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Ausland, Naher Osten

Das westliche Empörungsgeheul über die Belagerung von Ghouta klingt hohl – wir werden wahrscheinlich nichts tun, um die Zivilbevölkerung zu retten

von Robert Fisk – http://freiesicht.org

Wie können wir uns beschweren, wenn wir uns nicht mit der bewaffneten islamistischen Opposition gegen Assad befassen (ich spreche hier nicht über ISIS) oder versuchen, auch mit russischer Hilfe unseren eigenen Waffenstillstand zu arrangieren? Schließlich bewaffnen wir diese Leute seit Jahren.

Hier sind einige grausame Fakten über die Belagerung von Ghouta. Fakten, die unter den scheinheiligen, apokalyptischen Schreckensäußerungen aus dem Westen und unter echten Trümmern und Blut vergraben sind. Die erste und wichtigste Aussage zur Dimension der Belagerung, war eine Bemerkung des russischen Außenministers Sergej Lawrow, der am Montag (19.02.2018) erklärte, Moskau und die syrische Regierung könnten „unsere Erfahrungen mit der Befreiung Aleppos [in Ghouta]“ einsetzen. Dieser eine Satz – anders aus dem Russischen übersetzt als „Lehren aus Aleppo ziehen“ – wurde, wenn er überhaupt beachtet wurde, als Warnung gewertet, dass Ghouta zerstört werden würde.

Aber die Russen hatten vor der Rückeroberung Aleppos, gemeinsam mit den Syrern, über viele Monate versucht die Abreise der syrischen Zivilisten aus dem Osten Aleppos zu organisieren. Nach den großen Vorstößen der syrischen Truppen in die Vorstädte, kam es tatsächlich zu einem Exodus der Unschuldigen, in dessen Folge auch bewaffneten Regimegegnern erlaubt wurde abzureisen. Viele wurden von bewaffneten und uniformierten, russischen Militärpolizisten begleitet, die sie an die türkische Grenze brachten. Andere zogen es vor – zweifellos unüberlegt – , sich nach Idlib eskortieren zu lassen, der großen „Ablade-Deponie“ der Provinz für islamistische Kämpfer und ihre Familien, die nun zwangsläufig ebenfalls belagert wird.

Was Lawrow im Sinn hat, ist ein ähnliches Abkommen mit den bewaffneten Rebellen von Ghouta. Sowohl die Russen, als auch die Syrer stehen mit ihnen in direktem Kontakt und bezeichnen sie als „Terroristen“ – ein Wort, das vom Westen geliebt wird, wenn sie die gleichen islamistischen el-Nusrah (al-Qaida) Gruppen wie die Russen angreifen. Als im letzten Jahr die Belagerung des letzten Rebellenbezirks von Homs endete, standen uniformierte russische Truppen neben den bewaffneten und häufig auch vermummten Islamisten, die nach Idlib abreisen durften. Ich habe das mit meinen eigenen Augen gesehen.

Die „Rebellen“ / „Terroristen“ / „Islamisten“ / „bewaffnete Opposition“ – suchen Sie sich ein “Motto“ aus – sind natürlich die andere „Tatsache“ des Ghouta-Blutbads, die nicht besprochen oder erwähnt werden darf, auf die sich nicht bezogen wird, geschweige denn zur Kenntnis genommen wird. Die el-Nusrah-Kämpfer in Ghouta – ob sie nun Druck auf die Zivilisten der Vororte ausgeübt haben, als „menschliche Schutzschilde“ zu bleiben oder auch nicht – sind Teil der ursprünglichen Al-Qaida, die 2001 in den USA die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat, und war in den meisten Fällen bereit in Syrien mit dem IS zu kooperieren, dem Kult des Bösen, den die USA, die EU, die NATO und Russland (hier können die üblichen anderen Verteidiger der Zivilisation hinzugefügt werden) versprochen haben zu zerstören. El-Nusrahs Verbündete sind Jaish al-Islam, noch eine weitere islamistische Gruppe.

