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Ausland, Naher Osten

Ist Putin wirklich dazu bereit, den Iran „fallen zu lassen“?

von https://thesaker.ishttp://www.theblogcat.de

Das Thema Russland in Syrien fasziniert immer noch und bietet viel Anlass für Streit. Das macht Sinn – das Thema wird auf vielen Ebenen zunehmend wichtig, darunter pragmatischen und moralischen. Heute will ich mich ganz an die pragmatische Ebene halten und die moralischen/ethischen/geistigen Überlegungen, wenigstens eine Zeitlang, außer Acht lassen. Darüber hinaus will ich um des Arguments willen so tun, als handele der Kreml einhellig, als gäbe es keine Atlantik-Brücke in der russischen Regierung, keine Fünfte Kolonne im Kreml und als gäbe es keine zionistische Lobby, die in Russland enormen Einfluss ausüben würde. Ich werde mich in der Zukunft mit diesen Themen auseinandersetzen, da ich der festen Überzeugung bin, dass die Zeit und die Ereignisse beweisen werden, wie unbegründet und politisch motiviert diese Leugnungen in Wahrheit sind. Aber zum Zweck dieser Analyse tun wir mal so, als sei im Kreml alles in Ordnung und nehmen an, dass Russland vollkommen souverän ist und frei seine nationalen Interessen schützt.

Also was wissen wir über das Geschehen in Syrien?

Ich behaupte, dass es offensichtlich ist, dass Russland und Israel eine Vereinbarung getroffen haben. Dass es irgendein gegenseitiges Verständnis gibt, aber da ist eindeutig noch mehr, das nicht offen eingestanden wird. Die Israelis prahlen wie immer über ihren totalen Sieg und veröffentlichen Artikel wie folgenden: „Putin und Netanjahu waren in Syrien schon immer auf der selben Seite“, wo es im Untertitel heißt: „Putin ist dazu bereit, den Iran fallen zu lassen, um Israel glücklich zu machen und Assads Sieg zu retten“.

https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-in-syria-putin-and-netanyahu-were-on-the-same-side-all-along-1.6134931

Echt?

Die chaotische Welt widersprüchlicher Erklärungen und Äußerungen

Betrachten wir diese These aus einem rein logischen Gesichtspunkt. Erstens, was waren die ursprünglichen Ziele Israels? Wie ich schon früher erklärt habe, hatten die Israelis folgende Ziele:

  1. Einen starken, säkularen arabischen Staat mitsamt seiner politischen Struktur, den Streitkräften und Geheimdiensten zu zerstören.
  2. In Syrien totales Chaos und Schrecken zu erzeugen, um die Schaffung einer „Sicherheitszone“ durch Israel nicht nur auf dem Golan sondern auch weiter im Norden zu rechtfertigen.
  3. Im Libanon einen Bürgerkrieg anzuzetteln, indem man die irren Takfiris gegen die Hisbollah hetzt.
  4. Die Takfiris und die Hisbollah sollen sich gegenseitig zu Tode bluten, dann wird eine „Sicherheitszone“ geschaffen, aber dieses Mal im Libanon.
  5. Die Schaffung einer schiitischen Achse Iran-Irak-Syrien-Libanon zu verhindern.
  6. Syrien entlang ethnischer und religiöser Linien aufzubrechen.
  7. Ein Kurdistan zu schaffen, das man dann gegen die Türkei, Syrien, Irak und den Iran benutzen kann.
  8. Es Israel zu ermöglichen, im Nahen Osten die unumstrittene Macht zu werden und so Saudi Arabien, Katar, Oman, Kuweit und all die anderen dazu zu zwingen, sich bei jedem Gas- oder Erdölprojekt an Israel zu wenden.
  9. Den Iran schrittweise zu isolieren, zu bedrohen, zu sabotieren und schließlich mit einem breiten regionalen Streitkräfteverbund anzugreifen.
  10. Alle Zentren schiitischer Macht im Nahen Osten zu eliminieren.

