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Ausland, Nordamerika

Der (illusorische) Wahrheitseffekt: Wie Millionen Menschen durch Russiagate hereingelegt wurden

von Caitlin Johnstone – http://www.theblogcat.de

(Anm.d.Ü.: Caitlin Johnstone verwendet in diesem Artikel Begriffe und Phänomene aus der kognitiven Psychologie, um den Massenwahn über Russiagate zu erklären:

Der Wahrheitseffekt (illusory truth effect) https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrheitseffekt_und_Wahrheitsurteile

Kognitive Bequemlichkeit (cognitve ease)

Bestätigungsfehler/Bestätigungsneigung (confirmation bias) https://de.wikipedia.org/wiki/Best%C3%A4tigungsfehler )

„Mueller findet keine Trump-Russland-Verschwörung“, lautet die Titel-Schlagzeile der New York Times vom Sonntag. Stück für Stück findet sich das amerikanische Mainstream-Bewusstsein langsam mit dem Tod der spannenden Verschwörungstheorie zurecht, dass die höchsten Ebenen der US-Regierung vom Kreml infiltriert wären, und mit der schroffen Realität, dass die Massenmedien und die Demokratische Partei die letzten zweieinhalb Jahre damit zugebracht haben, die öffentliche Aufmerksamkeit mit einem Narrativ zu monopolisieren, das nie auf Wahrheit basierte.

Natürlich gibt es noch Aufständische. Viele Menschen haben eine ungeheure Menge an Hoffnung, Glaubwürdigkeit und egoistischer Geltung in den Glauben investiert, dass Robert Mueller hochrangige Trump-Administrationsbeamte und Mitglieder von Trumps eigener Familie verhaften würde. Dass sich schäbige Charaktere in ihrem eigenen Interesse gegen den Präsidenten „wenden“ und damit Beweise liefern würden, die zu einer Anklage führen werden. Einige behaupten des weiteren, dass Justizminister William Barr Schlüsselelemente des Mueller-Berichts zurückhält, eine Behauptung, die auf dem absurden Glauben beruht, dass Mueller es Barr erlauben würde, über die Ergebnisse der Untersuchung zu lügen, ohne sich öffentlich zu äußern. Andere hoffen immer noch, dass weitere Ermittlungen anderer Justizbehörden einige russische Spielchen aufdecken werden, die Mueller nicht aufdecken konnte, und ignorieren dabei Muellers weitreichende Vorladungsbefugnisse und seine unübertroffenen Untersuchungsbefugnisse. Aber sie kommen langsam zu sich.

Bleibt aber immer noch die Frage: Was zum Teufel ist passiert? Wie hat es eine faktenfreie Verschwörungstheorie geschafft, so viel Zugkraft bei den Mainstream-Amerikanern zu bekommen? Wie konnten Millionen von Menschen davon überzeugt werden, Hoffnung in eine Erzählung zu investieren, von der jeder, der die Fakten objektiv analysiert, wusste, dass sie völlig falsch war?

Die Antwort ist, dass ihnen von Politikern und Experten in den Massenmedien immer wieder gesagt wurde, dass das Russiagate-Narrativ legitim sei. Und wegen eines besonderen Phänomens in der Natur der menschlichen Wahrnehmung, welches das Ganze durch Wiederholung als wahr erscheinen lässt.

     („Je öfter etwas wiederholt wird, desto wahrer fühlt es sich an.“)

Der „Wahrheitseffekt“ (eine eher unkreative Bezeichnung) beschreibt, wie Menschen eher glauben, dass etwas wahr ist, nachdem sie es oft gehört haben. Das liegt daran, dass sich das vertraute Gefühl, das sich beim Hören von etwas einstellt, das wir vorher bereits gehört haben, sehr ähnlich anfühlt wie unsere Erfahrung zu wissen, dass etwas wahr ist. Wenn wir eine vertraute Idee hören, gibt uns diese Vertrautheit etwas, das wir als kognitive Leichtigkeit bezeichnen, was der entspannte, arbeitslose Zustand ist, den wir erleben, wenn unser Verstand nicht hart an etwas arbeitet. Wir erleben kognitive Leichtigkeit ebenfalls, wenn uns eine Aussage präsentiert wird, von der wir wissen, dass sie wahr ist.

