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Geschichte, Kultur

Israel und die Eroberung der syrischen Golanhöhen 1967 (Teil 1)

von Zlatko Percinichttps://deutsch.rt.com

Bild: Israelische Truppen nach der Eroberung der syrischen Golanhöhen 1967
Was von langer Hand vorbereitet wurde, ist nun Realität: US-Präsident Trump unterzeichnete eine Erklärung, die die israelische Annexion der syrischen Golanhöhen anerkennt. Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Wer trägt die Schuld am Krieg im Juni 1967?

Kein Ereignis hat den Nahen und Mittleren Osten nachhaltiger geprägt als der sogenannte Sechstagekrieg. In nur sechs Tagen, vom 5. Juni bis zum 10. Juni 1967, ist es dem noch jungen Israel gelungen, sein Territorium auf das Dreifache auszudehnen und drei arabische Armeen vernichtend zu schlagen. Noch bevor sich die Rauchschwaden des Krieges verzogen haben, war der Mythos des unbesiegbaren David geboren. Bis heute halten viele Militärs – und noch viel mehr Unterstützer Israels – an diesem Mythos fest, obwohl sich David schon längst zum Goliath verwandelt hat.

US-Präsident Donald Trump

Jeden Krieg begleitet unweigerlich auch die Schuldfrage: Wer hat ihn vom Zaun gebrochen? Wer trägt die Verantwortung für die Zerstörung und das Leid auf allen Seiten? Und wie es seit Beginn der Geschichtsschreibung der Fall ist, bestimmt der Sieger eines Krieges die Antwort auf diese Fragen. So hat man lange Zeit die israelische Sichtweise als Fakt akzeptiert, dass der damals erst 19 Jahre alte Staat angegriffen wurde und Israel deshalb einen Verteidigungskrieg führte. Erst als Wissenschaftler mit den Jahren Zugang zu Dokumenten erhielten, die in Archiven in Tel Aviv, Jerusalem, Gaza, Kairo, Amman und Damaskus auf ihre „Entdeckung“ warteten, ergab sich langsam, aber sicher ein ganz anderes Bild der Geschehnisse im Juni 1967.

Doch der Mythos hält sich weiterhin hartnäckig an der Oberfläche, wie viele Kommentare aufgrund der aktuellen Entwicklung mit der US-Anerkennung der israelischen Annexion der syrischen Golanhöhen zeigen. Ein geradezu exemplarisches Beispiel liefert Ted Cruz, US-Senator aus Texas, in einem Tweet vom 24. März:

Israel wurde aber nicht angegriffen. Stattdessen trieben die Umstände, die keine Seite zu kontrollieren vermochte, die Israelis zu einem Angriffskrieg, den man heute wohl einen Präventivschlag nennen würde. Um diese Entscheidung auch heute noch nachvollziehen zu können, ist es unabdingbar, einige historische Fakten aus dieser Zeit zu rekapitulieren.

Ägypten und Syrien

Um sich nach Israels Sinaifeldzug von 1956 mit britischer und französischer Hilfe besser organisieren zu können, schlossen sich Ägypten und Syrien zu einer Union zusammen, der Vereinigten Arabischen Republik. Diese sollte aber nur von kurzer Dauer sein (1958–1961). Die Unterschiede und vor allem die inneren Machtkämpfe waren einfach zu groß, um einen einheitlichen Staat aufrechterhalten zu können. Der 1952 durch einen Militärputsch der Freien Offiziere an die Macht gekommene Gamal Abdel Nasser verstand sich als Anführer einer großen, säkularen panarabischen Nation, die vor allem für die Scheichtümer am Persischen Golf eine Bedrohung darstellte.

Nasser zielte von Anfang an darauf ab, die syrische Baath-Partei zu marginalisieren, obwohl sie es war, die sich am meisten für die Vereinigung mit Ägypten einsetzte. Im neu erstellten Nationalrat erhielten die Ägypter 400 Sitze, die Syrer nur 200. Auch in Schlüsselpositionen der syrischen Wirtschaft und des Militärs sollten sich die Ägypter durchsetzen. Das führte logischerweise umgehend zu einem Vertrauensverlust und Ressentiments der syrischen Soldaten, die sich keinem ägyptischen Oberkommando unterstellen wollten. Schließlich waren es syrische Offiziere, die Syrien am 28. September 1961 mit einem Putsch der Vereinigten Arabischen Republik wieder entrissen haben.

