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Inland, Medien

Psiram: Anonyme Diffamierung statt Argumenten

von https://paulschreyer.wordpress.com

Ein Kollege wies mich darauf hin, dass ich seit einigen Tagen mit einem längeren Eintrag auf dem Portal Psiram vertreten bin. Die Macher von Psiram, einer Webseite, die vom Erscheinungsbild her an Wikipedia erinnert, haben es sich nach eigenen Worten zur Aufgabe gemacht, „falsche Prediger, Ideologen, Scharlatane und Betrüger“ zu enttarnen. Man versteht sich als „kritischer Verbraucherschutz vor scheinheiligen, nutzlosen und wirkungslosen Produkten, Therapien und Ideologien“. Was steckt dahinter?

Fokussiert wird vornehmlich auf Ansichten und Personen, die von der herrschenden Lehre abweichen, vor allem in den Bereichen Medizin und Politik. Vieles was die Wirksamkeit der Schulmedizin, oder die Wahrheit von offiziellen Regierungsaussagen in Frage stellt, ist den anonym bleibenden Psiram-Autoren verdächtig und wird von ihnen als unseriös dargestellt. Die Vermutung, das Portal werde von der Pharmaindustrie finanziert oder stehe in Verbindung mit Geheimdiensten, weisen die Herausgeber zurück.

Die Vorgehensweise der Psiram-Autoren ist einfach: Es werden möglichst viele negativ auslegbare Fakten über eine Person gesammelt, und das meiste, was das Ansehen der kritisierten Person erhöht, weggelassen. Wo sich nicht ausreichend „Belastungsmaterial“ findet, kommt das Kontaktschuld-Prinzip zum Einsatz: Man betont die Verbindungen des Kritisierten zu anderen Menschen, die sich aus Sicht der Macher besser angreifen lassen und erzeugt damit den Eindruck, der Kritisierte sei Teil eines Netzwerks von Scharlatanen. Auf Wikipedia heißt es zum Begriff Kontaktschuld:

„Statt den Diffamierten selbst zu zitieren, sein Handeln zu charakterisieren, seine Beweggründe zu nennen, werden Orte, an denen er sich aufgehalten oder Personen, mit denen er gesprochen hat, (…) politisch verdächtigt und sodann ein Rückschluss auf die politische Einstellung des Angegriffenen selbst gezogen.“

2017 hatte ich mich zum Kontaktschuld-Prinzip schon einmal ausführlich geäußert und geschrieben:

„Die Ausgrenzung soll es den entsprechenden Personen erschweren, ihre Ansichten weiter über die Medien zu verbreiten. Das Signal geht dabei immer an zwei Adressaten: zum einen das Publikum, dem man vermittelt ‚glaubt diesem Menschen nicht‘, zum anderen an die Redakteure und Journalisten innerhalb der Medien, denen man nahelegt, dieser Person kein Forum zu bieten, sofern man nicht selbst – wiederum mittels Kontaktschuld – sein eigenes Ansehen gefährden will.

Das Kontaktschuld-System ist ein Schneeballsystem. Es lebt davon, dass andere die Empfehlung zum Ausgrenzen unkritisch befolgen und damit weiter verbreiten. Das System selbst wird selten öffentlich reflektiert und hinterfragt. Im Kern ist es eine Anleitung zum Konformismus.“

Ein typisches Beispiel für diese Vorgehensweise findet man nun auch im Psiram-Artikel zu meiner Person. Darin wird versucht, mich in die Nähe von rechtsextremem Gedankengut und obskuren Ansichten zu rücken. So stehen dort Formulierungen wie: „Schreyer ist zwar kein Autor des AfD-nahen Compact Magazins von Jürgen Elsässer, das Magazin bezieht sich jedoch positiv auf ihn.“

