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Inland, Medien

Bundeszentrale für politische Wahrheit?

von Paul Schreyerhttps://paulschreyer.wordpress.com

14. Juli 2018   —   Eine Behörde des Innenministeriums will Jugendliche vor Verschwörungstheorien warnen – und verfängt sich dabei in Klischees, Halbwissen und Widersprüchen.

Ende Juni lancierte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die dem Innenministerium untersteht, eine aufwändige Social-Media-Kampagne, um auf satirische Weise über die Absurdität von Verschwörungstheorien zu informieren. Unter dem Titel „Wahre Welle TV“ wurden eine Website, ein YouTube-Kanal und eine begleitende Facebook-Seite gestartet, deren Inhalt im Wesentlichen aus sechs kurzen Videos besteht, die im Stil von TV-Dokumentationen gängige Verschwörungstheorien persiflieren sollen.

Produziert wurden die Videos der „Kampagne zur Erweiterung der Medienkompetenz“ in Zusammenarbeit mit der Turbokultur GmbH, einer Firma des Filmemachers Martin Danisch, die sonst für Großunternehmen wie Mercedes oder Netflix Werbespots dreht und außerdem Videoinhalte für den öffentlich-rechtlichen Online-Jugendkanal „funk“ bereitstellt. Zielgruppe des Projekts sind laut bpb Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 35 Jahren. In einer Pressemitteilung informiert die Behörde:

„Die Website im Stil eines Fernsehsenders gibt vor, über Verschwörungen aufzuklären. Bei genauerem Hinsehen entlarvt sich das Angebot als satirische Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien und deren absurden und wirklichkeitsverzerrenden Argumentationsmustern. Sechs Filme, die in der Machart von unterschiedlichen Fernsehformaten gehalten sind, stellen die bekanntesten Verschwörungstheorien auf eine skurrile, realitätsferne Art und Weise dar, sodass die fehlende Logik der Verschwörungstheorien klar wird.“

Die Frage, wie aus einer „realitätsfernen“ Darstellung eines Sachverhaltes dessen „fehlende Logik“ abgeleitet werden kann, konnte ein Sprecher der bpb mir gegenüber nicht klar beantworten. „In einer Überspitzung der monokausalen Denkstrukturen der Verschwörungstheorien“, so der Sprecher, „soll deren fehlender Bezug zu multikausalen Ergebnisprozessen, die die Realität prägen, verdeutlicht werden.“ Ein Problem dabei ist allerdings, dass in den präsentierten Comedy-Videos, etwa zu 9/11, nicht bloß „Denkstrukturen überspitzt“ werden, sondern schlicht Fakten verfälscht oder besser gesagt: ignoriert. Dem Gegenüber falsche und absurde Sätze in den Mund zu legen und ihn dafür dann als weltfremd zu kritisieren, erscheint nicht besonders schlüssig oder intelligent, geschweige denn „aufklärerisch“.

Unklar bleibt auch, wie der Begriff Verschwörungstheorie von der bpb überhaupt definiert wird, insbesondere in Abgrenzung von der legitimen Äußerung von politisch abweichenden Ansichten und Zweifeln an etablierten Sichtweisen. Der Sprecher beantwortete diese Frage mit einem simplen Link auf das Buch „Nichts ist, wie es scheint – Über Verschwörungstheorien“ des Tübinger Amerikanistik-Professors Michael Butter. Aus dessen Thesen habe die bpb „die Nutzbarmachung des Begriffes ‚Verschwörungstheorie‘ maßgeblich abgeleitet“. Konkreter wurde man leider nicht. Das ist vor allem deshalb brisant, weil Butter selbst sich in diesem Buch um eine klare Definition des Begriffes herummogelt.

