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Inland, Medien

Inszenierte Offenheit: Der Spiegel im Dialog mit seinen Lesern

von https://paulschreyer.wordpress.com

Im Mai veranstaltete der Spiegel eine „Leserkonferenz“, zu der die Redaktion etwa 150 Kritiker des Blattes eingeladen hatte. Ein Erlebnisbericht

Wie die meisten Leitmedien, so steht auch das Hamburger Nachrichtenmagazin seit Jahren im Kreuzfeuer der Leserkritik. Viele kreiden der Redaktion eine ungesunde Nähe zu den Mächtigen an, stören sich an einer einseitig transatlantischen Ausrichtung oder bemängeln eine generelle Abgehobenheit von der Lebensrealität vieler Menschen. Schon 2015 organisierte der Spiegel deshalb ein Abendessen für seine Kritiker, um miteinander ins Gespräch zu kommen (Telepolis berichtete).

Anfang 2018 nun griff der Spiegel die kritische Distanz vieler Leser erneut in einem längeren Artikel auf. Besorgt war man in Hamburg vor allem darüber, dass „auch unter Gebildeten“ das Misstrauen gegenüber den Leitmedien verbreitet sei. Spiegel-Redakteurin Isabell Hülsen analysierte:

„Der Ausgangspunkt der Recherche war, dass auch aus Gesprächen mit vielen Kollegen man den Eindruck hatte, dass dieses Misstrauen gegen die Medien in einem Milieu angekommen ist, was wir lange nicht wahrgenommen haben – also gut gebildete Leute, von denen man glaubt, die stehen gesellschaftlich – haben die es eigentlich geschafft. Und da ist trotzdem eine wahnsinnige Wut und auch ein Misstrauen auf Medien (…) Das ‚Lügenpresse‘-Gebrüll eines Marktplatz-Mobs, der keine Argumente kennt, nur Wut, ließe sich noch abtun. Doch die Verachtung von Bildungsbürgern nagt am Selbstbewusstsein (…) Was macht selbst Menschen, denen es nach objektiven Maßstäben in dieser Gesellschaft nicht schlecht geht, so wütend, dass sie derart drauflosschimpfen?“

Am Ende von Hülsens Artikel wurden die Leser aufgerufen, sich mit ihrer Kritik bei der Redaktion zu melden. Knapp 3.000 Menschen, so der Spiegel, kamen der Aufforderung umgehend nach. Bedrängt durch diese neue Flut an Kritik entschloss sich die Redaktion zu einer „Leserkonferenz“. Man wollte sich den Kritikern direkt stellen und guten Willen zum Dialog beweisen – auch angesichts stetig sinkender Verkaufszahlen sicher keine schlechte Idee.

Ich selbst erfuhr von der geplanten Veranstaltung nur zufällig. Eine mir persönlich nicht bekannte Leserin meldete sich bei mir und schrieb, sie sei zu ebenjener Leserkonferenz eingeladen worden, aber leider verhindert – ob ich nicht an ihrer Stelle teilnehmen wolle? Ich bat sie darum, direkt mit dem Spiegel zu klären, ob eine Übertragung ihrer persönlichen Einladung auf mich möglich wäre und bekam dann, zwei Tage vor der Veranstaltung, eine E-Mail vom Spiegel: „Sehr geehrter Herr Schreyer, wir freuen uns, Sie am 25.05.2018 zur Veranstaltung ‚SPIEGEL-Leserkonferenz‘ begrüßen zu dürfen.“ Erfreut setzte ich mich in den Zug nach Hamburg, „bewaffnet“ bloß mit Stift und Notizblock, da laut Teilnahmebedingungen „Ton-, Foto- und Filmaufnahmen untersagt“ waren.

Beim Umsteigen auf dem Bahnhof Lübeck lief mir – ein grotesker Zufall – Bernhard Pörksen über den Weg, jener Medienwissenschaftler, der die Leitmedien immer wieder öffentlich gegen laute Leserkritik verteidigt und der im Spiegel schon 2015 vor dem „Hass der Bescheidwisser“ gewarnt hatte: „Die aktuellen Attacken von Verschwörungstheoretikern bedrohen den Journalismus.“ Im beschaulichen Lübecker Bahnhof begegnete er mir, offenbar mit anderem Reiseziel, kurz auf der Treppe und blickte mich verwirrt an – ein passendes Omen für den Tag.

