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Debatte, Strategie und Taktik

100 Jahre nach der Gründung der Kommunistischen Internationale – Welche Lehren können für die Kämpfe der Zukunft gezogen werden?

von https://de.internationalism.org

Vor einem Jahrhundert kam unter den Menschen Hoffnung auf. In Russland war es der Arbeiterklasse gelungen, die Macht zu übernehmen. Nun kämpfte sie in Deutschland, Ungarn und Italien  mutig weiter, um das Werk der russischen Arbeiter mit dem gemeinsamen Schlachtruf fortzusetzen: Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, deren Widersprüche die Zivilisation in vier Jahre Krieg gestürzt hatten. Vier Jahre einer bis dahin beispiellose Barbarei, die belegte, dass der Kapitalismus in seine Phase der Dekadenz eingetreten war.
Auf diesem Hintergrund wurde die III. Internationale am 4. März 1919 in Moskau gegründet, womit gleichzeitig die zusammengebrochene II. Internationale zu Grabe getragen wurde. Dabei stützte sich die Komintern auf alle Vorarbeiten zum Wiederaufbau der internationalen Einheit der Arbeiterklasse, die im September 1915 in Zimmerwald und dann im April 1916 in Kienthal begonnen wurden. Bereits 1917 forderte Lenin in den Aprilthesen die Gründung einer neuen Weltpartei. Aber die Unreife der revolutionären Bewegung hatte eine Verschiebung ihrer Gründung erforderlich gemacht. Für Lenin war der entscheidende Schritt mit der Gründung der KPD in Deutschland getan. In einem „Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas“ vom 26. Januar schrieb Lenin: „(…) als der ‚Spartakusbund‘ den Namen ‚Kommunistische Partei Deutschlands‘ annahm, da war die Gründung einer wahrhaft proletarischen, wahrhaft internationalistischen, wahrhaft revolutionären III. Internationale, der Kommunistischen Internationale, Tatsache geworden. Formell ist diese Gründung noch nicht vollzogen, aber faktisch besteht die III. Internationale heute schon.“ (Lenin, 21. Januar 1919, /Prawda Nr. 16, 24.1.1919, Werke Band 28, S.442).  Neben dem übertriebenen Enthusiasmus für eine solche Einschätzung, wie wir später sehen werden, verstanden die Revolutionäre der damaligen Zeit, dass es nun unerlässlich war, die Partei für den Sieg der Revolution auf weltweiter Ebene zu schmieden. Nach mehrwöchiger Vorbereitung trafen sich vom 2. bis 6. März 1919 51 Delegierte, um die organisatorischen und programmatischen Grundlagen zu schaffen, die es dem Weltproletariat ermöglichen würden, im Kampf gegen sämtliche bürgerlichen Kräfte weiter voranzukommen.

Die IKS beruft sich auf die Beiträge der Kommunistischen Internationale (KI). Daher ist dieses hundertjährige Jubiläum sowohl eine Gelegenheit, den unschätzbaren Beitrag der Komintern in der Geschichte der revolutionären Bewegung zu würdigen und hervorzuheben, als auch, um aus dieser Erfahrung Lehren zu ziehen und ihre Schwächen zur Sprache zu bringen, um das Proletariat von heute für die Kämpfe der Zukunft zu rüsten.

Den Kampf der Arbeiterklasse in der revolutionären Hitze verteidigen

Wie in Trotzkis „Einladungsschreiben an den Kongress“ ausgeführt: Die unterzeichneten Parteien und Organisationen halten es für dringend notwendig, den ersten Kongress der neuen revolutionären Internationale einzuberufen. (…) Die riesenhaft schnelle Vorwärtsbewegung der Weltrevolution, die stets neue Probleme aufstellt, die Gefahr der Erstickung dieser Revolution durch das Bündnis der kapitalistischen Staaten, die sich gegen die Revolution unter der heuchlerischen Fahne des ‚Völkerbundes‘ zusammenschliessen, die Versuche der sozialverräterischen Parteien, sich miteinander zu einigen und, nachdem sie einander ‚Amnestie‘ erteilt haben, ihren Regierungen und ihrer Bourgeoisie nochmals zum Betrug der Arbeiterklasse zu verhelfen; endlich die bereits erworbene außerordentlich reiche revolutionäre Erfahrung und die Internationalisierung der ganzen Revolutionsbewegung  – alle diese Umstände zwingen uns, die Initiative zu ergreifen, um die Diskussion über die Einberufung eines internationalen Kongresses der revolutionären proletarischen Parteien auf die Tagesordnung zu stellen.“ (Einladungsschreiben einiger kommunistischer Parteien zur Teilnahme an einem Internationalen Kommunistischen Kongress, aus „Der I. und II. Kongress der Kommunistischen Internationale“, Berlin, 1959, S. 45)