Wir haben die Tendenz, nach kognitiver Bequemlichkeit (cognitve ease) zu suchen, und deshalb sind Bestätigungsfehler (confirmation bias) eine heikle Sache; der Glaube an Ideen, die keine kognitive Belastung oder Dissonanz verursachen, gibt uns mehr kognitive Leichtigkeit als sonst. Unsere evolutionären Vorfahren passten sich an, um nach kognitiver Leichtigkeit zu suchen, so dass sie ihre Aufmerksamkeit darauf richten konnten, schnelle, überlebenswichtige Entscheidungen zu treffen, anstatt mühsam darüber nachzudenken, ob alles, was wir glauben, so wahr ist, wie wir es denken. Dies war großartig, um in prähistorischer Zeit nicht von Säbelzahntigern gefressen zu werden, aber es ist nicht sehr hilfreich, wenn man durch die Wendungen einer kognitiv komplexen, modernen Welt navigiert. Es ist auch nicht hilfreich, wenn man versucht, wahrheitsgetreue Überzeugungen zu kultivieren, während man von Bildschirmen umgeben ist, die immer wieder die gleichen falschen Gesprächspunkte wiederholen.

Ich habe es gerade mit einem perfekten Beispiel für die Gefahren der kognitiven Leichtigkeit zu tun. Das Schreiben dieses Aufsatzes hat mich dazu veranlasst, mich außerhalb meiner vertrauten Komfortzone des politischen Kommentars zu bewegen und eine Reihe von Studien und Essays zu lesen, über neue Ideen nachzudenken und dann herauszufinden, wie man sie so klar und präzise wie möglich vermittelt, ohne mein Publikum zu langweilen. Diese Abkehr von der kognitiven Leichtigkeit hat dazu geführt, dass ich Twitter viel öfter checkte als ich es normalerweise tue, und so viel Ablenkung suchte, dass dieser Aufsatz wahrscheinlich etwa zwölf Stunden später veröffentlicht wird, als ich es geplant hatte. Einen Haufen Wissenschaftler lesen zu müssen, die die genauen Gründe erklären, warum ich mich wie ein solcher Hohlkopf benehme, hat auch meinem Gefühl der kognitiven Leichtigkeit nicht gerade geholfen.

Die Wissenschaft ist sich des (illusorischen) Wahrheitseffekts seit 1977 bewusst, als eine Studie ergab, dass die Probanden eine Aussage eher als wahr einschätzen, wenn sie ihnen im Laufe von ein paar Wochen wiederholt präsentiert wurde, auch wenn sie sich nicht bewusst daran erinnerten, dieser Aussage zuvor begegnet zu sein. Diese Ergebnisse wurden seither in zahlreichen Studien repliziert, und neue Forschungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass das Phänomen noch drastischer ist als ursprünglich angenommen. Ein Papier mit dem Titel „Wissen schützt nicht vor illusorischer Wahrheit“ aus dem Jahr 2015 fand heraus, dass der Effekt der illusorischen Wahrheit so stark ist, dass bloße Wiederholung die Antworten der Testpersonen ändern kann, selbst wenn sie im Besitz von Wissen waren, das dieser Antwort vorher widerspricht. Mit dieser Studie wurde die bis dahin unangefochtene Annahme getestet, dass der (illusorische) Wahrheitseffekt nur dann zum Tragen kommt, wenn kein gespeichertes Wissen über das jeweilige Thema vorliegt.