Oder es heißt: „Das Magazin Hintergrund, in welchem Schreyer Artikel veröffentlicht hat, wird von Ronald Thoden herausgegeben. Ronald Thoden hat 2004 das Buch ‚Terror und Staat: Der 11. September – Hintergründe und Folgen‘ herausgegeben, das im Kai Homilius Verlag erscheint, der auch das Monatsmagazin Magazin Compact von Jürgen Elsässer verlegt.“

Störende Fakten fallen unter den Tisch, etwa die Tatsache, dass es das erwähnte Compact-Magazin 2004 noch gar nicht gab, sich also kaum eine sinnvolle Verknüpfung über Ronald Thoden zu Compact herstellen lässt – oder, dass meine letzte gemeinsame Veranstaltung mit Jürgen Elsässer bereits im Jahr 2013 stattfand, also zu einer Zeit, als Elsässer sich noch nicht islam- und fremdenfeindlich äußerte. Ab 2014 und besonders 2015, im Zuge der Flüchtlingskrise, kam es zu einer markanten Radikalisierung und Annäherung von Elsässers Compact-Magazin an Positionen der Pegida. Da ich das sehr kritisch sehe, habe ich mich seither von Compact fern gehalten. Davon steht bei Psiram freilich nichts, obwohl ich diese Zusammenhänge bereits Anfang 2017, nach ähnlichen Diffamierungsversuchen, in einem längeren Artikel öffentlich gemacht habe.

Dies ist der typische Psiram-Stil: Ein zwar faktenreiches, aber nur scheinlogisches Raunen, das den Kontext immer dort weglässt, wo es die eigene Argumentation unterminiert. Konkretes Beispiel ist eine geschickt formulierte Verfälschung, die mich in die Nähe der AfD rücken soll. So heißt es bei Psiram, die NachDenkSeiten hätten die Zusammenarbeit mit mir 2017 beendet, nachdem ich mich in einem Artikel darüber beschwert hätte, ein Bestseller eines AfD-nahen Autors sei in einer Buchhandlung „nicht öffentlich sichtbar ausgelegt gewesen“.

Liest ein unbefangener Leser diese Passage, so mag er denken: Schreyer wollte AfD-Inhalte bewerben und ist damit auf die Nase gefallen, seine Redaktion trennte sich von ihm. Tatsächlich liegt der Fall anders. Ich hatte nicht moniert, dass ein Buch „nicht öffentlich sichtbar ausgelegt gewesen“ war. Das wäre ein substanzloser Vorwurf. Jeder Buchhändler kann selbst entscheiden, welche Bücher er präsentiert und welche nicht. Der Punkt war ein anderer. Ich hatte eine Täuschung kritisiert: Die Buchhandelskette Hugendubel hatte in meiner Heimatstadt das Regal manipuliert, in dem die Bücher der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste nach Verkaufsrang einsortiert sind.

Die Mitarbeiter hatten im Herbst 2017 über Wochen hinweg den politisch unbequemen Spiegel-Bestseller „Kontrollverlust“ von Thorsten Schulte ohne sichtbaren Hinweis aus dem Regal entfernt, den Platz aber nicht etwa, mit einem Hinweis versehen, frei gelassen, sondern dort einfach andere Bücher einsortiert, die den Verantwortlichen offenbar besser gefielen. Mir ging es in meiner Kritik um diese Manipulation der Kunden durch die Buchhandlung. Dies beschrieb ich als Schritt auf dem Weg zur Zensur unliebsamer Meinungen – ohne mich dabei mit dem Autor und dem Buch irgendwie gemein zu machen. Mir ging es um Transparenz, Fairness und Meinungsfreiheit, die entweder für alle gelten oder gar nicht.

Psiram verschweigt das und stellt den Sachverhalt grob verfälschend dar, um mich in die Nähe der AfD rücken zu können. Die geschilderte Art der Manipulation ist für einen durchschnittlichen Leser nicht erkennbar. Das ist perfide und böswillig.

