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Afrika, Ausland

Westsahara: Nach 42 Jahren in den Flüchtlingslagern immer noch kein Ende in Sicht

Dies ist der erste Teil einer Serie über die Lage der Saharauis. Axel Plasa hat die Lager der Flüchtlinge in Westalgerien jüngst bereist und berichtet in der LZ.

von Axel Plasa

Inmitten der Wüste der Sahara im Südwesten Algeriens harren nun seit 42 Jahren die Saharauis in den wohl größten Flüchtlingslagern der Welt aus. Seit 1975 wartet ein Volk im Exil in Algerien auf die Abhaltung des Referendums für die Selbstbestimmung des sahraouischen Volkes. Die 6 sahraouischen Flüchtlingslager nahe der algerischen Stadt von Tindouf beherbergen seit 1976 die während des Kriegs mit Marroko geflüchtete saharauische Bevölkerung und deren Nachkommen. Die seit dem Waffenstillstand von 1991 erwartete Lösung des Konflikts,  sowie die Abhaltung des Referendums für die Selbstbestimmung im Rahmen der ONU sind bisher ausgeblieben. Nichtsdestotrotz sucht die Polisario Front – der legitime Vertreter des sahraouischen Volkes – eine politische Lösung mittels eines Volkentscheides anstatt einer Rückkehr zu militärischen Handlungen.

Die sechs Wilayaas – Boujdour, Ausserd, Dajla, El Aaiun, Smara und Rabuni – bilden  mit ca. 160,000 Einbewohnern den Teil der Bevölkerung im Exil. Ebenfalls in den befreiten Gebieten gibt es ansässige Bewohner, wie z.B. Tifariti, oder Bir Lehlu. Der größte Teil der Territoriums – ca. 85% – ist nach wie vor von Marokko de facto verwaltet. Die Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern sind dementsprechjend schwierig: Mangelnde Versorgung mit Essen und Wasser, Mangel an Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten, Zeichen von Unterernährung und Anämie in der Bevölkerung, etc. Hinzu kommt dass  Landwirtschaft bei den extremen Wetterbedingungen nur bedingt möglich ist.

Die Spenden der internationalen Staatengemeinschaft, sowie die Beiträge des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP), tragen größtenteils zur Versorgung und Verpflegung der Flüchtlinge bei, wie es der Gesundheitsminister Mohamed Lamin Deddi in einem Interview bestätigt. Immerhin floriert eine kleine aber funktionierende Privatwirtschaft, die jedoch nicht der Nachfrage nachkommen kann. So hat die chronische Unterernährung große Auswirkungen sowohl auf die Kleinkinder, als auch für schwangere Frauen u.a., wie auch allgemein für die Bevölkerung.

Nach vier Jahrzenten Abhängigkeit von internationalen Spenden sind heute Zustände eingetreten, welche jeglichen „normalen“ humanitären Standartds bei weiten nicht mehr der entsprechen. Sollte man die Norm von 20 Litern pro Person pro Tag zugrundelegen, oder die 2,000 Kcal die jedes Individuum zum überleben bräuchte, so wird diese vorerst gerade zur Hälfte erfüllt, erläutert der Direktor des Sahraouischen Roten Kreuzes und Mitglied der Polisario Front, Buhubeini Yahya Buhubeini. Die Polisario Front verwaltet hierbei – soweit der einzige Fall weltweit – die Lager selbst und stellt unterschiedliche vorbeugende medizinische Programme den Bewohnen zur Verfügung. Leider ist oft das Problem die Mittel um diese in den Taten umzusetzen nicht zu haben, da hier Spenden nach wie vor einen wichtigen Teil ausmachen.

Hinzu kommt dass 2015 eine Überschwemmung viele Lehmhäuser zerstört hat. Diese sind mit Lehmziegeln gebaut, und halten selbst leichten Regen nicht aus. Der vorrübergehnde Charakter der Bauten bis hin zur politischen Lösung und Rückkehr ins Land hat sich hier in die Länge gezogen, und deshalb werden erstmals Betonziegel benutzt um der Feuchtigkeit Widerstand zu leisten. Im Interview mit der Linken Zeitung hat der Direktor des Saharauischen Roten Halbmondes Buhubeini betont, wie diese Situation die an sich schon fragile Lage zuspitzt, insofern die wenigen Ressourcen vorerst nicht mehr für die Ernährung, sondern für die Instandsetzung der Häus verwandt werden.