Halten wir hier einmal inne und stellen uns eine sehr einfache Frage: Wen Putin und Netanjahu von Anfang an auf der selben Seite standen, was hätte Putin tun sollen, um den Israelis zu helfen? Ich schlage diese offensichtliche und unzweifelhafte Antwort vor: absolut gar nichts. Als die Russen ihre (sehr begrenzte, aber auch effektive) Intervention in Syrien begannen, da waren diese Pläne schon voll in ihrer Umsetzung begriffen!

Die unleugbare Wahrheit ist, dass Putin den ursprünglichen Plan Israels für Syrien vereitelt hat.

Tatsächlich haben die Hisbollah und der Iran bereits in Syrien interveniert und versuchten verzweifelt, in einer kollabierenden syrischen Front die „Löcher zu stopfen“. Wenn überhaupt, so muss man Putin das Verdienst zuschreiben, dass die Israelis ihren „Plan A“ aufgeben und zu „Plan B“ übergehen mussten, den ich hier beschreibe (http://www.unz.com/tsaker/the-warmakers/ ) und der sich so zusammenfassen lässt:

Schritt Eins: benutze deine Propagandamaschine und deine infiltrierten Agenten, um das Märchen über ein iranisches Nuklearprogramm aufzuwärmen. (…) Wenn Trump sagt, dass das JCPOA ein schrecklicher Deal ist, dann ist es so. Heh, wir leben in einer „Post-Skripal“ und „Post-Duma“-Ära – wenn einige anglische (oder jüdische) Führer sagen, es sei „höchstwahrscheinlich“, dann muss jeder sofort seine „Solidarität“ zeigen, oder er wird als „antisemitisch“ oder „Verschwörungstheoretiker“ angeklagt (ihr wisst wie das läuft). Also ist Schritt Eins eine Neuauflage aus dem Nichts der Zeitungsente vom iranischen militärischen Nuklearprogramm. Schritt Zwei ist die Verkündung, dass Israel „existentiell bedroht“ ist und (…) sollen doch die doofen Amerikaner gegen die Iraner kämpfen.

Wie ich schon ausführlich erläutert habe ( https://www.unz.com/tsaker/why-is-putin-allowing-israel-to-bomb-syria/ ), hat Russland überhaupt keine moralische Verpflichtung, irgend jemanden irgendwo zu schützen, nicht im Nahen Osten und schon gar nicht Syrien und/oder den Iran. Ich habe auch ausführlich erläutert, warum Putin eine Reihe pragmatischer interner Gründe hat, dass sich Russland nicht in einen großen Krieg im Nahen Osten einmischt. https://www.unz.com/tsaker/putin-and-israel-a-complex-and-multi-layered-relationship/

Und schließlich habe ich erläutert ( http://www.unz.com/tsaker/it-all-depends-on-your-values/ ), dass die Israelis eindeutig den Iran provozieren, indem sie iranische (oder genauer gesagt mit dem Iran verbündete oder von Iran unterstützte) Ziele in Syrien angreifen. Sie hoffen darauf, dass der iranische Geduldsfaden reißt und dass die Iraner mit genügend Feuerkraft zurückschlagen, um nicht nur Angriffe auf die (relativ wertlosen) iranisch-verbündeten Ziel in Syrien zu rechtfertigen, sondern auf dem Iran selbst. Das würde einen iranischen Gegenschlag auf Israel und damit den Großen Preis garantieren: einen massiven US-Angriff auf den Iran.

Schauen wir uns noch einmal die russischen Aktionen an. Wenn Putin „von Anfang an auf der Seite Natanjahus“ stand, dann hätte er den Israelis bei deren Aktionen geholfen, nämlich den Iran zu provozieren, stimmt’s? Aber was hat Putin wirklich getan?

