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Inland, Medien

Enthüllte Spiegel-Fakes: „Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen“

von Paul Schreyerhttps://paulschreyer.wordpress.com

Der Spiegel-Reporter Claas Relotius hat jahrelang Reportagen verfasst, die, wie der Spiegel nun einräumt, zum großen Teil frei erfunden waren. Es ging um Syrien, um Trump-Wähler etc. Der Reporter ergänzte seine Geschichten dabei äußerst fantasievoll und sprachmächtig immer so, dass die Erwartungen der Redaktion erfüllt wurden und sich die gängige, „amtliche“ Sicht auf das jeweilige politische Thema bestätigte. Pointe dabei: Der Reporter sammelte mit diesen Fakes jahrelang die angesehensten Journalistenpreise ein. Für den Spiegel und die Leitmedien insgesamt ist der Fall damit ein Super-GAU.

Gestern äußerte sich Ulrich Fichtner aus der Spiegel-Chefredaktion zu dem Vorfall. Er versucht zu analysieren, weshalb die Fantasiegeschichten so lange kein Misstrauen in der Redaktion weckten und meint:

„Es gehört zur Grundausstattung des Menschen, im Umgang mit Wahrheit und Wahrscheinlichkeit erstaunlich großzügig zu sein, solange kein Grund zum Zweifeln besteht. Dann ist die Bereitschaft, noch die unglaublichsten Geschichten für wahr zu halten, solange sie nur plausibel wirken, ziemlich grenzenlos.“

„Plausibel“ ist hier zu übersetzen als „im Einklang mit den herrschenden Vorstellungen“. Und genau da liegt der Hund begraben. Der Spiegel beleuchtet unfreiwillig seine eigene bequeme Filterblase: Man will bestätigt werden, hat es ja sowieso immer schon gewusst. Trump-Wähler sind weltfremde Hinterwäldler, in Syrien opfert Assad rücksichtslos die Zivilbevölkerung und so weiter. Fichtner:

„Als Redakteur, als Ressortleiter, der solche Texte frisch bekommt, spürt man zuerst nicht Zweifeln nach, sondern freut sich über die gute Ware. Es geht um eine Beurteilung nach handwerklichen Kriterien, um Dramaturgie, um stimmige Sprachbilder, es geht nicht um die Frage: Stimmt das alles überhaupt? Und dieser Relotius liefert immer wieder hervorragende Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen.“

Der Spiegel-Chef spricht hier erfreulichen Klartext. Geschichten, die „wenig Arbeit und viel Freude machen“, das sind schlicht und einfach Stories, mit denen man in etablierten Kreisen nicht aneckt – also so ungefähr das Gegenteil von Journalismus.

Der Spiegel verdankt die Enttarnung der Lügenstories dabei dem eigenen Mitarbeiter Juan Moreno und es ist lehrreich, dass den Zweifeln dieses Mitarbeiters zunächst niemand im Haus glauben wollte. Fichtner:

„Es ist Juan Moreno, der gegen alle Widerstände nicht locker lässt, recherchiert, antreibt, und an seine Fakten glaubt. Leicht ist das nicht für ihn. Anfangs rennt er gegen Wände, wie ein Whistleblower, dem erst nicht geglaubt wird, weil seine Wahrheiten so unbequem sind.“

Spiegel-Chef Fichtner, der nun den Ruf des Blattes zu retten versucht, ist im Zusammenhang mit „unbequemen Wahrheiten“ selbst eine schillernde Schlüsselfigur. Im Oktober 2002 verfasste er im Spiegel die erste Abrechnung mit „9/11-Verschwörungstheorikern“, ein ebenso selbstgewisser wie ahnungsloser Text, dessen Tonfall und Argumente in den folgenden Jahren dutzendfach von den Leitmedien aufgegriffen wurden:

„Spinner? Aufklärer? Unbelehrbare? Verschwörungstheoretiker sehen die CIA, den Mossad oder andere Dienste in die Anschläge des 11. September verwickelt. Besonders deutschen Intellektuellen passen solche Theorien in die antiamerikanische Weltanschauung. (…)

Die Netzwerker, sie ahnen nichts von der Höllenkraft der Physik (…) Sie wollen es nicht wissen. Sie wollen an Legenden stricken. Wichtig sein im Cyberspace. Punkte sammeln im größten Computerspiel aller Zeiten, im verzwicktesten Rätselraten seit der Ermordung John F. Kennedys. Seit Pearl Harbor. Dabei bauen sie sich ihr eigenes Googlegate.