Wie bei diesem ersten Aufruf der Bolschewiki drückte die Gründung der Komintern den Wunsch aus, revolutionäre Kräfte aus der ganzen Welt zusammenzuschließen. Aber auch der  proletarische Internationalismus, der von der überwiegenden Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien der Zweiten Internationale mit Füßen getreten worden war, sollte verteidigt werden. Nach vier Jahren schrecklichen Krieges, der Millionen von Proletariern auf den Schlachtfeldern gespalten und abgeschlachtet hatte, zeigte das Entstehen einer neuen Weltpartei den Willen, die Arbeit der Organisationen zu vertiefen, die dem Internationalismus treu geblieben waren. In dieser Hinsicht ist die Komintern Ausdruck der politischen Kraft des Proletariats, die sich nach dem schweren, durch den Krieg verursachten  Rückschlag, überall wieder manifestierte, sowie der Verantwortung der Revolutionäre, die Interessen der Arbeiterklasse und der Weltrevolution weiterhin zu verteidigen.

Auf dem Gründungskongress wurde wiederholt festgestellt, dass die Komintern die Partei der revolutionären Aktion sei. Wie in ihrem Manifest festgehalten, wurde die Komintern zu einer Zeit gegründet, in der der Kapitalismus deutlich gezeigt hatte, dass er auf den Misthaufen der Geschichte gehörte. Die Menschheit trat nun in die „Epoche der Kriege und Revolutionen“ ein. Mit anderen Worten, die Abschaffung des Kapitalismus wurde zu einer absoluten Notwendigkeit für die Zukunft der Menschheit. Mit diesem neuen Verständnis der historischen Entwicklung des Kapitalismus verteidigte die Komintern unermüdlich die Arbeiterräte und die Diktatur des Proletariats.

«Dieser neue Machtapparat muss die Diktatur der Arbeiterklasse (…) verkörpern, das heißt, das Werkzeug der systematischen Niederwerfung der Ausbeuterklassen und das Werkzeug ihrer Expropriation sein. (…) Die Macht der Arbeiterräte oder Organisationen ist seine konkrete Form.“ (Einladungsschreiben einiger kommunistischer Parteien zur Teilnahme an einem Internationalen Kommunistischen Kongress, ebenda, S. 46) Diese Orientierungen wurden während des Kongresses durchgehend verfochten. Und die «Thesen zur bürgerlichen Demokratie und proletarischen Diktatur», die von Lenin verfasst und vom Kongress verabschiedet wurden, bemühten sich die Verschleierungen der Demokratie zu entblößen und vor allem die Arbeiterklasse vor den Gefahren derselben im Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft zu warnen. So stand die Komintern von Anfang an fest auf der Seite der Arbeiterklasse, indem sie die Prinzipien und Methoden des Arbeiterkampfes vertrat und energisch die zentristische Bewegung entblößte, die zur unmöglichen Einheit zwischen Sozialverrätern und Kommunisten drängte, „d.h. die Einheit der kommunistischen Arbeiter mit den Mördern der kommunistischen Führer, Liebknechts und Rosa Luxemburgs.“ (Resolution über die Stellung zu den sozialistischen Strömungen und zur Berner Konferenz, in „Der I. und II. Kongress der Kommunistischen Internationale“Berlin, 1959, S. 96)  Als Beweis der unnachgiebigen Verteidigung der proletarischen Prinzipien stellte diese Resolution, die vom Kongress einstimmig verfasst wurde, eine Reaktion gegenüber der Berner Konferenz dar, die von den meisten sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale abgehalten worden war, wo eine Reihe von Orientierungen verabschiedet wurde, die offen gegen die revolutionäre Welle von Kämpfen gerichtet war. [i] Die Resolution endete mit den Worten: „Der Kongress fordert die Arbeiter aller Länder auf, einen entschlossenen Kampf gegen die gelbe Internationale aufzunehmen und die breitesten Massen des Proletariats vor dieser Lug- und Truginternationale zu bewahren.“ (ebenda, S. 99)