Nur wenige Monate nach dem Zusammenbruch des panarabischen Traums sah Nasser mit dem Putsch im Jemen erneut seine Chance gekommen, seinen Führungsanspruch in der arabischen Welt zu bestätigen. Ein Putsch gegen den erst frisch gekrönten Imam Muhammad al-Badr durch die Armee führte zur Gründung der Jemenitischen Arabischen Republik. Die ägyptischen Militärs waren davon überzeugt, dass die Unterstützung der jemenitischen Republikaner ein Kinderspiel sein würde, weshalb Nasser grünes Licht für eine Intervention gab. Am Ende sollte der Krieg im Jemen bis 1967 dauern und mindestens 10.000 Todesopfer auf ägyptischer Seite fordern.

US-Senator Lindsey Graham besuchte am 11. März zusammen mit dem US-Botschafter in Israel, David Friedman, und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu die besetzten Golanhöhen.

Ägypten und Israel

Um sich vollauf auf diesen Krieg konzentrieren zu können, streckte Gamal Abdel Nasser Ende 1965 seine Fühler in Richtung Israel aus. Wie der britisch-israelische Historiker Avi Shlaim in seinem Buch „Die eiserne Mauer“ schreibt, ging in Tel Aviv beim Mossad-Chef Meir Amit eine Einladung zu einem Treffen mit dem ägyptischen Vizepräsidenten Abdel Hakim Amer ein. Amer galt als enger Vertrauter von Nasser, der beim Putsch der Freien Offiziere eine entscheidende Rolle spielte und von Nasser zum Feldmarschall befördert wurde.

Für Meir Amit war somit klar, dass der Ägypter im Auftrag von Präsident Nasser handelte, und er befürwortete deshalb ein Treffen. Auch der in der heutigen Ukraine geborene israelische Ministerpräsident Levi Eschkol (geborener Schkolnik) sah darin eine gute Chance für sein Land, um mit den Ägyptern ins Gespräch zu kommen. Eschkol wusste natürlich, dass der Krieg im Jemen enorme Kosten und Probleme für Ägypten verursachte und dass er deshalb eine gute Gelegenheit wäre, um eigene Interessen durchzusetzen.

Die Forderungen, die Amer an die Israelis stellte – ihren Einfluss in Washington geltend zu machen, damit die USA dem Gesuch Ägyptens nach Wirtschaftshilfe nachkommen –, klangen nach einer machbaren Angelegenheit. Im Gegenzug versprach der ägyptische Vizepräsident, dass die anti-israelische Rhetorik zurückgefahren und der Boykott von israelischen Produkten aufgehoben werde. Eschkol informierte daraufhin sogar die Amerikaner über die Einladung von Abdel Hakim Amer und teilte ihnen mit, dass er dem Ganzen wohlwollend gegenübersteht.

Doch so weit sollte es gar nicht erst kommen. Der 1963 in einem Machtkampf mit David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten des frisch gegründeten Staates Israel, vom Mossad-Thron gestürzte Isser Harel sprach sich dagegen aus. Harel wurde auf Druck der Hardlinerin Golda Meir erst im September 1965 zu Ministerpräsident Levi Eschkols Berater für geheimdienstliche Angelegenheiten ernannt.

Obwohl natürlich nicht klar ist, ob sich überhaupt etwas aus einem Treffen zwischen Israelis und Ägyptern Ende 1965/Anfang 1966 ergeben hätte, so steht doch fest, dass Israel eine Chance verstreichen ließ, was in der Folge zu einer Verhärtung der ägyptischen Position führte. Im November 1966 unterzeichnete Ägypten mit Syrien ein Verteidigungsabkommen, wonach sich die Staaten im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Israel zu gegenseitiger Hilfe verpflichteten.

