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Die Elitokratie

von Silja Graupe und Walter Ötsch – http://www.rubikon.new

Weltweit werden die Menschen gezielt belogen und manipuliert. Exklusivabdruck aus „Die öffentliche Meinung“.

Walter Lippmann gilt in den USA als der am meisten gelesene politische Autor des 20. Jahrhunderts. Seine Lebenszeit (23.9.1889 – 14.12.1974) umspannt den Aufstieg der USA zur globalen Supermacht. Nicht ohne Berechtigung trägt eine umfangreiche Biografie den Titel Walter Lippmann and the American Century (Steel 1980). Eine andere Biografie beginnt mit folgender Aufzählung: Lippmann war Assistent des großen investigativen Journalisten Lincoln Steffen, geschäftsführender Sekretär eines sozialistischen Bürgermeisters, Mitglied im Team der Erstherausgeber eines führenden politischen Journals, Berater der Regierung Wilson in vier verschiedenen Funktionen, Herausgeber der führenden Zeitungen der 1920er-Jahre, über 35 Jahre Kolumnist in mehreren Pressemedien gleichzeitig (mit mehreren tausend Beiträgen), Autor von 22 Büchern und Freund und Kollege der angesehensten und mächtigsten Personen in den USA (Adams 1977, S. 15) (1).

Lippmann verfasste von 1931 bis 1967 (meist viermal, später dreimal die Woche) eine Kolumne in der New York Herald Tribune und dann in der Washington Post mit dem Titel Today and Tomorrow, diese Kolumne wurde in mehr als 200 Zeitungen im Lande gleichzeitig veröffentlicht (vgl. die Liste von über 300 Kolumnen in Goodwin 2014, S. 377ff.). Lippmann war primär ein Journalist, der für eine gebildete Elite schrieb und am Höhepunkt seines Wirkens regelmäßig mehr als zehn Millionen LeserInnen erreichen konnte (Goodwin 2013). Sein persönlicher Einfluss war legendär, Lippmanns Name konnte beinahe jede Türe öffnen. Mehrmals ist es ihm gelungen, den politischen Diskurs in den USA zu verändern; Präsidenten, Politiker und die politisch interessierte Öffentlichkeit hörten auf ihn. Er verhinderte einen Krieg der USA mit Mexiko (Wasniewski 2004, S. 63ff.), verhandelte geheim und erfolgreich zwischen Mexiko und dem Vatikan, hat den berühmten 14 Punkte-Plan von Wilson entscheidend mitgestaltet, verfasste politische Reden für viele Präsidenten und beriet Kennedy und Johnson (Steel 1980, S. xiiiff).

In Europa hingegen war und ist Walter Lippmann immer noch wenig bekannt, auch nicht in seinem Einfluss auf politische Weichenstellungen, die die Geschichte Europas verändert haben. Lippmann war etwa maßgeblich daran beteiligt, das Sprachbild des »Kalten Krieges« im politischen Bewusstsein zu verankern (Lippmann 1947; Porter 2011). Wodurch man die Öffentlichkeit erreicht und wie man Meinungen beeinflussen kann, wird von ihm in Die öffentliche Meinung auf eine neue Weise beschrieben, das Buch wurde 1922 publiziert und gilt als eines seiner wichtigsten Werke. Lippmann hat damit eines der ersten grundlegenden Arbeiten über eine Thematik verfasst, die damals im Klartext »Propaganda« genannt wurde, – heute wird dieser Begriff vermieden und lieber von Public Relations gesprochen, wobei sich in der Sache aber nichts geändert hat. Das Buch gilt vielen Autoren als zentral für das Verständnis der heutigen Massenmedien, von Public Relations und der Wirkung von Bildern auf und in der modernen Gesellschaft (etwa Gárcia 2010). Insbesondere in den Kommunikationswissenschaften wird es oft als grundlegend bezeichnet (Kaid 2004. Zu einem Überblick über die Rezeption in der Psychologie und in den Sozialwissenschaften vgl. Bottom/Kong 2012, S. 376ff.).

Lippmann beschreibt in Die öffentliche Meinung, wie Menschen durch imaginative Bilder beeinflusst und gesteuert werden können. Die Aktualität dieser Fragestellung liegt auf der Hand: Wir leben in einer Welt, in der andauernd versucht wird, die Vorstellungswelten breiter Schichten der Bevölkerung zu beeinflussen. Werbung, politischer Spin und Inszenierungen sind selbstverständlicher Bestandteil von Wirtschaft und Politik geworden. Der Rechtspopulismus hat dem eine neue Note verliehen. Auffallend ist, wie wenig über die mediale Beeinflussung von imaginativen Vorstellungen reflektiert wird. Ist Lippmanns Befund korrekt, dass die Fähigkeit verloren gegangen ist, über eigene Imaginationen und deren Veränderung in gebührender Distanz nachzudenken und sie aktiv zu gestalten? Lippmanns Werk ist für uns ein wichtiger Ausgangspunkt, um diese wichtige Frage zu thematisieren.

»Die Bilder in unseren Köpfen«

Die öffentliche Meinung ist kein wissenschaftliches Werk im üblichen Sinn; Wilke spricht von einem »eigentümlich unsystematischem Vorgehen« (Wilke 2007, S. 602) (2). Lippmann ist kein Wissenschaftler, sondern Journalist, wenngleich er durch seine Studien in Harvard über eine Bildung in den in seinem Werk angesprochen Fragen verfügt. Lippmann verarbeitet in seinem Text eher assoziativ und narrativ eine Vielzahl von Themen, die weder klar voneinander abgegrenzt sind, noch klare Formen eines linearen Bezugs aufweisen. Zudem werden diese Themen häufig in damals aktuelle Kontexte eingebettet, die heutzutage oftmals verloren scheinen. Der Leser oder die Leserin heute ist deswegen verleitet, die vielen Assoziationen und Gedankengänge Lippmanns eher auszublenden, als sie für ein besseres Verständnis fruchtbar zu machen. Wie in unserer Einführung – so hoffen wir – deutlich werden wird, sind es aber gerade diese Assoziationen und Gedankengänge, die äußerst lebendige Bilder der von Lippmann behandelten Probleme zu geben vermögen: Bilder, die unsere produktive Einbildungskraft und unsere schöpferische Imagination anregen und gerade deswegen kaum geeignet sind, zu fixen, unreflektierten Stereotypen zu mutieren, die Lippmann als das zentrale Element einer von selektiver Wahrnehmung geprägten und prinzipiell durch Bilder steuerbaren Gesellschaft sieht. Anders: Der Stil, in dem Lippmann schreibt, mag nicht gerade einfach sein. Unserer Lesart zufolge aber trägt er wesentlich dazu bei, dass Lippmann zwar über Stereotype schreibt, doch zumeist ohne selbst mit und in Stereotypen zu argumentieren. Die öffentliche Meinung betrachten wir deswegen nicht als Werk der Propaganda, der Manipulation oder der Beeinflussung, gleichwohl es sich über weite Strecken als ein Handbuch für diese Praktiken lesen lassen mag. Lippmann, so scheint es uns, möchte mit Die öffentliche Meinung aufklären, zum Denken anregen und Debatten anstoßen – alles individuelle wie soziale Praktiken, die er bereits Anfang des letzten Jahrhunderts auf dem Rückzug in unseren westlichen Gesellschaften sieht.

Walter Lippmann beginnt Die öffentliche Meinung mit seinem Kerngedanken: Menschen verfügen über keinen einfachen und direkten Zugang zu der »äußeren Welt«, stattdessen ist eine »Pseudoumwelt« dazwischen angesiedelt. Allein auf diese Vorstellungswelt reagieren Menschen. Aber ihr Handeln hat Folgen – nicht in der Vorstellungswelt, sondern in der Realität, der Handlungswelt (S. 64). Dieser Unterschied stellt für Lippmann den Schlüssel schlechthin dar, um die moderne Gesellschaft zu verstehen und der Frage nachzugehen, wie sie gestaltet werden kann. Lippmann verwechselt dabei die Pseudoumwelt nicht mit irgendeiner Form des Individuell-Subjektiven im Menschen, er spricht ausdrücklich von einer systematischen Trennung der Pseudoumwelt vom Menschen: Letztere »ist« weder dieser Mensch, noch könnte dieser über jene vollständig verfügen. Was aber ist sie dann? Lippmann spricht von »Fiktionen«, wobei er betont, dass damit keine Lügen gemeint seien. Stattdessen versteht er darunter

»ein Bild der Umwelt, wie es sich der Mensch mehr oder weniger selbst schafft. Die Reihe der Fiktionen beginnt bei der vollkommenen Halluzination und endet bei der völlig bewussten Anwendung eines schematischen Modells durch den Wissenschaftler oder bei dessen Folgerung, dass für sein besonderes Problem jenseits einer bestimmten Anzahl von Dezimalstellen Genauigkeit unwichtig ist« (S. 64f.).