„Überraschenderweise erhöhte die Wiederholung die wahrgenommene Wahrheit von Aussagen, unabhängig davon, ob gespeichertes Wissen hätte verwendet werden können, um einen Widerspruch zu erkennen“, heißt es in dem Papier. „Eine Aussage zu lesen wie ‚Ein Sari ist der Name für den kurzen Faltenrock, der von Schotten getragen wird‘, erhöht später den Glauben der Probanden, dass dies wahr sei, auch wenn sie die Frage ‚Wie lautet der Name des kurzen Faltenrockes, der von Schotten getragen wird?‘ richtig beantworten konnten.

Gespeichertes Wissen sagt so ziemlich jedem, dass der „kurze, von Schotten getragene Faltenrock“ ein Kilt ist und kein Sari. Aber die wiederholte gegenteilige Aussage kann sie vom Gegenteil überzeugen.

Deshalb kennen wir alle solche Menschen, die außerordentlich intelligent sind, aber dennoch das Russiagate-Narrativ geschluckt haben, ebenso wie unsere mental weniger begabten Freunde und Bekannten. Ihre Intelligenz rettet sie nicht vor dieser entlarvten Verschwörungstheorie, sie machte sie nur schlauer, Wege zu finden, sich zu verteidigen. Das liegt daran, dass der (illusorische) Wahrheitseffekt den Intellekt und sogar das eigene gespeicherte Wissen weitgehend umgeht, weil wir alle reflexartig nach kognitiver Leichtigkeit suchen.

Eine weitere Studie mit dem Titel „Anschuldigungen durch versteckte Andeutungen: Können aus Medienfragen öffentliche Antworten werden?“ fand heraus, dass Probanden manipuliert werden können, um eine Behauptung zu glauben, indem sie einfach einer Anspielung oder belastenden Fragen in den Schlagzeilen der Nachrichtenmedien ausgesetzt werden. Fragen wie z.B. „Was ist, wenn Trump seit 1987 ein russischer Agent war?“, gedruckt vom New York Magazine im Juli letzten Jahres.

Ihr könnt also verstehen, wie eine Bevölkerung manipuliert werden kann, die täglich wiederholte Behauptungen, Anspielungen und belastende Fragen über die Bildschirme konsumiert, die sie mehrmals täglich betrachten, um zu glauben, dass Robert Mueller eines Tages Beweise enthüllen würde, die zur Zerstörung der Trump-Administration führen werden. Die Wiederholung führt zum Glauben, der Glaube zum Vertrauen, und bevor man sich versieht, lesen Menschen, die Angst vor dem Präsidenten haben, jeden Tag den Palmer-Report, sitzen jede Nacht vor Rachel Maddow und lassen alles, was sie sagen, an ihren Skeptik-Filtern vorbeilaufen und baden gelassen in einem Beruhigungsmittel aus kognitiver Bequemlichkeit.

(Anm.d.Ü.: Der Palmer Report ist ein politischer Blog für Anti-Trump-Verschwörungstheoretiker)

Und diese Wiederholungen waren kein Zufall. CNN-Produzent John Bonifield wurde vor fast zwei Jahren auf Video aufgenommen und gab zu, dass CNN-Chef Jeff Zucker persönlich seine Mitarbeiter angewiesen hat, sich auch inmitten von viel wichtigeren Nachrichten auf Russland zu konzentrieren.

(CNN sagte in einer Erklärung, dass das Video legitim sei und keinen seiner Inhalte bestritten habe, und sagte nur, dass es zu Bonifield stehe und dass „die Vielfalt der persönlichen Meinung das ist, was CNN stark macht, wir begrüßen es und befürworten es“).

Zucker seinerseits sagte der New York Times in einem gestern veröffentlichten Artikel, dass er sich mit CNNs Rolle bei der Förderung der Russiagate-Verschwörungstheorie, so wie sie es taten, „völlig wohl“ fühle.

