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Geschichte, Kultur

Zur Entwicklung des Verhältnisses des deutschen Imperialismus gegenüber der Ukraine – Teil 1

von Prof. Dr. Anton Latzohttps://deutsch.rt.com

Bild: Kaiser Wilhelm II. besucht die Truppen an der Front in Galizien, das heute zur Westukraine gehört.
Schon zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs war die Ukraine für die wirtschaftlichen und politischen Eliten in Deutschland von besonderem Interesse. Im Zentrum der Überlegungen stand – damals wie heute -, die Ukraine als Druckmittel gegen Russland einzuspannen.

Das deutsche Kaiserreich, nach 1871 zur europäischen Großmacht aufgestiegen, entwickelte sich um die Jahrhundertwende rasch zur führenden Industriemacht des Kontinents mit weltweiten Expansionszielen.

Beschmiertes Komsomol-Denkmal in Dnipro.

Zu diesem Zeitpunkt war die Welt bereits fast völlig aufgeteilt, doch das deutsche Kaiserreich erkannte den bestehenden Status quo nicht an. Die herrschenden Kreise nahmen Kurs auf eine Neuaufteilung der Welt zu ihren Gunsten. Der damalige Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Bernhard von Bülow, erklärte 1899 im Reichstag:

Aber jedenfalls können wir nicht dulden, dass irgendeine fremde Macht …  zu uns sagt: Was tun? Die Welt ist  weggegeben. Untätig beiseitestehen, wie wir das früher oft getan haben … träumend beiseitestehen, während andere Leute sich den Kuchen teilen, das können wir nicht und wollen wir nicht. Wir können das nicht aus dem einfachen Grunde, weil wir jetzt Interessen  haben in allen Weltteilen…

Er meldete den Anspruch Deutschlands auf einen „Platz an der Sonne“ an. Ist das alles nur Geschichte?

Nachdem das aufstrebende deutsche Industrie-und Finanzkapital sich sein eigenes politische System geschaffen hat, erfolgte die Militarisierung auf der Grundlage des Preußentums. Unter imperialistischen Bedingungen kam es zugleich zu einer wesentlichen Veränderung des allgemeinen Charakters des Krieges. Deutsche Generalität und deutsches Offizierskorps beanspruchten auch das Recht, über die Politik mitzubestimmen. Zugleich entwickelte sich der deutsche Militarismus in enger Verzahnung mit den Rüstungsunternehmen von Krupp, Thyssen, Stumm-Halberg, Siemens, der AEG und anderen. Es entstand die Allianz von Kapitalismus und Militarismus, von Krieg, Politik und großem Geschäft.

Als geistiges Verbindungsglied wurden  Organisationen alldeutscher Prägung entwickelt, die Masseneinfluss erlangten. Dazu gehörten: die Deutsche Kolonialgesellschaft (1887), der Alldeutsche Verband (1891 bzw. 1894), der Deutsche Flottenverein (1898), der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie (1904), der Deutsche Wehrverein (1912), der Kyffhäuserbund (1898) und weitere Kriegsvereine, Luftfahrtvereine, Jugendvereine. Universitäten und Forschung wurden missbraucht. Es entwickelte sich ein weitverzweigtes  System von politischen, wirtschaftlichen, militärischen und ideologischen Institutionen, Mitteln und Methoden, die allesamt das gesamte gesellschaftliche Leben durchdrangen und in den Dienst von Profit, Expansion und Krieg stellten. Diese Tradition wirkt bis heute.

Triumvirat  und Kampf gegen den Osten

Der preußische General und führende Militärhistoriker Friedrich von Bernhardi rief im Buch „Deutschland und der nächste Krieg“ (1912) unter anderen zur „Eroberung von Siedlungsgebieten im von Russland kontrollierten Osten“ auf. Schon 1890 ortete er „den Russen“ als „wahren Nationalfeind“. „Kampf des Germanentums gegen den Panslawismus, das wird das Wahrzeichen der nächsten Geschichtsperiode sein“, hieß seine Erkenntnis.

