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Ausland, Europa

Der Antikolonialismus der Gelbwesten: Frankreich-Afrika (2)

von Klaus Linder – http://www.facebook.com

Seit dem 5. Dezember 2018 ist ein Dokument öffentlich, das „offizielle Charta der Gelbwesten“ überschrieben ist. Unter dem Abschnitt „Geopolitik“ wird dort als Nr. 23. der insgesamt 25 Forderungen angeführt:

„Françafrique: Aufhören mit der Plünderung und den politischen und militärischen Einmischungen. Das von den Diktatoren geraubte Geld und Güter den afrikanischen Völkern zurückerstatten. Sofort alle französischen Soldaten zurück in die Heimat. Dem System des Franc CFA ein Ende setzen, das Afrika in der Armut hält. Beziehung von gleich zu gleich mit den afrikanischen Staaten knüpfen.“

Es kursieren nur wenige Übersetzungen, meistens nur etwas summarische auf englisch. Dabei gibt es keine Erläuterungen für deutschsprachige Leser was mit Begriffen wie „Françafrique“ oder „ System des Franc CFA“ gemeint ist.

Diesmal kommt ein Teil der Aufklärung ausgerechnet vom Deutschlandfunk. Bevor ein paar Auszüge aus dem Text folgen, den man als ganzen bitte unten öffnet, hier noch ein Zusatz von Dagmar Henn zum gestrigen Teil I („Warum musste Gadafi sterben?“):
„Der Kolonialismus hat nie geendet.
Zu den unten dargestellten Fakten zum System des CFA-Franc ist noch etwas hinzuzufügen.
Die Devisenreserven der betroffenen afrikanischen Staaten liegen nicht nur zu 85% in der Bank von Frankreich, sondern zu 100%. Die 85% ergeben sich daraus, dass die Staaten über 15% ihres eigenen (!!) Geldes verfügen dürfen, ohne die Genehmigung der Bank von Frankreich einzuholen.
Über die restlichen 85% können sie nur mit Genehmigung verfügen. Das heisst selbstverständlich vor allem, dass sie diese Devisen keinesfalls für ökonomische Schritte hin zur Eigenständigkeit nutzen können.
Regierungen, die es trotzdem wagen und schaffen, sich in eine andere Richtung zu bewegen, wie jene von Thomas Sankara in Burkina Faso, werden physisch beseitigt.
Burkina Faso hat trotzdem, dank einiger Jahre sozialistischer Politik, die höchste Industrialisierung aller afrikanischen Länder… über diese Tatsache bin ich gestolpert, als ich mir mal den Anteil der Industriearbeiterschaft an der Bevölkerung in der Statistik der Weltbank ansah.
Neben der Kontrolle über die Finanzen verlangt Frankreich auch nach wie vor jährliche Abgaben. Es ist anzunehmen, dass ohne diesen Zufluss, der beträchtlich ist, Frankreich längst pleite wäre…
Und nun noch ein Detail zur völligen Verwirrung: Das Programm des FN zu den letzten französischen Wahlen beinhaltete auch die Aufhebung des CFA-Systems.“

Nun zum Text von Benjamin Moscovici über den „unsichtbaren Kolonialismus“:
„Wie sehr Frankreich auch nach der Unabhängigkeit seiner ehemaligen Kolonien auf seine alten Privilegien bestand, zeigt ein Brief des damaligen französischen Finanzministers Michel Debré an seinen Amtskollegen aus Gabun vom Juli 1960. Darin schreibt Debré unverblümt: „Wir geben euch die Unabhängigkeit unter der Bedingung, dass sich der Staat nach seiner Unabhängigkeit an die vereinbarten Handelsverträge hält. Das eine geht nicht ohne das andere.“