Alles begann mit einer Äußerung von Außenminister Lawrow, der erklärt hat, dass alle ausländischen Streitkräfte Syrien verlassen müssten. Soweit ich weiß gibt es kein direktes Zitat von Lawrows ursprünglicher Äußerung, nur interpretierende Umschreibungen. Lawrow hat später einige erläuternde Kommentare abgegeben, so wie diesen: „Natürlich muss der Abzug aller nicht-syrischen Streitkräfte auf einer gegenseitigen Basis erfolgen, das sollte keine Einbahnstraße sein. Das Resultat dieser Arbeit, die fortgesetzt werden sollte und fortgesetzt wird, sollte eine Situation sein, wo Repräsentanten der Syrisch Arabischen Armee an der Grenze zu Israel stehen.“ ( http://www.thetower.org/6303-russian-fm-lavrov-all-foreign-troops-including-irans-must-leave-syria/ )

Aber halten wir uns nicht mit dem Versuch auf, herauszufinden, was ein lockerer Kommentar war und was „offiziell“ war. Wir sollten vor allem das festhalten: Schon vor Lawrows Kommentar zu „allen ausländischen Streitkräften“ sagte dieser Lawrow auch, dass „alle US-Streitkräfte nach dem Sieg über die terroristischen Kräfte Syrien verlassen müssen.“ Darf ich auch jeden hier daran erinnern, dass Israel den syrischen Golan seit Jahren illegal besetzt hält und dass die IDF damit genau in die Definition einer „ausländischen Streitkraft in Syrien“ fällt? Es kommt noch besser, denn die Syrer, und offen gesagt der gesunde Menschenverstand und das internationale Recht sagen, dass alle ausländischen Streitkräfte Syrien verlassen müssen, außer jene, die sich auf Bitten der syrischen Regierung legal in Syrien aufhalten. Wenn also die Russen sagen, dass alle ausländischen Kräfte – einschließlich der iranischen (angenommen Lawrow hat das so gesagt) – Syrien verlassen müssen, dann haben sie keine legale oder sonstige Autorität um das umzusetzen, außer es gibt zu dieser Forderung eine UNSC-Resolution. Bedenkt man, dass sich die Israelis und die USA einen Dreck um das internationale Recht oder den UN-Sicherheitsrat scheren, so kommt eher der Tag, an dem eine Resolution verabschiedet wird, die sich nur gegen die Iraner richtet und die von den Israelis ignoriert wird. Die Sache hier ist die, dass es in Wahrheit ziemlich wenige iranische „Streitkräfte“ in Syrien gibt. Es gibt viel mehr „Berater“ (die man nicht als Streitkräfte betrachten kann) und viel mehr pro-iranische Streitkräfte, die nicht wirklich „iranisch“ sind. Und es gibt die Hisbollah, aber die Hisbollah wird nicht verschwinden, und sie sind übrigens Libanesen und keine Iraner. Zweifellos würden die Israelis behaupten, dass Hisbollah eine „iranische Streitkraft“ ist, aber das ist blanker Unsinn. Und um die Verwirrung zu vergrößern, machen die Russen jetzt einen auf nett und sagen: „Natürlich muss der Abzug aller nicht-syrischen Streitkräfte auf einer gegenseitigen Basis erfolgen, das sollte keine Einbahnstraße sein.“ Ich schlage vor, dass wir mit der Aufzählung all dieser möglichen Umschreibungen und Interpretationen aufhören und zustimmen, dass die Russen mit ihren Äußerungen ein schönes (oder schlimmes) Durcheinander angerichtet haben. Eigentlich möchte ich behaupten, dass dieses anscheinend schöne (oder schlimme) Durcheinander eine sehr bewusste und schlaue Zweideutigkeit ist.

Nach Angaben zahlreicher russischer Quellen geht es bei der ganzen Rhetorik um den Süden Syriens und die Kontaktlinie zwischen Syrien und Israel (aus legaler Sicht ist es keine Grenze). Der Deal sieht anscheinend so aus: Die pro-iranischen Kräfte und die Hisbollah ziehen sich aus dem Süden zurück und im Austausch lassen die Israelis die Syrer, unterstützt von russischer Luftwaffe und „Beratern“ wieder die Kontrolle über den Süden Syriens erlangen, aber ohne irgendwelche Versuche, die Israelis aus dem Golan zu vertreiben, den sie illegal besetzt halten. Unnötig zu erwähnen, dass die Syrer auch darauf bestehen, dass als Teil des Handels die US-Streitkräfte das südliche Syrien verlassen müssen. Aber offen gesagt sehe ich keinen Sinn darin, dass die USA dort bleiben, außer sie planen, auf syrischem Gebiet winzige (und nutzlose) Enklaven einzurichten. Nicht nur das, auch Jordanien ist anscheinend Teil des Handels. Und hier kommt das Beste: es gibt ziemlich gute Beweise, dass die Hisbollah und der Iran auch Teil des Deals sind. Und ratet mal? Auch die Türken.