Der Bogen, den hier Lippmann von Halluzination bis zur vollständigen Bewusstheit aufspannt, scheint uns von enormer Bedeutung zu sein. Denn er verweist auf die Frage, in welchem produktiven Verhältnis die beiden Seiten – Fiktionen auf der einen, der Mensch auf der anderen Seite – stehen. Halluzinationen, so könnte man sagen, passieren uns Menschen, sie fallen oder überfallen uns, ohne dass wir uns gegen sie wehren könnten. Wir »machen« sie also nicht in dem Sinne, dass wir über diesen Schaffensakt entscheiden oder ihn kontrollieren könnten. Sie entstehen zwar in unseren Köpfen, aber wir haben keine Macht darüber, wie dies passiert.

Lippmanns Beispiel wissenschaftlicher Modelle verweist hingegen auf ein anderes Verhältnis, in dem der Mensch der Erschaffer seiner eigenen inneren Bilder ist und den damit einhergehenden schöpferischen Prozess bewusst gestalten und in der Folge auch kontrollieren kann (3). Der Mensch verfügt bei Lippmann – und das ist auch für Lippmanns Mitwirkung an der Entstehung des Neoliberalismus entscheidend – immer auch über die Freiheit, bestimmte Bilder in seinem Kopf zuzulassen, sie dort zu verfeinern oder aber zu verändern oder gar gänzlich zu negieren und als unangemessen (nach welchen Kriterien auch immer) zurückzuweisen.

Vereinfacht gesprochen: Lippmann erkennt und bespricht in Die öffentliche Meinung die Gefahr (oder auch nur das einfache Faktum), dass Menschen zu seiner Zeit immer mehr beginnen, auf Bilder in ihren Köpfen zu reagieren, deren eigener Schöpfer sie nicht sind, sondern eher wie besagte Halluzinationen gleichsam aus einer dunklen Quelle stammen, über die sie keine Macht zu haben scheinen. Wir Menschen schaffen ihm zufolge weniger Bilder, als dass wir bloß (noch) auf diese Bilder reagieren. Obwohl diese Bilder in unseren Köpfen sind, sind es streng genommen nicht unsere, sofern diese Art des »Besitzes« irgendeine Form der Verfügungsgewalt implizieren sollte. Stattdessen gilt geradezu umgekehrt: Die Bilder in unseren Köpfen beherrschen uns. Wer also diese Bilder beherrscht, kann uns beherrschen. Somit stellt sich zunächst die Frage nach ihrem Ursprung. Wie kommen derart mächtige Bilder überhaupt in unser Inneres?

Soziale Bilder-Welten

Für Lippmann ist die Pseudoumwelt eine Mischung »aus ›menschlicher Natur‹ und den ›Bedingungen‹« (S. 72), das heißt gleichsam aus Angeborenem und sozialen Faktoren wie etwa der Art der Sozialisation. ›Bedingungen‹ werden von Lippmann – teils explizit und teils implizit – danach unterschieden, ob sie einer »primär« oder einer »sekundär erfahrenen Wirklichkeit« entstammen (Terminologie nach Wilke 2007). Die Bilder, die der primär erfahrenen Wirklichkeit entspringen, können immer dort entstehen, wo Menschen in näherer, intimer Beziehung zu den »abzubildenden« Dingen, Prozessen oder Personen stehen (S. 116). Sie entstehen vor allem im alltäglichen Umgang und dort, wo Menschen gewissermaßen Experten ihres eigenen Lebens sind und direkten Zugang zu den Ereignissen haben.

Doch im modernen Leben, so Lippmann, verfügen wir in vielen Bereichen weder über die Kraft noch die Fähigkeit, unsere eigenen Vorstellungen in und mittels direkter Erfahrung auszubilden. Stattdessen leben wir in einer »sekundär erfahrenen Wirklichkeit« (Wilke 2007, S. 608), in der wir über Vorstellungen von Dingen, Prozessen und Menschen verfügen, bevor wir diesen begegnen oder – extremer noch – bevor wir ihnen überhaupt jemals begegnen und doch aufgrund dieser Bilder ein Urteil über sie fällen, das dann handlungsleitend wird. Wenn weder »Zeit noch Gelegenheit für eine nähere Bekanntschaft« ist, dann müssen wir nach Lippmann »den Rest des Bildes mittels der Stereotypen, die wir in unseren Köpfen herumtragen« füllen (S. 116). Damit wird durch Bilder – vermittelt über ein »Medium der Fiktion« (S. 64) – eine soziale Realität geschaffen, in der sich Menschen aufeinander beziehen und in der sie handeln. Dieser Prozess gilt Lippmann als unvermeidbar:

»Denn die reale Umgebung ist insgesamt zu groß, zu komplex und auch zu fließend, um direkt erfasst zu werden … Obgleich wir in dieser Umwelt handeln müssen, müssen wir sie erst in einem einfacheren Modell rekonstruieren, ehe wir damit umgehen können« (S. 65).

Lippmann erkennt, dass diese Art der Realitätsgestaltung in modernen Gesellschaften vor allem durch das Aufkommen der Massenmedien enorm zunimmt. Der Konsum von Medien, darauf weist Martus in seinem Werk »Aufklärung« hin (Martus 2015), entbettet Wissen immer mehr von alltäglicher Erfahrung. Die von Zeitungen und anderen Medien entworfenen Bilder von fernen Ereignissen lassen sich nicht durch persönlichen Austausch, Begegnungen und so weiter revidieren. Gleichzeitig motivieren sie kaum noch zu direktem Handeln. Wir erfahren aus den Zeitungen (und heute aus dem Internet und vor dem Fernseher) von Hungerkatastrophen, Kriegen und Umweltverschmutzungen, aber diese Ereignisse begegnen uns nicht in der Sphäre des öffentlichen Lebens, sondern am Frühstückstisch oder im Fernsehsessel und damit inmitten der Zurückgezogenheit des Privatlebens. Wir sind es folglich nicht nur gewöhnt, bildhafte Vorstellungen ohne persönliche Erfahrung oder direkte Involviertheit zu übernehmen, sondern auch, auf diese Vorstellungen nicht mehr unmittelbar, sondern allenfalls mittelbar zu reagieren. Der Hunger in Nigeria, Somalia, im Südsudan und Jemen wird über flimmernde Fernsehbilder oder Bilder und Druckerschwärze in unsere Wohnzimmer gebracht, und im Extremfall sind wir sogar daran gewöhnt, sie zusammen mit dem täglichen Abendbrot oder Frühstück zu konsumieren. Unsere aktuelle (private) Situation kann uns folglich auch nicht sagen, zu welchen Handlungen uns die Bilder bewegen sollten. Mit dem über Bilder vermittelten Wissen geht keinerlei Können einher, und eine direkte praktische Involviertheit scheint in jedem Falle ausgeschlossen.

Es ist unserer Lesart zufolge genau diese Grundkonstitution der Mediengesellschaft, die Walter Lippmann zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen nimmt.

Die Herrschaft der Bilder

Lippmanns Sorge ist, dass die »Demokratie in ihrer ursprünglichen Gestalt sich niemals ernsthaft mit dem Problem auseinandergesetzt hat, das daraus entsteht, dass die inneren Bilder der Menschen nicht automatisch mit der äußeren Welt übereinstimmen« (S. 76). Weil innere Bilder zu Handlungen motivieren, ist politisches Handeln für ihn bilderbasiert. Die politische Meinungsbildung erfolgt dabei kaum rational: Ihre Grundlage sind Gefühle, die unmittelbar aus der Vorstellung entspringen. Menschen reagieren auf ihre Emotionen, die Bilder hervorrufen, und diese Emotionen werden kaum aktiv hinterfragt oder tätig verändert. Lippmann beschreibt dies plastisch am Beispiel eines Berichts über ein in Russland hungerndes Kind. Man hat Mitleid, will ihm Nahrung geben, verfügt aber über keinen direkten Zugang zu diesem Kind. Man kann also nur
»einer unpersönlichen Organisation oder deren Personifikation, zum Beispiel Mr. Hoover, Geld geben … Genauso wie der Gedanke selbst erst aus zweiter Hand kommt, so auch die Wirkung der Aktion. Die Erkenntnis ist indirekt, der Willenstrieb ist indirekt, lediglich die Wirkung selbst ist unmittelbar« (S. 199f.).