Vom Hamburger Hauptbahnhof sind es nur wenige Minuten bis zum imposanten Spiegel-Gebäude, das festungsähnlich an drei Seiten von Wasser umgeben ist und wo die eintreffenden Besucher von jungen Mitarbeitern in blütenweißen Hemden höflich in Empfang genommen und mit Tagungspapieren ausgestattet wurden. Drinnen im 13 Etagen hohen Atrium wartete ein Büffet mit Kaffee und Kuchen neben Stuhlreihen, die sich langsam füllten. Die Mehrzahl der Besucher waren dem Augenschein nach gutbürgerliche Familienväter, gesetzt, jenseits der fünfzig, Leute die den Spiegel offenbar schon lange lesen und die, zumindest auf den ersten Blick, kaum wie blindwütig hassende Verschwörungstheoretiker aussahen.

Zur Eröffnung sprach Klaus Brinkbäumer, 51, seit 2015 Chefredakteur des Blattes, ein großgewachsener, eloquenter Mann, der in seiner Jugend Bundesliga-Volleyballspieler war und der heute in seiner Freizeit gern segelt. Auf der Bühne stehend, lauschte Brinkbäumer, sanft den Kopf wiegend, immer wieder seinen eigenen Sätzen nach, dabei ein überlegenes Lächeln auf den Lippen.

Man blicke beim Spiegel kritisch auf die Welt, so der Chefredakteur, und daher auch „kritisch auf uns selbst“. Man würde „mehr Fehler eingestehen als früher“, jedoch unterscheide sich dieses Selbstbild offenbar von der Meinung vieler Leser. Daher nun die Konferenz, bei der man vor allem eines wolle: „zuhören“.

Neben ihm stand Barbara Hans, 37, promovierte Sozialwissenschaftlerin und seit einem Jahr Chefin von Spiegel Online. Auch sie sagte ein paar freundliche und kluge Sätze zur Begrüßung. Es folgte ein kurzer Imagefilm, der per Beamer an die Wand projiziert wurde und der die tägliche Arbeit des Spiegel anschaulich präsentierte, eine Art Erklärvideo, untermalt mit peppiger Werbemusik. Man erfuhr darin etwa, dass in der Abteilung Dokumentation 70 Mitarbeiter damit beschäftigt sind, Fakten zu überprüfen und den Spiegel-Journalisten bei der Recherche zu helfen.

Nach dem Film begannen Workshops, einzelne Arbeitsgruppen, auf die sich die etwa 150 Gäste nun aufteilten, um vertieft einzelne Themen zu erörtern. Ich entschied mich für Workshop 1 („Gefährliche Nähe? Berichten aus der Berliner Blase – machen Journalisten gemeinsame Sache mit der Regierung?“). In einem kleinen Konferenzraum saßen wir dann, etwa 20 Leser und ein halbes Dutzend Spiegel-Redakteure, um einen langen Tisch herum.

Das hätte interessant werden können. Doch leider zerfranste die Debatte schnell und verlor sich in Detailbeschwerden. Einige wesentliche Punkte kamen zur Sprache, wurden aber kaum produktiv diskutiert. Ein Leser meinte, abweichende Meinungen würden häufig als rechts ausgegrenzt. Ein anderer bemängelte fehlende Distanz zu etablierten Politikern und sagte: „Es gab Zeiten, da klang der Spiegel nicht wie ein Regierungssprecher.“

Angesprochen auf das „Todesgrüße aus Moskau“-Cover zum Fall Skripal, zu dem ich Beschwerde beim Presserat eingelegt hatte (was ich in der Runde auch erwähnte), meinte ein Redakteur, Zuspitzung sei erlaubt. Gleichwohl sei dieses Cover redaktionsintern umstritten gewesen. Beim Thema Flüchtlingskrise räumte ein Spiegel-Mann selbstkritisch ein, man habe die „Stimmung nicht erkannt“ – woraufhin ihm ein Leser widersprach: Es gehe nicht um „die Stimmung“, sondern um „die Rechtslage“.

Doch solcher Austausch von Argumenten blieb selten. Das Gespräch mäanderte die meiste Zeit eher ziellos dahin. Als schließlich das Wort „Atlantikbrücke“ fiel, wehrte eine Redakteurin unwirsch ab: Deren Bedeutung werde überschätzt. Ein Kollege von ihr ergänzte, man sei durchaus kritisch gegenüber der Regierung. Auf meinen Einwand, ob es nicht allgemeiner darum gehe, kritisch gegenüber den Mächtigen zu sein, welche nicht unbedingt in der Regierung säßen, reagierte er genervt – und schwieg. Zwischendurch betrat der Chefredakteur den Raum und hörte ein paar Minuten mit ernster Miene zu, bevor er weiter eilte zum nächsten Workshop.