Mit einem chronischen Nahrungsdefizit leben nun seit Jahrzehnten ca.160,000 Sahraouis und haben – anders als die meisten Flüchtlinge der Welt – kein Land wohin sie zurück gehen können. Abgesehen von den befreiten Gebieten, welche nur einer begrenzten Anzahl Menschen aufgrund der bestehenden Infrastruktur und Wasserversorgung die Möglichkeit bieten um dort zu leben. Immerhin leben in den befreiten Gebieten um die 40.000 Menschen – darunter Soldaten, Beamte und Zivilbevölkerung – welche ganzjährig dort ansässig sind.

Es gibt nach Informationen des Gesundheitsministeriums insgesamt 7 regionale, wie auch zwei nationale Krankenhäuser. Trotz allem wurden laut Mohamed Lamin Deddi inzwischen in Tifariti schon komplexe Operationen vorgenommen, während normalerweise die Patienten entweder nach Tindouf bzw. Algiers geschickt werden, wenn die verfügbaren Mittel nicht den Anforderungen genügen.

Anderseits hat die Ungewissheit der Lage und eine ausstehende Lösung auch psychologische Folgen in der Bevölkerung. Besonders die Jugend, welche keine andere Realität kennt als die der Lager, leidet unter den Lebensbedingungen. Die mangelnden Arbeitsmöglichkeiten und die ebenfalls allgemein begrenzten Unterhaltungsmöglichkeiten tragen dabei bei. So leistet das Gesundheitsministerium auch hier im Rahmen der Möglichkeiten Unterstützung um dies zu lindern.

Es gibt aber auch positive Bilanzen wie z.B. die Alphabetisierungsrate. Während zu Beginn des Befreiungskrieges die Rate bei gerade mal 4% lag, ist heute der Alphabetisierungsgrad auf 97% gestiegen und ist unter den höchsten in der ganzen Region und der zweithöchste in Afrika. Das Schulsystem kann bei weitem bessere Ergebnisse vorweisen als viele Nachbarländer mit weitaus besseren Umsetzungsbedingungen.

Zwar fehlen noch Möglichkeiten für höhere Studiengänge, doch ist 2012 eine Universität in Tifariti gegründet worden und wird in der Zukunft mehr Ausbildungschancen vor Ort anbieten können. Derzeit werden die Studenten ins Ausland – entweder Algerien oder Cuba – geschickt. Auch gibt es inzwischen Erasmus-Austauschprogramme zwischen der Westsahara und Österreich, welche in Zukunft noch erweitert werden.

Die Spenden werden von Jahr zu Jahr weniger, und die Europäische Union sowie Staaten wie Spanien, welches in der Vergangenheit mittles der Entwicklungshilfe zu den wichtigsten Spendern zählte, hat seinen Anteil u.a. zugunsten anderer Krisenherde weltweit, wie auch aufgrund Kürzungen im spanischen Haushalt, reduziert. So rangiert die Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland als Spenderstaat ebenfalls nicht unter den ersten Positionen.

Keine Entwicklung in den Lagern kann demnach das Schicksaal der Sahraouis definitiv lindern, da die Flüchtlingslager auch nicht dafür vorgesehen wurden. Mehr als Spenden braucht die Westsahara die endgültige Lösung des Konflikts und die Rückkehr ins Land nach 42 Jahren im Exil in der algerischen Hamada. Während die Abhaltung des Referendums sich in die Länge zieht, verbleiben Generationen von Saharaouis in den Lagern und die internationale Staatengemeinschaft scheint diesen Konflikt regelrecht zu ignorieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Westsahara: Nach 42 Jahren in den Flüchtlingslagern immer noch kein Ende in Sicht

  1. Eine kleine Frage: wo bleibt der Boykott Marokkos durch die westliche Wertegemeinschaft, die doch im Fall der Krim derart um das Völkerrecht besorgt zu sein vorgibt?

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    Verfasst von A.Holberg | 16. Juli 2018, 9:24

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