Aber auch ganz unabhängig von solchen logischen Brüchen und Pauschalisierungen bleibt es unverständlich, was die Behörde glauben lässt, Menschen zu erreichen und für Medienkompetenz zu sensibilisieren, wenn man sich doch mehr oder weniger darauf beschränkt, die vermeintlichen Sichtweisen (oder auch nur Fragen) dieser Menschen lächerlich zu machen und abzuwerten. Deutlich wird vielmehr eine missionarisch anmutende Selbstgewissheit, „die Wahrheit“ zu allen wesentlichen Fragen bereits zu kennen – obgleich man genau das in einem Projekttext dementiert („es gibt nicht die eine Wahrheit“) und es im Gegenteil sogar zum Merkmal der kritisierten „Verschwörungstheoretiker“ erklärt: „Verschwörungstheoretiker sind meist felsenfest davon überzeugt, die Wahrheit zu kennen.“

In der Kampagne der bpb werden Themen wie 9/11, Chemtrails, Antisemitismus, Reptiloide, „Flache Erde“, „Lügenpresse“ und „Islamisierung“ sehr bunt und aufmerksamkeitsheischend miteinander verrührt. Gesellschaftlich relevante Debatten, wie zum Misstrauen gegenüber den Leitmedien oder zu den Zweifeln an der amtlichen Darstellung des „War on Terror“, werden somit weitgehend beliebig mit geisteskranken Wahnideen von Splittergruppen vermengt – eine in den Medien seit Jahren beliebte Methode im Umgang mit den sogenannten „Verschwörungstheorien“. Dass nun auch eine Bundesbehörde mit amtlichem Bildungsauftrag in solch trübem Fahrwasser schwimmt, erscheint als neue Stufe der Verwirrung beziehungsweise Desinformation.

„Zentralstelle für Heimataufklärung“

Im Zusammenhang mit dieser Kampagne sind die historischen Wurzeln der Bundeszentrale für politische Bildung erwähnenswert. Organisatorischer Vorläufer war vor genau hundert Jahren die sogenannte „Zentralstelle für Heimataufklärung“, die während des Ersten Weltkrieges, im März 1918, gegründet wurde, mit dem Ziel, durch Pressekampagnen die Bevölkerung auf die Regierungslinie einzuschwören. Der Sieg an der Heimatfront war ähnlich wichtig wie der über den äußeren Feind.

Geplant hatte die Behörde seinerzeit Major Erhard Deutelmoser, als Pressechef der Reichskanzlei ein früher Vorgänger des heutigen Regierungssprechers Steffen Seibert. Deutelmoser war zuvor im Generalstab der Reichswehr für Pressepolitik und Kriegszensur zuständig gewesen. Nach dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs existierte die Behörde weiter, unter neuer Leitung. In einer historischen Darstellung der bpb heißt es zu den Aufgaben in den 1920er Jahren: „Erziehung zum Staat bedeutete, die Deutschen auf größere, gemeinsame Ziele einzuschwören. Eine große Bedeutung kam hier der Außenpolitik zu.“

Akzente solcher „Heimataufklärung“ und „Erziehung zum Staat“ scheinen nun auch im Projekt „Wahre Welle TV“ durch. Insbesondere subversive und kritische Fragen zu 9/11 scheinen die Macher des angeblichen Bildungsprogramms zu stören. In einem der Satire-Videos, die im Stil den Produktionen Jan Böhmermanns oder der ZDF heute-show ähneln, wird nahegelegt, ein kritischer Blick auf die Terroranschläge sei letztlich bloß absurdes Kasperletheater geistig verwirrter Menschen.

Die für diese Clips mitverantwortlichen Produzenten der schon erwähnten Filmfirma Turbokultur meinen in einer ironischen Selbstbeschreibung andernorts, sie seien „das perfideste Propaganda-Instrument des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“: „Wir vergiften die Köpfe der jungen deutschen Intelligenzija mit vermeintlichen ‚Gags‘, manipulieren damit aber aufs Hinterfotzigste ihre Meinung.“

Neben den Comedy-Videos gehören zum „Wahre Welle“-Projekt (das nach Auskunft der bpb insgesamt 226.000 Euro kostete) auch ernst gemeinte Aufklärungstexte. So soll in einem Artikel zu 9/11 erläutert werden, was „die Verschwörungstheoretiker“ denken und weshalb sie falsch liegen.