Insgesamt entstand der Eindruck, einem Ritual beizuwohnen, einer symbolischen Zeremonie, die man feierlich begeht und deren Rahmen und Regeln auch peinlich genau beachtet werden. Doch an den Sinn eines echten Dialoges schien kaum einer der teilnehmenden Redakteure wirklich zu glauben. Zu sehr war man von der Richtigkeit der eigenen Ansichten überzeugt. Respektvoll zuhören, das ja, aber Dinge ernsthaft in Frage stellen – das dann doch eher nicht. Schließlich erklärte man, so der unausgesprochene Tenor im Raum, immer noch den Lesern die Welt – und nicht umgekehrt.

Nach den Workshops trafen sich alle wieder im Atrium zur gemeinsamen Auswertung. Die Stimmung war ein wenig wie in der Schule. Von vorn wurden Einzelne aufgerufen, die dann die Diskussionsergebnisse der jeweiligen Arbeitsgruppen vorstellten. Vorgetragen wurde:

  • der Spiegel sei nicht regierungskritisch genug
  • bestimmte Feindbilder seien in der Berichterstattung gefestigt
  • das Blatt sei zu amerikafreundlich und zu russlandkritisch
  • Geopolitik sei ein blinder Fleck in der Berichterstattung
  • es fehle an Berichten zum Lebensalltag und zur Kultur fremder Länder, etwa zu China
  • Geschichten sollten aus Sicht einfacher Menschen, „von unten“, erzählt werden, nicht „von oben“
  • Leser fühlten sich bevormundet, wünschten mehr Pluralität der Meinungen
  • die Redaktion lebe in einer Blase und bewege sich „über den Wolken“, umgeben von Leuten „mit mindestens fünfstelligem Einkommen“

Auch ein Punkt von mir kam in der Auswertung zur Sprache. Ich hatte erwähnt, dass Olaf Ihlau, ehemaliger Auslandschef des Spiegel, vor zwei Jahren den russlandkritischen Kurs seines Blattes scharf kritisiert und gemeint hatte, er würde, wenn er noch beim Spiegel arbeiten würde, als Gegengewicht die Schlagzeile aufs Cover setzen: „Wo Putin recht hat“. Das immerhin hatte sich eine Redakteurin mitgeschrieben und trug es nun im Atrium vor – wo es zwischen Kaffee, Kuchen und dem schweren Beton der 13 Etagen aber irgendwie verhallte.

Auch Klaus Brinkbäumer hatte sich Notizen gemacht und setzte zu einem Resümee an, abermals eloquent und mit unerschütterlichem Lächeln, jedoch ohne den Hinweis auf irgendeine konkret gewonnene Einsicht. Er schien mit sich und dem Abend auch so ganz zufrieden zu sein.

Im Anschluss stand man an kleinen Tischchen und hatte Gelegenheit, direkt und informell einzelne Redakteure und Gäste anzusprechen. Ich gesellte mich zu Isabell Hülsen und stellte mich als derjenige Autor vor, der ihren Artikel „Die Wut der klugen Köpfe“, der dem Abend ja den Anlass gab, Anfang des Jahres öffentlich scharf kritisiert hatte.

Wenig überraschend fiel die Stimmung binnen Sekunden auf den Nullpunkt. Ich erklärte, dass ich auch zu dieser Leserkonferenz einen Artikel schreiben wolle und noch einige Fragen an sie hätte. Hülsen musterte mich skeptisch und fragte, wie ich überhaupt ins Haus gekommen sei. Ich schilderte die Umstände meiner Einladung. Die Spiegel-Frau mutmaßte, ich hätte verheimlicht, Journalist zu sein, was nicht in Ordnung sei. Ich entgegnete, ich sei vom Spiegel eingeladen worden, wo denn jetzt das Problem liege und ob sie mir kurz zwei oder drei Fragen beantworten könne. Ihre Erwiderung: „Bitte wenden Sie sich an unsere Pressestelle“. Ich reagierte erstaunt: „Ich dachte, es geht hier um einen offenen Dialog?“ Darauf Hülsen: „Wir wollen hier einen geschützten Raum für unsere Leser und haben deshalb ausdrücklich keine Journalisten eingeladen.“