Menschliches Handeln droht auf diese Weise auf einen Reiz-Reaktions-Mechanismus reduziert zu werden: Im Falle des hungernden russischen Kindes wird das Gefühl »Mitleid« erweckt und dieses Gefühl löst einen Zahlungsimpuls aus, – eine weitgehend anonyme, nahezu vollständig vom eigentlichen Wirkungskontext entkoppelte Reaktion. Ein solcher Impuls impliziert keinerlei Können mehr, mit dem das Problem »Hunger« in irgendeiner Weise gelöst werden könnte. Die Kompetenz, eine Überweisung auszufüllen oder Geld in einen Klingelbeutel zu werfen, hat nichts mit den Kompetenzen zu tun, die es bräuchte, um einem Kind in tausenden Kilometer Entfernung tatsächlich die Nahrung zu bringen, die es benötigt.

Entspricht die Konstellation, die sich anhand dieses Beispiels abzeichnet, grundsätzlich unserer Situation heute, in dem Menschen scheinbar handlungsunfähig möglichen ökonomischen, politischen und ökologischen Krisen entgegentaumeln? Es ist jedenfalls unverkennbar, dass Lippmann in diesen Prozessen die Grundlage für eine Art »Emotionsmanagement« sieht, das eben gerade nicht mehr durch den Menschen selbst, sondern durch sein Umfeld verantwortet wird. Denn da sowohl die Herkunft der emotionsweckenden Bilder als auch ihre tatsächlichen Wirkungen außerhalb des individuell-menschlichen Tätigkeitsbereichs liegen, lassen sich beide seiner Ansicht nach von anderen, das heißt von Dritten, gestalten. Lippmann fasst den Gestaltungskreis auf beiden Seiten sehr weit: Auf der Wirkungsseite dient das gespendete Geld der Erleichterung vom Gefühl des Mitleids, – was mit dem Geld dann wirklich gemacht wird, ist sekundär. Und auch auf der Seite der auslösenden Reize postuliert Lippmann einen großen Handlungsraum. Denn es lässt sich der ursprüngliche Reiz immer weiter verallgemeinern, bis er durch ein bloßes »Symbol« ersetzt ist:

»Wenn zum Beispiel jemand den Völkerbund nicht mag, der andere Wilson hasst und ein dritter die Gewerkschaften fürchtet, können wir sie unter einen Hut bringen, sofern wir ein Symbol entdecken, das die Antithese zu ihrem Hassgegenstand ist. Angenommen dieses Symbol wäre Amerikanertum … Das Symbol in sich selbst stellt an und für sich nichts Besonderes dar, aber es kann sich mit beinahe allem verbinden. Und deshalb kann es das gemeinsame Band gemeinsamer Gefühle werden, selbst wenn diese ursprünglich an auseinanderstrebende Ideen geknüpft waren« (S. 200).

Überdeutlich wird hier die Macht des Bildermachens als zentrales Herrschaftselement der heutigen Gesellschaft – mit Folgen für jede einzelne Person: Die Bilder in jedem Kopf (ausgelöst durch externe Reize und »Symbole«) sind nur zu einem geringen Teil von diesem Kopf selbst gemacht. Denn die menschliche Wahrnehmung ist zumeist von Stereotypen geprägt, deren Ursprungsort der betroffenen Person fremd ist. (Im Hintergrund stehen hier Lippmanns eigene Erfahrungen und Analyse der Fehler bei den Verhandlungen in Versailles und Keynes’ diesbezügliche Kritik, vgl. Bottom/Kong 2012, S. 373ff.):

»Meistens schauen wir nicht zuerst und definieren dann, sondern definieren erst und schauen dann. In dem großen blühenden, summenden Durcheinander der äußeren Welt wählen wir aus, was unsere Kultur bereits für uns definiert hat, und wir neigen dazu, nur das wahrzunehmen, was wir in der Gestalt ausgewählt haben, die unsere Kultur für uns stereotypisiert hat« (S. 110).

Damit geht nach Lippmann ein starker Verlust menschlicher Vorstellungskraft einher. Menschen scheinen in der Regel weder einzeln noch gemeinsam über die Fähigkeit zu verfügen, die sekundär erfahrene Wirklichkeit zu gestalten. Ja, sie merken zumeist noch nicht einmal, dass es überhaupt etwas zu gestalten gäbe, weil sie weder individuell noch kollektiv den substantiellen Unterschied zwischen Bild und Realität, sekundär und primär erfahrener Wirklichkeit, auch nur ansatzweise zu erkennen vermögen. Sie glauben schlicht an die »Wahrheit« der Bilder in ihren Köpfen: »was auch immer wir für ein echtes Abbild halten, wir behandeln es wie die Umwelt selbst.« (S. 56) Und mehr noch: Nicht nur scheinen Menschen keine Macht über die sekundär erfahrene Wirklichkeit zu haben; diese Wirklichkeit scheint nach Lippmann im gewöhnlichen modernen Alltag auch dort zu dominieren, wo eine primär erfahrene Wirklichkeit eigentlich existieren könnte, das heißt, wo unser Leben in konkreten Beziehungen, gelebten Kontexten und Begegnungen die Vorurteile stereotyper Wahrnehmungen einfach überwinden helfen könnte:

»Der wirkliche Raum, die wirkliche Zeit, die wirklichen Zahlen, die wirklichen Beziehungen, die wirklichen Bedeutungen sind verloren gegangen. Die Perspektive, der Hintergrund und die Dimensionen der Handlung sind in der Stereotype beschnitten und erstarrt« (S. 166).

All das betrifft nicht nur das individuelle Erkennen und Handeln, sondern vor allem – das ist Lippmanns zentrales Anliegen – jede Form der Politik. Erkenntnis und Politik bilden für ihn keinen Gegensatz. Denn »die Welt, mit der wir es in politischer Hinsicht zu tun haben, liegt außer Reichweite, außer Sicht, außerhalb unseres Geistes« (S. 75). Wer über Politik nachdenkt, darf diese prinzipielle Schranke menschlicher Erkenntnis nicht ignorieren; eine Ignoranz, die Lippmann allerdings gerade den Sozialisten und Demokraten seiner Zeit vorwirft – Könnte dies angesichts der populistischen Herausforderung für die Demokratie heute eine beklemmende Warnung sein?


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Bilder-ExpertInnen

Wie dem aus sei: Eine Politik, die ausschließlich auf Aufklärung und breit angelegten Sachverstand setzt, erscheint in Die öffentliche Meinung bestenfalls als naiv, eher aber als gefährlich. Was aber kann eine Alternative sein? Kurz gesagt liegt diese für Lippmann darin, der Mehrheit der Menschen nicht zur Überwindung der in ihren Köpfen angelegten innerer Bilder zu verhelfen, sondern geradezu umgekehrt: die Bildung dieser Bilder zu forcieren, um mit ihrer Hilfe eine Pseudoumwelt zu schaffen, auf welche die Mehrheit planvoll und damit zumindest prinzipiell vorhersehbar reagiert und damit steuerbar wird. Michel Foucault hat einmal gesagt, zu regieren hieße, »das Feld eventuellen Handelns der anderen zu strukturieren« (Foucault 1994, S. 255). Lippmann würde dem vermutlich zustimmen, für ihn ist dieses Feld dabei klar eines der Imagination: Die Regierung der Bevölkerung geschieht durch die Lenkung innerer Bilder. Für Lippmann steht diese Regierungsform in keinem Gegensatz zur Demokratie. Im Gegenteil: Hier liegt für ihn der Kern der modernen Demokratie begründet, wobei er auf das Verständnis von der Bevölkerung als einer »Masse« zurückgreift (wie bei Gustav LeBon, den Lippmann auch zitiert, S. 193). Zugleich leistet er der Vorstellung einer »unsichtbaren Regierung« Vorschub, wie Edward Bernays sie wenige Jahre später in seinem Werk Propaganda nennen wird:

»Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist« (Bernays 2005, S. 37) (4).

Aus unserer Sicht vermag Lippmann diesen zentralen Punkt in Die öffentliche Meinung noch nicht klar zu formulieren. Doch vieles spricht dafür, dass er gleichwohl als der noch nicht gänzlich ausgesprochene Fluchtpunkt von Lippmanns Überlegungen angesehen werden kann.