„Wir sind keine Ermittler. Wir sind Journalisten, und unsere Aufgabe ist es, die Fakten, wie wir sie kennen, zu berichten, was genau das ist, was wir getan haben“, sagte Zucker. „Das Justizministerium eines amtierenden Präsidenten untersuchte seine Kampagne wegen Absprachen mit einer feindlichen Nation. Das ist nicht bedeutend, weil die Medien das sagen. Es ist bedeutend, weil es beispiellos ist.“

„Wir sind keine Ermittler“? Was zum Teufel ist das für eine bescheuerte Scheiße? Es ist also nicht eure Aufgabe zu untersuchen, ob das, was ihr meldet, wahr oder falsch ist? Es ist nicht eure Aufgabe zu untersuchen, ob die anonymen Quellen, auf die ihr eure Berichte stützt, Lügen sind oder nicht? Es ist nicht eure Aufgabe zu untersuchen, ob ihr mit den vielen völlig beschissenen Geschichten journalistische Verfehlungen begeht, die euren Sender in den letzten zwei Jahren in den Dreck gezogen haben? Es ist nicht eure Aufgabe, die Folgen einer bewussten Monopolisierung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf ein Narrativ in Betracht zu ziehen, das aus nichts anderem als vertraulich klingenden Behauptungen und Anspielungen besteht?

„Wir sind keine Ermittler.“ Und? Du bist auch kein Zahnarzt oder Feuerwehrmann, worauf willst du hinaus? Das hat nichts mit den Bergen von journalistischem Fehlverhalten zu tun, die ihr begangen habt, indem ihr diese Verschwörungstheorie vorangetrieben habt, und auch nichts mit der unentschuldbaren Brutalisierung, die ihr der amerikanischen Psyche mit euren bewussten, ununterbrochenen Wiederholung von Scheinbehauptungen, Anspielungen und belastenden Fragen zugefügt habt.

Die Wissenschaft der modernen Propaganda wird seit über einem Jahrhundert erforscht und weiterentwickelt. Wenn man bedenkt, wie viele Fortschritte in anderen militärischen Bereichen in den letzten hundert Jahren gemacht wurden, dann ist das ein deutliches Beispiel dafür, wie ausgefeilt das Verständnis der Sozialingenieure für die Methoden der Massenmanipulation der menschlichen Psychologie heute sein muss. Wir können absolut sicher sein, dass es Menschen gibt, die daran gearbeitet haben, die öffentlichen Erzählungen über westliche Rivalen wie Russland voranzutreiben, und dass sie dies mit einem weitaus besseren Verständnis der Konzepte tun, die wir in diesem Essay angesprochen haben, als wir es zur Verfügung haben.

Die Manipulatoren verstehen unsere Psychen besser als wir selbst, und sie werden immer cleverer. Das Einzige, was wir tun können, um unseren Kopf in einer von Propaganda gesättigten Gesellschaft nicht zu verlieren, ist, so unerbittlich wie möglich ehrlich zu sein, zu uns selbst und zur Welt. Wir werden nie in der Lage sein, die Master-Manipulatoren zu überlisten, aber wir können mit uns selbst ehrlich sein, ob wir uns für kognitive Bequemlichkeit entscheiden oder nicht, anstatt rigoros und klar zu denken. Wir können unseren Freunden, Familienangehörigen, Mitarbeitern und Anhängern von Social Media gegenüber ehrlich sein, wo immer die Unwahrheit um sich zu greifen scheint. Wir können unser Bestes tun, um das Licht der Wahrheit auf die Puppenspieler zu lenken, wo immer wir sie sehen, und ihnen die ganze verdammte Show vermiesen.

Das mag nicht viel sein, aber Wahrheit ist die eine Sache, die sie nicht manipulieren können, ob es nun die Wahrheit über sie ist, Wahrheit über die Welt oder Wahrhaftigkeit mit sich selbst. Die lügenden Manipulatoren haben uns in dieses Chaos gebracht, also kann uns nur die Wahrheit herausholen.

https://www.theblogcat.de/uebersetzungen/der-wahrheitseffekt-26-03-2019/

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