Inzwischen war ihr eine Kollegin beigesprungen, offenbar von der Pressestelle. Beide musterten mich argwöhnisch. Ich unternahm einen weiteren Anlauf: „Verstehe ich richtig, dass Sie mir Fragen zur Veranstaltung jetzt nicht beantworten wollen?“ Die beiden blickten mich schweigend an. „Gut“, sage ich, „ich nehme das so zur Kenntnis und werde mich in der Sache dann nochmal an die Chefredaktion wenden.“ Während ich mich gerade umdrehte und ging, eilte Hülsen mir auch schon nach: „Zur Chefredaktion können wir ja gleich gemeinsam gehen“, meinte sie und steuerte resolut das Tischchen an, an dem Klaus Brinkbäumer stand.

Die Situation kippte zunehmend ins Bizarre. Hülsen stellte mich Brinkbäumer vor und schilderte mein „Vergehen“. Der Chefredakteur schien sichtlich überfordert mit der Situation und wandte sich ratsuchend an seine Mitarbeiterin: „Frau Hülsen, haben Sie einen Moment?“ Und zu mir gewandt: „Herr Schreyer, Entschuldigung, ich bin gleich wieder bei Ihnen.“ Dann verschwanden die beiden in einer Ecke des Raumes und besprachen sich.

Entgegen seiner Ankündigung kam Brinkbäumer anschließend nicht wieder zurück zu mir, Hülsen aber schon – und war nun wie ausgewechselt. Natürlich könne sie meine Fragen beantworten, kein Problem. Nur sei es eben so, dass man die Veranstaltung ohne Presse geplant habe, man wolle das Ganze nicht an die große Glocke hängen, sondern einfach mit den eigenen Lesern ins Gespräch kommen. Ich nickte.

Bevor ich ging, wandte ich mich noch einmal an den Chefredakteur, der inmitten eines kleinen Grüppchens von Lesern stand. Die Stimmung dort war freundlich. Ich unterbrach das laufende Gespräch: „Herr Brinkbäumer, leider muss ich zum Zug. Wären Sie bereit, mir in den kommenden Tagen noch per E-Mail einige Fragen zu beantworten?“ Brinkbäumer, umringt von seinen Lesern, blickte mich mit ernster Miene an, nickte respektvoll und griff unverzüglich in seine Jackentasche, um mir seine Visitenkarte zu überreichen: „Kein Problem. Es steht auch die Telefonnummer darauf.“ Ich nahm die Karte, bedankte mich und ging.

Schwierigkeiten mit dem Dialog

Meine Fragen allerdings, die ich Brinkbäumer am nächsten Tag sandte, blieben sämtlich unbeantwortet. Auch eine höfliche Nachfrage nach einer Woche wurde ignoriert. Erst nachdem ich bei einer dritten E-Mail an ihn sämtliche Mitglieder der Chefredaktion offen in Kopie gesetzt hatte, erhielt ich – nun allerdings sehr schnell, binnen weniger Stunden – Antworten auf meine Fragen, die ich im Folgenden wiedergebe:

Frage 1: Wie viele Leser nahmen an der Konferenz teil und auf welche Weise wurden die Teilnehmer ausgewählt?

Brinkbäumer: Es haben 150 Leserinnen und Leser teilgenommen. Wir haben jene, die sich zu dem Text „Die Wut der klugen Köpfe“ geäußert hatten, eingeladen, die freien Plätze wurden nach Eingang der Rückmeldungen besetzt.

Frage 2: Die Veranstaltung stand unter dem Motto, man wolle „zuhören“, um die Anliegen der Leser besser zu „verstehen“. Allerdings: Die auch gestern wieder geäußerten Kritikpunkte vieler Leser erreichen die Redaktion in Form von tausenden Leserbriefen und Kommentaren nun schon seit mindestens 4 Jahren, jedenfalls massiv seit Ausbruch der Ukraine-Krise, wie mir Matthias Streitz aus der Chefredaktion auf Nachfrage im vergangenen Jahr bestätigte. Die Kritikpunkte sind lange bekannt.