Wer ist aber diese »unsichtbare Regierung«, von der Bernays spricht? Es mag für uns, die wir selbst im 21. Jahrhundert immer noch bereit sind, nahezu reflexartig die Politik oder sogar persönlich einzelne Politikerinnen und Politiker zu nennen, erstaunen, dass Lippmann diesem Bereich der Gesellschaft beziehungsweise dieser Gruppe von Menschen bereits Anfang des letzten Jahrhunderts (wie Bernays übrigens auch) kaum Macht zusprechen will. Tatsächliche Macht spricht er vielmehr Menschen und Institutionen zu, die für die Politiker wie die Bevölkerung gleichermaßen die grundlegenden Vorstellungsmuster prägen und damit den Raum des überhaupt Möglichen systematisch eingrenzen, ja überhaupt erst erzeugen:

»Ich behaupte, dass ein repräsentatives Regime weder in dem, was gewöhnlich Politik genannt wird, noch in der Industrie erfolgreich funktionieren kann, gleichgültig, wie das Wahlsystem aussieht, wenn es nicht eine unabhängige, sachkundige Organisation gibt, welche die ungesehenen Tatsachen für diejenigen verständlich macht, die die Entscheidungen zu treffen haben. Ich versuche deshalb darzulegen, dass nur die ernst gemeinte Übernahme des Prinzips der Ergänzung persönlicher Repräsentation durch die Repräsentation der ungesehenen Tatsachen uns eine befriedigende Dezentralisation und gleichfalls ein Entrinnen aus der unerträglichen und undurchführbaren Fiktion gestattet, dass jeder von uns eine kompetente Meinung zu allen öffentlichen Angelegenheiten erlangen müsse« (S. 77).

Wer aber sollte diese »unabhängige, sachkundige Organisation« sein? Lippmann verortet sie weder in der Politik noch in der Presse, das heißt in den Medien. Er konstatiert zwar, dass allgemein erwartet wird, dass die Presse »täglich und sogar zweimal am Tag ein getreues Bild der ganzen äußeren Welt« entwerfe (S. 279f.). Aber das kann sie nach Lippmann allein aufgrund der ökonomischen Struktur des Zeitungs- und Verlagswesens nicht leisten. Stattdessen fordert er, dass es noch Institutionen gleichsam »hinter« der Presse geben müsse, die die »öffentliche Meinungen für die Presse« zu organisieren haben. Dies zu leisten sei »Aufgabe vor allem einer politischen Wissenschaft« (S. 77), das heißt von Experten und Expertinnen. Sie sollen gleichsam den Boden, das heißt die Pseudoumwelt, vorbereiten, auf dem die Politiker ihre Entscheidungen treffen: Lippmann wünscht sich ein unabhängiges Expertentum, das vollkommen desinteressiert für die »ungesehene Faktoren in der Umwelt« eintritt (vgl. S. 319). Dies wird etwa an folgendem Beispiel deutlich:

»So folgt dem Abdruck vergleichender Statistiken über die Säuglingssterblichkeit oft ein Zurückgehen der Sterblichkeitsquote von Säuglingen. Städtische Beamte und Wähler hatten vor der Veröffentlichung in ihrem Bild von der Umwelt keinen Platz für diese Kinder. Erst die Statistiken machten sie sichtbar, so sichtbar, als ob die Säuglinge einen Ratsherrn gewählt hätten, um ihre Beschwerden an die Öffentlichkeit zu bringen« (S. 319f.).

Dieses Expertentum kann dabei für Lippmann ganz unterschiedliche Formen und Ausprägungen annehmen:

»Diese Männer sind unter allen möglichen Namen bekannt: als Statistiker, Kalkulatoren, Bücherrevisoren, Industrieberater, Ingenieure vieler Fachrichtungen, wissenschaftliche Direktoren, Personalsachbearbeiter, Forscher, ›Wissenschaftler‹ und manchmal als einfache Privatsekretäre« (S. 313).

Dabei ist Lippmann keineswegs naiv. Sehr genau weiß er, welcher enorme Zuwachs an Macht für jeden Experten erwachsen kann:

»Überdies wird er in Zukunft mehr Macht ausüben als jemals zuvor, weil sich die entscheidenden Tatsachen dem Wähler und dem Regierenden in steigendem Maße entziehen werden« (S. 322).

Zugleich weiß Lippmann, dass mit diesem Zuwachs auch die Gefahr des Machtmissbrauchs steigen wird:

»Aber die Fachleute werden Menschen bleiben. Sie werden die Macht genießen, und sie werden in die Versuchung geraten, sich selbst zu Zensoren aufzuschwingen und auf diese Weise die wirkliche Funktion der Entscheidung an sich zu reißen« (S. 322).

Das wesentliche Mittel, um dieser Gefahr zu begegnen, sieht Lippmann darin, die Sichtbarmachung des ansonsten Unsichtbaren, wie sie die Experten vornehmen sollen, von den Entscheidungen, die auf der Grundlage des Sichtbargewordenen getroffen werden, personell wie institutionell strikt zu trennen:

»Die einzige institutionelle Sicherung dagegen besteht darin, so absolut wie möglich die ausführenden Mitarbeiter von den Untersuchenden zu trennen« (S. 322f.).

Konkret fordert Lippmann, dass die Experten auf der einen und die (politischen) Entscheider auf der anderen Seite möglichst getrennten Körperschaften angehören sollten und, wenn möglich, aus verschiedenen Geldquellen bezahlt und von verschiedenen Vorgesetzten verantwortet werden sollten (S. 324). Zudem fordert er für die Experten gesicherte Geldquellen, so dass sie nicht von »alljährlichen milden Gaben« (S. 325) abhängig sein müssen, Beamtenstellen auf Lebenszeit, gesicherte und großzügige Pensionen sowie »Ferienjahre zur Fortbildung und Schulung« (S. 325). Kurz:

»Wenn die Leistung hervorragend sein soll, müssen ihre Träger Ansehen, Sicherheit und zumindest in den oberen Stufen jene Geistesfreiheit haben, die man nur dort findet, wo Männer nicht zu unmittelbar mit praktischen Entscheidungen befasst sind« (ebenda).

Lippmanns Werk Die öffentliche Meinung kann man also kaum vorwerfen, dem Wildwuchs der heutigen Armada von Think Tanks, Politikberatungen, PR-Agenturen et cetera Vorschub geleistet zu haben. Genauer: Es finden sich in diesem Werk kaum Anzeichen dafür, dass er diesen Wuchs in irgendeiner Form begrüßt hätte. Stattdessen schwebt ihm als ideale gesellschaftliche Entwicklung der Aufstieg eines unabhängigen Expertentums vor, das eben gerade keine eigene politische Agenda verfolgen und überdies in keiner Weise privat, sondern – wie bereits skizziert – in Form eines Beamtentums organisiert sein soll, das über ähnliche Rechte und Pflichten verfügen soll wie das akademische Personal an Universitäten.

Doch woher sollen die ExpertInnen kommen? Wo sollen sie (aus)gebildet werden? Auf welcher Grundlage sollen sie arbeiten und ihr Wissen und ihre Fähigkeiten erlangen? In Die öffentliche Meinung setzt Lippmann sich für den »Aufbau von Informationsdiensten« ein (vgl. S. 323). Doch wie diese genau etabliert werden sollen, darüber findet sich (aus unserer Sicht besorgniserregend) wenig. Erkennt und erläutert Lippmann zwar prinzipiell die Bedeutung dieser Dienste, so vermag er dennoch lediglich für eine sehr pragmatische Art ihrer Einführung zu plädieren: »Aber vorausgesetzt, dass das Prinzip irgendwo in jeder gesellschaftlichen Tätigkeit einen Rückhalt besitzt, wird es Fortschritte machen, und man beginnt damit, indem man eben beginnt.« (ebenda) Es seien Informationsämter schlicht überall dort einzuführen, »wo man in einer bestehenden Apparatur eine Lücke findet« (S. 324).

Angesichts der gewaltigen Verantwortungslast, die nach Lippmanns Konzeption von Gesellschaft und Politik auf jenen ruht, die das Unsichtbare sichtbar machen sollen, erscheint diese Vagheit der Ideen bezüglich der Etablierung der für diese Gruppe von Menschen notwendigen institutionellen Kontexte tatsächlich problematisch. Lippmanns Werk markiert aber zumindest in klarer Sprache eine wesentliche Leerstelle, die in den knapp hundert Jahren nach seinem Erscheinen in unserer Gesellschaft unseres Erachtens noch immer nicht oder doch kaum gefüllt ist – und dies weder in systematischer noch praktischer Hinsicht.