Das Auswärtige Amt des deutschen Reiches entwickelte konkrete Vorstellungen und Vorschläge, um diese Ziele zu erreichen. In einer der zahlreichen Kriegszieldenkschriften forderte am 2. September 1914 der  Zentrumspolitiker Matthias Erzberger „Russland sowohl von der Ostsee als auch vom Schwarzen Meer abzuschließen“. Den Weg sah er in der „Befreiung der nichtrussischen Völkerschaften“ des Zarenreiches „vom Joch des Moskowitertums und Schaffung von Selbstverwaltung im Inneren der einzelnen Völkerschaften“. Er fügte hinzu:

Alles dies unter militärischer Oberhoheit Deutschlands, vielleicht auch mit Zollunion.

Paul Rohrbach, Mitarbeiter der „Zentralstelle für Auslandsdienst“ beim Auswärtigen Amt, vertrat schon damals die Parole: „Ohne die Ukraine ist Russland nicht Russland“ und „Wer Kiew hat, kann Russland zwingen“.

In diesem Sinne schloss das Deutsche Reich im Februar 1918, noch vor dem Diktatfrieden von Brest-Litowsk, ein Abkommen mit der Ukraine. Diese hatte vorher als Staat gar nicht existiert! So wurde die Ukraine zum Subjekt des Völkerrechts, das von Deutschland für seine Zwecke eingesetzt wurde. Mit dieser Anerkennung als Vertragspartner sollte Russland erpresst werden. Am Ende desselben Jahrhunderts hat Deutschland dann wiederum als Vorreiter Kroatien und Slowenien anerkannt und damit den letzten Nagel für den Sarg Jugoslawiens geliefert!

 

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnick (links) redet. Deutsche Politiker hören zu. Konferenz am 14. Dezember bei der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Der Weg nach Russland führte stets über die Ukraine und  über die Austragung zwischenimperialistischer Widersprüche. Für die USA zum Beispiel wäre der volle Sieg einer der kämpfenden Gruppierungen unvorteilhaft gewesen. Weder der Sieg und die Hegemonie Deutschlands noch der volle Triumph Englands und des zaristischen Russlands waren für sie eine akzeptable Perspektive. Aber ein Sieg Deutschlands wäre am wenigsten erwünscht gewesen, weil er zur Hegemonie einer einzigen Macht in ganz Europa geführt hätte. Es gibt also noch konstante Linien – auch in der imperialistischen Politik! In den ersten Tagen nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk begann Deutschland sogleich, ihn zu verletzen.

Die aggressiven Kreise setzten ihre Bestrebungen fort, einen militärischen Überfall gegen den Sowjetstaat zu organisieren, um Territorium zu erobern, die Sowjetmacht zu beseitigen, Russland zu einem von Deutschland abhängigen Staat zu machen. Im Falle der Ukraine nutzte die deutsche Regierung die Tatsache aus, dass es zwischen Sowjetrussland und der Ukraine keine klare Grenzmarkierung gab. Sie besetzte die Ukraine und machte sie zur Basis für das weitere Vordringen nach Russland, indem sie den Verrat der ukrainischen bürgerlichen Nationalisten ausnutzte. Und wie ist es heute?

Die deutsche Arme in der Ukraine hatte eine Stärke von einer Million Mann. Im März 1918 besetzten deutsche Truppen den Donbass. Dann  rückten sie weiter zum Don vor, als Hilfestellung für General Krasnow, der einen konterrevolutionären Aufstand anführte, um eine Armee zum Kampf gegen den Sowjetstaat zu formieren und zu bewaffnen. Im April drangen die deutschen Truppen in die Gouvernements Kursk, Orlow und Woronesh ein. Im Mai besetzte die deutsche Armee die Krim. Deutliche Beweise für die Absichten des deutschen Imperialismus! Lenin erklärte im Mai 1918:

Die Mehrheit der bürgerlichen Parteien Deutschlands tritt gegenwärtig für die Einhaltung des Brester Friedens ein, möchte ihn aber natürlich gerne ´verbessern` und noch einige Annexionen auf Kosten Russlands erlangen.

Mehr zum ThemaUkraine: Poroschenko braucht einen Krieg für sein politisches Überleben

https://deutsch.rt.com/meinung/81552-zur-entwicklung-verhaltnisses-deutschen-imperialismus/

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