Israel und Syrien

Syrien galt von Anfang an als das schwächste Glied in der Kette der feindlichen Nachbarn Israels. Der Libanon war gar nicht erst in der Lage, überhaupt auch nur im Geringsten eine militärische Bedrohung für Israel darzustellen. In seinem Buch „Six Days – How the 1967 war shaped the Middle East“ zitiert BBC-Journalist Jeremy Bowen den damaligen britischen Militärattaché in Damaskus, Colonel D. A. Rowan-Hamilton, mit den Worten, dass, obwohl die Moral des „proletarischen Offizierkorps“ hoch sei, die Ausbildung schlecht sei und die zweitklassigen Waffensysteme aus der Sowjetunion keine Chance gegen die modernen Waffen der Israelis hätten.

Auf Mount Bental, einem Beobachtungsposten in den von Israel besetzten Golanhöhen, stehen Schildern, die auf Entfernungen zu verschiedenen Städten hinweisen.

Seit den Waffenstillstandsabkommen von 1949, die die Grenzen des im Mai 1948 gegründeten Staates festlegten, herrschte relative Ruhe an der Grenze zu Syrien. Ein Bestandteil des Abkommens zwischen Israel und Syrien war die Errichtung einer entmilitarisierten Zone (DMZ), um eine Rückkehr der zivilen Bevölkerung in diese Zone zu ermöglichen und militärische Auseinandersetzungen zu verhindern. Die Aufsicht über die Einhaltung des Abkommens fiel der neugegründeten Gemischten Waffenstillstandskommission (MAC) zu.

Kaum im Amt, fingen die Probleme der Kommission an. Wer durfte in diese entmilitarisierte Zone zurückkehren? Menschen, die vorher schon dort gelebt haben, oder auch neue Siedler? Durften mehr Menschen kommen, als zuvor da waren? Durften überhaupt neue Siedlungen gebaut werden?

Mit dem Kibbuz Beit Katzir schafften die Israelis 1950 als Erste Fakten auf dem Boden. Die Streitigkeiten führten schließlich dazu, dass Israel ab 1951 nicht mehr an gemeinsamen Treffen der Kommission teilnehmen wollte. Der UN-Sicherheitsrat stellte mit der Resolution 93 fest, dass die israelische Weigerung nicht mit den „Zielen und Absichten“ des Waffenstillstandsabkommens übereinstimmt, und rief die israelische Seite dazu auf, die gemeinsame Arbeit mit den Syrern wieder aufzunehmen.

Davon wollte Israel aber nichts mehr wissen und stellte sich auf den Standpunkt, dass Syrien keinerlei Rechte und Ansprüche auf die DMZ habe und dass Israel die volle Souveränität über dieses Gebiet zusteht. In der Folge gab es einige zum Teil auch heftige gewalttätige Auseinandersetzungen, aus denen jeweils Israel als Sieger hervorging.

Als größter Knackpunkt galt der Streit um das Wasser des Sees Genezareth am oberen Jordangraben, der für alle angrenzenden Staaten von größter Bedeutung war. Bereits im Jahr 1953 fing Israel mit einem Projekt an, um Wasser aus dem See abzuziehen und durch Pipelines bis in die Negev-Wüste im Süden an der Grenze zu Ägypten zu leiten, um die „Wüste zum Erblühen zu bringen“, wie es ein weiterer Mythos gerne haben möchte. Die Arabische Liga erklärte dazu in ihrem Abschlusskommuniqué vom Januar 1964:

Diskutiert wurde Israels neuer und aggressiver Plan zur Umleitung des Flusses Jordan, der die Rechte der Araber massiv gefährdet, mit der Absicht, zionistische Expansionspläne durch Einwanderung umzusetzen und […] weitere Zentren der Aggression gegen die Sicherheit und den Fortschritt arabischer Länder einzurichten, was den Weltfrieden gefährdet.

Da die Regierung in Damaskus nichts gegen die israelischen Aktivitäten am See Genezareth unternehmen konnte, wollte Syrien 1964 einen eigenen Plan zur Abzweigung von Wasser umsetzen. Mit zwei Dämmen und der Konstruktion eines 80 Kilometer langen Kanals sollten die Quellflüsse des Jordans in den größten Nebenfluss, dem Jarmuk, umgeleitet werden. Der Jarmuk bildet die natürliche Grenze zwischen Jordanien und Syrien und kurz vor der Einmündung in den Jordan auch die Grenze zwischen Jordanien und Israel.

https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/86451-israel-und-die-eroberung-der-syrischen-golanhoehen-teil-i/

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