Dies ist ein sehr merkwürdiger Sachverhalt. Niemand sollte das Ausmaß des Gemetzels in Ghouta bezweifeln. Oder das Leiden der Zivilbevölkerung. Wir können nicht entrüstet aufheulen, wenn die Israelis Gaza angreifen (mit der gleichen „menschliche Schutzschild“-Begründung wie die Russen heute), und unterdessen Ausreden für das Blutbad in Ghouta finden, weil die belagerten „Terroristen“ IS-verdorbene Al-Qaida-Islamisten sind.

Aber diese bewaffneten Gruppen bleiben seltsam unerwähnt, wenn wir unsere Empörung über das Gemetzel in Ghouta zum Ausdruck bringen. Es gibt keine westlichen Reporter, die sie interviewen – weil wir (obwohl wir das normalerweise nicht sagen) von diesen Verteidigern Ghoutas geköpft werden würden, wenn wir es versuchen bzw. wagen würden, die belagerte Vorstadt zu betreten. Und das uns zur Verfügung gestellte Filmmaterial, zeigt – unglaublich – keinen einzigen bewaffneten Mann. Das bedeutet nicht, dass die Verwundeten, die toten Kinder oder die blutbefleckten Leichen – durch unsere rücksichtsvollen Fernsehredakteure mit „verschwommenen“ Gesichtern gezeigt – nicht real sind oder dass der Film gefälscht ist. Aber das Filmmaterial zeigt eindeutig nicht die ganze Wahrheit. Die Kameras bzw. Filmredakteure zeigen die el-Nusrah-Kämpfer in Ghouta nicht. Und sie werden es auch nicht tun.

Die Archivfilme von früheren Belagerungen – von Warschau 1944, von Beirut 1982, von Sarajevo 1992 – zeigen die tatsächlichen Kämpfer, die diese Städte mit ihren Waffen verteidigten. Aber Aufnahmen aus Ghouta – wie auch fast das gesamte Filmmaterial aus Ost-Aleppo – enthalten nicht ein Bild, dass die Existenz dieser bewaffneten Männer belegt. Ich habe auch keine einzige Erwähnung von ihnen in unseren Kommentaren über das Leiden der Zivilbevölkerung gefunden, abgesehen davon, dass wir Ghouta in den US- und europäischen Medien als „von Rebellen kontrolliert“ bezeichnet haben. Aber wer hat dann vor 24 Stunden im Zentrum des von der Regierung kontrollierten Damaskus die sechs Zivilisten getötet – 28 wurden verletzt? Das ist nur ein kleiner Prozentsatz im Vergleich mit den Toten von Ghouta. Aber wurden diese von Geistern getötet?

Dieses Versäumnis ist von Bedeutung – denn der Schlüssel dieser Todeszone für die Zivilbevölkerung mit ihren letzten 250 Toten ein Ende zu setzen, liegt in der Fähigkeit, eine Form des direkten Kontakts zwischen den bewaffneten Belagerern und den bewaffneten Angreifern herzustellen. Lawrows Kommentare in den vergangenen zwei Tagen deuten darauf hin, dass die Russen einer Rückkehr zu dem seltsam benannten „Dekonflikt“ -Status von Ghouta zugestimmt hatten, einem effektiven Waffenstillstand, bei dem Hilfe nach Ghouta geschickt und die Verwundeten herausgebracht werden konnten. Aber al-Nusrah hat den Deal gebrochen – dies natürlich laut Lawrow. Vielleicht.

Aber wie können wir uns beschweren, wenn wir uns nicht mit der bewaffneten islamistischen Opposition gegen Assad beschäftigen (ich spreche hier nicht über den IS) oder versuchen unseren eigenen Waffenstillstand zu arrangieren, auch mit russischer Hilfe? Schließlich haben wir diese Leute seit Jahren bewaffnet! Aber nein, wir unternehmen nichts. So verharren wir händeringend in einer immer größeren Heuchelei.