Handelsverträge, die im Gegenzug für die Unabhängigkeit unterzeichnet wurden. Bis heute sichert sich Frankreich mit diesen alten Verträgen einen bevorzugten Zugang zu den Ressourcen in den ehemaligen Kolonien. Im Falle Gabuns heißt es in dem Vertrag beispielsweise: „Die Republik Gabun verpflichtet sich, der französischen Armee strategische und rüstungsrelevante Rohstoffe zur Verfügung zu stellen. Der Export dieser Rohstoffe in andere Staaten ist aus strategischen Gründen nicht erlaubt.“
Teils wortgleiche Verträge wurden auch mit allen anderen ehemaligen Kolonien in Subsahara-Afrika geschlossen.
(…)
Mamadou Koulibaly war zunächst Finanzminister der Elfenbeinküste und später zehn Jahre lang Parlamentspräsident. Er sagt: „Die Ausbeutung kommt heute im Gewand der Entwicklungshilfe.“ Der Westen tue so, als würde er Afrika großzügig mit Milliardenzahlungen an Hilfsgeldern überschütten. „Aber in Wahrheit ist das alles Augenwischerei. Dadurch, dass wir unter Weltmarktpreisen nach Frankreich exportieren, verlieren wir weit mehr als wir zurückbekommen.“
Der Franc CFA – Mittel wirtschaftlicher Ausbeutung
Doch es sind nicht nur diese alten Verträge, mit denen sich Frankreich weiterhin wirtschaftliche Vorteile und Einfluss in seinen ehemaligen Kolonien sichert. Das eigentliche Kernstück kolonialer Kontinuität und finanzieller Kontrolle wird allzu leicht übersehen: der Franc CFA; der Franc für die „Colonies francaises d’afrique“, die französischen Kolonien Afrikas. Eine Währung, die von acht westafrikanischen Staaten und sechs Staaten Zentralafrikas verwendet wird.
(…)
Ex-Finanzminister Mamadou Koulibaly sagt: „Bei der Unabhängigkeit hat man den ehemaligen Kolonien politische Freiheit gewährt, aber man hat das ganze System der kolonialen Ausbeutung aufrechterhalten. Die Unabhängigkeit ist nur eine Fassade.“
(…)
Der Franc CFA stellt tatsächlich ein weltweit einzigartiges System der Kontrolle durch eine fremde Macht dar. Zwar wurden die Wörter hinter dem Akronym nach der Unabhängigkeit geändert, sodass CFA heute in Westafrika für „Communauté Financière d’Afrique“ und in Zentralafrika für „Cooperation Financière en Afrique Central“ steht. Aber bis heute wird keine Währung der Welt so stark fremdbestimmt wie der Franc CFA.

Noch immer liegen 50 Prozent der Währungsreserven der insgesamt 14 CFA-Staaten in Frankreich. Das Geld wird in Frankreich hergestellt, und Frankreich hat das alleinige Recht, die Währung auf- oder abzuwerten. In den Zentralbanken West- und Zentralafrikas sitzt jeweils ein französischer Vertreter mit Vetorecht. Ohne Frankreich geht nichts. Devisen, Wechselkurse und Währungsreserven – was auf den ersten Blick dröge klingen mag, erzählt bei genauerem Hinsehen viel über die Ursprünge von Armut, Konflikten und Migration in den ehemaligen französischen Kolonien.
(…)
Die feste Bindung an den Euro erzeugt nicht nur eine Dynamik, gegen die es fast unmöglich ist, eine florierende Industrie aufzubauen, sie bedeutet auch, dass die CFA-Staaten immer mehr importieren als sie exportieren, sagt der Ökonom: „Seit den sechziger Jahren hatten wir nie eine ausgeglichene Auslandshandelsbilanz. Wir sind immer in einem Außenhandelsdefizit. Dadurch sind wir immer in einer Situation, in der wir Schulden machen.“ Und diese Schulden müssen bedient werden. Jedes Jahr müssen die CFA-Staaten so Milliarden nach Europa überweisen. Allein für die Zinsen auf das geliehene Geld.
(…)
Doch nicht nur Frankreich sei jetzt gefragt, auch Europa stehe in der Verantwortung. Seit der Einführung des Euro ist der Franc CFA schließlich nicht mehr an den Französischen Franc, sondern an den Euro gekoppelt. Tatsächlich bedeutete diese Umstellung, dass seither jede Euro-Entscheidung, die bei der EZB in Frankfurt gefällt wird, unmittelbar 150 Millionen Afrikaner betrifft, die bei dieser Entscheidung weder berücksichtigt noch beteiligt wurden.

ttps://www.facebook.com/klaus.linder.332/posts/329125647703386

 

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