Die Gründung der KI erwies sich als ein wichtiger Schritt in der Fortsetzung des historischen Kampfes des Proletariats. Sie war in der Lage, die besten Beiträge der Zweiten Internationale weiterzuführen, während sie gleichzeitig deren Positionen oder Analysen über Bord warf, die nicht mehr der gerade begonnenen historischen Periode entsprachen.[ii] Während die 2. Internationale den proletarischen Internationalismus im Namen des Burgfriedens am Vorabend des Ersten Weltkriegs verraten hatte, ermöglichte die Gründung der neuen Partei die Stärkung der Einheit der Arbeiterklasse und ihre Stärkung in dem erbitterten Kampf, den sie in vielen Ländern der Welt für die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise führte. Trotz ungünstiger Umstände und der begangenen Fehler, wie wir sehen werden, begrüßen und unterstützen wir daher ein solches Vorhaben. Die Revolutionäre der Zeit übernahmen ihre Verantwortung. Sie mussten dies tun und sie taten es!

Eine Gründung unter ungünstigen Umständen Die Revolutionäre angesichts des massiven Schubs der Arbeiterkämpfe in der Welt

Das Jahr 1919 war der Höhepunkt der revolutionären Welle. Nach dem Sieg der Revolution in Russland im Oktober 1917, der Abdankung von Wilhelm II. und der eiligen Unterzeichnung des Waffenstillstands angesichts von Meutereien und der Revolte der Arbeiter in Deutschland kam es zu Arbeiteraufständen und auch zur Gründung der Räterepublik in Bayern und Ungarn. Es gab auch Meutereien in der Flotte und unter den französischen Truppen sowie in den britischen Militäreinheiten, die sich weigerten, gegen Sowjetrussland vorzugehen. So gab es auch eine Streikwelle, zu deren Zentrum z.B. Clyde, Sheffield, Südwales im Vereinigten Königreich (1919) gehörten. Aber im März 1919, als die Komintern in Moskau gegründet wurde, waren diese Aufstände bereits unterdrückt worden oder deren Unterdrückung zeichnete sich bereits ab.

Es besteht kein Zweifel, dass sich die Revolutionäre der damaligen Zeit in einer Notsituation befanden und gezwungen waren, in der Hitze des revolutionären Kampfes zu handeln. Wie die französische Fraktion der Kommunistischen Linken (FFGC) 1946 feststellte: „Die Revolutionäre versuchten, die Kluft zwischen der reifen objektiven Situation und der Unreife des subjektiven Faktors (der Abwesenheit der Partei) durch eine große Ansammlung politisch heterogener Gruppen und Strömungen zu überbrücken und diese Ansammlung zur neuen Partei zu erklären„[[iii]].

Es geht hier nicht darum zu diskutieren, ob die neue Partei, die die Komintern darstellte, hätte gegründet werden sollen oder nicht. Es war eine zwingende Notwendigkeit. Nichtsdestotrotz  möchten wir auf eine Reihe von Fehlern in der dabei zugrunde liegenden Herangehensweise hinweisen.

Eine Überschätzung der Situation, die der Gründung der Partei vorausgeht

Auch wenn die meisten der von den Delegierten vorgelegten Berichte über die Situation des Klassenkampfes in den jeweiligen Ländern die Reaktion der Bourgeoisie auf den Fortschritt der Revolution berücksichtigten (eine Resolution über den weißen Terror wurde am Ende des Kongresses verabschiedet), fällt auf, wie sehr dieser Aspekt in diesen fünf Tagen der Beratungen unterschätzt wurde. Bereits wenige Tage nach der Nachricht von der Gründung der KPD, die auf die Gründung der Kommunistischen Parteien Österreichs (November 1918) und Polens (Dezember 1918) folgte, vertrat Lenin die Auffassung, dass die Würfel gefallen seien: „Als der deutsche ‚Spartakusbund‘ mit so weltbekannten und weltberühmten, der Arbeiterklasse so treu ergebenen Führern wie Liebknecht, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Franz Mehring endgültig seine Verbindung mit Sozialisten vom Schlage Scheidemanns und Südekums abbrach (…), als der ‚Spartakusbund‘ den Namen ‚Kommunistische Partei Deutschlands‘ annahm, da war die Gründung einer wahrhaft proletarischen, wahrhaft internationalistischen, wahrhaft revolutionären III. Internationale, der Kommunistischen Internationale, Tatsache geworden. Formell ist diese Gründung noch nicht vollzogen, aber faktisch besteht die III. Internationale heute schon.»  [[iv]]