Was weiterhin auffällt: Im Psiram-Artikel werden zwar häufig Quellen genannt, aber nur selten auch direkt verlinkt. Ein Leser, der die von Psiram gemachten Behauptungen überprüfen will, muss also erst alles aufwändig mit Hilfe von Suchmaschinen nachrecherchieren.

Für den oberflächlichen Leser bietet Psiram eine Fülle von Standbildern aus Videos an, die zeigen sollen, mit was für „fragwürdigen“ Menschen und Medien ich öffentlich auftrete. Die Bildunterschriften lauten: „Paul Schreyer beim russischen Staatssender RT Deutsch (2018)“, „Paul Schreyer im Interview bei GRTV. GRTV gehört zu Global Research des kanadischen Verschwörungstheoretikers Michel Chossudovsky“, „mit Jürgen Elsässer“, „Paul Schreyer bei Exomagazin TV von Robert Fleischer (Okt. 2011), welches sich mit UFOs und Ausserirdischen befasst“, „Positive Rezeption beim russischen Staatssender Sputnik im April 2018“.

Der Tenor ist klar: Schreyer ist ein unseriöser Scharlatan und Kreml-Freund. Interessant dabei: Nicht eines dieser Videos wird im Artikel direkt verlinkt. Lesern des Artikels wird es erschwert, herauszufinden, was ich in den „fragwürdigen“ Videos eigentlich konkret äußere. Wiederum müssen bei Interesse erst umständlich Suchmaschinen bemüht werden.

Generell wird im Psiram-Artikel nicht der Versuch unternommen, den kritisierten Ansichten in irgendeiner Form inhaltlich, also mit Argumenten, zu begegnen. Es bleibt beim reinen Diffamieren.

So steht im Text etwa, der Sender RT Deutsch zitiere „Schreyers Behauptung (…), dass demokratisch gewählte Abgeordnete sich für die Interessen einer einflussreichen Elite einsetzen.“ Darauf folgt jedoch keinerlei Argument oder auch nur Einschätzung, was an „Schreyers Behauptung“ denn womöglich falsch sei und warum.

An anderer Stelle heißt es mit Blick auf 9/11: „Schreyer ist der Ansicht, dass die beim Anschlag genutzten Flugzeuge ferngesteuert worden seien, was eine absolut randständige Verschwörungstheorie darstellt.“ Warum, weshalb, wieso – Fehlanzeige. Intellektuell dürftiger geht es wohl kaum.

Im Abschnitt „Rezeption“ werden zwei Kritiker meiner Arbeit erwähnt, dazu ein lobender Beitrag. Die Kritiken werden verlinkt und ausführlich zitiert, beim Lob reicht es nur für die Überschrift – wieder ohne Link zum Inhalt. Psiram ist eindeutig tendenziös und weit weg von jedem lexikalischen Anspruch.

Dennoch sehen viele Menschen in dem Portal offenbar eine vertrauenswürdige Quelle. So verlinkt etwa die von der Bundesregierung mitfinanzierte Amadeu Antonio Stiftung bei ihren Informationstexten über „Verschwörungstheorien“ an vielen Stellen auf Psiram als Hauptquelle. Man geht dem vermeintlichen Aufklärungsanspruch der Macher auf den Leim und übersieht entweder die Agenda dahinter, oder unterstützt diese.

Anders als bei Wikipedia darf bei Psiram auch nicht jeder mitmachen. Es handelt sich mehr oder weniger um einen geschlossenen Club. Zur Frage „Wie bekomme ich einen Account?“ heißt es auf der Psiram-Webseite recht offen: „Wir schauen uns an, ob Sie zu uns passen, und schalten Sie danach frei.“

Kern des Geschäftsmodells ist die Anonymität des Portals. Die Macher halten sich im Verborgenen und erklären zur Begründung, man wolle sich damit „vor Belästigung“ schützen. Mit diesem Argument könnte man zwar rechtfertigen, nicht die Post-Adressen der verantwortlichen Autoren offenzulegen, kaum aber eine komplette Anonymität, also das Verschweigen des eigenen Namens und der beruflichen Hintergründe. Hier gibt es offenbar, so muss man vermuten, einiges zu verbergen.