Ein Satz fällt darin besonders ins Auge: „Einigkeit darüber, wer tatsächlich hinter den Anschlägen steckt, scheint es unter ‚Truthern‘ nicht zu geben.“ Die fehlende Einigkeit wird interessanterweise als Indiz für Unschlüssigkeit gewertet – nach dem Motto: „Die“ sind sich ja noch nicht mal einig und somit auch kaum ernst zu nehmen.

Dieser Wunsch nach Eindeutigkeit offenbart dabei genau das, was paradoxerweise gern den „Verschwörungstheoretikern“ vorgeworfen wird: Die Suche nach einfachen Erklärungen für eine komplexe Welt. Letztlich ist kaum etwas vielschichtiger als die Erklärungsansätze der zudem höchst vielfältigen Gruppe der „9/11-Truther“. Alles Mehrdeutige, Unklare aber erscheint den staatlichen Aufklärern offenbar hochgradig suspekt. Man sucht selbst gerade die Sicherheit der einfachen und klaren Antworten, die man den „Verschwörungstheoretikern“ gern vorwirft.

Dem Autor des 9/11-Artikels, Alexander Meyer-Thoene, 33, sonst als Online-Redakteur beim Stern tätig, fehlen zudem offenbar grundlegende Kenntnisse zum Sachverhalt. So schreibt er:

„Andere ‚Truther‘ glauben stattdessen an eine internationale Finanzverschwörung. Konkret sei es bei den Anschlägen um ‚Insiderdeals‘ an der Börse gegangen. Anhängerinnen und Anhänger dieser Theorie sehen ‚ungewöhnliches Verhalten‘ an den Aktienmärkten kurz vor den Anschlägen als klares Indiz dafür. Hierbei geht es beispielsweise um den Verkauf von Anteilen großer US-Fluglinien. Sie glauben, eine geheime Elite habe die Anschläge durchgeführt und sei dadurch noch viel reicher geworden.“

Dass von „Truthern“, also Wahrheitssuchern, angenommen würde, die Anschläge seien durchgeführt worden, um durch Börsenspekulationen im Vorfeld reich zu werden, ist ziemlicher Unsinn. Vielmehr erscheint, ganz abseits der Motivfrage, der massive Insiderhandel im Vorfeld von 9/11, der unter anderem durch Finanzwissenschaftler der Universität Zürich schon vor Jahren dokumentiert wurde, als naheliegende kriminalistische Spur, anhand derer man Akteure mit offenkundigem Vorwissen der Anschläge leicht identifizieren könnte – was aber bis heute seitens der zuständigen Behörden in den USA, wie der Börsenaufsicht SEC, nicht geschehen ist. Als ein amerikanischer Finanzjournalist 2009 die Veröffentlichung der entsprechenden Untersuchungsakten bei der US-Börsenaufsichtsbehörde beantragte, wurde ihm mitgeteilt, die Akten zur Untersuchung des Insiderhandels seien mittlerweile „zerstört worden“.

Die Argumente der Skeptiker, die, wie erwähnt, gerade keine homogene Gruppe sind, werden somit von den „Aufklärern“ der bpb noch nicht einmal korrekt wiedergegeben, geschweige denn überhaupt verstanden. Eine Auseinandersetzung auf einem solch oberflächlichen und unkundigen Niveau, wie es die Bundeszentrale für politische Bildung hier vorführt, hat offenkundig wenig mit Bildung zu tun, um so mehr mit Halbwissen, Überheblichkeit und – bewusst oder nicht – Desinformation. Wie man mit einer solchen Mischung Erfolg haben möchte, bleibt das Geheimnis der Macher. Diese teilten Anfang Juli mit:

„Unsere Facebookseite wird noch einen Monat online bleiben. Zeit, die wir gern mit euch gemeinsam nutzen, um euch an Informationen heranzuführen und euch zu ermutigen, Verschwörungstheorien zu hinterfragen, denn Fakt ist und bleibt: Wer Wissen will, braucht Bildung.“

Das zumindest bleibt weiterhin wahr.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

(Bild: bpb / Facebook-Seite von Wahre Welle TV)

https://paulschreyer.wordpress.com/2018/07/14/bundeszentrale-fuer-politische-wahrheit/

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