Eine wichtige Anekdote: Dieser Text wurde am 21. Januar 1919 verfasst, dem Tag, an dem Lenin über den Mord an K. Liebknecht informiert wurde. Dieses unerschütterliche Gefühl der Gewissheit über den Sieg sollte sich durch den gesamten Kongress ziehen. Bereits in der Eröffnungsrede kündigte Lenin den Ton an: „Mag die Bourgeoisie noch so wüten, mag sie noch Tausende von Arbeitern niedermetzeln, der Sieg ist unser, der Sieg der kommunistischen Weltrevolution ist gesichert.» (Lenin, Eröffnungsrede des Internationalen Kommunistischen Kongresses am 2. März 1919).  In der Folge vernahm man bei allen Berichterstattern über die Lage den gleichen überbordenden Optimismus. Der Redebeitrag des Genossen Albert, ein Mitglied der jungen KPD, der vor dem Kongress am 2. März sprach, belegt dies: „Ich glaube nicht zu optimistisch zu sein, wenn ich sage, dass die Kommunistische Partei Deutschlands sowie Russlands den Kampf in der festen Hoffnung fortsetzt, dass die Zeit reif ist, in der auch das deutsche Proletariat die Revolutionen zu einem erfolgreichen Ende führen wird, in der trotz aller Nationalversammlungen, trotz der Scheidemänner und trotz des bürgerlichen Nationalismus die proletarische Diktatur in Deutschland errichtet werden kann. (…) Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich Ihrer Einladung freudig Folge geleistet, in der Überzeugung, dass wir in der kürzesten Frist mit dem Proletariat aller anderen Länder, besonders Englands und Frankreichs, Schulter an Schulter für die Weltrevolution kämpfen können, um die Ziele der Revolution auch in Deutschland zu verwirklichen.“ (Albert, in „Der erste Kongress der Kommunistischen Internationale, Protokoll der Verhandlungen in Moskau vom 2. bis 19. März 1919“, S. 18).

Einige Tage später, zwischen dem 6. und 9. März, kam es zu einer schrecklichen Repression in Berlin, bei der am 8. März 3000 Menschen getötet wurden, darunter 28 Matrosen, die gefangen genommen und dann mit Maschinengewehren in der reinen Versailler Tradition hingerichtet wurden! Am 10. März wurde Leo Jogiches ermordet. Heinrich Dorrenbach[[v]] erlitt am 19. Mai das gleiche Schicksal.

Lenins letzten Sätze in der Schlussrede auf dem Kongress zeigten jedoch, dass der Kongress bei der Analyse des Machtverhältnisse sich keinen Schritt  bewegt hatte. Er erklärte ohne zu zögern: „Der Sieg der proletarischen Revolution in der ganzen Welt ist sicher. Die Gründung der Internationalen Räterepublik wird kommen.“ (Schlussrede Lenins auf dem Gründungskongress der Komintern,  Protokoll, ebenda, S. 202)

Aber wie Amadeo Bordiga ein Jahr später betonte: „Nachdem das russische Proletariat und das internationale Proletariat den Slogan „Herrschaft der Arbeiterräte (Sowjets)»  auf der ganzen Welt verbreitet hatten, sahen wir zuerst den Aufstieg der revolutionären Welle nach dem Ende des Krieges, und das Proletariat der ganzen Welt begann sich in Bewegung zu setzen. Wir haben in allen Ländern einen Selektionsprozess unter den ehemaligen  sozialistischen Parteien gesehen und wie diese kommunistische Parteien hervorbringen, die einen revolutionären Kampf gegen die Bourgeoisie geführt haben. Leider war die Folgezeit eine Zeit des Stillstands, da die Revolutionen in Deutschland, Bayern und Ungarn von der Bourgeoisie niedergeschlagen wurden.