Vom Missbrauch der Bilder

Wer oder was aber nimmt die Position der »unsichtbaren Regierung« ein, wenn unabhängige Informationsdienste dazu nicht in der Lage sind oder sich in der Gesellschaft noch nicht einmal ansatzweise etabliert haben? Lippmanns Werk ist durchdrungen von Beispielen und systematischen Hinweisen, die zeigen, wie groß die Möglichkeiten und die Gefahren des Missbrauchs der Erzeugung von inneren Bildern sind und wie sich mit ihnen die Gesellschaft steuern lässt – ein Missbrauch in dem Sinne, dass gesellschaftliche Gruppen in der »Masse« Bilder zu erzeugen suchen, die Reaktionen hervorrufen, die nur den Partikularinteressen dieser Gruppen dienen. Gut ein Jahrzehnt später als Lippmann wird Siegfried Kracauer in seinem Werk Totalitäre Propaganda das auf den Punkt bringen: Es geht nicht darum, Ideen zu ihrer Durchsetzung zu verhelfen, sondern darum, alle möglichen Ideen für die eigenen Interessen in den Dienst zu stellen: Jedwede Idee soll sich in den Köpfen von Menschen verankern lassen, wenn nur die Reaktion auf diese Ideen zum eigenen Vorteil gereicht:

»Wird die Macht an sich begehrt, so spielt der Wahrheitsgehalt der Lehre, für die man sich im Interesse dieses Begehrens einsetzt, nicht die geringste Rolle. Gewiss, man muss eine Idee zu propagieren scheinen, um Herrschaft über die Masse zu erlangen. Aber wichtig ist nicht, dass sich die Propaganda in den Dienst der Ideen stellt, die als wahr erkannt wird. Wichtig ist, dass sich die Propaganda darauf versteht, sich irgendwelcher Ideen zu bedienen. Die zündende Idee ist eines der Instrumente der Propaganda, und nicht umgekehrt diese das Instrument seiner Idee« (Kracauer 2013, S. 30).

Beinahe ebenso deutlich fasst Lippmann im vorliegenden Werk den Begriff der Propaganda. So kommentiert er die französische Berichterstattung im Ersten Weltkrieg (die eher einer Berichterfindung gleicht) mit folgenden Worten:

»Wir haben gelernt, das Propaganda zu nennen. Eine Gruppe von Menschen, die der Öffentlichkeit den ungehinderten Zugang zu den Ereignissen verwehren kann, arrangiert die Nachrichten, damit sie ihren Zwecken dienen. Dass in diesem Falle der Zweck patriotisch war, berührt das Argument in keiner Weise. Sie benutzten ihre Macht, um die Öffentlichkeit der alliierten Länder die Dinge so sehen zu lassen, wie sie es wünschten« (S. 84).

Und ebenso deutlich nennt Lippmann mögliche Instrumente, um diese Form der Propaganda Wirklichkeit werden zu lassen. Zentral ist dabei für ihn die Zensur, die aus seiner Sicht weit über die (eher noch sichtbare) Zensur in der Kriegsberichterstattung hinausgeht:

»Um Propaganda zu betreiben, muss eine gewisse Schranke zwischen Öffentlichkeit und Ereignis errichtet werden. Der Zugang zu der wirklichen Umwelt muss begrenzt werden, ehe jemand eine Pseudoumwelt errichten kann, die er für klug oder wünschenswert hält. Denn während Leute, die unmittelbaren Zugang haben, missverstehen können, was sie sehen, kann niemand sonst darüber bestimmen, wie sie es missverstehen sollen, es sei denn, jemand könnte bestimmen, wohin sie schauen und was sie sehen sollen. Die militärische Zensur ist die einfachste Form dieser Schranke, aber keinesfalls die wichtigste, weil man weiß, dass sie existiert und man ihr daher in gewisser Weise zustimmen oder sie ablehnen kann« (S. 85).

Lippmanns Werk liest sich in Passagen wie dieser wie ein Vorbote eines Wissens, wie Pseudoumwelten im Dienste von Partikularinteressen manipuliert werden können. Seither sind diese Möglichkeiten immer größer und ausgefeilter geworden – sei es in der Markentechnik, in der politischen Propaganda oder in Experimenten zur Gehirnwäsche. Lippmann konnte in den 1920er-Jahren diese Entwicklung noch nicht erahnen, aber er denkt die Grundlage für diesen Prozess voraus. So lässt sich nicht nur in seinen Ausführungen zur Zensur eine Vorarbeit zu den vielfältigsten modernen Formen erkennen, wie der Erzeugung von Verschweigen und von Hypokognition – das heißt der bewussten Erzeugung von Nicht-Existenz oder dem Wegfall von Ideen durch den Mangel an sprachlicher Umsetzung dieser Ideen (Wehling 2016, S. 64, vgl. auch Graupe 2018a).


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Die Rolle der Bildung

Können sich Menschen, kann sich die Gesellschaft überhaupt gegen diese Formen des Missbrauchs innerer Bilder erwehren? Am Ende von Die öffentliche Meinung deutet Lippmann immerhin an, dass es möglich sein könnte, die Pseudoumwelt, also gleichsam das Reservoir unserer inneren Bilder, systematisch zu verbessern. Dies kann ihm zufolge etwa dadurch entstehen, dass die Ideen entwirrt werden, indem Wörter klar definiert werden. So soll verhindert werden, dass sie unbedacht an emotional aufgeladene Erinnerungen gekoppelt werden. Kurz: Es geht ihm um eine Distanzierung der Welt der inneren Bilder von den gefühlsmäßigen (wir würden heute hinzufügen: weitgehend unbewussten), geradezu instinkthaft getriebenen Schichten unserer Persönlichkeit. Das Ziel ist es, »unsere öffentlichen Meinungen [wieder] in Beziehung mit der Umwelt zu bringen«. Beides kann nach Lippmann insbesondere durch eine adäquate Wahl der Sprache erreicht werden:

»Die Wirkung des Benennens … ist von entscheidender Bedeutung. Wahrnehmungen nehmen ihre Identität wieder an, und die Empfindung, die sie wecken, ist spezifischer Natur, da sie nicht länger durch weitläufige und zufällige Beziehungen … verstärkt wird. Die entwirrte Idee, die eine eigene Bezeichnung trägt, und einer Empfindung, die untersucht wurde, ist deutlich offener für Verbesserung durch neue, auf das Problem zielende Daten. Sie war in die ganze Persönlichkeit eingebettet gewesen, war Beziehungen verschiedener Art mit dem ganzen Ego eingegangen: Eine Herausforderung würde die ganze Seele erbeben lassen. Nachdem sie gründlich kritisiert worden ist, ist die Idee nicht länger ich, sondern es. Sie ist objektiviert, sie ist auf Armlänge abgerückt. Ihr Schicksal ist nicht mit dem meinen verbunden, sondern mit dem der äußeren Welt, auf die ich einwirke« (S. 339f.).

Lippmann geht gar davon aus, dass dies der Weg sein kann, »auf dem der gewaltige zensierende, stereotypisierende und dramatisierende Apparat liquidiert werden kann« (S. 340). Nicht die Verneinung der Existenz der inneren Bilder und deren Macht, sondern der bewusste, ja in gewisser Weise auch schöpferische Umgang mit ihnen tritt hier in Vordergrund, so dass die Vorstellung des Menschen nicht als bloßes Opfer seiner inneren Bilder, sondern als deren eigentlicher Schöpfer (oder doch zumindest Kontrolleur) möglich wird.

Der Mensch als homo pictor (Jonas 1995), als bildschaffendes Wesen, das sich seiner Bildlichkeit bewusst ist, das heißt, seiner Fähigkeit innere Bilder zu erschaffen, mit der sich die äußere Welt zugänglich machen (Ötsch/Graupe 2018)? Wie können wir Menschen uns wieder die Macht über die eigenen inneren Bilder aneignen: individuell wie kollektiv, zum Wohle der Gesellschaft? Ganz zum Schluss seines Werkes – unter dem Titel »Appell an die Vernunft«– spürt man förmlich, wie schwer Lippmann sich mit dieser Frage tut. »Ich habe den Schluss dieses Buches mehrmals niedergeschrieben und ihn immer wieder in den Papierkorb geworfen«, schreibt er. Und weiter: »Es gibt kein Schlusskapitel, weil der Held in der Politik mehr Zukunft vor sich als fixierte Geschichte hinter sich hat. Das letzte Kapitel ist lediglich ein Platz, wo der Autor sich einbildet, der höfliche Leser habe begonnen, heimlich auf seine Uhr zu schauen.« (S. 342). Lässt sich der Mensch tatsächlich »mit einem besseren Wirklichkeitssinn« ausstatten (vgl. S. 344)? Oder ist diese Vorstellung nur »ganz und gar akademisch«? Lippmann schwankt zwischen diesen beiden Polen, um am Ende doch eher pessimistisch in die Zukunft zu schauen: Zu unterentwickelt sei am Ende unsere Vernunft (etwa S. 345).