Der Artikel zu meiner Person wurde am 28. September angelegt, einen Tag nachdem ich auf Twitter mit größerem Feedback (etwa 80 Retweets) auf eine unsaubere Berichterstattung der ARD im Fall Skripal hingewiesen hatte. Kurz zuvor, am 26. September, hatte ich auf Twitter außerdem in scharfen Worten Außenminister Heiko Maas „Doppelmoral“ vorgeworfen. Auch dieser Tweet fand große Verbreitung im Netz.

Wie man der öffentlich einsehbaren Versionsgeschichte des Psiram-Textes entnehmen kann, schrieb der anonyme Autor am Freitag, dem 28.9., von 13 Uhr bis 22 Uhr so gut wie ausschließlich an dem Artikel zu meiner Person. Am folgenden Samstag arbeitete er von 16 Uhr bis 23 Uhr weiter daran. Viel Arbeit, viel Aufwand – es bleibt die Frage: Passiert das alles völlig unbezahlt und ehrenamtlich?

Wenige Tage zuvor wurde der kritische Filmemacher Dirk Pohlmann von Psiram ähnlich „intensivbetreut“. Meine Kollegen Mathias Bröckers, Ken Jebsen und Daniele Ganser können sich schon länger über argumentfrei diffamierende Psiram-Artikel „freuen“. Der Psychologe Rainer Mausfeld, derzeit noch ohne eigenen Psiram-Artikel, meinte vor wenigen Tagen mir gegenüber im Interview:

„In unseren kapitalistischen Demokratien ist jede Form von Dissens erlaubt oder als Revolutionsprophylaxe sogar erwünscht, solange der Dissens politisch unwirksam bleibt. Zur Eingrenzung, Neutralisierung und Ächtung von unerwünschtem Dissens gibt es ein großes Spektrum an erprobten Möglichkeiten eines Dissensmanagements.

Methoden und Funktionsweisen eines Dissensmanagements können wir besser verstehen, wenn wir statt auf Personen auf seine strukturellen Eigenschaften fokussieren. Zu diesen gut untersuchten und seit langem bekannten strukturellen Eigenschaften gehört es, dass in allen Machtstrukturen besonders Journalisten, Intellektuelle und Wissenschaftler, die in gesellschaftsrelevanten Bereichen arbeiten, eine Tendenz aufweisen, sich wie Eisenspäne in den Kraftfeldern der Macht auszurichten. Folglich finden sich in allen Machtstrukturen gerade unter Personen, die über besondere Möglichkeiten verfügen, sich in eine öffentliche Debatte einzubringen, bereitwillige Vertreter, die gleichsam als Bannwarte der Macht agieren und in vorauseilendem Opportunismus alles, was sie für einen unzulässigen Dissens halten, mit Diffamierungsbegriffen belegen.

Da sie auf diese Weise den in Politik und Medien Mächtigen bezeugen, dass sie die herrschende Ideologie tief internalisiert haben, werden sie dafür vor allem im journalistischen und akademischen Bereich oft mit entsprechenden Karrierechancen belohnt. (…) Wer meint, eine ernsthafte Auseinandersetzung durch ein paar hingeworfene Schmähwörter ersetzen zu können, wird mit einer solchen intellektuellen Selbstauskunft leben müssen.“

Anmerkung: Zum Zusammenhang von Psiram, Wikipedia und weiteren Akteuren hat der Filmemacher Markus Fiedler 2017 eine sehenswerte Dokumentation veröffentlicht:

https://paulschreyer.wordpress.com/2018/10/03/psiram-anonyme-diffamierung-statt-argumenten/

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