Widersprüche lösen sich auf in einem System endloser Querverweise, in dem alles mit allem zusammenhängt und in dem entweder alles stimmen muss – oder gar nichts stimmen kann. Unmöglich etwa, im Detail gegen eine These wie diese zu argumentieren: dass die ‚geopolitischen Schachmeister‘ im Weißen Haus und im Pentagon ‚zwei Türme‘ geopfert hätten, um auf lange Sicht besser dazustehen im Kampf um die ‚globale Vorherrschaft‘. So etwas glaubt man – oder man lässt es lieber.“

Fichtner entschied sich für Letzteres und hat mit dieser Entscheidung seiner weiteren Karriere nicht geschadet. In einem vom WDR moderierten Streitgespräch mit Mathias Bröckers bekräftigte er Ende 2002:

„Wer nicht zur Kenntnis nehmen will, dass eine terroristische Bande diese Anschläge ausgeführt hat, sondern dass es dahinter böse Mächte geben muß, (…) verweigert sich einem wesentlichen neuen Gedanken, der jetzt in der Welt ist, nämlich dass wir uns dieser Gefahr ausgesetzt sehen und verfehlt dann künftig die Wirklichkeit.“

Dass gerade über dem Spiegel, der sich, was 9/11 angeht, vor allem als unkritisches Verlautbarungsorgan von Regierungen und Geheimdiensten verdingte, nun das Kartenhaus solcher Art von fiktionaler „Wirklichkeit“ zusammenbricht, scheint nur gerecht.

https://paulschreyer.wordpress.com/2018/12/20/enthuellte-spiegel-fakes-geschichten-die-wenig-arbeit-und-viel-freude-machen/

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Enthüllte Spiegel-Fakes: „Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen“

  1. Relotius ist doch ein Bauernopfer. Das ehemalige Nachrichtenmagazin war ein Partner im Krieg gegen Syrien. Mir sind die Schuppen von den Augen gefallen, als auch der Spiegel, wie die Tagesschau, die ich nicht konsumiere (nur zahle) die Meldung des Russischen Bombardements eines Krankenhauses brachte illustriert mit einem Foto der US Amerikanischen SAMS. Bei Spon konnte man sich das Foto ja sehr genau anschauen, es zeigte ein Krankenzimmer mit Fenstern an 3 Seiten, unbeschädigt, einem unbenutzten Bett, 2 unbenutzten Brutkästen, einem Schhreibtisch vor dem rechten Fenster und ein umgestürztes Regal mit Medikamenten auf dem Fußboden. Mir hat das gereicht. Verlinken kann ich den Spiegel Fake leider nicht mehr, er ist, ganz nach Öffentlicrechtlicher Tradition, depubliziert.

    Das Umschmeißen eines Regales ist wohl sehr beliebt für solche Inszenierungen, bei den angeblichen Giftgas Event in Khan Shaikoun begegnet es uns wieder und zwar auf den Fotos, die von 2 Fotografen 6 Stunden nach dem angeblichen Event mit einem leblosen Mädchen in dem bereits per Video gezeigten Steinbruch inszeniert wurden Es waren dieselben Fotografen, die uns via Reuters/ AFP-Ghetty mit Bldern vom Überfall auf den UN Konvoi westlich Aleppo versorgt hatten.

    Über diesen Giftgasevent hat uns vom Spiegel Herr Reuter, sehr wohl zu verwechserln mit Reuters, fantasievoll ‚informiert‘, der auch aus Libyen ‚berichtete‘.

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    Verfasst von zivilistin | 21. Dezember 2018, 15:47

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