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Inland, Medien

„Brauner Mob tobt durch deutsche Straßen“

von Klaus Linder – http://www.facebook.com

Abgesehen davon, daß jede(r) Linke, der irgendwann mal an Demos teilnahm, wo es auch nur ein klein bisschen mehr zur Sache ging, oder zumindest ausser dem Rufen von Losungen auch mit dem Austausch von etwas kernigeren physischen „Argumenten“ zu rechnen war, – und entsprechend abgesprochenen Schutzmaßnahmen dagegen übrigens auch!, – abgesehen davon also, daß jeder Linke mit konfrontativen Demonstrationserfahrungen beim Anblick des „Hasi“-Videos sofort seine Erinnerungen und seine grauen Zellen einschalten müßte, um zu dem Schluß zu kommen, daß solche Kürzest-Szenen lokaler Mann-gegen-Mann-Scharmützel oder Beinahe-Reibungen zahlreiche Varianten von unmittelbar vorhergehenden Situationen haben können, die das weitere auslösen oder provozieren, und dass zahlreiche Varianten im Erfahrungsschatz abrufbar sind, wie so etwas weitergehen, aufgelöst, beendet oder aber eskaliert werden kann, abgesehen also davon, dass jeder street-smartere Linke die verschiedenen Dynamiken von Frontlinien-Demos (also wo zwei gegnerische Gruppen am Ort sind oder gegeneinander gehetzt werden) schlicht und einfach vergessen müßte, um nun aus seinem Schlummerwinkel nachzuplappern, man sei mit der 19-Sekunden „Hasi“-Sequenz tatsächllich zum Augenzeugen von Menschenjagd in deutschen Straßen befördert worden, – abgesehen von dem merkwürdigen Ausstreichen eigenen Erlebens vor solch kläglicher „Evidenz“, hat mich bei dem ganzen „brauner Mob tobt durch deutsche Straßen“-Thema von Anfang etwas anderes stutzig gemacht; nicht die Filmchen, die ich noch gar nicht gesehen hatte:
Zeit meines Lebens nämlich war in der BRD jede Erzählung von menschenjagendem braunen Mob in deutschen Straßen immer und unlösbar mit der Erzählung verknüpft, daß ebendiesem es die Kommunisten gleichgetan und beide zusammen dadurch – auf deutschen Straßen marodierend – die „Demokratie der Weimarer Republik“ zerstört hätten. Man erzählte nie die einen ohne zielsicher bei den anderen zu enden. Diese (gerne auch sozialdemokratische) Haßpropaganda gipfelte regelmäßig in der fake-Erzählung des angeblich gemeinsam von Kommunisten und Faschisten organisierten BVG-Streiks in Berlin. Man muß heute also nicht nur die hergebrachte Propaganda-Erzählung durch ein neues Fabrikat ersetzen (denn Kommunisten als „Totengräber der Demokratie“ sind derzeit leider nicht ins Bild zu kriegen), sondern auch hier muß man jedes historische Gedächtnis ausschalten, das den sofortigen Vergleich nahelegen würde, wie es wirklich aussieht, wenn faschistische organisierte Truppen marodierend durch die Straßen ziehen.

Ich erinnere mich aus der ganz jungen Geschichte nur an eine Sequenz, die dem optisch nahe kam. Die ganz regelmäßig formierte Kohorte Schwarzvermummter, die anlässlich G20 durch eine Hamburger Straße zog, auf der sich niemand mehr aus dem Haus traute, um vollkommen kaltblütig und systematisch Schaufenster- und Autoscheiben einzuschlagen und Brandsätze zu werfen. Da Sozialisten, Demokraten und Kommunisten nicht in Kohorte vermummt durch menschenleere Straßen ziehen, um vor den Augen der Anwohner hinter den Fenstern Gewerbetreibenden ihre Schaufenster und Keinwagenbesitzern ihre Frontscheiben zu demolieren, weiß ich nur zwei Erklärungen für die Urheber dieser Sequenz: a) brauner Mob, b) Diensthabende dieses Staates bei der Arbeit (oder beides).
Zumindest fand wohl Herr Maaßen das Video so gut gemacht, dass er nichts daran zu beanstanden hatte, der Mann war immerhin Profi…

Um sich, – da der Gedächtnisschwund ja nun offenbar ebenso organisiert wird wie die „Wahrnehmungen“, die an seine Stelle treten sollen -, wieder zu vergegenwärtigen, wovon man redet, wenn man sagt „brauner Mob jagt Menschen“, hier ein Zitat aus der Geschichtswissenschaft:

„Vielmehr bestand die Politik der entscheidenden Kreise des deutschen Monopolkapitals darin, IN ETAPPEN zur Errichtung der faschistischen Diktatur zu gelangen. (…) Papens Notverordnungen kürzten den Invaliden und Kriegsopfern ihre Hungerrenten ein übriges Mal, den Erwerbslosen ihre Unterstützung. Den Werktätigen wurden neue Steuern auferlegt (…)
Gleichzeitig raste der entfesselte braune Mordterror über Deutschland gegen kommunistische und sozialdemokratische Funktionäre, deren Namen auf den „Liquidierungslisten“ standen. Die Hitlerbanden überfielen Arbeiterheime, KPD-, SPD- und Reichsbannerlokale, Gewerkschaftshäuser. Es verging kein einziger Tag, an dem nicht Arbeiter den Kugeln und Messern der Nazimörder zum Opfer fielen. In den 33 Tagen vom 16. Juni (1932)– dem Tag der Aufhebung des SA-Verbots – bis zum 18. Juli forderte der Terror der Nazibanden nach unvollständigen Angaben 99 Tote und 1125 Verwundete. Kommunisten und Sozialdemokraten waren Freiwild für die vertierten SA-Horden.“
Kurt Gossweiler, Aufsätze zum Faschismus, Akademie-Verlag Berlin, 1986, S. 5

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