse und -obst zu ermöglichen, organisierte die Unión de Trabajadores de la Tierra (UTT)   (Vereinigung der Arbeiter der Erde) im vergangenen Jahr 2018 mehrfach Verkaufstage innerhalb des Stadtbereichs von Buenos Aires.

Bild: Verkauf von Obst und Gemüse direkt von Kleinproduzenten an die Bevölkerung – zu einem Viertel des Supermarktpreises.

Die Unión de Trabajadores de la Tierra (UTT) ist eine Vereinigung von Kleinproduzenten (vorwiegend bolivianischer Herkunft), welche versucht die Interessen von diesen gegenüber den Großhändlern und Regierungsorganisationen zu vertreten.

Schon der Umstand der Existenz dieser Organisation ist den derzeitigen Machthabern ein Dorn im Auge. Die als „verdurazos“ zu Berühmtheit gelangten Verkaufstage waren dies noch ein Stück mehr. Also wurden diese mit der Begründung der Verschmutzung von öffentlichen Flächen kurzerhand verboten.

Als die UTT trotz dieses Verbotes am 15. Februar dieses Jahres versuchte einen weiteren „verdurazo“ an der Plaza de la Constitución abzuhalten, griff die (Stadt)regierung drastisch durch.

Produzenten und Kunden wurden kurz nach Beginn des Verkaufs von Polizeieinheiten eingekreist und es wurde mit der Beschlagnahme der Produkte (egal, ob bereits verkauft oder nicht) begonnen.

Widerstand regte sich und es flogen Tomaten, Salat und Auberginen. Die Polizei setzte daraufhin Tränengas und Gummigeschosse ein – sowohl gegen die Vertreter der UTT als auch deren Kunden. Journalisten blieben genauso wenig verschont. Es kam zu Verletzten und Festnahmen.

Und das alles wegen des Versuchs, die sich mit Margen von bis zu 400% bereichernden Zwischenhändler zu umgehen und die Bevölkerung mit leistbarem Obst und Gemüse zu versorgen.

Bild: Eine betagte Kundin des „verdurazo“ versucht zu retten, was zu retten ist, während Polizeieinheiten aufmarschieren beschlagnahmen, auseinandertreiben und verhaften.

Hier gibt es Video vom Einsatz:

  1. Repression gegen die „artesanos“ von San Telmo:

Der Markt von San Telmo ist eine der Haupttouristenattraktionen von Buenos Aires, die jedes Jahr Millionen von Besuchern anzieht.

Geprägt ist  dieser von traditionellen Restaurants, Musikshows und vor allem Straßenhändlern. Diese wiederum sind den Geschäftsleuten der Stadt, und damit auch der Stadtregierung, alles andere als genehm.

Finden hier doch Einzelpersonen mit ihrem Handwerk und ihren selbstgefertigten Produkten ein Auskommen abseits von Abhängigkeitsverhältnissen als „Angestellter“.

Darüber hinaus ließe sich mit anderen (und profitableren) Geschäftsmodellen bei weitem mehr Gewinn aus den Besuchern der Stadt herauserwirtschaften.

Demzufolge entwickelte die Stadtregierung schon vor Jahren den Plan den Markt (und hierbei vor allem die Straßenhändler) durch eine Gastronomiezone mit den so beliebten „Food Trucks“ zu ersetzen und versteigerte die Standplätze an die Höchstbietenden.

Als die „artesanos“ von diesen Plänen erfuhren, organisierten sie sich in der Confederación de Trabajadores de la Economía Popular (CTEP) (Vereinigung der Arbeiter der Volksökonomie) und begannen um ihre Zukunft zu kämpfen.

Die Verhandlungen dauerten über mehrere Jahre und endeten in einem Kompromiss, welcher die profitabelsten Zonen  an die Gastronomie und deren Betreiber übergeben hätte.

Unzufrieden mit diesem setzen die meisten der Straßenhändler ihre Tätigkeit fort, was am 10. März dieses Jahres zur gewaltsamen Räumung führte. Wieder tauchten unangekündigt Polizeieinheiten auf und begannen mit der Räumung der betreffenden Zonen.

Es kam wie üblich zum Einsatz von Schlagstöcken, Tränengas und Gummigeschossen – nicht nur gegen die „artesanos“ und Journalisten, sondern genauso gegen zufällig anwesende Touristen (welch Werbung für den Touristenstandort Buenos Aires).

Bild: Mit voller Härte griff die Stadtregierung und deren Vertreter gegen die Straßenhändler von San Telmo durch. Auch vor Frauen und älteren Menschen wurde keineswegs Halt gemacht.

Wie bereits erwähnt wurden zufällig anwesende Touristen genauso wenig verschont:

Dass eine neoliberale Politik ein Land über kurz oder lang an den (ökonomischen) Abgrund führt, ist eine bekannte Tatsache und an sich nichts Neues.

Neu ist die Vehemenz, mit welcher Präsident Macri und seine Regierung versuchen dem argentinischen Volk den Zahn zu ziehen und jegliche Möglichkeit auf ein halbwegs menschenwürdiges Dasein zu nehmen.

Zu hoffen bleibt, dass die diesjährige Präsidentenwahl einen Wechsel hin zum Besseren bringt. Die Dominanz der neoliberalen Kräfte in den Massenmedien und die allgemeine Stimmung lassen hingegen nichts Gutes vermuten.

 

Über den Autor: Jeremy-James Peter ist gebürtiger Österreicher und studierter Naturwissenschaftler (Biotechnologie und Agronomie). Unzufrieden mit seinem Leben in der Festung Europa und dem Leben im Wohlstand auf Kosten der Restwelt, ließ er sein altes Leben hinter sich, um in Südamerika einen Neustart zu probieren.

Da in Argentinien die universitäre Forschung nicht-existent ist und eine Tätigkeit für einen der allgegenwärtigen multinationalen Konzerne wie Monsanto, Bayer und Syngenta nicht in Frage kommt arbeitet er inzwischen in diversen Online-Projekten wie z. B. Sprachheld (Webseite zum Sprachen lernen) und Netzbekannt (Online-Marketing und SEO-Agentur).

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