Und dennoch gibt Lippmann in dem Abschnitt zuvor (»Der Appell an die Öffentlichkeit«) einen Ort an, an dem dieser »bessere Wirklichkeitssinn« entwickelt werden kann. Es ist dies die Bildung, und Lippmann nennt explizit Formen, Maßnahmen und Möglichkeiten, die an diesem Ort gezielt ergriffen werden können. Keinesfalls ist dies der Rückfall in die naive Annahme, Wissenschaft und Bildung könnten unmittelbar etwas über die Realität vermitteln oder sie gar in ihrer eigentlichen Wesenhaftigkeit gleichsam treffen. Vielmehr geht es Lippmann – das wollen wir summarisch anführen – unter anderem darum (vgl. S. 341f.) (5): Wissen vom eigenen Geist und dessen Formen, mit unbekannten Fakten fertig zu werden, zu vermitteln.

Kann die Bildung dieser Verantwortung gerecht werden? Wird diese Verantwortung heute überhaupt erkannt? Wir können in der Kürze des hier zur Verfügung stehenden Raumes hierauf nicht weiter eingehen. Es sei lediglich angemerkt, dass aus unserer Sicht die heutige Bildung an den Universitäten und insbesondere im Bereich der Wirtschaftswissenschaften von diesen Empfehlungen weit entfernt ist, wie wir etwa in Graupe (2017 und 2018a) ausführlich diskutiert haben. Eine ähnliche Lage lässt sich unserer Kenntnis nach auch an Schulen diagnostizieren (Krautz/Burchardt 2018).

Fast 100 Jahre nach Die öffentliche Meinung erweist sich Lippmann als früher Warner vor einer Entwicklung, die mit einer derartigen Wucht über uns hereingebrochen ist, dass es schwer fällt, eine reflexive Distanz einzunehmen. Marketing, Werbung, politischer Spin, Politisches Framing, Beeinflussung sozialer Veränderungsprozesse (wie etwa im Change Management, vgl. Graupe 2018b), Inszenierungen aller Art und bewusst produzierte Fake News dominieren die Ereignisse. Es wirkt, als ob eine immer surrealer werdende kollektive Trance das, was früher Gesellschaft geheißen hat, nur noch als Vorstellungswelt im Sinne von Lippmann erscheinen lassen kann. Aber die Handlungswelt bleibt als Realität bestehen. Wohl ihr letzter Anker sind Vorgänge in der Natur selbst: Im Anthropozän schlägt die Wirklichkeit der Ökosphäre marktfundamentale, postdemokratische und rechtspopulistische Vorstellungswelten. Wie schwer es fällt, das Unsichtbare dieser Wirklichkeit im Sinne Lippmanns so sichtbar zu machen, als ob die Natur (wie die Kinder im zitierten Bild von Lippmann) ihre Beschwerden selbst an die Öffentlichkeit bringen könnte, zeigt die aktuelle Klimadebatte.

Was und wie lässt sich in diesen, unseren Zeiten von Lippmann lernen? Wo kann Die öffentliche Meinung uns helfen, wieder mehr Tiefgang in aktuelle Debatten und Handlungsstrategien zu bringen? Zentral scheint uns zunächst Folgendes: Bereits 1922 plädiert Lippmann dafür, die Komplexität der Dreiecksbeziehungen von Mensch, Pseudoumwelt und Umwelt nicht mehr aus den Augen zu verlieren oder auf eine bloße Gegenüberstellung von Mensch und Umwelt zu reduzieren. Gerade in der heutigen Gesellschaft, in der wir uns mehr über Bilder von Erfahrungen, denn mittels unmittelbarer Kontakte und direktem Austausch aufeinander beziehen, ist es aus unserer Sicht bestenfalls naiv und schlimmstenfalls gefährlich, die Dimension der Pseudoumwelt und ihre gestalterische Macht auszublenden. Genau diese Art der Ignoranz stellt aus unserer Sicht aber ein Kernmerkmal aktueller politischer Debatten dar: Während ein ganzes Heer von Think Tanks, PR-Agenturen, Markentechnikern und Spin-Doktoren im praktischen Sinne buchstäblich von der Ausbeutung und Manipulation dieser Pseudoumwelt lebt, und es eine unüberschaubare Menge insbesondere ökonomischer, kognitionswissenschaftlicher und psychologischer Forschung gibt (die dieser Praxis das notwendige Know-How bis hinein in die tiefsten Tiefen des Individuums, die diesem selbst weitgehend unbewusst sind, vermittelt), existiert ein breit angelegter politischer Diskurs über gewünschte und verantwortbare Formen dieser Pseudoumwelt nicht. Auch findet in den Bildungssystemen kaum eine Form der Aufklärung über die gegenwärtig existierenden Manipulationsformen statt. Es wirkt, als ob sich sowohl die Politiker als auch die breite Bevölkerung damit abgefunden hätten, stets auf der Seite der Beeinflussten zu stehen und von einer unsichtbaren Regierung im Sinne Edward Bernays dominiert zu werden.

Das Problem, wie wir es sehen, liegt darin, dass die Entscheidung, sich unbewusst von einer nicht weiter erkennbaren Elite beeinflussen zu lassen, selbst bereits auf der Ebene des Unbewussten angesiedelt zu sein scheint. Schaut man auf Lippmanns Werk, so muss dies aber keineswegs der Fall sein: Selbst, wenn wir als Gesellschaft darüber übereinkämen, dass wir uns in der heutigen Zeit auf bildgebende Eliten verlassen müssen, so ließe sich dennoch durchaus wieder Hoheit über die Frage erlangen, wer genau diese Eliten sein und nach welchen Regeln sie agieren sollen. Doch diese Entscheidungsmacht beansprucht weder die Politik noch die Zivilgesellschaft in ausreichendem Maße. Ja, sie wird häufig (aus unserer Sicht zu häufig) noch nicht einmal als bloße Möglichkeit erkannt. Stattdessen dominiert eine »Realpolitik«, die sich eng an den als real anerkannten Bedingungen und Möglichkeiten orientiert, ohne zu verstehen, dass diese Anerkenntnis immer schon ein bereits bestehendes Klima der öffentlichen Meinung voraussetzt, das heißt im Sinne der Beeinflussung immer schon einen Schritt zu spät einzusetzen droht.

In Bewusstheit der Komplexität dieser Angelegenheit können wir hier lediglich in grober Vereinfachung einige Beispiele nennen. Die 1950er- und 1960er-Jahre stehen politisch unter dem Bild des »Kalten Krieges«, das Lippmann selbst mitgestaltet hat (Lippmann 1947): Die gesamte Welt erscheint wie eine Bühne, auf der ein einziges Drama abläuft. Wirtschaftspolitisch dominiert im »freien Westen« ein von den Lehren von Keynes inspiriertes Staatsverständnis, das dem Staat eine aktive Rolle zuspricht und »die Wirtschaft« (international abgestützt durch das System von Bretton Woods) anhand von sozialen Gesamtzielen zu lenken versucht. Die Folge war die Errichtung eines Sozial- und Wohlfahrtsstaates in einem historisch unbekannten Ausmaß, durchaus in Spannung mit der Vorstellung einer »freien Marktwirtschaft« (Ötsch u.a. 2017. Zu den manipulativen Aspekten im deutschen Konzept einer »sozialen Marktwirtschaft« vgl. Schindelbeck 2018). Herrscht auf diese Weise wenigstens noch eine Art Wettbewerb grundlegender Ideen, so wird die keynesianische Vorstellungswelt in den Krisen der 1970er-Jahre diskreditiert. Wissenschaftlich und politisch führende Kreise (zuerst in den USA und in England, dann weltweit) übernehmen immer mehr das Bild »des Marktes« und das darin implizierte Staatsverständnis einer »Planung für den Markt« (Thomasberger 2012), von denen sie kaum wissen, welche unsichtbaren Eliten sie prägen.

