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Ausland, Nordamerika

Die Lügen, die US-Interventionen rechtfertigen sollten

von Jon Basil Utley – http://luftpost-kl.de

Bild: Präsident Bush begleitet von Außenminister Colin Powell (ganz links), Vizepräsident Dick Cheney und Vorsitzender des Joint Chiefs of Staff General Hugh Shelton (ganz rechts), Präsident George W. Bush spricht mit den Medien am 12. September 2001 über die Terroranschläge des Vortages während einer Kabinettssitzung im Weißen Haus. (George W. Bush Presidential Library)

Jon Basil Utley, der Herausgeber des US-Magazins The American Conservative, unter­sucht die Lügen, mit denen bisherige US-Interventionen gerechtfertigt wurden

Das offizielle Washington und seine Verbündeten haben schon oft genug Tatsachen ver­dreht, um Militäraktionen zu rechtfertigen, die sonst nicht hätten stattfinden können. Im Mittleren Osten haben durch diese Interventionen Hunderttausende unschuldiger arabi­scher Zivilisten ihr Leben verloren, der Irak und Libyen wurden verwüstet und (neben un­zähligen Muslimen) wurde (auch) eine Million Christen aus Orten vertrieben, in denen sie seit biblischen Zeiten gelebt hatten [s. https://en.wikipedia.org/wiki/Christianity_in_Iraq ].

Die berühmteste dieser Lügen war natürlich die Behauptung der US-Regierung, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen, mit der die US-Invasion des Iraks im Jahr 2003 begründet wurde (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Irakkrieg ). Die US-Regierung unter­stellte Saddam Hussein außerdem, Verbindungen zu Al-Qaida zu haben, um ihren Über­fall zu rechtfertigen. Beides traf natürlich nicht zu.

Schon der erste Irak-Krieg im Jahr 1991 (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Golf- krieg ) war mit der Lügengeschichte gerechtfertigt worden, irakische Soldaten hätten in ei­nem kuwaitischen Krankenhaus Babys aus Brutkästen gezerrt und auf den Boden gewor­fen. Die 15-jährige Tochter des kuwaitischen Botschafters hatte einen Kongressausschuss schamlos belogen und getäuscht. Der Christian Science Monitor hat 2002 ausführlich über diese bizarre Story berichtet [s. https://www.csmonitor.com/2002/0906/p25s02-cogn.html ].

Damals wurde auch noch die Lüge verbreitet, die irakische Armee stehe zum Einmarsch in Saudi-Arabien bereit [s. http://articles.latimes.com/2003/jan/05/opinion/op-marshall5 ]. Auch das wurde als Grund für die Entsendung von US-Truppen nach Kuwait angegeben, die angeblich den Auftrag hatten, Saudi-Arabien zu verteidigen. Victor Marshall vom Inde­pendent Istitute (s. https://en.wikipedia.org/wiki/Independent_Institute ) schrieb 2003 in der Los Angeles Times, die CIA und die Defense Intelligence Agency / DIA, der Geheimdienst des Pentagons, hätten einen irakischen Angriff auf Saudi-Arabien für unwahrscheinlich und die Angaben über die Stärke der irakischen Armee für „äußerst übertrieben” gehalten [s. http://articles.latimes.com/2003/jan/05/opinion/op-marshall5 ]. Die Aussage der US-Re­gierung, sie könne mit Luftaufnahmen ihre Behauptung beweisen, wurde damals nicht überprüft, und später hat sich herausgestellt, dass diese Fotos überhaupt nicht existierten. Auch darüber hat der Christian Science Monitor schon 2002, also vor dem zweiten Irak­Krieg, berichtet [s. https://www.csmonitor.com/2002/0906/p01s02-wosc.html ].

Bei dem US-Überfall auf den Irak im Jahr 1991 wurden das Be- und Entwässerungssys­tem des Iraks und seine Elektrizitätswerke durch Bombenangriffe zerstört. Dadurch wurde das Trinkwasser der Iraker vorsätzlich kontaminiert [s. dazu auch http://www.casi.org.uk/ info/nagy010612.pdf ]. Weil die USA anschließend die Einführung aller für dringende Re­paraturarbeiten notwendigen Ersatzteile für 9 Jahre blockierten, starben mindestens 500.000 irakische Kinder an Krankheiten oder an Hunger. Die US-Regierung hat Saddam dafür verantwortlich gemacht, obwohl sie den Geldtransfer im UN-Programm „Nahrung für Öl“ kontrolliert hat. Seltsamerweise hat (die damalige US-Außenministerin) Madeleine Alb­right in der TV-Sendung 60 Minutes zugegeben, was die USA getan haben [s. https:// fair.org/extra/we-think-the-price-is-worth-it/ ].