Bereits 2015 fand ein ähnliches Treffen mit Lesern beim Spiegel statt. Der Tenor war damals der Gleiche wie auch nun wieder (Telepolis berichtete). Meine Frage: Welchen konkreten neuen Erkenntnisgewinn erhoffen Sie sich also? Zugespitzt formuliert: Wenn Sie als Redaktion die Kritik bis heute tatsächlich nicht „verstanden“ haben sollten, dann darf man an Ihrer Intelligenz zweifeln, was mir wenig schlüssig erscheint. In sich logisch und stimmig erscheint die Leserkonferenz daher eher als „Goodwill“-Maßnahme, um kritische Leser zu besänftigen. Ihr Kommentar?

Brinkbäumer: Der SPIEGEL hat sich verändert, und die Kritik verändert sich. Kommunikation ist selten statisch.

Frage 3: Frau Hülsen sagte mir, man habe gezielt keine Presse eingeladen, um den Lesern für Ihre Kritik einen „geschützten Raum“ zu geben. Nun haben meines Wissens allerdings sämtliche eingeladenen Leser ihre Kritik bereits in Form ggf. zu veröffentlichender Leserbriefe geäußert, beanspruchen also gerade keinen „geschützten Raum“, sondern ganz im Gegenteil eine größtmögliche Öffentlichkeit. Die Begründung für einen Ausschluss der Presse erscheint wiederum nicht logisch und stimmig. Ihr Kommentar?

Brinkbäumer: Es gibt einen Unterschied zwischen offener und öffentlicher Kommunikation. Es ging uns nicht um einen „Ausschluss“ der Presse, sondern darum, offen diskutieren zu können.

Frage 4: Ihre Redakteurin Frau Amann meinte in dem Workshop, an dem ich teilnahm, nachdem ein Leser das Stichwort „Atlantikbrücke“ nannte, deren Einfluss werde „überschätzt“. Teilen Sie, allgemeiner formuliert, die Ansicht, dass der Einfluss transatlantischer Denkfabriken auf die Berichterstattung in Deutschland überschätzt wird?

Brinkbäumer: Nein, diese Ansicht teile ich nicht.

Frage 5: Ich habe erfahren, dass der damalige Kulturressortleiter Lothar Gorris vor einiger Zeit ein Spiegel-Gespräch zwischen Ihnen und Dr. Uwe Krüger, Medienwissenschaftler von der Uni Leipzig, bekannt u. a. für seine Dissertation zum Einfluss transatlantischer Netzwerke auf die Medien, organisieren wollte. Sie hätten, so meine Information, dieses SPIEGEL-Gespräch dann aber abgesagt. Meine Frage: Stimmt das? Wenn ja, warum haben Sie abgesagt?

Brinkbäumer: Nein, das stimmt nicht.

Frage 6: Allgemeiner gefragt: Weshalb bekommen renommierte Medienkritiker und Intellektuelle aus dem eher linken Spektrum, wie der erwähnte Uwe Krüger oder auch Prof. Ulrich Teusch, Prof. Rainer Mausfeld, Daniela Dahn etc. nun schon seit Jahren keine Möglichkeit, Ihre Position – die nach meinem Eindruck von einer großen Zahl kritischer Leser geteilt wird – im Blatt zu äußern, etwa in Form eines Interviews oder Gastessays? Gibt es da einen bestimmten Grund oder ist das Ausblenden dieser Positionen aus Ihrer Sicht als Zufall oder unbeabsichtigt zu werten?

Brinkbäumer: Da gibt es keinen bestimmten Grund, und ich kann aber auch ein Ausblenden, wie Sie es nennen, nicht erkennen.

Frage 7: In Ihrem Resümee am Ende der Konferenz meinten Sie gestern zum Stichwort „Nähe zu den Mächtigen“, es widerspreche keineswegs einer kritischen Distanz beim Schreiben, wenn man mit Politikern eine „warme Gesprächsatmosphäre herstellt“. Meine Frage dazu (keineswegs rhetorisch gemeint): Mit welchen russischen oder syrischen Regierungspolitikern unterhält der Spiegel eine „warme Gesprächsatmosphäre“? Mit anderen Worten: Ist die Nähe und „Wärme“ nicht sehr einseitig auf NATO-nahe Positionen beschränkt?

Brinkbäumer: Nein, natürlich nicht, aber über Informanten oder Kontakte kann ich keine Auskunft geben.