Es sieht sehr danach aus, als hätten die Russen hier einen großen regionalen Deal zusammengezimmert. Wenn das wirklich der Fall wäre, dann würde das auch die intensiven Dementis aus Israel und dem Iran erklären, auf die noch mehr Bestätigungen folgten. Und um die Dinge noch mehr zu verwirren, haben wir jetzt Stoltenberg (ausgerechnet der!), der sagt, dass die NATO Israel im Falle eines iranischen Angriffs nicht beistehen würde, was völliger Blödsinn ist wenn man bedenkt, dass der NATO Generalsekretär keine Macht besitzt, dass die NATO zu 80% aus den USA besteht und dass die USA jetzt als „Stolperdraht“ eine ständige Militärpräsenz in Israel haben und somit behaupten könnten, dass sie angegriffen werden. Aber es ist witzig, weil es „das Chaos vergrößert“.

Und dann gibt es offensichtlich den syrischen Plan, die USA aus dem Norden Syriens zu vertreiben, was Uncle Sam natürlich gar nicht gefällt. Und daher reden die beiden Seiten wieder miteinander.

Wenn euch das als Beweis für die These erscheint, dass „Putin und Netanjahu schon immer auf der selben Seite standen“, dann frage ich mich, wie man euch vom Gegenteil überzeugen kann, denn für mich sieht das nach einem von drei Dingen aus:

  1. Es wurde irgendein großer regionaler Deal gemacht oder
  2. Irgendein großer regionaler Deal ist in Vorbereitung oder
  3. Irgendein großer regionaler Deal wurde gemacht, aber keiner traut dem anderen und jeder will für sich den Deal verbessern

und natürlich – jeder will sein Gesicht wahren, indem er alles leugnet oder den Sieg erklärt, vor allem die AngloZionisten.

Also stellen wir die Hauptfrage: Gibt es irgendeinen Beweis dafür, dass Putin und/oder Assad „den Iran fallen lassen“?

Verlassen wir den Bereich der Erklärungen und Äußerungen und kehren in die Welt zurück

Beginnen wir mit einer einfachen Frage: Was will der Iran mehr als alles andere?

Ich behaupte, dass die vorrangigste Priorität des Iran ist, einen massiven US-Angriff auf den Iran zu vermeiden.

Umgekehrt ist die Auslösung eines solchen Angriffs auf den Iran das Hauptziel der Israelis. Sie geben das ziemlich offen zu. Ihre jüngste Idee ist die Schaffung einer „militärischen Koalition gegen den Iran“, während man der NATO gefallen will, indem man an den anti-russischen Manövern in Europa teilnimmt.

Nicht weil ein nicht existentes iranisches Nuklearprogramm Israel bedroht, sondern weil der Iran für das AngloZionistische Imperium und für die saudisch-wahabische Version des Islam ein überaus erfolgreiches und daher gefährlich konkurrierendes Modell liefert. Darüber hinaus wagt es der Iran, im Gegensatz zu Russland (leider Gottes!), das Verbrechen aller Verbrechen zu begehen und Israel öffentlich als einen völkermordenden, rassistischen Staat zu verurteilen, dessen Politik ein Affront für die gesamte zivilisierte Menschheit ist. Und schließlich ist der Iran (schon wieder leider im Gegensatz zu Russland!) ein wirklich souveräner Staat, der sich erfolgreich der Fünften Kolonne entledigt hat und der sich nicht im eisernen Würgegriff von IWF/WB/WTO/etc. befindet. (Ich habe letzte Woche darüber geschrieben, also wiederhole ich es hier nicht: http://www.unz.com/tsaker/it-all-depends-on-your-values/ )

