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Ausland, Naher Osten

Volksbefragung in Israel: «Wir sind ein auserwähltes Volk»

von Christian Müller http://www.infosperber.ch

Die schärfste Kritik kommt aus dem eigenen Land: Haaretz-Kolumnist Gideon Levy liest seinen Landsleuten die Leviten.

56 Prozent der Israeli glauben, dass die Juden ein von Gott auserwähltes Volk sind. Das ergab eine Umfrage der israelischen Tageszeitung Haaretz. Von jenen Israelis, die sich selber zu den politisch Rechten zählen, sind es sogar 79 Prozent.

Das Resultat dieser Umfrage müsste, so würde man erwarten, auch international ein Echo auslösen. Hat es aber nicht. Zumindest nicht im deutschsprachigen Raum. Ein Kommentar dazu von Ulrich Schmid, dem Israel-Korrespondenten der NZZ, erschien in der NZZ nur auf der Seite «Meinung & Debatte». Er passte wohl zu wenig in die politische Linie der Chefredaktion. Schmid kommt – stark verkürzt zusammengefasst – zum Schluss, dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu gar nicht die treibende Kraft der Palästina-Besetzungspolitik Israels ist, sondern jener, der, als an der Macht interessierter Populist, verhindert, dass die politische Rechte, die Bevölkerungsmehrheit also in Israel, nicht noch Schlimmeres anzettelt. Man dürfe nicht vergessen, dass die Politik in Israel mehr und mehr von den aus Russland eingewanderten Juden bestimmt werde – wie etwa auch der gegenwärtige Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, der 1978 aus der damaligen UdSSR eingewandert war.

In Deutschland war die Selbsteinschätzung als ‚auserwähltes Volk‘ (chosen people) eh kein Thema. Seit die Israel-Lobby es erfolgreich durchgesetzt hat, dass Kritik an der Politik Israels offiziell als neue Form des Antisemitismus eingestuft wird, ist Kritik an Israel noch rarer geworden. Wer in Deutschland kann es sich schon leisten, ein Antisemit zu sein – auch wenn er unmissverständlich nur den Staat Israel kritisiert? Es blieb Evelyn Hecht Galinski, der Tochter eines früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, vorbehalten, auf das Resultat dieser Haaretz-Umfrage hinzuweisen.

Man schaue also nach Israel selber, wie die linksliberale Tageszeitung Haaretz, die die Umfrage durchgeführt hat, das Resultat interpretiert und kommentiert. Gideon Levy, prominenter Kolumnist dieser Zeitung und scharfer Kritiker der jetzigen Besetzungspolitik Israels, hebt dabei vor allem einen Punkt hervor: Ob der Einzelne an einen Gott glaubt oder nicht, ist Privatsache und einigermassen unerheblich. Wenn aber eine Mehrheit eines Volkes von sich selber denkt, ein auserwähltes Volk zu sein, also besser zu sein als andere Völker, anderen Völkern überlegen zu sein, dann ist das relevant, weil es dann zur Basis der Politik dieses Volkes wird.

«Wir sind ein auserwähltes Volk»

Gideon Levy wörtlich: «Ich möchte mich mit Vertretern dieser absoluten, entscheidenden, arroganten und herablassenden Mehrheit treffen, die sich in einer kürzlich durchgeführten Haaretz-Umfrage geoffenbart haben (zu glauben, dass die Juden ein auserwähltes Volk sind, Red.), und sie fragen: Seid Ihr wirklich ehrlich? Wie seid Ihr darauf gekommen? Auf wessen Wunsch hin? Seid Ihr, die absolute Mehrheit, so sicher, dass wir die Auserwählten, die Besten sind, dass wir die Champions sind, Kopf und Schulter über dem Rest der Welt?»

Und Gideon Levy weiter: «Wie seid Ihr zu diesem Schluss gekommen? Ich möchte Euch fragen, liebe Mehrheit: Auf welcher Grundlage seid Ihr überzeugt, dass wir das auserwählte Volk sind, dass wir alles besser wissen als alle anderen Nationen, dass wir mehr verdienen als alle anderen, dass das, was für sie gilt, für uns nicht gilt, weil wir ihnen überlegen sind?

Eine Mehrheit der israelischen Juden ist in der kürzlich veröffentlichten Umfrage von Haaretz der Meinung: Wir sind ein auserwähltes Volk. Eine Mehrheit von 56 Prozent ist sich dessen sicher. Von jenen, die sich selber als politisch rechts stehend bezeichnen, sind es gar 79 Prozent! In einem Land, in dem 76 Prozent der Menschen an Gott oder eine andere höhere Macht glauben, ist das vielleicht nachvollziehbar. Aber während der Glaube an Gott eine Privatangelegenheit ist, liefert der Glaube an ein auserwähltes Volk die Grundzüge der Politik – und diese sagen viel aus über das Handeln Israels.»