Zunehmend kommt es auf diese Weise zu einer Monokultur der grundlegenden inneren Bilder: zu einem eng begrenzten, fixierten Klima öffentlicher Meinung, das auf dieser fundamentalen Ebene keinen Wettbewerb der Ideen mehr zu kennen scheint. Elisabeth Wehling etwa macht auf die Konsequenzen aufmerksam:

»Nur dann, wenn uns unterschiedliche, auch sich widersprechende Frames (dieser Begriff kann hier im Sinne von Lippmanns Pseudoumwelten gedeutet werden, die Autoren) zur Verfügung stehen, können wir über einen bestimmten Sachverhalt umfassend denken, ihn ›von allen Seiten beleuchten‹. Nur so können wir Menschen verstehen, wenn sie uns widersprechen, und uns konstruktiv mit ihnen auseinandersetzen« (Wehling 2016, S. 16).

Doch nicht nur die Monokultur der imaginativen Fundamente unserer Gesellschaft scheint das Problem zu sein, sondern darüber hinaus auch deren innere selektive Verfasstheit. So ist in der Pseudoumwelt, die eine markfundamentale (neoliberale) Propaganda schafft, vor allem kein Konzept von Gesellschaft mehr enthalten. Es gibt nur eine »Ordnung« (insbesondere im Sinne von Hayeks »spontaner Ordnung«), die für eine Totalität steht (zum Beispiel Hayek 2014, zur Neoklassik vgl. Pirker 2011). Diese kann lediglich anerkannt, niemals aber ihrerseits erkannt, sondern bestenfalls nur geglaubt werden (vgl. Graupe 2018a). Auf der immer schon vorausgesetzten Ebene stillschweigender Vorverständnisse ist diese Totalität jene »des Marktes« (Ötsch 2018). In dieser impliziten Vorstellungswelt kann das, was früher Gesellschaft geheißen hat, unbemerkt immer mehr ökonomischen Regeln unterworfen werden. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hat sich dieser Prozess verstärkt. Er wird nun vor allem durch das Bild von »der Globalisierung« getragen, gegen die »wir« – so wird gesagt – nichts unternehmen könnten. Die Politik, die diese Vorstellungswelt zu ihrer impliziten Grundlage macht, muss, so meinen wir, nahezu automatisch ihren gestaltenden Anspruch aufgeben, da diese ihr jegliche Erkenntnis sinnvoller Handlungsoption immer schon entzieht. Um das Bild Seldons aufzugreifen: Es scheint keine Infanterie mehr zu brauchen, weil der Artilleriebeschuss mit (neoliberalen) Ideen dem politischen Gestaltungswillen von vornherein nur noch einen verbrannten Erdboden überlässt (6).

Die Folge, so meinen wir, droht eine (postdemokratische) Abwertung von Politik insgesamt zu sein, die sich in einer Krise der Repräsentation manifestieren kann, in der sich Teile der Bevölkerung von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Eine eingehende Studie von Lippmanns Werk kann auf das grundlegende Problem hinweisen: Wie soll sich die Bevölkerung bei jenen aufgehoben fühlen, die trotz ihrer herausgehobenen Position als sichtbare Vertreter von Herrschaft, sich am Ende ebenso blindlings einer unsichtbaren Machtelite unterwerfen, als ob sie Teil der »Masse« selbst wären?

Die politischen Debatten der Gegenwart verweisen unserer Einschätzung nach auf ein fundamentales Problem, das wir bereits angesprochen haben: die Hypokognition. Dieses Problem betrifft nicht allein, wie schon beschrieben, den Wegfall grundlegender Ideen über die politische Gestaltbarkeit von Gesellschaft. Es trifft auch den Verlust jeglichen vermittelbaren Wissens über die Strukturen eigentlicher Macht in unserer Gesellschaft. So kann beobachtet werden, dass sich in den letzten Jahrzehnten wirtschaftliche Strukturen etablieren konnten, die weder in den Wissenschaften ausreichend erkannt noch in der Öffentlichkeit adäquat thematisiert wurden und werden, – zentrale Felder sind hier etwa die Schattenbanken sowie Steuer- und Regulierungsoasen. Diese Teile des Finanzsystems waren bis vor wenigen Jahren weitgehend unbekannt und erst seit einigen Jahren gibt es Forschungen, die zeigen, dass die Finanzkrise 2007/2008 eine Krise des Schattenbankensystems gewesen ist (7). Es kann nicht überraschen, dass viele ÖkonomInnen vom Eintreten der Krise (die oft als »Große Krise« bezeichnet wird) überrascht waren, – eben weil sie einem fundamentalen Nicht-Wissen, einer totalen Form von Hypokognition, unterliegen. Nach der Krise wurde dann versucht, mit Billionensummen das Finanzsystem zu stabilisieren, aber jene Eliten, die diesem System das Fundament bereiteten, wurden nicht thematisiert (nicht einmal in einem juristischen Sinn), sondern blieben (und bleiben immer noch) weitgehend unbehelligt. Im Unterschied zu historisch vergleichbaren Krisen scheint es diesmal in einer fest etablierten Pseudoumwelt zu keinem Wechsel von wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Eliten kommen zu können.

Basierend auf Lippmanns Werk ließe sich hier die Vermutung äußern, dass dies nicht allein an einem mangelnden Willen liegt, sondern dass es die dominierenden Bilder von der Gesellschaft auf einer grundlegenderen Ebene bereits verunmöglichen, überhaupt ein mitteilbares Wissen um diese Eliten zu erlangen. Dies wiederum bedingt nicht nur die Gefahr politischen Stillstands, sondern ein weiteres Risiko: Wo kein vielfältiger Boden mehr für wirkliche Erkenntnis besteht, kann (berechtigte) Kritik und Sorge eventuell nur noch in bloßem Unbehagen Ausdruck finden, so etwa in diffusen Zukunftsängsten in Teilen der Bevölkerung. Was aber, wenn diese Ängste dann ihrerseits wieder manipulativ ausgebeutet werden? Zeigen etwa genau dies die Angstparolen der Rechtspopulisten, die auf dem Vormarsch sind?

Die Hauptfolgen der auf Basis einer manipulativ erzeugten Hypokognition und noch lange nicht bewältigten Krisen ab 2007 liegen aus unserer Sicht auf der politischen Ebene. Die alten Versprechungen des Bildes eines immer höheren Wohlstandes durch die Teilnahme an »der Globalisierung« können nicht mehr eingelöst werden; dieses Bild besitzt keine Integrationskraft mehr. Was aber vermag an seine Stelle zu treten? Wir meinen den Schwenk eines Teils der politischen Elite hin zu dem (geschichtlich überholten) Bild »des Volkes« (als homogene Einheit), das den Rechtspopulismus auszeichnet, zu beobachten. Im vordergründigen Kampf »des Volkes« gegen »die Elite« (Ötsch und Horaczek 2017) werden soziale Fragen als nationale Fragen umgedeutet. Auf diese Weise aber drohen, kurz gesagt, nur manipulativ verfasste Pseudoumwelten ausgetauscht zu werden, – freilich in einer verschärften Weise, in der selbst empirisch nachweisbare Tatbestände zu »alternativen Fakten« mutieren können. Ihr eigentlicher, grundlegend problematischer Charakter, auf den uns Lippmanns Werk hinzuweisen vermag, wird hingegen weder erkannt noch diskutiert.

Dies führt zu einer weiteren Frage: Wer können und sollen heute jene Eliten sein, die den Willen und die Verantwortung aufbringen, die Welt (unsichtbar für die Masse) zu führen? Wie könnten sie demokratisch legitimiert werden, wenn sie doch stets drohen, jene grundlegenden Weltanschauungen zu formen, die darüber entscheiden, was wir als Gesellschaft überhaupt unter »legitim« verstehen und kommunizieren können? Wo und worin werden sie gebildet? Die öffentliche Meinung zeigt, dass Lippmann damals um solche brennenden Fragen zumindest noch wusste. Auch wenn seine Antworten recht kursorisch ausgefallen sein mögen, so zielen sie dennoch in die richtige Richtung. Wichtig erscheint uns dabei insbesondere seine klare Auffassung, dass die Eliten keinesfalls allein Kapitalinteressen dienen dürfen.