Ich behaupte ebenso, dass der Iran eine hohe Priorität auf die Unterstützung aller unterdrückten Völker im Nahen Osten legt. Sich gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu wehren, das ist eine Forderung im Koran und ich glaube, dass sich das in der iranischen Interpretation auch auf die nicht-schiitischen Moslems und sogar Christen und Juden ausdehnt. Aber da ich weiß, dass das alle möglichen wütenden Anschuldigungen auslöst, dass ich naiv sei (oder gar ein schiitischer Propagandist), will ich zugestehen, dass die Hilfe für unterdrückte Schiiten in der Region den iranischen Führern wohl wichtiger ist als die Hilfe für alle anderen Unterdrückten. Aus säkularer Sicht bedeutet das, dass der Iran versuchen wird, die Schiiten im Irak, in Syrien und Libanon zu schützen und ihnen zu helfen, und ich sehe darin überhaupt nichts Falsches. Ja, wenn man bedenkt, welches Erbarmen die Hisbollah im Jahr 2000 mit der SLA (die südlibanesische Armee, eine Miliz) gezeigt hat, und der Tatsache, dass die syrischen Sicherheitskräfte momentan in jenen Teilen Syriens mit äußerster Zurückhaltung vorgehen, die den russischen Deal akzeptiert haben (darüber sind sogar einige russische Analysten besorgt), so denke ich, dass die iranisch unterstützten Kräfte, die Syrien von Daesh befreien, das Beste sind, worauf man hoffen konnte.

Darüber hinaus ist es wahr, dass das Ba’athistische Regime in Syrien – bei all seinen anderen Fehlern – gegenüber Minderheiten tolerant war und dass die Hisbollah immer absolut alle libanesischen Menschen geschützt hat, unabhängig von deren Religion oder Ethnie. (Andere mögen anderer Meinung sein als ich, aber nachdem ich mehrere Jahrzehnte die Hisbollah und den Iran studiert habe, komme ich zu der Schlussfolgerung, dass sie – im Gegensatz zu den meisten anderen politischen Akteuren – bei ihren Absichtsbekundungen tatsächlich die Wahrheit sagen.

Also wer ist die größte Bedrohung für die Schiiten und, so möchte ich behaupten, für alle Menschen im Nahen Osten? Natürlich die Takfiris von Daesh.

Und was haben alle Varianten eines möglichen „großen regionalen Deals“ gemeinsam? Die Eliminierung von Daesh & Co. aus Syrien.

Und wie soll das gegen die iranischen Interessen sein?

Ist es natürlich nicht.

Die Wahrheit ist, dass ich nicht den geringsten Beweis dafür sehe, dass „Putin und Netanjahu schon immer zusammengearbeitet haben“. Was ich sehe ist, dass zwischen zahlreichen Parteien irgendein Deal ausgehandelt wird, bei dem vermutlich einer den anderen zu beschießen versucht. Realpolitik vom Feinsten und Zynischsten – ja. Aber kaum ein Verrat Russlands am Iran.

Was jeder zu tun versucht ist das, was der Schmied Vakula in Gogols Weihnachtsgeschichte „Die Nacht vor Weihnachten“ tat: den Teufel auszutricksen. In Russland ist der Teufel als „лукавый“ bekannt, was nicht nur das „Böse“ bezeichnet, sondern was auch schlau, gerissen, täuschend und raffiniert clever meint. Der Versuch, den Teufel hereinzulegen, ist eine gefährliche und schwierige Aufgabe, und ich finde es auch moralisch sehr fragwürdig. Aber im Einklang mit unserem modernen, wertneutralen und „realistische“ Zeitgeist können wir auch „Putins Verrat am Iran“ aus rein zynischen und pragmatischen Gründen entlarven, ohne überhaupt höhere Werte anzusprechen.