In den letzten 48 Stunden, zum Beispiel – und hier müssen wir aufmerksam sein – haben wir von den USA, der UNO, von NGOs und von Ärzten, die in Kontakt mit den Krankenhäusern von Ghouta sind, gehört, dass der Ort Schauplatz „eklatanter Kriegsverbrechen von epischen Ausmaßen“, „Tag des jüngsten Gerichts“, „das Massaker des 21. Jahrhunderts“, von „hysterischer Gewalt“ – was auch immer das bedeutet –  sei. Und von der armen alten UNO selbst hörten wir, dass die Gewalt in Ghouta derart „jenseits der Vorstellungskraft“ sei, dass sie „keine Worte dafür finden“.

Erinnern wir uns nochmal daran, dass die Menschen von Ghouta einen grotesken und grausamen und schändlichen Preis menschlichen Leids zahlen, weil sie sich im syrischen Krieg befinden, in der Hand von – ja – den Russen und Syrern. Aber was denken die absurden Heiligen der UN-Bürokratie – die niemals, „keine Worte mehr finden“ – und diejenigen, die die Belagerung von Ghouta als „Tag des jüngsten Gerichts“ beschreiben, worüber sie sprechen? Lasst uns inmitten von Gräueltaten hier ein Gefühl für die Proportionen behalten. Auschwitz und der jüdische Holocaust, der ruandische Genozid, der armenische Holocaust und die unzähligen Massenmorde des 20. Jahrhunderts (wir können uns diskret an Russlands Verluste durch Hitlers Horden erinnern) waren dem „Tag des jüngsten Gerichts“ viel näher als Ghouta. Der Vergleich dieser furchtbaren

Belagerung mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit des letzten Jahrhunderts bedeutet die Missachtung von Millionen von unschuldigen Opfern von noch schrecklicheren Verbrechen.

Die Wahrheit ist, dass diese Ausdrücke des Schreckens von „unserer“ Seite Substitute sind. Warum fehlten der UNO nicht ersten Kriegsjahr nicht „die Worte“? Vielen der syrischen Opfer fehlten bereits 2012 die Worte – nicht zuletzt, weil viele von ihnen tot waren. Die von uns verwendeten Statistiken legen nahe, dass dort angeblich 400.000 Zivilisten in der Falle sitzen. Wie viele sind es wirklich, könnten wir vielleicht fragen? Uns wurde gesagt, dass im Jahr 2016 250.000 Menschen in Aleppo gefangen waren, und es stellte sich heraus, dass es eher 92.000 waren. Aber 92.000 war genug Kriegsverbrechen. Was, wenn nur 200.000 in Ghouta gefangen sind? Aber das ist genug für eine eigene Horror-Geschichte.

Die Realität ist, dass die Belagerung von Ghouta bis zur Übergabe und Evakuierung andauern wird. Kein Wort, das wir von uns geben, wird dieses düstere Szenario verhindern, und wir wissen das – oder zumindest diejenigen, die unsere moralische Überlegenheit anführen, wissen es. Und wenn Ghouta „fällt“ – oder „befreit“ wird, wie es seine Belagerer uns zweifellos erzählen werden – dann wird die Zerstörung der Stadt Idlib beginnen. Und wieder mal wird es der Tag des jüngsten Gerichts sein, „hysterische Gewalt“ und „das Massaker des 21. Jahrhunderts“ (vermutlich die beiden Belagerungen von Aleppo und Ghouta übertrumpfen). Keine westliche Verurteilung wird dies aufhalten. Wir sind bankrott, brüllen unsere Empörung heraus, ohne die geringste Hoffnung – oder Absicht – die Unschuldigen zu verschonen. Das ist die traurige Geschichte von Ghouta, die, wie ich fürchte, die Historiker dokumentieren werden. Schlimmer noch ist, dass sie recht haben werden.

 

Quelle: http://www.independent.co.uk/voices/ghouta-siege-syria-death-toll-civilians-armed-attack-rebel-aleppo-latest-a8221086.html

Übersetzt für Freiesicht.Org

http://freiesicht.org/2018/das-westliche-empoerungsgeheul-ueber-die-belagerung-von-ghouta-klingt-hohl-wir-werden-wahrscheinlich-nichts-tun-um-die-zivilbevoelkerung-zu-retten-robert-fisk/

 

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