Auch der vorher inszenierte Kosovo-Krieg (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Kosovokrieg ) in dem die USA (und die NATO) Serbien angriffen, wurde mit der Lüge begründet, die Ser­ben hätten zur Unterdrückung eines Aufstandes 100.000 Kosovaren niedergemetzelt [s. http://www.wnd.com/1999/08/3766/ ]. Bei den brutalen Bombenangriffen wurden neben vielen Fabriken auch große Teile der zivilen Infrastruktur Serbiens zerstört, darunter fast alle Brücken des Landes; so blieb zum Beispiel nur eine Donau-Brücke unversehrt [s. http://www.washingtonpost.com/wp-srv/inatl/longterm/balkans/stories/ledeall042599.htm ]. Die USA diktierten einen Frieden, der die Vertreibung der meisten Serben aus ihrer ehe­maligen Provinz Kosovo zur Folge hatte. Anschließend zerstörten die muslimischen Koso­varen Hunderte sehr alter christlicher Kirchen und errichteten mit saudischem Geld einen muslimischen Staat wahhabitischer Prägung (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Wahhabiten ) in Südeuropa, der die Gläubigen zwingt, den Koran auswendig zu lernen und die Christen zu hassen – wie im 13. Jahrhundert.

Auch der spätere Überfall der Franzosen, Briten und US-Amerikaner auf Libyen (s. https:// de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerkrieg_in_Libyen_2011 ) beruhte auf der Lüge, Muam- mar Gaddafi wolle die Bewohner der Stadt Bengasi massakrieren. Die Angreifer zerstörten seine Streitkräfte und halfen den „Rebellen“, ihn zu stürzen. Die Waffen, die bei der Plün­derung der Depots der libyschen Armee erbeutet wurden, wanderten über dunkle Kanäle nach Asien und Afrika, zum Beispiel in die Hände der Boko-Haram-Terroristen (s. https:// de.wikipedia.org/wiki/Boko_Haram ), die damit Unruhen in Nigeria und anderen Staaten in Nordafrika stifteten. Seither wird Westeuropa von afrikanischen Flüchtlingen überflutet, die über Libyen zum Mittelmeer strömen. Libysche Waffen gelangten auch zum Islamischen Staat, der Teile des Iraks und Syriens eroberte.

Erst kürzlich wurden wir wieder mit Berichten über einen neuen Giftgas-Angriff in Syrien überschwemmt. Sie stammten aus „den Rebellen zuzuordnenden Quellen“. The American Conservative hat dazu eine ausführliche Analyse des ehemaligen Waffeninspektors Scott Ritter veröffentlicht [s. http://www.theamericanconservative.com/articles/trumps-rush-to- judgement-on-syria-chemical-attack/ ]; er hat die „Beweise“ untersucht und bezweifelt, dass Assad für den Angriff verantwortlich ist. Auch ein ehemaliger britischer Botschafter in Syrien hat Zweifel an dem von Rebellen-Organisationen gemeldeten Giftgas-Angriff geäu­ßert [s. https://www.youtube.com/watch?v=Jxs53OqAkN8&feature=youtu.be ].

Warum sollte Assad Giftgas einsetzen, nachdem Trump gerade verkündet hatte, die US- Truppen aus Syrien zurückziehen zu wollen? Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Rebel­len einen Giftgas-Angriff inszeniert haben, um zu erreichen, dass die US-Truppen bleiben und sie weiterhin im Kampf gegen Assad unterstützen. Den gleichen Versuch gab es doch schon einmal im Sommer 2014, als Präsident Obama wegen ähnlicher Beschuldigungen fast in den Krieg gegen Assad eingestiegen wäre. Erst als der Kongress signalisierte, dass er nicht an einem Krieg gegen Syrien interessiert sei, hat er auf einen (größeren) Angriff verzichtet. Einige Kongressabgeordnete hatten sich in einer E-Mail deutlich gegen Bom­benangriffe auf Syrien ausgesprochen. Das erklärt auch, warum die US-Regierung nicht gern über Kriegseintritte abstimmen lässt: Weil die meisten US-Amerikaner nicht wollen, dass Washington immer neue Kriege anzettelt.