Für jene, die es noch nicht gesehen haben,empfehle ich sehr dieses Video (mit Englischen Untertiteln) von Ruslan Ostashko, der darüber spricht, was Israel Russland und Putin anbieten kann und was nicht:

Ostashko hat absolut recht. Die Wahrheit ist, dass Israel – im Gegensatz zum Iran – Putin oder Russland wenig anzubieten hat.Das soll nicht heißen, dass Israel keinen Einfluss auf den Kreml hat, den hat es mit ziemlicher Sicherheit. Aber dieser Einfluss ist nur die Peitsche, nicht das Zuckerbrot (was einer der gedanklichen Fehler in der Position jener ist, die die Existenz einer zionistischen Fünften Kolonne in Russland leugnen – sie leugnen die Existenz der „Peitsche“, während sie gleichzeitig kein „Zuckerbrot“ liefern können, und damit lassen sie die russische Politik zugleich widersprüchlich und unerklärlich erscheinen: daher all die geistigen Verrenkungen um das zu erklären.)

Aber Israels „Peitsche“ ist, während sie ohne Zweifel groß ist, im Vergleich zum iranischen Zuckerbrot winzig: Nicht nur die enormen Ressourcen und die Milliarden an Dollar/Rubel/Rial/Euro, die man im Energiesektor, mit Waffen und auch in vielen Sektoren der Wirtschaft machen kann. Da ist auch die Tatsache, dass der Iran wirklich die Regionalmacht Nummer Eins im Nahen Osten ist: Vielleicht nicht groß genug, um anderen seinen Willen aufzuzwingen, aber mit Sicherheit groß genug, jeden großen Plan oder eine Politik zu zerstören, der ihnen nicht gefällt. Noch dazu wo jetzt die internationalen Sanktionen gegen den Iran offiziell aufgehoben wurden (trotz der Ablehnung der Unterschrift durch die USA), kann der Iran der Shanghai Cooperation Organization beitreten und ein wichtiges Mitglied werden (möglicherweise zusammen mit anderen Ländern des Nahen Ostens). All das macht das iranische „Zuckerbrot“ für Russland sehr attraktiv. Und es gibt auch eine gedankliche iranische „Peitsche“: Sollte Israel sich durchsetzen und der Iran würde vom AngloZionistischen Imperium massiv und bösartig angegriffen werden – was wären die Auswirkungen für Russland und seine Alliierten? Ich glaube zwar keinen Moment an diese Möglichkeit, aber angenommen, das Imperium würde in Teheran ein Pro-AngloZionistisches Regime an die Macht bringen und die Islamische Republik stürzen – was würde das für die nationale Sicherheit Russlands bedeuten? Das wäre ein absoluter Albtraum, nicht wahr?

Seht euch die Beziehung zwischen Russland und der Türkeivordem versuchten Staatsstreich gegen Erdogan an. Diese Beziehung war sicherlich viel schlimmer als die Beziehung, die gegenwärtig zwischen der Islamischen Republik und Russland herrscht, richtig? Und dennoch, als die USA versucht haben, Erdogan zu stürzen, was hat Russland getan? Russland hat Erdogan voll unterstützt und hat ihm – so gehen einige Gerüchte – während einiger heikler Stunden sogar physischen Schutz gewährt. Wenn sich Russland gegen das Imperium auf die Seite Erdogans schlägt, warum sollte sich Russland dann nicht auf die Seite der Islamischen Republik stellen, selbst wenn wir nur die Eigeninteressen Russlands in Betracht ziehen?

Eine ausgezeichnete iranische Analyse über die russisch-iranische Allianz liefert dieser Artikel von Aram Mirzaei: „Wird die russisch-iranisch-syrische Allianz halten, wenn sich der syrische Krieg dem Ende zuneigt?“

https://thesaker.is/will-the-russian-iranian-syrian-alliance-hold-as-the-syrian-war-draws-close-to-an-end/

Fazit:

Die einfache Wahrheit ist, dass – unabhängig von Erklärungen und politischen Äußerungen – China, Russland, Iran, Syrien und Hisbollah aufeinander angewiesen sind und sie es sich nicht leisten können, jemanden zu betrügen, außer sie wollen, dass das Imperium einen nach dem anderen zerlegt. Um Franklins Worte zu zitieren: Sie müssen alle zusammenhängen (d.h. zusammenstehen), oder sie werden letzten Endes „einzeln hängen“. Das heißt nicht, dass sie sich alle lieben müssen oder ständig dieselben Ziele haben müssen. Bis zu einem gewissen Grad spielen sie vielleicht auch gegeneinander und versuchen sogar, „am Rande“ einen günstigen Deal mit den AngloZionisten zu erreichen (denkt daran, Assad ließ für die CIA foltern!). Aber die harten Tatsachen und das Zusammenspiel der Kräfte im Nahen Osten begrenzen das Ausmaß solcher „Mini-Betrügereien“, zumindest auf absehbare Zukunft.

Richtig, man muss auch den saudischen Faktor ins Kalkül ziehen. Im Gegensatz zu den Israelis bieten die Saudis jede Menge „Zuckerbrot“. Aber die Saudis sind viel zu arrogant, sie legen sich bereits mit russischen Interessen nicht nur in Syrien, sondern auch in Katar an, und ihre Art des Islam ist für Russland wahrlich eine tödliche Gefahr. Momentan halten sich die Atlantischen Integrationisten und die Eurasischen Unabhängigen im Kreml die Waage. Erstere versuchen, die EU von den USA loszulösen und damit viel Geld zu machen. Und Letztere haben die Aufgabe, die nationalen Sicherheitsaufgaben zu betreuen, vor allem in Richtung Süden, aber dieses Gleichgewicht ist innerlich instabil und würde durch einen größeren Angriff der AngloZionisten bedroht werden. Also ja, es gibt in Russland eine Zionistische Lobby und ja, sie gebärden sich als Fünfte Kolonne. Aber die ist nicht, ich betone nicht stark genug, die finanziellen Interessen der russischen Geschäftselite außer acht zu lassen, und noch viel weniger die fundamentalen russischen Sicherheitsinteressen. Das ist einer der größten Unterschiede zwischen den USA und Russland: Russland, das zwar nur teilweise souverän ist, ist weit davon entfernt, ein israelisches Protektorat oder Kolonie zu sein. Und so lange Russland seine teilweise Souveränität behält, wird es den Iran nicht „fallen lassen“, egal wie sehr Israel auch jammert und droht.

Meine persönliche Einschätzung ist, dass Putin ein sehr kompliziertes und gefährliches Spiel spielt. Er versucht nicht einen, sondern viele „Teufel“ auszutricksen, und das gleichzeitig. Darüber hinaus sind die USA „nicht fähig zu Abkommen“, und das bereits seit Obama. Und Trump und seine Neokon-Meister haben das nur verschlimmert. Was die Israelis anbelangt, sie lassen selbst Satan höchstpersönlich ehrlich aussehen und sind ideologisch nicht in der Lage, ehrlich (oder auch nur anständig) zu sein. Offen gesagt traue ich Erdogan kein bisschen und ich denke nicht, dass ihm die Russen jemals wieder vertrauen. Nennt mich naiv, aber ich denke, dass sich Assad durch diesen Krieg verändert hat, und auch wenn er in der Vergangenheit tatsächlich mit der CIA zusammengearbeitet hat, so glaube ich, dass er in Zukunft für Russland ein ziemlich guter Alliierter sein wird. Was Ayatollah Ali Khamenei und Hassan Nasrallah anbelangt, so sehe ich die beiden als Männer mit Ehre, die sich an eine jede Allianz halten, der sie formell beitreten (informelle Absprachen und zeitweilige gegenseitige Interessen sind eine andere Sache). Ich halte sie auch für brillante und kluge Geostrategen: sie verstehen voll und ganz, dass der Iran und die Hisbollah Russland „brauchen“, um zu überleben. Somit ist Putins Politik, die zwar gefährlich ist, überhaupt nicht zum Scheitern verurteilt: er versucht Syrien vor den AngloZionisten zu retten und gleichzeitig einen regionalen Krieg zu vermeiden. Die Zeit spielt für ihn, denn Trumps wirre (und das ist vorsichtig ausgedrückt) Politik (eigentlich der Mangel an Politik) fügen dem Imperium tagtäglich einen enormen Schaden zu (dazu die ausgezeichnete Analyse von Dmitri Orlov: https://russia-insider.com/en/politics/russias-maddening-patience-why-doesnt-she-strike-back-when-attacked/ri23653