Wo sind also die Eliten der heutigen Zeit geblieben? Sind sie womöglich Opfer ihrer eigenen Propaganda geworden? Wissen die manipulierenden Eliten womöglich nicht mehr, was sie manipulieren, weil sie selbst über kein Bild der Gesellschaft mehr verfügen? Haben sie die durch ihre eigene Propaganda vermittelte Abwertung der Politik selbst schon verinnerlicht? Und wenn dies so wäre: Könnte diese – durch fehlende Bilder bedingte – Handlungsunfähigkeit der Eliten zu dem Befund führen, dass soziale Stabilität zukünftig durch einen autoritären Überwachungs- und Kontrollstaat garantiert werden muss, in dem die Bevölkerung durch eine dauernde Angstmache manipulativ an die jeweilige Führung gebunden wird? (Die Systeme Donald Trumps und Viktor Orbáns wären hier etwa genauer zu untersuchen.)

Folgt man den Ausführungen Lippmanns in Die öffentliche Meinung genau, dann ist keinesfalls gesagt, dass wir allein nach neuen bildsteuernden Eliten rufen müssten. Insbesondere seine Vorschläge zur Bildung, die wir oben skizziert haben, weisen darauf hin, dass sich Politiker ebenso wenig wie die Zivilgesellschaft damit zufrieden geben müssen, lediglich die Rolle einer weitgehend bewusstlosen »Masse« zu spielen. Der lange Prozess einer zunehmenden Steuerung gesellschaftlicher »Pseudoumwelten« über ein Jahrhundert wurde nur möglich durch eine abnehmende Bewusstheit der bildgebenden Kraft im Menschen selbst (Ötsch/Graupe 2018). Doch jede Beeinflussung durch soziale Bilder geht durch den Menschen hindurch, jeder und jede ist betroffen. Als soziale Wesen benötigen wir imaginative Bilder, in denen wir uns an andere binden. Als Gesellschaft teilen wir einen imaginativen Raum, der uns als Individuen trägt. Wenn dieser Raum manipulativ beeinflusst wird, dann berührt die Manipulation das, was als der kostbarste Teil jedes Menschen gesehen werden kann: seinen und ihren imaginativen Innen-Raum.

Doch bei dieser Manipulation müssen wir Menschen keineswegs nur passive Rezipienten spielen: Als genuin schöpferische, bildschaffende Wesen besitzen wir die unhintergehbare Freiheit zur Kreation eigener Bilder. Jede Person kann sich in einer potentiellen Freiheit ihre Wirklichkeit über ihre inneren Bilder aneignen. Gewiss muss diese Freiheit entwickelt, gepflegt und durch soziale Prozesse getragen werden. Ein Teil dieser Verantwortung liegt, wie Lippmann zeigt, den Wissenschaften und insbesondere der Bildung anheim. Ihnen kommt die Aufgabe zu, die mächtigsten Stereotype der Zeit erkennbar zu machen und so Menschen zu befähigen, bewusst um Erkenntnis zu ringen und auf ihrer Basis Verantwortung tragen zu können. Die Idee der Aufklärung über die eigenen Voraussetzungen des Denkens und der Wahrnehmung ist keineswegs preiszugeben. Sie ist im Gegenteil unter neuen Vorzeichen stark zu machen. Denn in der heutigen Gesellschaft kann die Macht jener Bilder, die einer bloß sekundär erfahrenen Wirklichkeit entstammen, nicht länger ignoriert werden. Studiert man Lippmanns Werk gründlich, so wird deutlich, dass wir diesen Bildern heute mehr denn je vertrauen müssen, eben weil wir nicht von allem, über das wir entscheiden müssen, eine direkte Erfahrung machen können. Umso mehr sollten wir uns die Frage stellen, welchen dieser Bilder und vor allem welcher Quelle dieser Bilder wir vertrauen können und vertrauen wollen. Denn Vertrauen ist konstitutiv für jeden sozialen Zusammenhalt. Jede Person, die in die Welt geboren wird, muss dem sozialen Raum, in den sie hineingeboren wird, vertrauen dürfen – das gilt auch für den sozialen Raum geteilter Bilder in der Gesellschaft.

Wir sehen mit größter Besorgnis, dass heutzutage eher bei jenen ein Wissen über diesen Raum und dessen Veränderbarkeit besteht, die ihn für ihre eigenen Zwecke auszunutzen suchen und dafür das stillschweigende Vertrauen unzähliger Menschen manipulieren, ausbeuten und ultimativ aufs Spiel setzen. Doch auch wenn bei den so Ausgebeuteten über diese Form der Ausbeutung nur noch wenig explizites Wissen existieren mag, so scheint doch eine dunkle Ahnung zu bestehen. Was aber, wenn diese Ahnung dazu führt, dass das Vertrauen in den sozialen Raum selbst verloren geht? Wird dann das Kostbarste, weil auf fundamentale Weise Verbindende, das wir in der Gesellschaft haben, zerstört? Wir meinen: Es wird höchste Zeit, dass wir uns als Gesellschaft über die Macht innerer Bilder zumindest wieder jenes Wissen aneignen, das vor gut 90 Jahren über sie existierte. Lippmanns Werk ist hierfür ein guter Ausgangspunkt.


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Ab sofort im Handel: Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung, 380 Seiten, 26 Euro.


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Quellen und Anmerkungen:

(a) https://www.westendverlag.de/buch/die-oeffentliche-meinung/
(b) https://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/Wernicke_Forschungsarbeit-Feindschaft.pdf
(1) Einen Überblick über Biographien zu Walter Lippmann gibt Wasniewski 2004, 7ff.
(2) Wir versuchen in unserer Einführung eine unmittelbare Auseinandersetzung mit Die öffentliche Meinung, ohne die reiche Sekundärliteratur dazu systematisch einzubauen, das hätte den hier verfügbaren Rahmen gesprengt. Ebenso wird die Rezeptionsgeschichte des Buches nicht referiert.
(3) Genau diesen (in der heutigen Ökonomik) vergessenen Befund hat Adam Smith (der als Begründer der Ökonomie gilt) geteilt: Er geht von einer produktiven Imaginationsfähigkeit des Menschen aus, sie bildet die Grundlage einer imaginativen Bezogenheit auf den Mitmenschen, woraus Mitgefühle (fellow feelings) und moralische Normen erwachsen. Nur so wird nach Smith Gesellschaft möglich (vgl. Ötsch 2016a).
(4) Einen direkten Vergleich der Begrifflichkeiten von Bernays und Lippmann unternimmt Jansen 2013b.
(5) Lippmann hat in den Jahren danach diese Möglichkeiten nicht weiter betont. 1923 verfasst er The Phantom Public, er sieht dieses Buch als Fortsetzung von Public Opinion an, das Buch wird 1925 veröffentlicht. Jetzt ist Lippmann noch skeptischer geworden und treibt die Demokratiekritik noch weiter (Das Buch ist heute in Vergessenheit geraten.): Die Wähler können die Details der politischen Alltagsprobleme nicht verstehen, weil sie nicht »die Zeit, nicht das Interesse und nicht das Wissen dazu besitzen« (Lippmann 1925, 36f.; unsere Übersetzung). Die alten liberalen Vorstellungen von Publikum und Öffentlichkeit gelten jetzt als reines »Phantom« oder nur als »Abstraktion« (vgl. Gárcia 2017, 7). Ein demokratisches Regime besitzt einen inhärenten Konstruktionsfehler, der nicht repariert werden kann (vgl. Steel 1980, 212ff.). Die Lösung des Problems der öffentlichen Meinung bestehe nicht in mehr Demokratie, wie die Liberalen meinten, sondern in einer konsequenten Beschränkung der Macht der Masse zugunsten einer »spezialisierten Klasse«, die die soziale Kontrolle zu übernehmen hat (vgl. Bussemer 2005, 87f.).
(6) Zur These der Finanzkrise als einer Krise der Schattenbanken vgl. als Einführung Beyer u.a. 2013 sowie Lipson 2009, Nersisyan/Wray 2010, Lysandrou/Nesvetailova 2014 und Nesvetailova 2017.
(7) Zu den medialen Bildern von ÖkonomInnen zur Krise und ihrer speziellen Hyperkognition vgl. Pühringer/Hirte 2015 und Pühringer/Egger 2018. Zur Wichtigkeit marktfundamentaler Netzwerke von Ökonomen in Deutschland. vgl. Ötsch u.a. 2017. Zur Persistenz der Nationalökonomie in den USA nach der Großen Krise vgl. Mirowski 2015. Mirowski argumentiert auch mit dem dominanten Einfluss der US-Notenbank auf die (akademische) makroökonomische Forschung in den USA, – die Ökonomen in der Notenbank hätten ihren eigenen Beitrag zur Entstehung der großen Krise nicht reflektiert.

https://www.rubikon.news/artikel/die-elitokratie

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