Frage 8: Sie schilderten gestern eine persönliche Episode: Bei einer Reportage über einen afrikanischen Flüchtling, den sie eine Zeit lang eng begleiteten, hätte dieser Ihnen irgendwann anvertraut, eigentlich aus einem anderen Land zu kommen, als er den Behörden gesagt hatte. Sie lüfteten dieses Geheimnis in Ihrem Artikel, was der Mann dann als Vertrauensbruch und Verrat empfunden habe. Sie nannten das als Beispiel dafür, dass Nähe bei der Recherche einer kritischen Distanz beim Schreiben nicht widerspräche. Meine Frage: Wann haben Sie zuletzt nicht einen machtlosen Flüchtling, sondern einen mächtigen NATO-affinen Politiker oder Wirtschaftsführer in Ihrer Berichterstattung mit derart professioneller Kühle „bloßgestellt“, nachdem dieser Ihnen vertrauliche Informationen gegeben hatte?

Brinkbäumer: Das Ziel besteht nicht im Bloßstellen, sondern im sauberen Arbeiten. Zum journalistischen Handwerk gehört Nähe bei der Recherche und Kühle beim Schreiben – das war gemeint.

Besonders interessant ist Brinkbäumers Dementi bei Frage 5. Tatsächlich hatte es im Frühjahr 2016 eine entsprechende Anfrage (die E-Mail liegt mir vor) des Spiegel an Uwe Krüger für ein Streitgespräch gegeben – das dann nie zustande kam. Brinkbäumer will oder kann sich daran nun offenbar nicht mehr erinnern. Auf Nachfrage zu diesem Punkt schweigt er. Die sich aufdrängende Vermutung: Der Spiegel-Chef scheute die offene Auseinandersetzung mit einem profilierten Kritiker. Seine Assistentin teilte mir nach mehreren Nachfragen schließlich am 15. Juni mit: „Ich soll Ihnen von Herrn Brinkbäumer ausrichten, dass er Ihre Fragen alle beantwortet hat.“ So viel zu Dialog und Offenheit – beziehungsweise deren Inszenierung.

Was den „geschützten Raum für die Leser angeht“, veröffentlichte Brinkbäumer selbst nach einer Woche im Spiegel einen zweiseitigen Bericht zur Konferenz, garniert mit vielen Fotos und Zitaten der Teilnehmer. Es ging offenbar nicht so sehr um einen Schutz der Leser, sondern um einen Schutz der Deutungshoheit des Spiegel, für die ein plötzlich auftauchender kritischer Journalist natürlich ein Problem darstellt. In seinem Bericht zur Veranstaltung meinte der Chefredakteur in weisen Worten:

„Kommunikation besteht aus Senden und Empfangen, und wenn sie gelingt, dann formulieren die Absender durchdacht und klar, und die Empfänger sind aufmerksam und hören oder lesen das, was der Absender meint. (…) Zu Leserkonferenzen werden wir weiterhin einladen, regelmäßig, und nicht nur in Hamburg und Berlin. Auch dies gehört zu geglückter Kommunikation: Irgendwann muss sie halt irgendwo beginnen.“

Wie wahr. Nur wann? Und wo? Und vor allem: Mit welchem Resultat? Denn die auf der Konferenz (und auch schon in den Jahren zuvor immer wieder) vorgebrachten Kritikpunkte haben offenbar keinerlei Einfluss auf die Blattlinie. Man hält an den etablierten Feindbildern fest – Putin, Russland, Trump, „die Populisten“ – und belehrt seine Leser in „bewährter“ Manier über Gut und Böse.

Auf dem Cover der Ausgabe, die eine Woche nach der Leserkonferenz erschien, prangten die Worte: „Italien zerstört sich selbst – und reißt Europa mit“. Offenbar hatte das Volk in Italien „falsch“ gewählt. Diskussion, offene Debatte, widerstreitende Argumente? Fehlanzeige. Im Hamburger Spiegel-Haus weiß man, was gut ist „für alle“ – gern auch für Menschen in anderen Ländern. Dass dieser Einheitsbrei immer weniger Lesern schmeckt – daran dürften auch weitere Konferenzen voller Symbolik und warmer Worte wenig ändern.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

(Bild: Dennis Siebert / CC BY-SA-3.0)

https://paulschreyer.wordpress.com/2018/06/23/inszenierte-offenheit-der-spiegel-im-dialog-mit-seinen-lesern/

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Inszenierte Offenheit: Der Spiegel im Dialog mit seinen Lesern

  1. das CIA-u. NATO-Blatt ist offensichtlich unreformierbar.., Spiegel-Auflagen sind im Sinkflug seit jahren …deshalb Stärkung der Alternativen Medien wichtig

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    Verfasst von tom | 25. Juni 2018, 11:58

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