In Wirklichkeit stellten große Schwächen auf der Ebene des Bewusstseins innerhalb des Proletariats ein großes Hindernis für die revolutionäre Entwicklung der Situation dar:

  • Eine Schwierigkeit für diese Bewegungen, über den Kampf gegen den Krieg allein hinauszugehen und auf eine höhere Ebene zu gelangen, die der proletarischen Revolution. Diese revolutionäre Welle war vor allem gegen den Krieg entstanden.
  • Die Entwicklung von Massenstreiks durch die Vereinheitlichung von politischen und wirtschaftlichen Forderungen blieb sehr fragil und hat daher kaum zu einer höheren Bewusstseinsebene geführt.
  • Man stand kurz davor, den Höhepunkt der revolutionären Kämpfe zu erreichen. Nach der Niederlage der Kämpfe in Deutschland und Mitteleuropa hatte die Bewegung nicht mehr die gleiche Dynamik. Auch wenn die Welle weiterging, verlor sie bereits von 1919-1920 ihre Stärke.
  • Die Sowjetrepublik in Russland blieb grausam isoliert. Sie blieb die einzige revolutionäre Bastion mit allem, was dies als Rückschritt des Bewusstseins nach sich ziehen sollte, sowohl in Russland als auch in der Welt insgesamt.

Eine Gründung in der Not, die die Tür zum Opportunismus öffnete – Das revolutionäre Milieu war am Ende des Krieges sehr geschwächt

Die Arbeiterbewegung befand sich nach dem ersten imperialistischen Weltkrieg in einem Zustand extremer Spaltung. Der imperialistische Krieg brach die formale Einheit der politischen Organisationen, die behaupteten, proletarisch zu sein. Die Krise der Arbeiterbewegung, die bereits vorher existiert hatte, erreichte ihren Höhepunkt durch den Weltkrieg und die diesem gegenüber zu beziehenden Positionen. Alle anarchistischen, gewerkschaftlichen und marxistischen Parteien und Organisationen wurden heftig erschüttert. Die Spaltungen nahmen zu. Es entstanden neue Gruppen. Es fand eine politische Abgrenzung statt. Die revolutionäre Minderheit der 2. Internationalen, verkörpert durch die Bolschewiki, die deutsche Linke um Luxemburg und die niederländischen Tribunisten, die bereits selbst nicht sehr homogen war, stand nicht mehr einem opportunistischen Block gegenüber. Zwischen ihr und den Opportunisten gab es eine ganze Vielfalt von mehr oder weniger verwirrten, mehr oder weniger zentristischen, mehr oder weniger revolutionären politischen Gruppen und Tendenzen. Diese spiegelten eine Umwälzung in den breiten Massen wider, die mit dem Krieg, dem Burgfrieden und dem Verrat der ehemaligen sozialdemokratischen Parteien brachen. Man sah den Prozess der Auflösung der ehemaligen Parteien, deren Zusammenbruch zu einer Vielzahl von Gruppen führte. Diese Gruppen drücken weniger den Prozess der Bildung der neuen Partei aus als den Prozess des Auseinanderbrechens, der Auflösung, des Todes der alten Partei. Diese Gruppen enthielten zwar Elemente für die Bildung der neuen Partei, stellen aber nicht die Grundlage dieser neuen Gründung dar. Diese Strömungen drückten im Wesentlichen die Negation der Vergangenheit und nicht die positive Bekräftigung der Zukunft aus. Die Grundlage der neuen Klassenpartei fand sich nur in der alten Linken, in der kritischen und konstruktiven Arbeit, in den theoretischen Positionen, in den programmatischen Prinzipien, die diese Linke in den 20 Jahren ihrer Existenz und Kampfes als FRAKTION innerhalb der alten Partei entwickelt hatte.„[[vi]]

So war das revolutionäre Milieu extrem fragmentiert, bestehend aus Gruppen, die unklar und noch unreif waren. Nur die linken Fraktionen der Zweiten Internationale (die Bolschewiki, die Tribunisten und zum Großteil die Spartakisten, die heterogen oder gar gespalten waren) waren in der Lage, einen Weg vorzugeben und ein solides Fundament für das Fundament der neuen Partei zu legen.

Darüber hinaus fehlte vielen Militanten die politische Erfahrung. Von den 43 Delegierten des Gründungskongresses, deren Alter bekannt ist, waren 5 zwischen 20-30 Jahre, 24 zwischen 30-40 Jahre, nur einer über 50 Jahre alt.[[vii]] Von den 42 Delegierten, deren politische Entwicklung zurückverfolgt werden kann, waren 17 vor der Russischen Revolution von 1905 den sozialdemokratischen Parteien beigetreten, während 8 erst nach 1914 aktiv geworden waren[[viii]].

Trotz ihrer Begeisterung und revolutionären Leidenschaft fehlte vielen von ihnen die notwendige Erfahrung im Umgang mit solchen Situationen.