Auch die investigativen Journalisten Seymour Hersh [s. https://www. lrb.co.uk/v36/n08/sey- mour-m-hersh/the-red-line-and-the-rat-line ] und Robert Parry [s. https://consortium- news.com/2014/04/07/the-collapsing-syria-sarin-case/ ) haben 2013 die Berichte über Giftgas-Angriffe (Assads) in Frage gestellt. In anderen Berichten wurde vermutet, bei Angrif­fen der syrischen Luftwaffe sei Giftgas freigesetzt worden, das die Rebellen in von ihnen besetzten Gebieten eingelagert hätten. Im Dezember 2013 veröffentlichte die New York Times schließlich einen ausführlichen Bericht, in dem sie zugab, dass ihr früherer Bericht, die syrische Armee habe mit einem Giftgas-Angriff eine „rote Linie” überschritten, wohl korrigiert werden müsse [s. https://www.nytimes.com/2013/12/29/world/middleeast/new- study-refines-view-of-sarin-attack-in-syria.html ]. Mit „Operationen unter falscher Flagge“ (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Falsche_Flagge ) wurde die US-Bevölkerung aber schon häufiger in Kriege getrieben.

Nachdem die USA und ihre Verbündeten mit ihren Manipulationen Hunderttausende un­schuldiger Menschen umgebracht und mehre Länder ins Elend gestürzt haben, sollte man glauben, dass wir vor Angriffen auf Syrien schon deshalb zurückschrecken würden, weil dabei auch Russen sterben könnten, die Syrien beraten und unterstützen. Dadurch könn­ten wir – ohne Zustimmung des Kongresses – in einen völlig neuen Krieg, einen Krieg mit der Atommacht Russland, hineingezogen werden.

Obama, dessen Politik darauf abzielte, Assad zu stürzen, scheint gedacht zu haben, die Syrer könnten danach glücklich und zufrieden in einer von magischen Kräften zum Erblü­hen gebrachten Demokratie leben. Um darauf hoffen zu können, muss er die im Irak und in Libyen gemachten Erfahrungen völlig verdrängt haben. Außerdem scheinen den Kriegs­treibern die 10 Prozent der syrischen Bevölkerung, die Christen sind, völlig gleichgültig zu sein, weil sie nach dem Sturz Assads ganz sicher getötet oder vertrieben würden.

Die so genannte Freie Syrische Armee [s. https://www.huffingtonpost.com/daniel-wagner/ dark-side-free-syrian_b_2380399.html ] ist nämlich nur ein Sammelsurium von Rebellen­gruppen, die von radikalen Islamisten durchsetzt sind. Von fundamentalistischen Saudis und der Türkei finanziert, konnten sie die liberaleren Kräfte schon früh zurückdrängen. Es muss auch erwähnt werden, dass das vom ISIS gestohlene syrische Öl über die Türkei verkauft wurde.

Im bald 100 Jahre zurückliegenden Ersten Weltkrieg haben es die Briten mit List und Lü­gen geschafft, die US-Amerikaner als Verbündete auf ihre Seite zu ziehen. England kon­trollierte die unterseeischen Kabel im Atlantik und damit auch die meisten der „Nachrich­ten über den Krieg“, die in den USA ankamen. Nur wegen dieser US-Intervention kam es nicht zu einem Kompromiss-Frieden zwischen Deutschland und seinen Kriegsgegnern Frankreich und Großbritannien, sondern zum Versailler Vertrag (s. https://de.wikipedia.org/ wiki/Friedensvertrag_von_Versailles ), der Europa spaltete und dem Kommunismus und dem Faschismus den Weg bereitete.

Mit der Gefahr eines ungewollten Atomkrieges habe ich mich schon in einem im Januar 2017 veröffentlichten Artikel befasst, der unter http://www.theamericanconservative.com/ articles/2017-a-message-from-tacs-publisher/ aufzurufen ist. Darin habe ich vermutet, Osama bin Laden habe wohl erreichen wollen, dass sich Russland und die USA gegensei­tig zerstören. Das könnte immer noch passieren, wenn eine der vielen Falschmeldungen, die ganztägig über die elektronischen Medien verbreitet werden, von Leuten in Washing­ton, die dazu neigen, Lügen zu glauben oder sogar selbst in die Welt zu setzen, genutzt wird, um weitere Kriege anzuzetteln.

Jon Basil Utley ist der Herausgeber des Magazins The American Conservative (s. https:// en. wikipedia.org/wiki/The_American_Conservative).

(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in runden Klam­mern versehen. Die Links in eckigen Klammern hat der Autor selbst eingefügt. )

http://luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP07018_280518.pdf

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