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Putins gefährliche Strategie aufgehen wird oder nicht. Und ich glaube nicht, dass es sonst jemand weiß (außer den ignoranten Cheerleadern natürlich). Aber selbst wenn mir der Anblick von Bibi Netanjahu mit dem Sankt Georgs-Band in Moskau Übelkeit bereitet hat, so ist das absolut kein Anzeichen dafür, dass Netanjahu und Putin zusammenarbeiten oder dass Russland „den Iran fallen lässt“. Wie immer fühlen sich die Israelis allmächtig und stellen ihre Arroganz offen zur Schau. Sollen sie doch. Denkt einfach an das unvermeidliche Ergebnis dieser zionistischen Überheblichkeit in der Vergangenheit und wartet auf das unvermeidliche „oy vey!“.

Und schließlich ist da noch die wichtigste einzelne Tatsache: das AngloZionistische Imperium und Russland befinden sich bereits im Krieg, und das seit mindestens vier Jahren oder länger. Dieser Krieg ist zwar noch zu 80% ein Informationskrieg, zu 15% ein Wirtschaftskrieg und zu 5% kinetisch, aber es ist dennoch ein realer Krieg, und er eskaliert. Solange Russland auch nur teilweise souverän bleibt und solange es ein alternatives Zivilisationsmodell anbietet, wenn auch kein perfektes, solange bleibt es für das Imperium eine Bedrohung und solange wird das Imperium für das gesamte russische Zivilisationsgebiet eine Bedrohung bleiben. Während es für Israel von größter Wichtigkeit ist, so ist die ganze Iran-Frage für die transnationalen Führer des Imperiums nur ein Nebenschauplatz. Sie sehen Russland und China als die wahren Konkurrenten, vor allem wenn die durch eine symbiotische Beziehung verbunden sind so wie heute. Daher die Krisen in der Ukraine und auf der koreanischen Halbinsel, daher die ständigen Warnungen über einen möglichen Nuklearkrieg (seht euch Eric Zuesses jüngsten Artikel an, oder die zahlreichen Artikel von Paul Craig Roberts auf dessen Webseite. Oder Dan Glazebrooks exzellente Analyse über den Versuch von Trump, den „Rambouillet-Skandal“ in Korea zu wiederholen). Selbst wenn Putin damit Erfolg hätte, die EU näher an Russland heranzubringen und weg von den (eindeutig irren) USA, und selbst wenn er damit Erfolg hätte, einen direkten Angriff der AngloZionisten auf den Iran zu verhindern, so würde das die AngloZionistischen Führer des Imperiums nur noch mehr davon überzeugen, dass Putin und Russland das absolut Böse sind, das man eliminieren muss. Jene, die darauf hoffen, dass es zwischen dem Imperium und Russland irgendeine Art von Modus Vivendi gibt, die machen sich etwas vor. Denn die ureigenste Natur des Imperium macht das unmöglich. Nebenbei – und Orlov weist richtigerweise darauf hin – bricht die Hegemonie des Imperiums rasch zusammen. Die Propagandamaschine des Imperiums streitet das zwar ab und verschleiert es, und die die es glauben, sehen es nicht – aber die Führer des Imperiums verstehen das alle, daher die Eskalationen an allen Fronten, seit die Neokons im Weißen Haus wieder die Macht übernommen haben. Wenn die Neokons auf ihrem bisherigen Weg weitermachen, und ich sehe kein Anzeichen dafür, dass sie es überdenken, dann stellt sich nur noch die Frage, wann und wo es zuerst zu einem offenen Krieg kommen wird. Da seid ihr genauso schlau wie ich.

https://thesaker.is/is-putin-really-ready-to-ditch-irani-putin-really-ready-to-ditch-iran/

https://www.theblogcat.de/uebersetzungen/saker-07-06-2018/

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