Meinungsverschiedenheiten innerhalb der proletarischen Avantgarde

Wie die FFGC bereits 1946 betonte: „Es ist unbestreitbar, dass eine der historischen Ursachen für den Sieg der Revolution in Russland und ihre Niederlage in Deutschland, Ungarn und Italien in der Existenz der revolutionären Partei im entscheidenden Moment in Russland und ihrer Abwesenheit oder Unvollständigkeit in den anderen Ländern liegt“. Die Gründung der Dritten Internationale wurde wegen der verschiedenen Hindernisse, denen das proletarische Lager während der revolutionären Episode ausgesetzt war, lange hinausgeschoben. In dem Bewusstsein, dass das Fehlen der neuen Partei eine irreparable Schwäche für den Sieg der Weltrevolution war, blieb die Avantgarde des Proletariats 1918-1919 einstimmig bei der dringenden Notwendigkeit, die neue Partei zu gründen. Allerdings waren sich nicht alle einig über den Zeitpunkt und vor allem über den zu verfolgenden Ansatz. Während die überwiegende Mehrheit der kommunistischen Organisationen und Gruppen für eine möglichst baldige Gründung war, entschied sich die KPD, insbesondere Rosa Luxemburg und Leo Jogiches, für eine Verschiebung, da die Situation noch nicht reif, das kommunistische Bewusstsein der Massen noch schwach und auch das revolutionäre Milieu noch unklar war[[ix]]. Der KPD-Delegierte für die Konferenz, Genosse Albert, wurde daher beauftragt, diese Position zu verteidigen und nicht für die sofortige Gründung der Kommunistischen Internationale zu stimmen. «Wenn gesagt wird, dass das Proletariat in seinem Kampfe zuerst einmal ein geistiges Zentrum braucht, so kann man sagen, dass ein solches Zentrum schon vorhanden ist, und dass alle Elemente, die sich zusammenfinden auf der Grundlage des Rätesystems, sich damit schon heute von all den anderen Elementen innerhalb der Arbeiterklasse, die noch zur bürgerlichen Demokratie neigen, losgesagt haben, wir sehen, dass überall die Trennung sich vorbereitet und durchgeführt wird. Aber was eine III. Internationale sein muss, ist nicht allein ein geistiges Zentrum, nicht alleine eine Institution, in der sich die Theoretiker gegenseitig heiße Reden halten, sondern sie muss die Grundlage einer organisierten Macht sein. Wollen wir aus der III. Internationale ein gebrauchsfähiges Werkzeug machen, wollen wir diese Internationale zu einem Kampfmittel gestalten, dann ist es notwendig, dass dazu auch die Vorbedingungen vorhanden sind.  Also allein vom geistigen Gesichtspunkte darf diese Frage unseres Erachtens nach nicht erörtert, nicht beurteilt werden, sondern es ist notwendig, dass wir uns sachlich fragen, ob die organisatorischen Grundlagen vorhanden sind. Ich habe dabei immer das Gefühl, als ob die Genossen, die so zur Gründung drängen, sich doch bedeutend beeinflussen lassen vom Werdegang der II. Internationale, dass sie nach dem Zustandekommen der Berner Konferenz ihr ein Konkurrenzunternehmen entgegensetzen wollen. Das scheint uns weniger wichtig,  und wenn gesagt wird, dass die Klärung notwendig sei, dass sonst alle zweifelhaften Elemente zur Gelben übergehen könnten, so sage ich, die Gründung der III. Internationale wird die Elemente, die heute noch hinüberlaufen, nicht abhalten, und wenn sie dennoch hinübergehen, dann gehören sie dorthin.“ [[x]10]

Wie man sieht, warnte der deutsche Delegierte vor der Gefahr der Parteigründung durch Kompromisse bei den Grundsätzen und der organisatorischen und programmatischen Klärung. Obwohl die Bolschewiki die Vorbehalte der KPD-Zentrale sehr ernst genommen haben, besteht kein Zweifel, dass auch sie in diesem Wettlauf mit der Zeit gefangen waren. Von Lenin bis Sinowjew, von Trotzki bis Rakowski betonten sie alle, wie wichtig es war, alle Parteien, Organisationen, Gruppen oder Einzelpersonen, die sich auf den Kommunismus und die Räte beriefen, zum Beitritt zu bewegen. Wie in einer Biographie von Rosa Luxemburg erwähnt, „sah Lenin in der Internationalen ein Mittel, den verschiedenen kommunistischen Parteien zu helfen, sich zu bilden oder zu stärken„[[xi]] in einem Prozess der Abgrenzung im Kampf gegen Zentrismus und Opportunismus. Für die KPD ging es zunächst darum, „solide“ kommunistische Parteien mit den Massen hinter sich zu bilden, bevor sie die Gründung der neuen Partei unterstützte.