Das Resultat der Umfrage der israelischen Tageszeitung Haaretz (Grafik: Haaretz)

«ein Fall von Realitätsverlust, eine gefährliche Illusion»

Gideon Levy weiter: «Wenden wir uns von der Theologie zur Pathologie. Die israelischen Juden, die denken, dass sie zu einem ganz speziellen, auserwählten Volk gehören, schulden sich selbst und anderen in diesem Punkt Rechenschaft. Es ist einfach zu erklären, dass Gott existiert oder nicht existiert. Niemand erwartet da Beweise. Aber wenn die Mehrheit einer Nation überzeugt ist, dass ihre Nation allen anderen Nationen überlegen ist, sind einige Beweise notwendig. Im Falle Israels ist es allerdings leicht zu erkennen, dass es sich um einen Fall von Realitätsverlust handelt – um eine gefährliche Illusion. Denn ein Volk, das davon überzeugt ist, dass es von Gott auserwählt ist, stellt eine Gefahr dar, eine Gefahr für sich selbst und auch eine Gefahr für seine Umgebung.

Das jüdische Volk ist in der Tat etwas Besonderes, mit einer glorreichen und blutigen Geschichte. Auch israelische Juden haben Grund zum Stolz. Aber wenn sie sagen, dass sie das auserwählte Volk sind, offenbart das ihre Psychose. Es darf bezweifelt werden, ob irgend eine andere Nation heute Ähnliches von sich denkt. Auch israelische Juden haben keinen Grund, dies zu denken. In welcher Weise sind wir auserwählt? Auf welche Weise sind wir besser? Und was soll der Schwede, der Franzose, der Amerikaner, der Brite oder der Araber über diese unerträgliche Arroganz denken?

Es besteht hier keine Notwendigkeit, auf Israels fragwürdige Moral als Besatzer einzugehen. Jeder Israeli mit auch nur einem Minimum an Selbstbewusstsein anerkennt, dass eine (fremdes Land) besetzende Nation nicht das ‚auserwählte Volk‘ sein kann. Auch bei einigen anderen Merkmalen des Volkes Israel könnte ein wenig Demut nicht schaden, bevor es sich zu einem ‚Licht unter den Nationen‘ krönt. Ich empfehle zum Beispiel die Lektüre der umfassenden, erschreckenden Analyse von Dan Ben-David über das Bildungssystem des Landes (die nicht einmal zu einem fälligen Aufschrei geführt hat): Die Hälfte der Kinder Israels erhält eine Ausbildung auf dem Niveau eines Dritt-Welt-Landes.»

Und Gideon Levy weiter in der Einordnung Israels: «Gut anstehen würde ein wenig Bescheidenheit auch den Bürgern eines Staates, der im World Press Freedom Index 2018 (im Welt-Index der Pressefreiheit) hinter Togo und der Elfenbeinküste auf Platz 87 liegt. Auch die Nr. 32 im Corruption Perceptions Index 2017 von Transparency International ist kein Grund zum Feiern. Das Gesundheitswesen ist ein weiterer Bereich, in dem das Selbstwertgefühl Israels etwas eingedämmt werden sollte: Bei den Gesundheitsausgaben belegt das Land von den 36 Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD den 28. Platz und bei der Zahl der Krankenhausbetten den 30. Platz.

Auch das Verhalten israelischer Touristen im Ausland passt nicht immer zu einem auserwählten Volk. Vielleicht steht Israel im ‚Index der deutschen U-Boot-Käufe‘ weit oben, vielleicht ist das der Schlüssel zum Verständnis des Gefühls der eigenen Überlegenheit.

Sich in Selbstverherrlichung zu sonnen ist in jüngster Zeit zu einem herausragenden Merkmal des israelischen Nationalcharakters geworden. Man lese einfach regelmässig die israelische Tageszeitung Hayom (die vom US-Casino-Milliardär Sheldon Adelson herausgegeben wird, Red.) oder höre dem Premierminister zu: Wie allerliebst sind wir doch von morgens bis abends.

Die Rechte verbreitet diese Lüge – für ihre eigenen Zwecke. Der kriecherische Populismus gedeiht nicht nur in Israel, aber nur hier ist die Kluft zwischen Traum und Realität so gross. Ein auserwähltes Volk? Wenn dieses Volk doch nur endlich so wäre wie alle anderen Nationen.»

Ende Zitat Gideon Levy.

Wundert es da, dass Israel nicht nur ein Einwanderungsland ist, sondern viele, vor allem auch junge Israelis dem Land auch den Rücken kehren? Auch darüber hat Ulrich Schmid vor ein paar Tagen in der NZZ berichtet. Es seien vor allem «die Gescheiten», die gehen, schreibt er.

https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Israel-Juden-Umfrage-auserwahltes-Volk

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Volksbefragung in Israel: «Wir sind ein auserwähltes Volk»

  1. Wenn ein Volk die Religion bestimmt hat – sich über Jahrtausende als die Auserwählten sieht – die Rabbiner heute noch Schaffer des Talmud sind – eine Militärmacht wie die USA willfährig gemacht hat – die Medienwelt kontrolliert und den Geldfluss der Welt steuert, sich dann noch extrem gewinnbringend als Opfervolk verkaufen, tun, behaupten und sagen darf was es will, muß man sich wirklich nicht wundern.
    Egal was die Juden anstellen, egal wen sie massakrieren und verleumden, egal welche Untaten sie auch zugegeben haben, sie wurden nie dafür belangt. Das Juden neuzeitlich, zumindest nach der „Russischen Revolution“, entgegen jeglicher wissenschaftlicher Aufklärung und Fakten, nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, läßt bei Juden nur den einen Schluß zu: „Wir sind etwas Besonderes! – Sonst hätte man uns längst eingesperrt!“

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    Verfasst von Babylons Weltordnung | 28. September 2018, 12:03

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