Eine Methode der Gründung der Partei, die nicht zu deren Stärkung beiträgt

Die Zusammensetzung des Kongresses war  ein Beispiel für die Überstürzung und die Schwierigkeiten, mit denen revolutionäre Organisationen zu dieser Zeit konfrontiert waren. Von den 51 Delegierten, die unter Berücksichtigung von verspäteter Ankunft, vorzeitigen Abreisen und vorübergehender Abwesenheit an den Beratungen teilgenommen haben, waren etwa 40 bolschewistische Militanten aus der russischen Partei, aber auch aus der lettischen, litauischen, weißrussischen, armenischen Partei und der Vereinigten Gruppe der Ostvölker Russlands.  Neben der Bolschewistischen Partei hatten nur die deutschen, polnischen, österreichischen und ungarischen kommunistischen Parteien eine eigenständige Existenz.

Die anderen zum Kongress eingeladenen Kräfte bestanden aus einer Vielzahl von Organisationen, Gruppen oder Elementen, die nicht offen „kommunistisch“ waren, sondern sich in einem Abgrenzungsprozess innerhalb der Sozialdemokratie und des Syndikalismus befanden. Das Einladungsschreiben an den Kongress rief alle Kräfte, die direkt oder indirekt die Russische Revolution unterstützten und den guten Willen zu haben schienen, auf den Sieg der Weltrevolution hinzuarbeiten,  dazu auf: «10) Auf der anderen Seite ist ein Block mit denjenigen Elementen der revolutionären Arbeiterbewegung notwendig, die, obgleich sie früher der sozialistischen Partei nicht angehörten, jetzt im großen und ganzen auf dem Standpunkt der proletarischen Diktatur in der Form der Sowjetmacht stehen. Solche sind an erster Stelle die syndikalistischen Elemente der Arbeiterbewegung.

11. Endlich ist das Heranziehen aller jener proletarischen Gruppen und Organisationen notwendig, die, obgleich sie nicht der linken, revolutionären Strömung sich offen angeschlossen haben, nichtsdestoweniger in ihrer Entwicklung eine Tendenz in dieser Richtung an den Tag legen.[xii]

Dieser Ansatz führte zu mehreren Anomalien, die von der mangelnden Repräsentativität eines Teils des Kongresses zeugen. So hatte beispielsweise der Amerikaner Boris Reinstein kein Mandat seiner Partei, der Socialist Labor Party. Der Niederländer S.J. Rutgers vertrat eine Amerikanische Liga der sozialistischen Propaganda. Christian Rakowski[[xiii] sollte die Balkanische Revolutionäre Föderation, bulgarische Tesnjaki und die rumänische KP vertreten. [xiv]14] Folglich war dieser Gründungskongress trotz des Anscheins im Grunde genommen eine genaue Widerspiegelung der mangelnden Bewusstseinsentwicklung innerhalb der Weltarbeiterklasse.

All diese Aspekte zeigen auch, dass ein großer Teil der revolutionären Avantgarde der Quantität Vorrang vor der vorherigen Klärung der Organisationsprinzipien einräumte. Dieser Ansatz wandte sich von dem gesamten Konzept ab, das die Bolschewiki fünfzehn Jahren davor  entwickelt hatten. Und darauf hat die FFGC bereits 1946 hingewiesen: „So sehr die „enge“ Methode der Auswahl anhand der präzisesten Hauptgrundlagen, ohne die unmittelbaren zahlenmäßigen Erfolge zu berücksichtigen, es den Bolschewiki erlaubte, die Partei aufzubauen, die im entscheidenden Moment in der Lage war, alle revolutionären Energien und Kämpfer der anderen Strömungen in ihre Reihen aufzunehmen und schließlich das Proletariat zum Sieg zu führen, so sehr hat die „breite“ Methode, die vor allem darauf abzielte, sofort die größtmögliche Mitgliederzahl auf Kosten der Genauigkeit in Programm- und Prinzipienfragen zu sammeln, nur zur Bildung von Massenparteien geführt, die in Wirklichkeit nur auf tönernen Füßen standen und nach den ersten Niederlagen unter der Herrschaft des Opportunismus zusammenbrachen. Die Gründung der Klassenpartei ist in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern – in denen die Bourgeoisie tausend Möglichkeiten hat, das Bewusstsein des Proletariats zu untergraben – ungleich schwieriger als in Russland„.

Geblendet durch ihr Gefühl der Gewissheit des bevorstehenden Sieges des Proletariats, unterschätzte die revolutionäre Avantgarde die objektiven Schwierigkeiten, die vor ihr lagen, erheblich. Diese Euphorie führte sie zu einem Nachgeben gegenüber der „engen“ Methode des Organisationsaufbaus, die vor allem von den Bolschewiki in Russland und teilweise von den Spartakisten in Deutschland verteidigt worden war. Dabei spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass einem großen revolutionären Zusammenschluss Vorrang eingeräumt werden sollte, da man somit der „Gelben Internationale“ begegnen könnte, die einige Wochen zuvor in Bern auf die Beine gestellt worden war. Diese „breite“ Methode ordnete der Klärung der Organisationsprinzipien eine nebensächliche, nachgeordnete Rolle zu. Auch wenn die in die neue Partei aufgenommenen Gruppen Verwirrungen mit sich brächten, würde der Kampf in ihr geführt werden. Vorläufig wurde der Schwerpunkt darauf gelegt, so viele Kräfte  wie möglich zusammenzubringen.

Diese „breite“ Methode sollte sich als sehr verhängnisvoll erweisen, da sie die Komintern im späteren Organisationskampf schwächte. Tatsächlich sollte die programmatische Klarheit des ersten Kongresses durch den opportunistischen Druck in einem Kontext der Abschwächung und des Niedergangs der revolutionären Welle mit Füßen getreten werden. Innerhalb der Komintern entstanden die linken Fraktionen, die die Unzulänglichkeiten des Bruchs mit der Zweiten Internationale kritisierten. Wie wir später sehen werden, stellten die von diesen Gruppen verteidigten und entwickelten Positionen eine Reaktion auf die Probleme dar, die in der Komintern durch die neue Periode der Dekadenz des Kapitalismus aufgeworfen wurden.

(Wird fortgesetzt).

Narek, 4. März 2019.


[i] Die Berner Konferenz im Februar 1919, die „ein Versuch war, die Leiche der Zweiten Internationale wieder zu beleben“ und zu der „das Zentrum“ seine Vertreter geschickt hatte.

[ii] Siehe auch unseren Artikel „März 1919: Gründung der Kommunistischen Internationale“, International Review Nr. 57, 2. Quartal 1989.

[iii] Internationalisme, „Über den ersten Kongress der Kommunistischen Partei Italiens“, Nr. 7, Januar-Februar 1946.

[iv] Lenin, 21. Januar 1919, /Prawda Nr. 16, 24.1.1919, Werke Band 28, S.442

[v] Kommandant der Volksmarinedivision in Berlin 1918. Nach der Niederlage im Januar flüchtete er nach Braunschweig und Eisenach. Er wurde im Mai 1919 verhaftet und hingerichtet.

[vi] Internationalisme, „Über den ersten Kongress der Kommunistischen Partei Italiens“, Nr. 7, Januar-Februar 1946.

[vii] Founding the Communist International: The Communist International in Lenin’s Time. Proceedings and Documents of the First Congress : March 1919, Edited by John Riddell, New York, 1987, Introduction, S. 19

[viii] Ibidem.

[ix] Dies war das Mandat, das sie (in der ersten Januarhälfte) dem KPD-Delegierten für die Konferenz erteilt hatten. Das bedeutet nicht, dass Rosa Luxemburg zum Beispiel grundsätzlich gegen die Gründung einer neuen Internationale war. Ganz im Gegenteil.

[x] Rede des deutschen Delegierten am 4. März 1919, (3. Sitzungstag) in «Erster Kongress der Kommunistischen Internationale», S. 132.

[xi] Gilbert Badia, Rosa Luxemburg. Journalistin, Polemikerin, Revolutionärin, Editions sociales, 1975.

[xii]„Einladungsschreiben zum Kongress“, in Op. Cit., Erster Kongress der Internationale.S. 48.

[xiii] Einer der einflussreichsten und für eine sofortige Gründung der Komintern entschlossensten Delegierten.

[xiv]Pierre Broué, Histoire de l’Internationale Communiste (1919-1943), Fayard, 1997, S. 79.

https://de.internationalism.org/content/2845/100-jahre-nach-der-gruendung-der-kommunistischen-internationale-welche-lehren-koennen

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